Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1870 - Georg Schweinfurth
Bei den Mangbattu

Im Mangbattu-Lande begrüsst uns ein irdisches Paradies. Endlose Bananenpflanzungen bedecken die Gehänge der sanft gewellten Talniederungen, die Ölpalme, unvergleichbar an Schönheit und all die übrigen Fürsten des Pflanzenreichs, die der Weltteil beherbergt, an Pracht überstrahlend, bildet ausgedehnte Haine längs den Bächen und Flüssen, baut schattige Dome über den idyllischen Behausungen der Eingeborenen. Das Land, das eine durchschnittliche Meereshöhe von 2.300 bis 2.500 Par. Fuss [rund 750-800m] hat, besteht aus einem beständigen Wechsel von tief eingesenkten Bächen und Flüssen und sanft ansteigenden Höhen, die mehrere hundert Fuss über die Talsohle der Gewässer ansteigen. Im ganzen genommen erscheint hier der Boden weit stärker differenziert, als es in dem durchreisten Teile des östlichen Niamniam-Gebiets wahrgenommen wird. Wie dort ist der Quellreichtum des Bodens an eingesenkten Stellen, ist die Menge der am dichten Wassernetze sich beteiligenden »Desaguaderos« eine derartige, dass man das ganze Land mit einem Schwamme vergleichen könnte, der zur Entstehung ansehnlicher Flüsse auf beschränktem Räume die Hand bietet. Der einer der rezentesten Formationen angehörige, stets in Fortbildung begriffene Rasen- oder Krusteneisenstein (Laterit) dehnt sich auch im Mangbattu-Lande und noch weithin in südlicher Richtung aus, denn die rote Erde scheint den grössten Teil des zentralafrikanischen Tafellandes einzunehmen. In der Tiefe der Niederungen bilden Bäume von erstaunlicher Höhe imposante Bestände, in deren Schutz sich im wirrsten Gemenge die kleinen Gestalten stufenweise abgliedern. Mehr als es bei den Niamniam zu beobachten war, sind hier im weit dichter bevölkerten Lande diese Galeriewaldungen zur Anlage von Bananenpflanzungen, Mais- und Zuckerrohr-Kulturen in Anspruch genommen und gelichtet worden. In seinem Äusseren scheint das Land auffallend der Beschreibung zu entsprechen, die Captain Speke von Uganda entworfen hat; allein, die Sitten der Eingeborenen, die Verschiedenheit ihrer Rasse und die grosse Abgeschlossenheit von allem Verkehr mit handeltreibenden Völkern drücken ihm einen durchaus neuen Stempel auf.
Wie bei den Niamniam, fällt es auch hier schwer, die Bezeichnung von Ackerbauern einem Volke zu erteilen, das sein Dasein an den fast mühelosen Erwerb von Baumfrüchten und Erdknollen knüpft, die Pflege der Zerealien aber verschmäht. Sorghum und Pennisetum, in den meisten Ländern Zentralafrikas Hauptgegenstand des Acker-, d. h. Hackbaues, fehlen bei den Mangbattu gänzlich, die Eleusine wird in einzelnen Ausnahmefällen angebaut und nur dem Mais (im Mangbattu »Nendöh«) in der Nähe der Wohnungen, gleichsam als Gartengemüse, einige Aufmerksamkeit geschenkt. Der Anbau der Banane (Musa sapientium) macht wenig Mühe. Man steckt die jungen Schösslinge in das vom Regen erweichte Erdreich, die alten sterben von selbst ab, und die Pflanzung ist bestellt. Die Mangbattu verfügen über gewisse Kunstgriffe in der Bananenkultur, um die sie mancher europäische Gärtner beneiden würde. Unter anderem wissen sie es den jungen Sprossen ohne weiteres anzusehen, ob sie zum zeitigen Fruchttragen bestimmt sind oder nicht, danach treffen sie alsdann ihre Auswahl beim Anpflanzen. Das Ausstecken der Wurzelknollen von Maniok, von süssen Bataten, Yams (Neggu) und Colocasien erfordert ebenso geringe Mühe. Wenige Pflanzen bilden Gegenstand eines wirklichen Feldbaues, und ihre Kultur beschränkt sich auch nur auf kurze Strecken. Zu letzteren gehört der Sesam (Mbellemöh), die Erdnuss, das Zuckerrohr und vor allem der Tabak. Der virginische Tabak, der von den Mangbattu »E-Tobbu« genannt wird und hier wie in den meisten Ländern des tropischen Afrikas durch seinen Namen die amerikanische Herkunft verrät, ist die einzige hier bekannte Art. Nicotiana rustica, so häufig bei den Bongo, Djur und Dinka in Kultur, fehlt in diesem Lande.
