Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1855 - Livingstone entdeckt die Victoria-Fälle
Simbabwe/Sambia

   Da dies die Stelle war, wo wir uns nach Nordosten wenden wollten, beschloß ich am folgenden Tage, die Viktoria-Fälle zu besuchen, die von den Eingeborenen Mosioatunya, oder früher Schongwe genannt wurden. Von diesen Fällen hatten wir oft gehört, seit wir in das Land gekommen, und Sebituane richtete wirklich die Frage an uns: »Habt ihr Rauch in eurem Lande, welcher tost?« Sie gingen nicht nahe genug, um sie zu untersuchen; sie blickten sie nur mit Staunen aus der Ferne an und sagten in bezug auf den Rauch und den Lärm: »Mosi oa tunya« (d. h. hier tost Rauch). Früher hieß der Ort Schongwe; die Bedeutung dieses Namens kenne ich nicht. Das Wort, welches Topf bedeutet, klingt ähnlich, und vielleicht soll es heißen: siedender Kessel; aber ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. In der Überzeugung, daß Oswell und ich die einzigen Europäer waren, welche je den Zambesi im Zentrum des Landes besuchten, und daß diese Stelle das Bindeglied zwischen dem bekannten und unbekannten Teil des Flusses ist, nahm ich mir dieselbe Freiheit wie die Makololo und gab dem Wasserfall einen englischen Namen; es ist der einzige Fall, in dem ich in diesem Teil des Landes einen Ort benannte. Es gibt keinen besseren Beweis dafür, daß dieser Fluß früher unbekannt war, als daß ein Herr, der nie gereist, der aber einen großen Teil seines Lebens mit dem Studium der Geographie Afrikas zugebracht und alles kannte, was von Ptolemäus an über diese Gegend geschrieben war, wirklich, während ich auf dem Roten Meere fuhr, im Athenäum behauptete, dieser prächtige Fluß, der Leeambye, stehe mit dem Zambesi nicht in Verbindung, sondern fließe unter der Kalahari-Wüste hin und verschwinde; ferner, der Zambesi entspringe, wie alle alten Karten zeigen, auf eben den Hügeln, zu denen wir jetzt gekommen sind. Diese bescheidene Behauptung ist ungefähr so, wie wenn ein Eingeborener von Timbuktu erklärte, die Themse und der Pool seien verschiedene Flüsse, während er weder den einen noch den andern gesehen. Leeambye und Zambesi haben aber ganz dieselbe Bedeutung, nämlich Fluß.
   Sekeletu wollte mich begleiten; da aber nur ein Kahn anstatt zwei gekommen waren, so verzichtete er darauf. Nach zwanzig Minuten Fahrt von Kalai aus sahen wir zum ersten Male die Rauchsäulen, die sich in einer Entfernung von 5-6 Meilen erhoben, gerade wie wenn große Strecken Gras in Afrika angebrannt werden. Es stiegen fünf Säulen auf, deren Spitzen sich mit den Wolken zu vermischen schienen. Unten waren sie weiß, höher aber wurden sie dunkel, so daß sie fast wie Rauch aussahen. Die ganze Szene war außerordentlich schön; die Ufer und die auf dem Fluß verstreuten Inseln sind mit Waldbäumen der verschiedensten Farben und Gestalt geschmückt.
   Während unseres Besuchs blühten mehrere Bäume. Jeder Baum hat seine eigene Physiognomie. Hier steht über alle erhaben der große starke Baobab, von dessen Armen jeder einzelne den Stamm eines ansehnlichen Baumes abgeben könnte, neben Gruppen schlanker Palmen, welche mit ihren federartigen Zweigen, die sich am Himmel abspiegeln, viel zur Verschönerung der Szene beitragen. Wie mit Hieroglyphenschrift rufen sie dem Beschauer fast immer die Worte zu: „Weit von der Heimat“, denn sie geben jedem Gemälde, fast jeder Landschaft ein fremdländisches Aussehen.
   Der silberfarbige Mohonono, der in den Tropen die Zeder des Libanon vertritt, bildet einen angenehmen Kontrast zu dem dunkelfarbigen Motsuri, der wie eine Zypresse gestaltet und jetzt mit schönen scharlachroten Früchten bedeckt ist. Manche Bäume sind auch großen Eichen ähnlich, andere unseren Ulmen und Kastanienbäumen; aber niemand kann sich nach dem Schönsten, was er anderwärts gesehen, den schönen Anblick vergegenwärtigen. Noch kein Europäer vor mir ist hierher gekommen, aber so liebliche Szenen müssen selbst von den Engeln auf ihrer Flucht angestaunt worden sein. Das einzige, was man vermißt, ist ein Hintergrund mit Bergen.
   Die Fälle sind auf drei Seiten von 300-400 Fuß hohen Bergketten eingeschlossen, die mit Waldbäumen bedeckt sind, zwischen denen der rote Erdboden durchschimmert. Etwa eine halbe Meile von den Fällen ließ ich den Kahn zurück, mit dem ich bis hierher gekommen war, und bestieg einen leichteren mit Leuten, die mit den Fällen genau bekannt waren, und, in der Mitte des Stromes fahrend, zwischen hervorstehenden Felsen hindurch, mich an eine Insel brachten, die hart am Rande des Abgrunds lag, über welchen das Wasser hinunterstürzte. Hier war Gefahr, von der Strömung zu beiden Seiten der Insel mit fortgerissen zu werden; aber der Fluß war jetzt niedrig, und wir fuhren an eine Stelle, wo es, wenn das Wasser hoch ging, ganz unmöglich war zu fahren. Aber obwohl wir die Insel erreicht hatten und nur wenige Ellen von der