Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1520 - 1543 - João de Barros
Nachrichten von Abessinien

Die Abessinier sind jakobitische Christen. Ihr König nennt sich Sohn Davids und Salomos, Kaiser von Äthiopien, König von Schoa, Gaffat, Fatigar, Angot, Busch, Hadeh, Wangeh, Godscham, Damara, Badschamder, Dambeh, Wageh, Tigeh Mohom, Sabay und Barnagasch, und Herr von Nubien. Die meisten dieser Länder besitzt er wirklich; von anderen führt er aber nur den Titel, wie unsere Könige gleichfalls tun. Seine Schutzgenossen lehnen sich gar oft gegen ihn auf, und er muss deswegen bald gegen sie, bald gegen seine maurischen Nachbarn beständig das Schwert ziehen. So groß und volkreich sein Gebiet auch ist, so gibt es doch in demselben keine einzige bedeutende Stadt. Wie die Portugiesen den Abessiniern ihre Verwunderung darüber bezeigten, dass sie sich nicht durch feste Plätze gegen die Streifereien ihrer Nachbarn sicherten, antworteten sie, ihr König setze sein Vertrauen nicht auf Wälle und Mauern, sondern auf den Arm seiner Untertanen, und hinter Festungswerken verlernte man nur den Gebrauch der Waffen. Es scheint wirklich, dass der Gebrauch, keine Städte zu bauen, bei ihnen schon sehr alt ist. Selbst Ptolemäus und andere ältere Erdbeschreiber nennen nur drei oder vier Städte in diesem Teil ihrer so genannten Insel Meroë; und auch von diesen findet man keine Spuren mehr, außer von der Stadt Axum, von welcher die Abessinier sagen, dass sie der Sitz der Königin Saba gewesen sei. Jetzt sieht man daselbst nur noch Trümmer von Gebäuden und pyramidische Steinhaufen, welche die Zeit wegen ihrer großen Masse nicht hat zerstören können. Die Abessinier nennen diesen Ort noch jetzt Akaschum. In jedem Reich oder Provinz ist jedoch ein steinernes Haus, welches Beth Negusch (Haus des Königs) genannt wird. Wenn der Statthalter gegenwärtig ist, wohnt er in diesem Hause und hält daselbst Gericht. Ist er aber abwesend, so steht es offen, und niemand wagt, hinein zu gehen, weil man ihn sonst als Aufrührer betrachten und bestrafen würde.
    Abessinien liegt, soviel wir davon wissen, zwischen drei großen Flüssen, welche die Abessinier Takui, Abawi und Tagassi nennen. Den Abawi (den Nilstrom) halten sie für den größten Fluss und nennen ihn deswegen Abawi (Vater der Gewässer). Er kommt aus einem See, welchen die Einwohner Bahr Senah nennen. Diesen See können wir als den Mittelpunkt von Abessinien betrachten, um welchen alle Provinzen des Reiches liegen. Im Osten grenzt es an das Rote Meer, woselbst es fast in der Gegend der Meerenge anfängt, und sich von 12° 30’ bis nach Swakem unter 19° 15’ nördlicher Breite erstreckt. Zwischen dem Meer und dem Gebiet von Abessinien befindet sich jedoch eine Bergkette, deren Uferseite von Mauren bewohnt wird, welche alle Seehäfen außer dem Hafen Arkiko besitzen. Im Westen wird Abessinien von großen Goldgebirgen begrenzt, deren Bewohner heidnische Neger und dem König zinsbar sind. Diese Gebirge nehmen fast eine gleiche Richtung mit dem Lauf des Nilstroms, welcher in dieser Gegend Toawi genannt wird. Die Ufer desselben werden, wie die Abessinier sagen, von zwei Völkern bewohnt. Das westlichste ist ein jüdisches Volk, dessen König sie Negusch Tederos nennen, und große Dinge von seiner Macht erzählen. Das zweite Volk wohnt näher bei dem Zusammenfluss des Nils mit den beiden anderen Flüssen und wird von den Abessiniern das Reich der Weiber genannt. Im Osten grenzt es an das Reich der Königin der Nubier, welche sie Gaua nennen, deren Gebiet zwischen den Flüssen Abawi und Tagassi liegt, fast in dem Winkel, wo sich diese vereinigen, um sich in den Nil zu ergießen. Zwischen diesen liegen auch die Gebirge von Magasa, welche