   Das Zuckerrohr wird in den gelichteten Uferwaldungen der Bachniederungen ohne besondere Sorgfalt angebaut. Dieser nur als Naschwerk verwerteten Kulturpflanze schien nirgends eine besondere Ausdehnung eingeräumt zu sein, die Qualität war auch mittelmässig. Von grosser Bedeutung für die Ernährung des Volkes ist die in erstaunlicher Menge in allen gelichteten Niederungen gedeihende Maniok-Pflanze (Manihot utilissima). Die Kultur der süssen Bataten ist ebenfalls sehr verbreitet, erfordert aber mehr Sorgfalt und beansprucht das sonnige Terrain der höheren, von Bananenpflanzungen freien Talgehänge, zunächst der Bachniederung. Bataten sowohl wie Cassaven (Maniok) erreichen hier, was Grösse und Qualität anbelangt, den höchsten Grad der Vollkommenheit. Die Basis der Nahrung bei den Mangbattu ist aber die Banane. Diese wird meist in grünem Zustand verwandt, alsdann getrocknet, zu Mehl zerrieben und zu Mus gekocht, seltener reif getrocknet, um für längere Zeit aufbewahrt werden zu können. Es gibt wenige Länder, wo die Häufigkeit dieser Frucht in Verbindung mit den meteorologischen Verhältnissen derartiges Trockenprodukt zu erzielen gestattet. Die im Reifezustand gedörrte Frucht ist ein Leckerbissen ersten Ranges und den besten Datteln vergleichbar. Weinartige Getränke sah ich nur selten im Lande der Mangbattu aus der Banane erstellen, wusste mir selbst solche nach Art des Pongue von Uganda zu bereiten.
   Den Mangbattu sind gewebte Stoffe aller Art noch unbekannt, dank der völligen Abgeschlossenheit, in der sie sich bis vor wenigen Jahren gegen die christliche sowohl wie gegen die mohammedanische Welt erhalten haben. Ihre Kleidung liefert hier wie in vielen andern Gebieten des innern Afrikas ein Feigenbaum, dessen Rindenbast zu einem dauerhaften wollartigen Zeuge verarbeitet wird, ohne die Kunst des Webens in Anspruch nehmen zu müssen, als deren erster Versuch die Anfertigung gewisser Binden und Zeugstreifen betrachtet werden kann. Nie tragen die Mangbattu Felle im Gürtel nach Art der Niamniam. Eine ähnliche Tracht findet nur ausnahmsweise als phantastischer Putz der Tanzenden Anwendung.
   Die Kultur der Ölpalme (Elacis guineensis) wird südlich vom Uelle im grossen Umfang betrieben. Dieser an der ganzen afrikanischen Westküste sehr verbreitete Baum ist bisher weder im künstlich angepflanzten Zustande noch wild in einer zum Nilgebiet gehörigen Gegend aufgefunden worden und bietet daher wie die Kola-Nuss, die von den Vornehmen der Mangbattu gekaut wird, einen deutlichen Beweis für den westafrikanischen Charakter des Landes, den es im Anschluss an die Volkssitten offenbart.
