Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Landung in Walvisbay
Namibia

In der zweiten Augustwoche 1850 segelten wir von Kapstadt ab, und am Abend des zwanzigsten kam der niedrige Sandstrand unseres Zieles in Sicht. Wir rundeten Pelican Point (in der Tat saßen Pelikane darauf) und kamen in eine weite Bucht, deren Ufer in der Fata Morgana tanzten - es war eine gottverlassene Einöde. Das Lagerhaus war ein jämmerliches Ding, das seinen Namen nicht verdiente - eine windschiefe Holzhütte von der Größe einer Bauernkate, die wir zunächst vom Schiff aus gar nicht sehen konnten. Der Name der Bucht, Walvis, ist holländisch; die Seeleute haben daraus Walwich oder auch Woolwich Bay gemacht; all diese Namen kann man auf Karten finden.
    Es gibt in dieser Gegend viele Wale, Buckelwale genannt - bei unserer Ankunft kamen wir durch eine ganze Schule. Das war ein wunderbarer Anblick - die See um uns herum wurde von ihnen durchpflügt. Sehr vorsichtig fuhren wir in die Bucht hinein, denn es gibt keine verläßlichen Karten, und die, die es gibt, machen sehr unterschiedliche Angaben. Bei Einbruch der Nacht ankerten wir etwa eine Meile ab von Land. Wir sahen keine Eingeborenen, auch sonst kein Lebenszeichen außer den riesigen Schwärmen von Pelikanen, Flamingos und anderen Seevögeln. Es scheint, daß dies der Charakter der gesamten Küste zwischen dem Orange River und den portugiesischen Besitzungen ist - eine natürliche Barriere, die die Eingeborenen dahinter vor dem Sklavenhandel und seinen Folgen bewahrt.
    Die Segelhandbücher geben an, daß es an der gesamten Küste kein Süßwasser gibt; das ist aber nicht richtig, denn in Sandwich Harbour, gute zwanzig Meilen südlich der Walvisbay, gibt es, zumindest zur Zeit, reichlich davon.
    Am nächsten Morgen sahen wir einige Wilde und brachten den Schoner so weit herein, wie es sicher schien, und der Kapitän, der neue Missionar und wir landeten etwa eine drittel Meile vom Lagerhaus entfernt. Sieben schmuddelige und ärmliche Eingeborene erwarteten uns. Sie hatten drei Gewehre, stellten sich in einer Reihe auf, gaben sich so furchteinflößend wie möglich und taten so, als ob sie die Gewehre laden würden. Sie sahen aus wie Hottentotten, aber von dunklerer Farbe, und machten einen sehr schäbigen Eindruck; einige trugen Hosen, einige eine Art Mantel aus Fell, und sie schnalzten und heulten und schwatzten und benahmen sich wie Affen. Das war mein erster Eindruck und der aller meiner Begleiter; es sollte aber die Zeit kommen, da ich diese Burschen für vergleichsweise zivilisiert hielt.
    Seeleute kannten sie schon. Und die Ankunft eines Schiffes war natürlich ein großes Gottesgeschenk, denn sie tauschten für Tabak, Kleidung und alle möglichen anderen Sachen Ziegenmilch und Ochsen ein, die manche von ihnen besaßen. Aber sie waren schon mehr als einmal schlecht behandelt und betrogen worden und hatten hin und wieder Gleiches mit Gleichem vergolten. Ihr Häuptling trat bald in Erscheinung, und wir freundeten uns an und marschierten in Richtung Sand Fontein. Zeichensprache und freundliche Gesichter ersetzten dabei gesprochene Worte. Zur Mission in Scheppmansdorf wurde eine Nachricht geschickt, und der Bote erhielt ein Baumwolltuch und eine Rolle Tabak als Bezahlung für die Strecke von fünfundzwanzig Meilen. Wir passierten eine weite Ebene, die bei Springflut unter Wasser steht, und folgten dabei zahlreichen Wagenspuren, die schon Jahre alt zu sein schienen. Um uns herum waberte die Fata Morgana mit außerordentlicher Intensität. Zweihundert Meter entfernte Dinge wirkten völlig formlos; eine Krähe oder ein Stück schwarzes Holz schienen groß wie ein Baumstamm. Pelikane waren zu einer Größe aufgeblasen wie ein Schiff mit gesetzten Leesegeln; und der Boden zitterte und flimmerte wie über einer Esse. Wir hatten August, den Monat, in dem die Fata Morgana am kräftigsten ist; aber auch sonst ist sie sehr deutlich ausgeprägt, und jeder, der hier war, hat davon berichtet. Anderthalb Jahre später habe ich zweimal versucht, die Uferlinie der Bucht zu kartieren, aber die Fata Morgana machte es unmöglich: Ein Gegenstand, den ich als Fixpunkt von einem Standort nahm, war nicht mehr erkennbar, wenn ich beim nächsten angekommen war.
