Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1856 - David Livingstone
Abreise von Quelimane (Mozambique) über Mauritius nach England
   
Das Dorf Kilimane steht auf einer großen Schlammbank und ist von ausgedehnten Sümpfen und Reisfeldern umgeben. Die Flußufer sind mit Mangelbaum-Büschen [Mangroven] bedeckt, deren Wurzeln nebst den schlammigen Ufern, auf denen sie stehen, abwechselnd der Ebbe und Flut und der Sonne ausgesetzt sind. Die Häuser sind gut aus Backsteinen und Lehm erbaut; den letzteren bezieht man aus Mozambique. Wenn man 2-3 Fuß tief im Dorf gräbt, so findet man Wasser; daher senken sich die Mauern nach und nach auf dem schlammigen Ufer. Es ist sonach fast unnötig zu bemerken, daß Kilimane sehr ungesund ist. Vollblütige Leute müssen sich immer auf das Fieber gefaßt machen, und von starken Personen hört man oft sagen: »Ach, die leben nicht lange, die müssen bald sterben.«
   Ein Hamburger Fahrzeug war nahe an der Barre gescheitert, kurz bevor wir herkamen. Die Leute lebten viel regelmäßiger als die englischen Matrosen; das Fieber war also ein langsames Gift. Sie fühlten sich nur übel gelaunt, aber bald wurden sie blaß, blutarm, mager, dann schwächer und schwächer, bis sie endlich unter der Krankheit dahinsanken, fast wie Ochsen, die von der Tsetse getötet werden. Der Kapitän, ein kräftiger junger Mann, blieb drei Monate vollkommen gesund, dann aber brach er plötzlich zusammen und war infolge der schrecklichen Krankheit hilflos wie ein Kind. Er war törichterweise gegen das Chinin eingenommen, unseren Hauptanker in der Krankheit. Chinin ist bei Fieber unschätzbar und hat in keinem Stadium der Krankheit nachteilige Wirkungen, wenn man es in Verbindung mit einem Abführmittel anwendet. Der Kapitän wurde dadurch wider Willen gerettet, und ich dankte Gott, daß dieses bei den Eingeborenen mit so großem Erfolg angewandte Mittel bei den Europäern so gut anschlug.
   Nachdem wir sechs Wochen an diesem ungesunden Ort gewartet hatten, an dem ich mich jedoch durch die gütige Aufmerksamkeit des Oberst Nunes und seines Neffen teilweise von meinem Tertianfieber erholte, kam Ihrer Majestät Brigg Frolic an. Da Kilimane zwölf Meilen von der Barre liegt und das Wetter rauh war, lag sie bereits zehn Tage vor Anker, ehe wir etwas davon wußten, etwa 7 Meilen vom Eingang in den Hafen entfernt. Sie brachte alles mit, was mir fehlte, und 150 Pfund, um die Heimreise bestreiten zu können, von meinem gütigen Freunde Thompson, dem Agenten der Gesellschaft am Kap. Der Admiral am Kap bot mir die Fahrt nach Mauritius an, die ich dankbar annahm. Nur Sekwebu und ein Diener blieben bei mir. Er war sehr verständig und hatte mir die besten Dienste geleistet; wahrlich, ohne seinen gesunden Verstand, seinen Takt und seine Kenntnis der Sprache derjenigen Stämme, durch welche wir reisten, würden wir kaum die Küste erreicht haben. Ich war ihm dankbar dafür, und da sein Häuptling wünschte, daß alle meine Gefährten mit mir nach England gehen sollten und es wohl übel aufgenommen hätte, wenn keiner mitging, so dachte ich, es würde eine Wohltat für ihn sein, wenn er die zivilisierte Welt kennenlernen und darüber seinen Landsleuten berichten könnte; auch wollte ich ihm seine wichtigen Dienste vergelten. Andere hatten auch gebeten mitzugehen, aber ich sprach von der Gefahr, die der Wechsel des Klimas und der Nahrung mit sich bringt, und konnte sie nur mit Mühe zurückhalten. Der einzige, welcher jetzt blieb, bat mich so sehr, an Bord zu gehen, daß ich es sehr bedauerte, daß die Kosten mich hinderten, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Ich sagte zu ihm: »Du wirst sterben, wenn du in ein so kaltes Land kommst.« »Das tut nichts« antwortete er, »laß mich nur zu deinen Füßen sterben!«