   Den Mangbattu ist jede Art von Viehzucht fremd, und wenn man von den bei ihnen allverbreiteten kleinen Hunden (»Nessi« genannt) von der Niamniam-Rasse, und Hühnern (»Naale«) absehen will, so fehlt es ihnen an Haustieren jeder Art. Von Schweinen besitzen sie indes hin und wieder im halb domestizierten Zustand den Potamochoerus. Auf den Kriegszügen, mit denen sie die Völker im Süden ihres Gebietes heimsuchen, erbeuten sie häufig grosse Mengen von Ziegen, allein sie züchten sie nie. Den nötigen Fleischbedarf deckt ihnen in ausgiebigem Masse die Jagd, die vorzugsweise auf Elefanten, Büffel, Wildschweine und grosse Antilopen gerichtet ist. Obgleich die dichtere Bevölkerung des Landes eine Anhäufung von derartigen Wildmengen ausschliesst, wie sie den nördlichen Ländern und ändern minder kultivierten Teilen von Zentralafrika eigentümlich sind, so könnte die Jagdausbeute ihren Erfordernissen dennoch genügen, da die zu gewissen Jahreszeiten in Menge heimgebrachten Fleischvorräte meist in getrocknetem Zustande aufbewahrt werden und daher für lange Zeit geniessbar bleiben. Es wäre demnach eine durch nichts gerechtfertigte Annahme, behaupten zu wollen, die Mangbattu würden durch Fleischmangel zum Kannibalismus getrieben. Nach den bei Munsa [dem König] aufgehäuften Vorräten an Elfenbein zu urteilen, das ihm als Regal von den mit Aufgebot aller waffenfähigen Mannschaft angestellten Jagden zufällt, muss die erbeutete Fleischmenge von diesen Tierkolossen allein als ausreichend erscheinen, um die notwendigsten Bedürfnisse an animalischer Kost zu decken. Auch ist die Menge der in allen Wohnungen angetroffenen Hühner keineswegs zu unterschätzen, desgleichen die Zahl der Hunde, die bei den Niamniam Gegenstand einer eigentlichen Zucht bilden, da diese Völker dem Hundefleisch einen ganz besonderen Vorzug zu geben pflegen.
Ein weitverbreiteter Vogel im Mangbattu-Lande ist der graue Papagei (Psittacus erythacus), dessen hochrote Schwanzfedern die Eingeborenen als Kopfputz verwerten. Diesem Vogel wird auch seines wohlschmeckenden Fleisches wegen sehr häufig nachgestellt. Im übrigen ist die Jagd auf Vögel von geringem Belang. Perlhühner, Frankoline und Trappen werden vermittels Schlingen gefangen. Das Kraut der Tephrosia Vogelii, das gleich dem einer verwandten Art dieser Gattung in Westindien, wohin die Sitte vielleicht durch Sklaven verbreitet wurde, zum Vergiften der Fische dient und das sich in allen Dörfern zu diesem Behuf angebaut findet, beweist, dass auch aus dieser Klasse des Tierreichs reichliche Beiträge den Kochtöpfen der Mangbattu zufliessen.
   Während den Weibern die Bestellung des Bodens und die Herrichtung des Eingeernteten zufällt, verbringen die Männer, solange sie weder durch Jagd noch durch Kriegszüge vom Hause ferngehalten werden, ihre Tage in Müssiggang. Tabak rauchend findet man sie zu früher Morgenstunde in behäbiger Ruhe auf ihren schönen Raphia-Bänken und im Schatten der Ölpalmen beschaulich dasitzen, die Beine lang vor sich hingestreckt und mit dem einen Arm sich auf das als Lehne dienende Holzgestell stützend. Die Mittagszeit verplaudern sie mit ihren Freunden in den offenen kühlen Hallen, die als gemeinschaftliche Versammlungsplätze dienen. Lebhaft gestikulierend sieht man sie da ihre Gedanken austauschen. Die Gebärdensprache der Mangbattu besitzt manche Eigentümlichkeit, so z. B. die Gewohnheit, zum Ausdruck des Staunens die Hand vor den geöffneten Mund zu halten, etwa wie wir es beim Gähnen tun. Von den Indianern Nordamerikas wird erzählt, dass sie in ganz ähnlicher Weise ihr Erstaunen an den Tag zu legen pflegen.
   Wie bei den meisten Bewohnern Afrikas wird die Töpferei - das Schmiedehandwerk ist naturgemäss auf die Männer beschränkt - ausschliesslich von Weibern ausgeübt, mit den Künsten der Holzschnitzerei und Korbflechterei sind beide Geschlechter vertraut. Musikalische Instrumente werden, nachdem, was ich zu sehen bekam, nie von Weibern gehandhabt.
