Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1788  William Bligh
Mit der Bounty in Kapstadt

Donnerstags, den 22sten Mai, um zwei Uhr nachmittags, erblickten wir den Tafelberg am Vorgebirge der guten Hoffnung. Ich richtete meinen Lauf nach der Bay Falso, weil man den Aufenthalt in der Tafelbay in dieser Jahreszeit für unsicher hält. Den folgenden Abend warfen wir in der äußeren Bay den Anker, und vormittags am 24sten brachten wir das Schiff in der inneren Vertiefung, welche Simons-Bay heißt, in Sicherheit. Hier fanden wir ein von Europa kommendes Schiff der Holländischen Ostindischen Kompagnie, fünf andere holländische Schiffe und ein französisches Schiff. Nachdem ich das Fort begrüßt und eine gleiche Anzahl Kanonenschüsse zum Gegengruß empfangen hatte, ging ich ans Land, und man schickte einen Expressen nach der Kapstadt, um dem Gouverneur unsere Ankunft zu melden. In der Tafelbay lag noch ein holländisches, nach Europa bestimmtes Schiff, mit welchem ich Briefe an die Admiralität abfertigte. Es ist sonst nicht gewöhnlich, daß sich Schiffe so spät in der Tafelbay aufhalten, weil sie alsdann dem starken Nordwestwinde ausgesetzt sind. Der April ist die bestimmte Frist.
    Ich traf sogleich die nötigen Veranstaltungen, um unseren Bedürfnissen abzuhelfen. Das Schiff mußte überall kalfatert werden; denn es war so leck, daß wir auf der Überfahrt von Kap Horn bis hierher stündlich hatten pumpen müssen. Hiermit also, und mit Ausbesserung unserer Segel und des Tauwerks, ward unverzüglich der Anfang gemacht. Unsere nächste Sorge bestand darin, daß wir, nach der überstandenen schlimmen Witterung und bei dem schlechten Zustande des Schiffes, alle Vorräte und insbesondere die Lebensmittel untersuchten. Diese letzteren waren großteils beschädigt, zumal der Schiffszwieback. Ich ließ einstweilen der sämtlichen Mannschaft während unseres hiesigen Aufenthalts täglich frisches Fleisch, weiches Brot und Gemüse im Überfluß reichen. Einige Tage nach unserer Ankunft begab ich mich sodann nach der Kapstadt und machte Sr. Exzellenz Herrn van der Graaf, dem Gouverneur, meine Aufwartung. Er begünstigte uns in allen Stücken so sehr, daß wir kaum die Unbequemlichkeit unserer Entfernung von der Kapstadt verspürten, ob wir gleich alle unsere Vorräte von dorther erhielten. Ich sorgte endlich auch dafür, daß die Längenuhr nebst einigen andern astronomischen Instrumenten ans Land gebracht wurde, damit wir die nötigen Beobachtungen anstellen und den Gang der Uhr berichtigen konnten.
    Seit den letzten acht Jahren hat die Kapstadt beträchtlich an Umfang zugenommen. Ihre Befestigung hält Schritt mit dieser Vergrößerung, so daß sie gegen jeden Angriff, der nicht mit einer ansehnlichen Kriegsmacht auf sie unternommen wird, sehr gesichert ist. Auf militärische Ordnung und Mannszucht wird scharf gehalten, und die Signale, wodurch man vom Lande und von den holländischen Schiffen einander verständigt, wechseln monatlich ab. Man sucht dadurch zu verhüten, daß die an der hiesigen Küste ankommenden Schiffe nicht unverhofft in Feindes Hände geraten mögen. Ich fand aber alles seit 1780 auch sehr im Preise gestiegen. Die Schafe kosteten vier Spanische Taler das Stück und waren so klein, daß wir uns besser dabei standen, das Hammelfleisch schon geschlachtet, das Pfund zu vier Pence,  für unsere tägliche Verproviantierung zu kaufen.
    Während unseres hiesigen Aufenthalts suchte ich allerlei Gesäme von Pflanzen zu bekommen, die in O-Taheiti [Tahiti], oder wo wir sonst unterwegs anlegen würden, von einigem Wert sein könnten. Der Oberst Gordon, Befehlshaber der am Kap befindlichen Truppen, erwies mir hierin manche Hilfeleistung. Als jemand den Schiffbruch des englischen ostindischen Schiffes Grosvenor erwähnte, bezeugte der Oberste zugleich sein Leidwesen, daß man einige Worte von ihm habe so auslegen können, als wäre den noch lebenden Freunden jener unglücklichen Schiffsgesellschaft einige Hoffnung übrig.