reiche Goldminen enthalten. Zieht man eine Linie von Swakem bis an das Ende der Insel Meroë, woselbst der Nil schon alle anderen Flüsse aufgenommen hat, so gibt diese Linie die Nordseite, welche auf einer Strecke von 125 Meilen von maurischen Staaten begrenzt wird. Wendet man sich von diesem Punkt in einer etwas gekrümmten Linie hinunter, so endigt sich dieselbe mit dem Reich Adea (Hadeh), welches die südlichste Provinz Abessiniens ist, und sie hat eine Länge von ungefähr 250 Meilen. An dieser Grenze wohnen kriegerische Negervölker, unter welchen die Gallas die vornehmsten sind. Wenn man von Hadeh unter dem 6. Grad nördlicher Breite eine Linie nach Osten zieht, so endigt sich das abessinische Gebiet bei dem maurischen Reich Adel, dessen Hauptstadt Arar unter dem 9. Grad liegt, und diese letzte Linie wird ungefähr 180 Meilen betragen. Rechnet man alle vier Seiten zusammen, so wird der ganze Umfang des Reiches sich auf ungefähr 672 Meilen belaufen.
    Die Abessinier behaupten, dass ihre Könige von Salomo, dem König der Juden, abstammen. Sie sagen, eine Königin ihres Landes namens Saba sei mit einem glänzenden Gefolge über das Rote Meer gezogen und nach Jerusalem gekommen, um der Weisheit jenes Königs teilhaftig zu werden; sie habe von ihm das mosaische Gesetz und einen Sohn empfangen, den sie auf ihrer Heimreise zur Welt gebracht habe. Wie dieser herangewachsen sei, habe sie ihn zu seinem Vater gesandt, um ihn zum König und zu ihrem Thronfolger salben zu lassen; Salomo habe ihm einen Mann jeder der zwölf Stämme Israel zu Begleitern und den Sohn Saddoks, Asarjah, als Hohepriester mitgegeben. Auch die Königin Kandaze, deren in der Apostelgeschichte gedacht wird, habe in Abessinien geherrscht, und auf diese Weise haben sie durch eine ihrer Königinnen das mosaische Gesetz und durch die andere das Gesetz des neuen Bundes erhalten.
    In ihrer Religion haben die Abessinier vieles von dem mosaischen Gesetz beibehalten. Sie feiern den Sabbat sowohl wie den Sonntag und halten die Beschneidung sowohl wie die Taufe. Letztere empfangen die Knäbchen am 40. und die Mädchen am 60. Tag nach ihrer Geburt in der Kirche. Die Beschneidung, die beide Geschlechter empfangen, geschieht am achten Tag nach der Geburt im Hause der Eltern durch den Priester. Sie tragen auch ein Brandmal auf der Nase, welches einer ihrer ersten christlichen Könige eingeführt haben soll, um seine christlichen Untertanen daran zu erkennen, und es wird noch jetzt so streng darauf gehalten, dass derjenige, welchem es fehlt, seine Freiheit verliert. Die Abessinier enthalten sich auch vom Schweinefleisch und anderen Speisen, die sie für unrein halten. Das Oberhaupt ihrer Geistlichkeit, Abuna genannt, hat über nichts weiter zu befehlen als was die Sakramente und die Weihe der Priester betrifft. In allem Übrigen stehen die Geistlichen unter der Gewalt des Königs, der sie einsetzt, und sie auch absetzen und wie weltliche Personen bestrafen kann. Die Priester bekommen keine Zehnten, sondern es sind ihnen gewisse Ländereien angewiesen, welche ihren Kirchen gehören. Die abessinischen Fürsten haben sich als sehr freigiebig erwiesen und nicht nur viele Stifts- und Pfarrkirchen gegründet, sondern auch eine einige Klöster von der Regel des heiligen Antonius (der einzigen, die man in Abessinien kennt), gestiftet. Von den Einkünften der Ländereien, welche den Kirchen und Klöstern angewiesen sind, leben die Priester und Mönche so behaglich und werden in so hohen Ehren gehalten, dass ein jeder sich bestrebt, in den geistlichen Stand zu treten; und durch die große Menge der Mönche und Geistlichen haben sich die geringen Spuren von Christentum, die man in Abessinien antrifft, bisher erhalten.