   Als wir von unseren Freunden in Kilimane schieden, war die See im Hafen selbst für erfahrene Seeleute fürchterlich. Hier sah Sekwebu zum erstenmal das Meer. Kapitän Peyton hatte zwei Hilfsboote mitgesandt. Die Wogen gingen außerordentlich hoch. Jetzt standen wir auf der Spitze einer Woge, und im nächsten Augenblick stürzten wir tief an der anderen Seite hinunter. Drei Wellen gingen über uns hinweg, und wir glaubten, das Boot ginge unter; doch fuhr es nur unter einer Woge hin und kam an der anderen Seite wieder heraus. Der arme Sekwebu sah mich an und sagte: »Ist das dein Weg?« Ich lächelte und sagte: »Ja, wie du siehst.« Er war mit Kähnen ganz vertraut, aber so etwas hatte er noch nicht gesehen. Als wir in das Schiff kamen, war es uns unmöglich, an dem Seil hinaufzuklettern, man ließ deshalb einen Stuhl herab, und wir wurden wie Damen hinaufgeholt. Hier wurden wir von Kapitän Peyton und allen, die an Bord waren, herzlich empfangen, und ich fühlte mich sogleich heimisch, die Sprache ausgenommen. Ich kannte die Sprache wohl noch ganz gut, aber es fehlten mir die Worte. Als ich England verließ, hatte ich nicht die Absicht, dahin zurückzukehren, und beschäftigte mich nur mit den afrikanischen Sprachen, wobei ich das Englische ganz verlernte. Mit Ausnahme meines kurzen Aufenthalts in Angola hatte ich dreieinhalb Jahre kein englisches Wort gesprochen, und da ich vorher schon dreizehn Jahre lang nur selten meine Muttersprache angewandt hatte, so befand ich mich an Bord der Frolic in ziemlicher Verlegenheit.
   Wir verließen Kilimane am 12. Juli und erreichten Mauritius am 12. August 1856. Sekwebu lernte einiges Englisch und war der Liebling der Mannschaft und der Offiziere. Er schien etwas bestürzt, da ihm an Bord alles neu und seltsam war; aber er bemerkte mehrmals: »Dein Land ist recht angenehm« und »Was ist das für ein sonderbares Land, nichts als Wasser.« Er sagte auch, jetzt verstünde er, warum ich den Sextanten gebrauchte. Als wir Mauritius erreichten, kam der Dampfer heraus, um uns in den Hafen zu holen. Die beständigen neuen und gewaltigen Eindrücke erreichten jetzt bei Sekwebu ihren höchsten Grad, er wurde in der Nacht wahnsinnig. Anfangs dachte ich, er wäre vergiftet. Er war in ein Boot hinabgestiegen, und als ich ihm nachgehen und ihn ins Schiff heraufholen wollte, lief er nach dem Spiegel des Schiffes und schrie: »Nein, nein, es ist genug, wenn ich allein sterbe. Du sollst nicht mit zugrunde gehen; wenn du herankommst, stürze ich mich ins Wasser.« Da ich nun seinen Zustand erkannte, so rief ich: »Sekwebu, jetzt gehen wir zu Ma Robert.« Da wurde er aufmerksam und sagte: »Ach ja, wo ist sie? Und wo ist Robert?« und er schien nachzudenken. Die Offiziere schlugen vor, ihm Ketten anzulegen, aber da er in seinem Land ein vornehmer Mann war, so wollte ich dies nicht tun, da ich wußte, daß der Wahnsinnige oft eine Erinnerung an schlechte Behandlung behält, und ich mochte nicht, daß man in Sekeletus Land sage, ich hätte einen seiner Vornehmen wie einen Sklaven in Ketten gelegt. Ich versuchte es, ihn ans Land zu schaffen; aber er wollte nicht. Am Abend bekam er einen neuen Anfall. Er wollte einen der Mannschaft mit dem Speer töten und sprang dann über Bord. Wir sahen den Leichnam des armen Sekwebu nie wieder.
   In Mauritius wurde ich von dem Generaimajor C. M. Hay auf das gastfreundlichste aufgenommen; und er bat mich, bei ihm zu bleiben, bis ich mich unter dem Einfluß eines guten Klimas und ruhigen englischen Komforts von den Folgen des afrikanischen Fiebers erholt hätte. Im November fuhr ich auf dem Roten Meer; ich entging dem Schiffbruch durch die bewundernswürdige Leitung des Kapitän Powell, von der Candia, einem Schiff der Peninsular and Oriental Steam Company, und am 12. Dezember war ich wieder einmal in dem teuren Alt-England. Die Company zahlte mir das Überfahrtsgeld zurück.
   Ich habe nicht die Hälfte von all dem Guten erwähnt, das mir zuteil wurde; aber ich füge noch hinzu, daß niemand mehr Grund hat zur größten Dankbarkeit gegen seine Mitmenschen und gegen Gott als ich. Möge Gott gewähren, daß ich nur um so aufopfernder mich seinem Dienste weihe!
   
David Livingstone
Missionsreisen und Forschungen in Süd-Afrika
2. Band, Leipzig 1858

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