   Die allgemeine Begrüssungsformel in der Mangbattu-Sprache lautet »Gassiggi«, unter Darreichung der Rechten. Dabei lässt man die mittleren Finger gegenseitig voneinander abschnellen, so dass sie schnalzen. Beide Geschlechter verkehren anscheinend in einem hohen Grad von Zwanglosigkeit miteinander. Im Gegensatz zu dem züchtigen und zurückhaltenden Wesen der Niamniam-Frauen sind hier die Weiber ausnahmslos von einer überraschenden Zudringlichkeit und Ungeniertheit. Die Mangbattu-Weiber fielen mir tagtäglich durch ihr vorlautes Gebaren ausserordentlich zur Last, sie verfolgten mich in grossen Trupps bis in die tiefsten Dickichte der Wälder. Bald umlagerten sie scharenweise mein Zelt, bald belästigten sie mich beim Baden im schattigen Bach mit ihren neugierigen Blicken. Ihren Männern gegenüber beanspruchen sie einen hohen Grad von Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Das Verhältnis der ersteren zu ihnen gab sich deutlich zu erkennen, so oft Männer, um den Verkauf irgendeiner Merkwürdigkeit angegangen, mir erwiderten: »Frage meine Frau, der gehört es.«
   Die Vielweiberei scheint in diesem Lande schrankenlos zu sein. Auch auf die eheliche Ehre gibt der Mangbattu wenig, wie ich als tagtäglicher Zeuge im Lagerleben der Nubier mich davon zu überzeugen Gelegenheit hatte. Da gab es Weiber, die vor aller Welt, und selbst in voller öffentlicher Versammlung, sich nicht entblödeten, vermittels einer obszönen Fingersprache und unter Gebärden von mehr als plastischer Natur die schamlosesten Anträge an den Fremden zu stellen. Es überraschte mich um so mehr, dies bei einem Volke von der Kulturstufe der Mangbattu wahrzunehmen, nachdem ich bisher bei den wildesten Negervölkern ähnliches nirgends beobachtet hatte. In wie vorteilhaftem Lichte dagegen erschienen die Bongo-Frauen, die ihren Männern gegenüber doch durchaus keine sklavische Stellung einnehmen. Mehr als leicht gekleidet, erschienen jene laubumgürteten Gestalten dennoch geschützt durch jene Schamhaftigkeit und Würde, durch die wir uns genötigt sehen, die kapitolinische Venus oder jene von Milo mit züchtigem Auge zu betrachten. Ganz anders freilich präsentieren sich die fast vollständig nackten Mangbattu-Weiber, denn ihnen kann nicht einmal die Naivetät des allerniedrigsten Naturzustandes zur Entschuldigung dienen.
   Die Weiber haben die Gewohnheit, sich ausschliesslich einfüssiger Schemel zu bedienen, für gewöhnlich sitzen nur die Männer auf Bänken. Wenn diese einen Besuch machen oder zur allgemeinen Versammlung erscheinen wollen, lassen sie sich von Sklaven die Sitze nachtragen, da kein Mangbattu gewohnt ist, auf dem flachen Boden zu sitzen, auch wenn man diesen zuvor mit Matten bedeckte.
   Grosse Sorgfalt scheint dieses Volk auch auf die Zubereitung seiner Speisen zu verwenden, hier in Innerafrika ein untrügliches Merkmal von Stufe der äusseren Kultur. Die meist im reifen Zustande verwandte Banane und allerorten mühelos angebaute Maniok ersetzen ihnen das fehlende Korn. Die Behandlung des Maniok ist bei ihnen dieselbe wie in Südamerika, um das Stärkemehl (Tapioca) daraus zu gewinnen. Als Gewürze dienen ihnen der spanische Pfeffer (Capsicum conicum), der Aschanti- oder Guineapfeffer und die Früchte zweier wildwachsender Solanum, für die ich bedaure, den Namen S. anthropophagorum [der Menschenfresser ] nicht wählen zu können, weil er von Seemann für eine Pflanze der gleichfalls menschenfressenden Fidschi-Insulaner (Cannibal-salade) bereits vergeben ist. Diese Früchte besitzen einen abscheulich widerwärtigen Geschmack, der weder an den der Tomate, noch an die Melongena (sogenannte Eierfrucht) erinnert. Auch Pilze sind bei der Zubereitung der Saucen allgemein in Gebrauch.
   Alle Speisen werden mit dem Öl der Ölpalme versetzt. Das ungereinigte, durch Auspressen der frischen Fruchthülle gewonnene Palmöl ist von hochroter Farbe und dicklicher Konsistenz. Es besitzt in den ersten Tagen einen angenehmen Geschmack, der indes nach kurzer Zeit unangenehm ins Ranzige übergeht. Aus den Kernen wird über dem Feuer nachträglich ein schlechtes und brenzliches Öl gewonnen, das hier als Beleuchtungsmittel Verwendung findet. Von andern vegetabilischen Fetten liefern den Mangbattu Erdnüsse, Sesam und die Frucht eines häufigen Waldbaums (Lophira alata) reichliche Vorräte. Aus den fetten dicken Leibern der männlichen Termiten sieden sie ein ölartiges, helles, durchscheinendes und nicht übel schmeckendes Fett.