    In allen übrigen Dingen sind die Abessinier äußerst unwissend. Es fehlt ihnen nicht nur an wissenschaftlichen Kenntnissen, sondern auch an den gemeinsten Handgriffen in allen Künsten und Handwerken. Sie haben weder Zimmerleute noch Mauerer, Steinmetze, Maler und dergleichen. Alles, was sie von dieser und von anderer Art Arbeit besitzen, ist das Werk der Ausländer. Wenn demnach ein geschickter Fremdling in ihr Land kommt, so lassen sie ihn nicht wieder fort, obgleich sie sich seiner Kunst lediglich beim Bau und bei der Verzierung ihrer Kirchen und selten bei anderen Gelegenheiten bedienen. Ihre Tempel hingegen sind so reichlich mit solchen Arbeiten geschmückt, wie man es bei einem so rohen Volk kaum erwarten kann.
    Das Land ist sehr fruchtbar. Es gibt große Herden, deren Wolle man nützen, und auch Flachs und Baumwolle genug bauen könnte, allein aus Dummheit und Faulheit kleiden sich die meisten Abessinier in rohe Tierfelle, und es ist ein hoher Grad von Putz, wenn jemand sich in bereitete Felle kleidet. Nur die höheren Geistlichen und die Mönche tragen baumwollene Zeuge aus Indien. Mit einem Wort, die Abessinier sind so ungeschickt und unbehilflich, dass sie nicht einmal verstehen, Fische und Vögel zu fangen oder den wilden Tieren nachzustellen. Das Einzige, was sie aus dem Grunde verstehen, ist das Stehlen, denn da ihr König oder Negusch mit seinem Lager wie mit einer wandernden Horde beständig umherzieht, so gewöhnen sie sich dadurch immer mehr an zwei Dinge, zu welchen sie von Natur geneigt sind, nämlich das Rauben und das Fechten. Diejenigen, die aus ihrem Vaterland auswandern, betragen sich demnach im Felde mutig und tapfer, und einige derselben haben sich den Portugiesen als gute Feldherren gezeigt.
    Als D. Rodrigo de Lima als Botschafter von Diogo Lopez de Sequeira nach Abessinien geführt wurde, war der Negusch noch sehr mächtig, denn er besaß noch all die Länder, die wir oben genannt haben, allein in einer Zeit von 13 Jahren trieben ihn in die Türken dergestalt in die Enge, dass er zuletzt ins Gebirge entfliehen musste, bis er endlich mit Hilfe der Portugiesen einen Teil seiner Länder wieder eroberte. Bei der zahlreichen Menge des Heeres, mit welchem er zu Felde zog, war es zu bewundern, mit welcher Ordnung sein Lager jedes Mal aufgeschlagen wurde. Gleich einer weitläufigen Stadt von Zelten war es regelmäßig in Quartiere, Straßen und Gassen eingeteilt, in welchem einem jeden sein Platz so bestimmt angewiesen war, dass er bei jeder Veränderung des Aufenthaltes genau wusste, wo er sein Zelt aufschlagen musste. Ohne diese strenge Ordnung hätte einer den anderen oft so lange suchen müssen, bis das Heer wieder aufgebrochen wäre.
    Als der Negusch noch in seiner vollen Macht und Herrlichkeit war, erzeigte man ihm fast göttliche Ehre. Seitdem ihn aber die Türken mit dem Wechsel des Glücks bekannt gemacht haben, lässt er sich sehen und sprechen wie ein anderer Mensch und besteht nicht mehr auf dem vormaligen Gepränge.

Soltau, Dietrich Wilhelm
Geschichte der Entdeckungen und Eroberungen der Portugiesen im Orient vom Jahre 1415 bis 1539; nach Anleitung der Asia des João de Barros
Band 1, 10. Buch; Braunschweig 1821

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