Stelle entfernt waren, von wo aus ein Blick das ganze Rätsel lösen sollte, so glaube ich doch, daß niemand sehen kann, wohin die Wassermasse geht, sie schien sich in der Erde zu verlieren, da die gegenüberliegende Seite des Spaltes, in der sie verschwand, nur 80 Fuß entfernt war. Wenigstens konnte ich mir es nicht erklären, bis ich voll Scheu bis an den äußersten Rand kroch und in einen großen Spalt schaute, der von einem Ufer des Zambesi bis zum andern reichte; da sah ich, daß der Strom etwa 1.000 Ellen breit war, 100 Fuß tief hinunterstürzte und dann plötzlich in einem Raume von 15-20 Ellen eingeengt wurde. Die Fälle sind nichts weiter als ein Riß in den harten Basaltfelsen vom rechten nach dem linken Ufer des Zambesi, der sich am linken Ufer noch etwa dreißig bis vierzig Meilen weit fortsetzt. Wenn man rechts von der Insel in den Spalt hinunterblickt, sieht man nichts als eine dichte weiße Wolke, auf welcher sich, als wir dort waren, zwei glänzende Regenbogen zeigten. Aus dieser Wolke erhob sich eine große Dunstsäule 200-300 Fuß hoch, welche dicker wurde, die Farbe von dunklem Rauch annahm und in einem dichten Regen herunterfiel, der uns bald bis auf die Haut durchnäßte. Dieser Regen fällt namentlich auf der entgegengesetzten Seite des Spaltes, und wenige Ellen vom Rande steht eine Gruppe immergrüner Bäume, deren Blätter stets naß sind. Von ihren Wurzeln rieseln eine Unzahl kleiner Bäche in den Abgrund zurück; aber während sie an der steilen Wand herabrinnen, leckt sie die aufsteigende Dunstsäule rein vom Felsen weg, und sie steigen wieder empor. Sie fließen beständig hinunter, aber erreichen nie den Boden.
   Ich sagte oben, daß wir fünf Dunstsäulen aus dem geheimnisvollen Abgrunde aufsteigen sahen. Sie werden offenbar durch das Aufschlagen des herabstürzenden Wassers in den nicht nachgebenden spaltförmigen Raum gebildet. Von den fünf Säulen waren zwei zur Rechten und eine zur Linken der Insel die größten. Es war jetzt niedriger Wasserstand im Leeambye, aber soweit ich es beurteilen konnte, war es ein 500-600 Ellen breiter, am Rande des Abgrunds wenigstens 3 Fuß tiefer Strom.
   An drei Stellen nahe an diesen Wasserfällen, darunter auch auf der Insel in der Mitte des Stroms, auf welcher wir uns befanden, richteten drei Batoka-Häuptlinge Gebete und Opfer an die Barimo. Sie beteten mitten im Tosen des Wasserfalls, im Angesicht des glänzenden Regenbogens in den Wolken. Sie müssen mit Ehrfurcht auf die Szene blicken. Furcht mag sie zur Wahl dieses Ortes bestimmt haben. Der Fluß selbst ist geheimnisvoll für sie. Die Schiffer singen: »Leeambye, niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht.« Das Farbenspiel des doppelten Regenbogens in den Wolken, das sie sonst nur am Himmel bemerkten, mag sie auf den Gedanken gebracht haben, daß dies die Wohnung der Gottheit sei. Einige Makololo, die mit mir nach Gonye kamen, betrachteten diese Erscheinung mit gleicher Ehrfurcht. Den Regenbogen am Himmel nennen sie Motse oa barimo, d. h. Götterstab.
   Nachdem ich mich an dem schönen Anblick ergötzt hatte, kehrte ich zu meinen Freunden in Kalai zurück, und als ich Sekeletu sagte, er habe nichts Sehenswerteres in seinem Lande, bekam er auch Lust, am nächsten Tage hinzugeben. Ich begleitete ihn, um auf der Insel Beobachtungen anzustellen, aber der Himmel war ungünstig; daher beziehen sich meine Beobachtungen nur auf Kalai (17° 51' 54" südlicher Breite, 25° 41' östlicher Länge). Sekeletu gestand, er habe Angst, daß er von dem Abgrund verschlungen werden möchte, ehe er noch die Insel erreichte. Seine Begleiter warfen zum Vergnügen Steine hinunter und wunderten sich, daß sie in Stücke sprangen und selbst verschwanden, ehe sie noch den Boden erreichten.
   Auf dieser Rückfahrt sahen wir die Hütte auf der Insel, wo meine Sachen so lange in Sicherheit gelegen hatten. Sie stand unter einer Gruppe Palmbäume, und Sekeletu sagte mir, die meisten der Makololo seien so fest davon überzeugt gewesen, daß gefährliche Zaubermittel in den Paketen wären, daß sie dieselben gewiß nicht angerührt haben würden, wenn ich ihnen nicht das Gegenteil gesagt hätte. Einige ihrer Wahrsager hatten so entschieden ihre Behauptungen ausgesprochen, daß die Leute, welche einen Sack aufhoben, glaubten, eine lebendige junge Ziege darin zu fühlen.
   Ich sah die Falle bei niedrigem Wasserstande und die Dunstsäulen in einer Entfernung von 5-6 Meilen. Bei hohem Wasserstande soll man die Säulen 10 Meilen weit sehen, und man hört das Tosen bis über Kalai hinaus, das etwa ebenso weit entfernt liegt. Dann kann aber niemand die Insel im Strom besuchen. Dies darf ein Reisender, der nach mir hinkommt und seine Beschreibung mit der meinigen vergleicht, nicht unberücksichtigt lassen.

Livingstone; David
Missionsreisen und Forschungen in Süd-Afrika
2. Band, Leipzig 1858

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