   Von allgemeinstem Gebrauch indessen ist bei ihnen das Fett der Menschen, und das führt unsere Betrachtung zu dem Inbegriff aller ihrer kulinarischen Genüsse. Der Kannibalismus der Mangbattu übertrifft den aller bekannten Völker in Afrika. Da sie im Rücken ihres Gebietes von einer Anzahl völlig schwarzer, auf niederer Kulturstufe stehender und daher von ihnen verachteter Völker umgeben sind, so eröffnet sich ihnen dort die willkommene Gelegenheit, auf Kriegs- und Raubzügen sich mit hinreichend grossen Vorräten von dem über alles geschätzten Menschenfleisch zu versorgen. Das Fleisch der im Kampfe Gefallenen wird auf der Wahlstatt verteilt und in gedörrtem Zustand zum Transport nach Hause hergerichtet. Die lebendig Eingefangenen treiben die Sieger erbarmungslos vor sich her, gleich einer erbeuteten Hammelherde, um sie später einen nach dem andern als Opfer ihrer wilden Gier fallen zu lassen. Die erbeuteten Kinder verfallen nach allen Angaben, die mir gemacht wurden, als besonders delikate Bissen der Küche des Königs. Es ging während unseres Aufenthalts bei Munsa das Gerücht, dass für ihn fast täglich kleine Kinder eigens geschlachtet würden.
   Jedenfalls bot sich den Blicken der Fremden nur sehr selten Gelegenheit dar, Augenzeuge von Mahlzeiten der Eingeborenen zu sein. Mir selbst sind nur zwei Fälle bekannt, wo ich die Mangbattu mitten bei der Arbeit überraschte, Menschenfleisch als Speise herzurichten. Das eine Mal stiess ich auf eine Anzahl junger Weiber, wie sie eben damit beschäftigt waren, vor der Tür ihrer Hütte auf dem geglätteten Estrich von Ton die ganze untere Hälfte eines Kadavers durch Brühen mit kochendem Wasser von seinen Haaren zu säubern. Durch diese Behandlung war die schwarze Hautfarbe einem fahlen Aschgrau gewichen. Der ekelhafte Anblick erinnerte mich lebhaft an das Abbrühen unserer Mastschweine. Ein anderes Mal fand ich in einer Hütte den noch frischen Arm eines Menschen über dem Feuer hängend, um ihn zu dörren oder zu räuchern. Sichtbare Spuren und untrügliche Anzeichen von Kannibalismus fanden sich übrigens auf Schritt und Tritt in diesem Lande. Eines Tages, als ich in Gesellschaft Mohammeds allein bei Munsa weilte, brachte ersterer geflissentlich die Rede auf Menschenfleisch und interpellierte den König geradezu mit der Frage, er möge angeben, weshalb gerade jetzt, wo wir im Lande wären, keine Menschen geschlachtet würden. Munsa erklärte offen, er wisse, es sei dies für uns ein Greuel, und deshalb würde alle Menschenfresserei, solange wir anwesend seien, verheimlicht.
   Überhaupt lag es durchaus nicht im Zuschnitt der Sitten dieses Volkes, die Mahlzeiten mit Fremden zu teilen. Die unsere Karawane begleitenden Bongo und Mittu waren von vornherein bei ihren Mahlzeiten ausgeschlossen, weil sie als nicht beschnitten für »Wilde« galten. Die Nubier wiederum verzichteten ihrerseits aus unverhohlenen religiösen Gründen auf eine derartige Gemeinschaft von Menschenfressern. Die angeführten Tatsachen beweisen, dass die Mangbattu in weit höherem Grade dem Kannibalismus zugetan sind als das unstete Jägervolk der Niamniam. Sie bieten nicht das erste Beispiel der Art, dass oft gerade Völker Anthropophagen sind, die sich durch eine auffällig hohe Kulturstufe von solchen unterscheiden, die den Genuss von Menschenfleisch verabscheuen (z.B. Fidschi-Insulaner, die Karaiben u. a.). Ich brauche nicht die Erzählungen der nubischen Söldner wiederzugeben, die mir von ihren persönlichen Erlebnissen auf den in Gemeinschaft mit den Mangbattu unternommenen Raubzügen erzählten, wie Menschenfett gewonnen wird, wie das Fleisch in lange Striemen geschnitten und auf Gestellen über dem Feuer gedörrt, und wie es als Speise zubereitet zu werden pflegt, oder dergleichen mehr. Ich brauche nur auf die grosse Sammlung der ihren Mahlzeiten entlehnten Schädel hinzuweisen, die ich Stück für Stück um Kupfer erstand und die gegenwärtig dem Anatomischen Museum zu Berlin einverleibt worden sind, um die Wahrheit meiner Angabe zu verbürgen, dass der Kannibalismus der Mangbattu seinesgleichen suche in der ganzen Welt. Und doch sind die Mangbattu eine edlere Rasse von Menschen, ein Volk, das sogar einen gewissen Nationalstolz an den Tag legt, Menschen, in einem Grade begabt mit Verstand und Vernunft wie wenige Bewohner der afrikanischen Wildnisse, Menschen, die Urteilskraft besitzen, mit denen sich vernünftig reden lässt und die auf das, was man sie fragt, eine vernünftige Antwort zu geben wissen; wie denn auch die Nubier, die einige Jahre bei ihnen gelebt haben, nicht genug des Rühmenden zu berichten wissen von ihrer Zuverlässigkeit im freundschaftlichen Verkehr, wie von ihrer im Staatsleben offenbarten Ordnung und Sicherheit.