    Nach einer halben Meile kamen wir zum Flußbett des Kuisib, der nur alle vier oder fünf Jahre Wasser führt, aber wenn er es tut, alles überschwemmt. Das Flußbett war sehr breit und ohne richtige Uferbegrenzung; hier und dort gab es Stellen, die aussahen wie ausgetrocknete Wasserlachen, in denen der Boden zuerst wie nasser Kleister gewesen und dann beim Austrocknen gerissen war. Büsche (Dabby-Büsche wurden sie genannt), dem Fenchel ähnlich, aber acht bis zwölf Fuß hoch, wuchsen zahlreich; ein stacheliger Flaschenkürbis, ‚Nara genannt (das ' vor dem N bedeutet, daß vor dem Buchstaben ein Hottentotten-Klick gesprochen wird), bedeckte mit langen Ausläufern zahlreiche kleine Erhebungen; und schließlich beschlossen hohe Wanderdünen die Szene. Wir waren körperlich in einem solchen Zustand, daß der tiefe Sand und die Hitze (zumindest hielten wir es damals für Hitze) uns ziemlich ermüdeten, und wir waren herzlich froh, als Sand Fontein und die Wasserstelle in Sicht kamen. Wegen des Namens hatte ich mir ein sprudelndes Flüßchen vorgestellt, in Wirklichkeit war es aber nur ein Loch von 15 cm Durchmesser, voll mit grünem, abgestandenem Wasser. Es schmeckte scheußlich, denn seit vielen Jahren hatte der Kuisib kein Wasser mehr geführt, und das Wasser, das aus seinem nassen Sand in das Wasserloch sickerte, war jetzt nahezu faulig und sehr salzig. Es war aber trinkbar, und ich gab mich zufrieden, daß wir nach reichlichem Graben genug Wasser bekamen, um die Maultiere zu tränken. Als vor einigen Jahren ein Händler hier lebte, war das Wasser reichlich und gut, aber diese Art von Wasserstelle ist sehr unzuverlässig, mehr noch als der Fluß, von dem sie abhängig ist. Wir nahmen den gleichen Weg zurück, kauften fünf Straußeneier, die uns angeboten worden waren, und zahlten verschwenderische sieben Stangen Tabak dafür - fünf wären der angemessene Preis gewesen. Es ist hier üblich, Cavendish Tabak einzutauschen; wie der Raucher weiß, gibt es ihn in Stangen von einer Unze, die einen Penny kosten. Ich hatte nur einen Zentner mitgenommen; das Fünffache wäre nicht zu viel gewesen. Wir nahmen den Häuptling und einen schäbigen Hottentotten, der sein Verwandter zu sein schien, mit an Bord - die beiden waren offenbar unzertrennlich; und wir beschäftigten uns damit, uns gegenseitig nach Zecken abzusuchen, denn das Buschwerk war voll davon.
    In der Nacht wurde an Land ein Gewehr abgefeuert und ein Feuer angezündet. Es stellte sich heraus, daß das der Missionar, Herr Bam, und Stewartson waren. Stewartson war einmal Viehhändler, hatte aber vor kurzem alles verloren, so daß er, seine Frau und Kinder die Reise nach Kapstadt nicht bezahlen konnten und deshalb auf der gleichen Station wie Herr Bam wohnten. Wir hatten unsere Nachricht gegen Mittag geschickt, sie erhielten sie bei Einbruch der Nacht und waren in fünf Stunden auf Ochsen hergeritten. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, daß Ochsen überhaupt als Reittiere benützt werden - außer vielleicht zum Spaß.
    Hier nun waren zwei gut aussehende Tiere, gesattelt und mit einem Pflock durch die Nase und einem dünnen Zaumzeug, festgemacht am Nasenpflock; sie sahen wirklich ungewöhnlich gut aus und schienen durchaus in ihrem Element.
