Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1894 - Selim bin Abukari
(Suaheli und an deutschen Expeditionen beteiligt)
Handel und Wandel in Daressalam und Sansibar

Im Jahre 1894 fuhr ich von Daressalam mit einem Dampfer der Ostafrika-Linie ab, um nach Europa zu reisen. Als ich an Bord fuhr, bemerkte ich unter den Matrosen, welche die in ihre Heimat zurückkehrenden Europäer an Bord fuhren, große Feststimmung. Es ist nämlich Sitte in Daressalam, wenn ein Dampfer in den Hafen einfährt, dass viele Europäer sich an Bord begeben. Einige kommen, um sich den Dampfer anzusehen, andere, um Bier zu trinken, noch andere, um sich von ihren Freunden und Verwandten zu verabschieden. Sie kommen in freudiger Stimmung an Bord und nahmen Abschied von ihren Freuden. Einige sieht man, denen es nicht gut geht, sie sind fieberkrank und haben die Erlaubnis bekommen, nach Europa zu reisen, um das Klima zu wechseln. Sobald sie den Dampfer besteigen, verändert sich ihr Aussehen schon, sie sehen wohler aus vor Freude, in die Heimat zurückzukehren, sie fühlen sich gehoben.
    Die, welche an Bord gekommen sind, um von ihren Freuden Abschied zu nehmen, lassen Getränke herbeikommen, um mit ihnen freudig und zugleich traurig in Folge des Abschieds anzustoßen.
    Wenn der Dampfer im Begriff ist abzufahren, umgeben ihn alle Boote auf beiden Seiten und hinten und warten, bis der Anker gelichtet wird. Zwei, drei Stunden, bevor der Dampfer ausfährt, wird das Zeichen der Abfahrt gegeben. Sobald er den Hafen verlässt, schwenken die Leute ihre Tücher und rufen Hipp! Hipp! Hurrah! Die Boote fahren nicht eher zurück, bis der Dampfer die Ausfahrt passiert hat. Diese vielen Boote gewähren einen angenehmen Anblick. Wenn man an Bord ist, schaut man gern zu, denn jedes Boot hat seine Flagge gehisst, und die Anzüge der Matrosen sind wie die Uniformen der Matrosen von Kriegsschiffen. Jedes Boot hat besondere Uniformen, die immer sehr rein sind.
    Wenn der Dampfer an der Ausfahrt des Hafens angelangt ist, erblickt man eine Insel mit dem Leuchtturm. Der Dampfer fährt links daran vorbei. Nach Verlauf von einer halben Stunde erreicht man die Inseln von Kondutshi. Nach einer Stunde ist der Dampfer zwischen der Insel Zanzibar und dem Festland angekommen, man kann die Küste des Festlandes sowie die der Insel sehen. Bald darauf erscheint die Insel Tshumbe. Von hier aus sieht man in einer halben Stunde das Haus von Tshukwani. Das gehört dem Sultan von Zanzibar und dient als Landaufenthalt. Es liegt auf dem Cap Tshukwani.
    Dem Auszug des Sultans aus der Stadt, wenn er sich zur Luftveränderung nach Tshukwani begibt, sieht man gern zu, denn er geschieht mit großem Pomp, mit Wagen mit Pferden bespannt, in denen sich seine Frauen befinden. Bevor er selbst aus der Stadt aufbricht, schreiten Soldaten mit Musik und die ganze Dienerschaft voraus. Ihm selbst folgen Wagen und Reiter zu Pferde, Araber, nach Beduinenart gekleidet, auf Kamelen reitend, ziehen voraus, und andere folgen ihm nach. Zu beiden Seiten des Weges stehen Soldaten. Niemand hat die Erlaubnis, den Weg zu betreten, bis der Sultan vorbei gezogen ist. Sobald er erscheint und man ihn sieht, grüßt man ihn mit »Guten Morgen unser Herr.« Sein Wagen ist mir vier bis sechs Wagen bespannt, die gewöhnlich von einer Art sind, meist sind es Schimmel. Die Wagenpolster sind mit Goldbrokat gestickt. Die berittene Begleitmannschaft muss die Schwerter ziehen und in der Hand halten. Die Araber tragen ihre Lanzen nach arabischer Art in der rechten Hand und haben das Schwert über die Schulter geworfen.