   Auch hinsichtlich ihrer kriegerischen Tüchtigkeit verlauteten Ansichten, denen zufolge die Nubier den Mangbattu ein Übergewicht über sie selbst zuzuerkennen schienen. Oft stritten die bei Munsa ansässigen Soldaten mit ihren Genossen über diesen Punkt. »Du fürchtest dich nicht vor ihnen, ich fürchte die Mangbattu, ja ich sage dir, dass man sich allerdings vor ihnen fürchten muss«, waren ihre Worte. Die Mangbattu-Waffen haben übrigens vor einigen Jahren einen Strauss mit den Chartumer Elfenbeinhändlern zu bestehen gehabt. Ein Jahr, bevor Abd-es-Ssammat, der sich bis dahin auf die Niamniam-Gebiete von Nganje und Uando beschränkt hatte, durch eigens von Munsa abgesandte Boten zu einer Ausdehnung seiner Unternehmungen nach Süden aufgefordert wurde, hatte der nubische Anführer Abderachman Abu-Qerun, der von den Territorien des Kifa aus gen Südosten zu den Mangbattu vordringen wollte, nördlich vom Uelle einen Angriff durch feindliche Scharen dieses Volks zu bestehen, die ihm den Eintritt in ihr Gebiet verwehren wollten.
   Damals herrschte noch Munsas Vater Tikibo über die gesamten Mangbattu-Lande, und eine Schwester des jetzigen Königs, die inzwischen verstorbene Nalengbe, lebt noch heute in aller Erinnerung fort, weil sie in voller Rüstung, bewaffnet mit Schild und Lanze und umgürtet vom Rokko-Schurz der Männer, mit grosser Bravour an der Spitze der Mangbattu-Scharen gefochten, die damals zum erstenmal die Wirkung der Feuerwaffen an sich erprobten. Ich traf Augenzeugen aus jener Zeit, die mir von der Tapferkeit der merkwürdigen Amazone Wunderdinge zu berichten wussten. Der unternehmende Abu-Qerun vermochte jenes Jahr die Mangbattu-Lande nicht zu erreichen, sondern musste mit empfindlichen Verlusten den Rückweg einschlagen. Erst im folgenden Jahre, 1867, kam Mohammed Abd-es-Ssammat, vom König selbst eingeladen, als erster Entdecker der Mangbattu ins Land, und über den Uelle vordringend eröffnete er auf friedlicher Grundlage seinen dort bis dato noch durch keinen Konflikt gestörten Elfenbeinhandel.
   Bei den Mangbattu erstreckt sich die Macht des Herrschers auf viel weiter reichende Gerechtsame, als solche den Niamniam-Fürsten zu Gebote stehen, denn hier werden ausser dem stets monopolisierten Elfenbein auch regelrecht Abgaben von Bodenprodukten erhoben. Ein Tross Trabanten umgibt ausser der speziellen Leibwache beständig den Herrscher, und gross ist die Anzahl der Beamten und Ortsvorsteher, die in den einzelnen Distrikten die königliche Macht zur Geltung bringen. Als Unterhäuptlinge fungieren unter Munsa dessen Brüder Isingerria, Mummeri und Numa, diese gebieten wiederum über eine Anzahl kleinerer Unterhäuptlinge zweiten Ranges, die Verwalter einzelner Distrikte sind.