    Wir begannen sofort mit der Landung. Die Pferde und Maultiere mußten schwimmen - damit wurden die Seeleute nicht so recht fertig und ertränkten beinahe ein Tier; aber schließlich hatten wir alles Viehzeug an Land. Als nächstes mußte schweres Gepäck mit dem Beiboot an Land gebracht werden, und das war ein rechtes Stück Arbeit. Am Abend ritt ich mit Herrn Bam zum Hottentottenkral bei Sand Fountein und hörte natürlich mit großem Interesse allem zu, was er über das Land zu erzählen hatte. Die Damaras kannte er wenig oder gar nicht. Er war in der Kapkolonie geboren und hatte mehrere Reisen über Land gemacht; er sprach viel von den Schwierigkeiten, die das Reisen hier wegen des Mangels an Nahrungsmitteln und der schlechten Wege bereitet; und er ermunterte mich auch nicht das kleinste bißchen in Hinsicht auf meine bevorstehende Reise.
    Nach Sonnenuntergang kehrte Herr Bam zurück an Bord, um zu schlafen und ein gutes, reichhaltiges Abendessen zu sich zu nehmen - das ist etwas, was ein Hiesiger niemals verschmäht. Ich schlug mein Zelt am Strand auf und schlief als Wache bei den Vorräten. Meine Leute hatten den Tag über hart gearbeitet, waren aber in guter Stimmung, obwohl sie die ganze Zeit naß gewesen waren. Manche schliefen an Land, andere an Bord. Ich hatte eine Spiere vom Strand in den Windschatten des Lagerhauses getragen und meine Maultiere und Pferde daran angebunden. Die Nacht war sehr kalt, feucht und windig, und die Tiere waren sehr unruhig. Am Morgen stellte sich heraus, daß sich zwei Pferde losgerissen hatten und weggelaufen waren. Timboo und John St. Helena folgten den Spuren; als die Stunden vergingen und sie nicht zurückkamen, machte ich mir große Sorgen. Sobald Herr Bam an Land kam, riet er mir, einige Eingeborene mit Vorräten hinter den Männern herzuschicken, denn im Umkreis von vierzig Meilen und mehr um die Bucht wäre alles Wüste; möglicherweise würden die Männer die Pferde bis zur Erschöpfung verfolgen, sie aber doch nicht einholen und dann selbst nicht mehr zurückkehren können. Deshalb schickte ich - mit Hilfe von Herrn Bam als Übersetzer -zwei Eingeborene los; einen mit Lebensmitteln, den anderen mit dem Auftrag, den Spuren zu folgen und die Tiere zurückzubringen. Spät am Nachmittag kamen meine Leute sehr erschöpft zurück. Sie waren sehr weit gekommen, bis sie nicht mehr wagten, weiter zu gehen, und als sie umkehrten und eine Abkürzung nahmen, verirrten sie sich zwischen den Dünen und wußten die richtige Richtung nicht mehr. Sie hätten fast die falsche Richtung eingeschlagen, aber gerade da hob sich der Dunst, und sie sahen in großer Entfernung die See und die Bucht mit dem Schoner. Nach einem langen Marsch trafen sie auf die Wagenspuren und folgten ihnen bis nach Sand Fountein, wo es Wasser gab und sie auf die Hottentotten trafen.
    Die Matrosen waren mit einigen Dingen bei der Landung sehr wenig sorgfältig vorgegangen und hatten Mehlsäcke in die See fallen lassen. Deshalb machte ich einen großen, effektvollen Krach. Einige Ziegen wurden zum Verkauf hergetrieben. Ich kaufte zwei Zicklein für einen gebrauchten Uniformmantel ohne Knöpfe. Davon besaß ich drei Dutzend, sechs Pence hatte ich pro Stück in einem jüdischen Laden in Kapstadt dafür bezahlt.
    Die Pferde fehlten immer noch. Ich setzte den Häuptling »Frederick« und einen weiteren Mann mit ihren Ochsen auf die Spur, denn jetzt fürchtete ich sehr um ihr Leben; da, wo sie waren, gab es keinen Grashalm und keinen Tropfen Wasser. Frederick wollte nicht gehen, bis ich ihm und seinem Freund richtig respektable Röcke und Hosen versprach, aber nur, wenn sie die Pferde zurückbrächten. So wurde es abgemacht, und sie zogen los. Ich hätte mehr gebrauchte Kleidung mitbringen sollen. Zwei Röcke und das Zubehör sind ein empfindlicher Verlust an Garderobe.