    Wenn der Dampfer Tshukwani passiert und sich der Stadt nähert, sieht man den Sultanspalast bet el-ajaib (das Haus der Wunder), ferner den Leuchtturm, die Häuser der französischen Konsuln und die Telegrafenstation. Alsdann ist auch schon das Dampfersignal auf dem Leuchtturm gehisst. Wenn unsere Strandbewohner das Wort »selo« (sail ho, Segel in Sicht) hören, freuen sie sich sehr, es schreit alles zu gleicher Zeit »selo, selo«, selbst wenn sie gerade beim Essen sind oder am Beten, nämlich die, die an das Signal gewöhnt sind, so lassen sie von ihrer Arbeit ab und rufen aus voller Kehle »selo«, denn der Dampfer bringt ihnen Verdienst. Von allen Seiten strömen sie dann zum Strande hinab, ihre Boote in Ordnung zu bringen und den Dampfer zu erwarten. Sobald der in den Hafen einläuft, kommen unzählige Boote und rudern an den Dampfer heran, bevor er noch Anker geworfen hat. Jetzt kommt der Lotse mit seiner Flagge, um den Ankerplatz anzuweisen. Er hat die Erlaubnis, zuerst an Bord zu gehen. Sowie nun der Anker fällt, wird ein Kanonenschuss gelöst, das ist so Sitte.
    Unterdes haben die Boote den Dampfer umgeben und warten, bis das Fallreep herabgelassen ist. Nun geht es wunderbar zu, daran finden die Kinder der Küste großen Gefallen. In ihrem Streit um das Fallreep schlagen sie einander, jeder will mit seinem Boot dort als erster anlangen, sie schlagen sich mit den Fäusten und mit Stöcken und schimpfen aufeinander, hauen sich mit den Rudern und suchen das Boot ihres Gegners wegzustoßen. Der Kräftige vertreibt den Schwachen, um zuerst zum Fallreep zu gelangen.
    Sobald dies heruntergelassen ist und die Boote herangekommen sind, stürmen sie in wildem Gedränge wie die Heuschrecken hinauf. Gelangen sie nun oben an, so gleichten oben ihre Augen wie die von Verrückten. Mit Lärm und Geschrei fragen sie die Leute, die an Bord sind, wer an Land gehen will.
    Zur selben Zeit rüsten sich die Passagiere von Bord zu gehen, um sich die Stadt anzusehen. Am Stande angelangt, stehen Lastträger bereit, die die Reisenden vom Boot auf den Schultern bis auf trockene Land tragen. Ist jemand mit Gepäck dabei, so schlagen sie sich um dieses. Um jedes Päckchen streiten sich zwei bis drei Leute, jeder von ihnen will es tragen, um etwas zu verdienen.
    Außerdem gibt es noch Strandjungen (beach boys), die auf die ankommenden Fremden warten, um sie in der Stadt herumzuführen und ihnen den Weg zu zeigen. Sie streiten sich ebenfalls um die Fremden. Es kommen ihrer vielleicht viere und stoßen einander beiseite und sagen: »Geh weg, das ist mein Fremder, ich kenne ihn schon!« Schließlich werden sie handgemein, und wenn das der Fremde sieht, nimmt er sich einen anderen, der sich nicht in ihren Streit eingelassen hat. . Nun führen sie die Fremden in die Stadt und zeigen ihnen die Hotels und die Kaffeehäuser und Läden. Einige ziehen hinaus nach Mnazimoja, wo die Europäerclubs liegen. Andere gehen nach Ngambo, um sich die Häuser der Eingeborenen anzusehen, wieder andere reiten zu Esel auf den Pflanzungen, andere nehmen sich Wagen, aber jeder hat seinen Strandjungen bei sich.