   Neben den Unterhäuptlingen, die mit Vorliebe aus der grossen Schar der leiblichen Königsbrüder gewählt zu werden pflegen, nehmen die vornehmsten Reichsräte den nächsthohen Rang ein. Diese sind im Mangbattu-Lande fünf an der Zahl: 1. der Intendant über die Waffen; 2. derjenige über die Zeremonien und Feste; 3. der Speisemeister des königlichen Hofhalts und oberste Magazinier; 4. der Hausmeister über alle königlichen Frauen; 5. der Dolmetsch im Verkehr den Fremden und benachbarten Herrschern.
   Munsa verlässt nie seine Residenz, ohne von einem Tross mehrerer Hunderte umgeben zu sein. Paukenschläger, Hornbläser und Leute mit grossen eisernen Glocken, wie solche bei vielen zentralafrikanischen Häuptlingen als ein Attribut ihrer Würde Verwendung finden, eröffnen alsdann den königlichen Zug. Achtzig Frauen von jugendlichem Alter gehören zur intimen Umgebung des Königs und bewohnen mit Sklavinnen, die zu ihrer Bedienung angestellt sind, ebenso viele Hütten, die in einem weiten Kreise um die königlichen Palasthallen und Privatwohnungen erbaut sind. Sie umschliessen einen weiten, wohlgesäuberten Freiplatz, auf dem die rote Erde, festgestampft und geglättet, einen schönen Kontrast darstellt zu dem tiefen Grün der Ölpalmen, der grossen Feigenbäume, der Cordien, Canarien, Vitex und andern Bäumen, die ihn stellenweise beschatten. In grossen bahnhofähnlichen Hallen versammelt Munsa die Vornehmen des Volkes zur Ratsversammlung, dort erteilt er zu gewissen Tageszeiten Audienz, und ab und zu werden da, wie ich vorhin geschildert, Feste mit Tanz und Musik in grossartigster Weise gefeiert
   Die königlichen Frauen bilden entsprechend den Altersstufen und nach ihrer ehelichen Anciennität mehrere Klassen. Die älteren bewohnen in einigem Abstand von der Residenz eigene Dörfer, denn ihre Anzahl steigt in die Hunderte, da Munsa ausser seinen eigenen Weibern erster und zweiter Klasse auch die ererbten Frauen seines Vaters und selbst die eines verstorbenen Bruders zu verpflegen hat. Nach echt afrikanischer Sitte behält nämlich nach dem Absterben eines Königs der Nachfolger alle seine Frauen, und dann nimmt er für sich noch sehr viele dazu. Im 17. Jahrhundert schätzte man die Zahl der Frauen, die der König von Loango sein eigen nannte, auf 7.000.
   So oft der König des Nachts seine Privatwohnung verlässt, um den Frauen Besuche abzustatten, ertönt lauter Jubel der Trabanten mit Pauken und Hörnerklang. Man hört alsdann die Mangbattu-Hymne schallen: »Ih, ih, Munsa tschupi, tschupi ih.« Augenzeugen wollen behaupten, gesehen zu haben, dass bei nächtlicher Weile der König aus einem der Frauenhäuser in das andere gegangen sei, ohne sonderlich lange in den einzelnen verweilt zu haben. Das geschieht alsdann im strengsten Inkognito und unter dem Deckmantel der Nacht. Zu seiner Hofhaltung gehören ausser den Trabanten eine ganze Anzahl zu bestimmten Diensten verwandter Männer. Er hat seine eigenen Kammermusici (Hornbläser und Trompeter), deren Produktionen von grosser Ausdauer und gehabter Mühe bei den einzustudierenden Piècen zeugten, Eunuchen und Spassmacher, Bänkelsänger und Tänzer, die bei festlichen Versammlungen zur allgemeinen Kurzweil dienen und den Glanz seines Hofes vermehren. Festordner sorgen für Ordnung in der Versammlung des Volkes und halten unter Anwendung des Stocks die Zudringlichkeit der Jugend fern.
   Die Privatwohnung des Königs besteht aus einer Gruppe von verschieden grossen Hütten, gleich einer Seriba umfriedigt von einem Palisadenzaun und von wohlgepflegten Baumpflanzungen beschattet. Jeder seiner täglichen Verrichtungen ist hier eine eigene Hütte eingeräumt.
   Ausschliesslich für die Bereitung seiner Küche ist immer eine seiner Frauen beordert, die sich in bestimmten Zeiträumen zu diesem Zweck untereinander abzulösen haben.