    Er erzählte: Auf seiner Reise im Lande der Kaffern hätte er einen Eingeborenen angetroffen, der ihm beschrieben, daß unter seinen Landsleuten sich eine weiße Frau mit einem Kinde aufhalte; oft umarme sie das Kind und weine bitterlich. Dies war alles, was der Oberst verstehen konnte. Er befand sich damals auf der Rückreise und hatte von den Mühseligkeiten seines Zuges sehr an seiner Gesundheit gelitten. Alles was er jetzt tun konnte, bestand darin, daß er den Eingeborenen durch Geschenke zu gewinnen suchte und ihm eine Belohnung versprach, sofern er der Frau einen Brief und ihm ihre Antwort überbringen wolle. Er schrieb also auch Briefe in englischer, französischer und holländischer Sprache, worin er bat, daß man ihm auf irgendeine Art ein Zeichen zurücksenden möchte, so, daß die Person mittels eines angebrannten (oder verkohlten) Stäbchens oder auf andre Art schriebe und ihre Gegenwart zu erkennen gäbe; in diesem Falle versprach er, daß man alles aufbieten würde, um ihr die Flucht zu erleichtern. Der Kaff er schien über seinen Auftrag sehr erfreut; allein er hat sich nicht wieder sehen und nichts von sich hören lassen, obwohl ihm die Mittel, Nachrichten durch das Hottentottenland zu befördern, nicht unbekannt waren.
    Ich will nun gleich, damit ich nicht nötig habe, auf diese traurige Geschichte noch einmal zurückzukommen, eine unvollständige Nachricht hersetzen, die ich auf meiner Rückreise nach Europa am Kap erfuhr. Ein Landmann von gutem Ruf namens Holhausen, der acht Tagereisen vom Kap, zu Swellendam, wohnt, erhielt von einigen Kaffern die Nachricht, daß sich in einem Kral oder Dorf in ihrem Lande weiße Männer und Frauen befinden. Hierauf suchte Holhausen bei dem Gouverneur um die Erlaubnis an, mit einigen andern Bauern einen Zug dorthin zu unternehmen, indem er zugleich für seine Unkosten sechstausend Reichstaler verlangte. Der Gouverneur verwies ihn an Herrn Wocke, den Landdrosten von Grave-Rennet, einer neuen, auf seinem Wege liegenden Kolonie. Allein von Holhausens Wohnort bis zu dem Aufenthalte des Landdrosten, Herrn Wocke, hat man einen Monat zu reisen, und der Bauer wollte nicht aufs Ungewisse hinziehen, da Herr Wocke die Unternehmung vielleicht mißbilligt haben könnte. Es war im vorigen Oktober, als Holhausen sich zu diesem Geschäft anbot. Er hatte sich mit bei dem Haufen befunden, der schon damals längs der Seeküste hinzog, um die Unglücklichen aufzusuchen, als einige wenige von ihnen zuerst am Kap anlangten. Man sagt aber auch, daß die holländischen Bauern sehr gern dergleichen Züge in das Innere des Landes unternehmen, damit sie Gelegenheit haben, Herden wegzutreiben; und vermutlich ist diese Neigung zum Plündern eine Hauptursache, weswegen man solche Unternehmungen nicht begünstigt.
    Den 29sten Junius waren wir segelfertig, und ich nahm die Längenuhr nebst den anderen Instrumenten wieder an Bord.
    Während meines Aufenthalts von achtunddreißig Tagen an diesem Orte hatten meine Leute jeden Vorteil genossen, den die hiesigen Erfrischungen aller Art ihnen gewähren konnten. Wir gingen den ersten Julius um 4 Uhr nachmittags unter Segel, begrüßten im Auslaufen die Plattform mit dreizehn Schüssen und erhielten einen gleichen Gegengruß zurück.

William Bligh's, Kapitains von der Großbritannischen Flotte, Reise in das Südmeer, welche mit dem Schiff Bounty unternommen worden ist, um Brotbäume nach den Westindischen Inseln zu verpflanzen
Berlin 1793

Abgedruckt in:
Ulrike Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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