    Diejenigen, die sich in die Läden begeben, um Einkäufe zu machen, werden gewöhnlich von den Indern und Banyanen betrogen. Billiges kaufen sie teuer und Teures zuweilen billig, denn der Handel der Inder ist folgendermaßen: Wenn jemand einen Gegenstand im Werte von einer Rupie kaufen will, so fordern sie zehn Rupien, sie handeln sehr bei ihrem Geschäft, gehen aber schließlich doch herunter bis auf eine Rupie. Wenn bei solchem Feilschen während des Kaufes jemand sagt: »Ich will nicht mehr« und seiner Wege geht, so holen sie ihn zurück: »Komm nur«, »komm nur«, »kaufe doch«, »sage, Herr, was willst du mir geben?« Sagt man ihm nun: »Ich gebe dir so und so viel«, so weigert er sich wieder. Gehst du wieder weg, so ruft er dir nach: »Komm doch«, »Komm doch,« »Kommen wir überein, Herr«, »Lass uns nicht weiter streiten«, »Kaufe doch, Herr!« So geht das zwei, drei Stunden fort. Wenn er sieht, dass du wirklich nichts kaufen willst und deiner Wege gehst, läuft er dir noch auf der Straße nach und ruft: »Komm doch, Herr!«, »Nimm es doch mit!« »Es ist ja dein Glück!«
    Andere Passagiere gehen auf den Markt, um sich die Waren anzusehen, die dort öffentlich verkauft werden. Einige kaufen etwas, andere schauen nur zu, wie die Eigentümer mit Geschrei ihre Waren anpreisen. Wenn man auf dem Markt ist und mit seinen Nachbarn sprechen will, so hört der nichts vor lauter Lärm, denn es sind viele Leute dort, und wenn die Krämer ihr Geschrei erheben und ihre Waren verauktionieren, kann keiner den anderen verstehen. Bei solcher Auktion stehen die Käufer rund in Reihen um den Ausrufer herum, der den zu verkaufenden Gegenstand in der Hand hält und nun mit dem Angebot von »einen Pesa« die Leute zum Bieten veranlasst, worauf die Käufer mit einem höheren Gebot zu antworten pflegen. Der eine sagt »zwei Pesa«, der andere »drei Pesa«, der Ausrufer schreit jedoch: »Biete mehr!« Willigt er schließlich ein, so sagt er: »Gott segne dich!« und gibt es ihm.
    Auf dem Markt gibt es allerhand Produkte, die von den Pflanzungen kommen, wie Bananen, Kokosnüsse, Apfelsinen, Mango, Stafeli-Früchte, Kangadja, trinkbare Kokosnüsse, Limonen, Fenessi-Früchte, Zitronen, Ananas, Guayaven, Pomeranzen, Mandarinen, Zambarau-Pflaumen, Granatäpfel, Papayen, Toffaha-Äpfel, Schokschoki-Früchte, Bibo-Früchte, Pampelmusen, Tamrinden, Duriyani-Früchte, Topetope-Früchte, Kasawa, Mais, kleine und große Bataten, und alle Sorten Gemüse.
    Waren aus der Stadt, die zum Markt gebracht werden, sind Waffen wie Schwerter und Gewehre, Stöcke, Regenschirme, Kleider wie Lendentücher, Oberhemden, Mützen, Röcke und Beinkleider. Ferner Frauengegenstände wie Kang-Tücher, Frauenhemden, Beinkleider, seidene Kopftücher, schwarze Kopfschleier, Kugelarmbänder, Halsketten, Fußspangen, glatte Armbänder, Handschmuck, Ringe, Nasenstifte, Nasenschmuck aus Gold und goldener Halsschmuck. Es werden auch Tabletts hingebracht und Teller, Schüsseln, Kisten, Bettstellen, Matratzen, Kissen, Spiegel, Teppiche und Messer. Man kann alles auf dem Markt kaufen und bekommt es billiger als in den Läden, da es eben verseigert wird.
    Manche Passagiere gehen auch auf die Pflanzungen, um sich die Nelken- und Kokosbäume anzusehen. Wenn man dort hingeht und sich den Nelkenpflanzungen zur Zeit des Fruchttragens nähert, so merkt man den Geruch schon von weitem. Ungefähr eine halbe Stunde weit reicht ihr Duft. Und wenn man noch fern ist und die Bäume sieht, gefallen sie einem sehr, so schön stehen sie da, ganz gerade mit nach oben gerichteten Zweigen. Betritt man eine solche Nelkenpflanzung mit vielen Bäumen, so findet man großen Gefallen daran, wie sie so gleichmäßig in Reihen dastehen. Auf allen Seiten trifft man gleich hohe Bäume, denn sie sind in demselben Jahre gepflanzt.
    Zur Erntezeit werden eines Tages Leute eingeladen, die mit Trommeln, Spielen und Tanzen die Nelkenernte zum Steueramt bringen, um die Steuer zu entrichten. Dann werden sie entweder zum Eigentümer nach Hause gebracht, oder aber dieser einigt sich gleich mit einem Kaufmann dort im Steueramt, der sie kauft. In der ganzen Stadt Zanzibar ist dieser Nelkengeruch bemerkbar, wohin man sich auch begibt.

Velten, Carl
Schilderungen der Suaheli von Expeditionen v. Wissmanns, Dr. Bumillers, Graf v. Götzens und anderer
Göttingen 1901

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