   Munsa pflegt ausschliesslich für sich und allein zu speisen, niemand darf den Inhalt seiner Schüssel zu sehen bekommen, und alles, was er übrig lässt, wird in eine eigens dazu bestimmte Grube geschüttet. Alles, was der König berührt hat, gilt als unantastbares Heiligtum, nicht einmal von dem Feuer, welches vor seinem Sitze brennt, dürfen die Gäste eine Kohle nehmen, um sich die Pfeife anzustecken; es wurde behauptet, ein solcher Versuch würde als Majestätsbeleidigung betrachtet und vom König sofort mit dem Tode bestraft werden.
   Da mir die Vergünstigung zuteil wurde, die innere Einrichtung der königlichen Hofburg in Augenschein zu nehmen, so konnte ich alle die einzelnen Hütten der Reihe nach durchmustern. Die Garderobe des Königs allein beanspruchte den Raum mehrerer von ihnen. In der einen gewahrte ich nichts als Hüte und Federschmuck in den verschiedensten Formen. Besonderen Wert legen die Vornehmen des Landes auf die roten Schwanzfedern des grauen Papageis, aus denen man grosse kugelrunde Büschel formt.
   Dann folgte eine Hütte, wo sich bündelweise Civetten- und Genetten-, Potamochoerus- und Giraffenschwänze, Felle und tausenderlei der seltsamsten Zieraten aufgehängt fanden, mit denen sich der Herrscher schmückt. Zu langen Schnüren aufgereiht sah man die Zähne von seltenen erbeuteten Tieren hängen. Reisszähne des Löwen, von denen ich über hundert an einem einzigen Schmuckgehänge zählte, bildeten gewiss ein kostbares, vom Vater auf den Sohn überkommenes Erbstück. Hier war es auch, wo ich zum erstenmal die Felle des Galago Demidofii, eines Halbaffen, antraf, einer bisher nur in Westafrika beobachteten Tierart.
   In einer kleinen Kegelhütte zeigte man mir das Heiligtum des königlichen Aborts, des einzigen in seiner Art, der mir in Zentralafrika zu Gesicht gekommen ist, obgleich alle heidnischen Negervölker in dieser Hinsicht weit mehr Dezenz an den Tag zu legen pflegen als die Mohammedaner, die bei aller zur Schau getragenen Prüderie ihrer Attitüden dennoch in der nächsten Umgebung ihrer Behausungen wenig auf Fernhaltung von beleidigenden Einflüssen auf die Geruchsnerven bedacht sind. Wie zufällig entsprach die erwähnte Lokalität ganz den in türkischen und arabischen Häusern wahrgenommenen Einrichtungen (eine Senkgrube, deren Verschluss einen Spalt freilässt; sie bieten keine Sitzgelegenheit, sind nur auf Hocken berechnet). An einem andern Tage ward ich durch die königlichen Rüstkammern geführt, wo die vorhandenen Waffenvorräte hauptsächlich aus zusammengeschnürten Packen von 200-300 Lanzen bestanden, die im Falle eines Kriegsausbruchs zur Verteilung an die waffenfähige Mannschaft bestimmt sind, auch Säbelklingen und Hackmesser, wie sie die Mangbattu-Krieger führen, sah man da haufenweise aufgeschichtet. An diesem Orte wurden auch die Prunk- und Luxuswaffen, die bei festlichen Gelegenheiten in den Palasthallen des Königs zur Schau gestellt werden, aufbewahrt. Sie bestanden hauptsächlich aus Lanzen von riesiger Gestalt. Schaft sowohl wie Spitzen waren aus reinem Kupfer geschmiedet und aufs prächtigste poliert.
   Die Vorratskammern und Kornmagazine befinden sich unter wohlgezimmerten und regendichten Dächern. In den verschiedenen dort angebrachten Gemächern verbringt Munsa einen Teil seiner den öffentlichen Geschäften gewidmeten Tageszeit, die Einteilung und Anordnung der Vorräte selbst überwachend.
   Aus allen diesen Angaben wird einleuchten, dass die Mangbattu einen monarchisch konstituierten Staat darstellen, wie es nur wenige von gleicher Bedeutung in Zentralafrika geben mag, und dessen Einrichtungen an viele Erzählungen aus alter Zeit anzuklingen scheinen, die uns von längst untergegangenen Negerreichen berichten.

Schweinfurth, Georg
Im Herzen von Afrika
3. Auflage, Leipzig 1918

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