    Es gab noch einen Zwischenfall: Mein großer weißer Hund, den ich der Kaserne abgebettelt hatte, erschreckte vor den Fuhrmannspeitschen, die wir angelandet hatten und ausprobierten; er rannte davon, und wir sahen ihn nie wieder. Flamingos waren hier in großen Schwärmen versammelt; im Flug sehen sie sehr merkwürdig aus: der lange, vorstehende Hals vorn und die langen Beine hinten lassen sie aus der Entfernung mehr wie Libellen denn Vögel aussehen. Mit einer Kugel Schwanenschrot traf ich den Flügel eines Pelikans und mußte ihm mehr als eine Meile weit folgen, bis ich ihn eingeholt hatte. Die Hottentotten haben ihn gegessen. Auf jeden Fall scheint die Bucht voller Fische zu sein; obwohl ich ein kleines Netz dabei hatte, blieb mir keine Zeit, es zu benutzen.
    23. August - die Pferde sind wieder da! Sie waren fast vierzig Meilen weit gezogen (viel später sah ich ihre Spuren), und Frederick hatte sie nach Scheppmansdorf getrieben, um sie zu füttern und zu tränken, denn dorthin war es näher als zur Bucht. Er kam, um seine Ausstattung einzufordern, und ich gab ihm eher widerwillig die einzigen Röcke, die ich weggeben konnte - Stultz hatte sie gemacht: Eigentlich wollte ich sie bei formalen Anlässen tragen wie Kirchenbesuchen in der Mission etc. Aber es ließ sich nicht ändern, und die eingeschmierten Wilden zogen sie an und frohlockten über ihr verändertes Aussehen.
    Ich habe vorher den 'Nara erwähnt, einen stacheligen Flaschenkürbis, der hier wächst; er ist das Grundnahrungsmittel der Hottentotten und eine sehr merkwürdige Pflanze. Erstens scheint er nirgendwo anders als im Kuisib und der unmittelbaren Umgebung der Walvisbay zu wachsen; und zweitens ißt oder frißt ihn jeder - nicht nur Menschen, Vieh, Antilopen und Vögel, sondern auch Hunde und Hyänen. Er ist sehr nützlich, denn er fixiert den Sand; wenn nämlich Sand anweht und eine Pflanze bedeckt, reckt sie die Ausläufer nach oben an die Luft, so daß ein Hügel halb aus Sand und halb aus der Pflanze entsteht. Mir schmeckt sie nicht besonders, sie ist zu reichhaltig und süßlich.
    Die Wagen der Missionare kamen herunter zum Strand, um die Vorräte abzuholen, die mit meinem Schiff gekommen waren. Hätte ich das Schiff nicht gemietet, hätte eins für sie angeheuert werden müssen. Die Missionare hatten es so eingerichtet, daß jedes zweite Jahr ein Schiff mit Tauschwaren kommen sollte - Kleidung, Nahrungsmittel und was immer sie sonst brauchten, denn die Reise über Land ist teurer und schwieriger. Man braucht nämlich um die vier Monate von Walvisbay nach Kapstadt, und die Wege sind so schlecht, daß sie die Wagen gefährden. Auch die Ochsen würden wahrscheinlich sehr leiden, und außerdem kann ein Wagen nur etwa 800 kg zuladen. Ein Schiff dagegen macht die Reise vom Kap in einer Woche und kann natürlich alles mögliche mitnehmen. Die Reise kostet etwa 100 Pfund; es wäre billiger, wenn wegen der Winde die Rückreise nicht vier Wochen dauern würde. Einfach so kommt heutzutage kaum ein Schiff mehr, seit mehr als einem Jahr war keines mehr da.
    Schließlich war all unsere Ladung an Land. Das Wasserloch in Sand Fountein gab genug Wasser für die Maultiere; die Lagerhäuser hier wie in der Bucht wurden aufgeschlossen und ausgeräumt, um für meine Sachen Platz zu machen. Die Wagen wurden zusammengebaut, und der Schoner segelte davon.

Galton, Francis
Narrative of an Explorer in Tropical South Africa, Being an Account of a Visit to Damaraland in 1851
Fourth Edition; London/New York/Melbourne 1891
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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