Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Winter 1922 / 23 - Howard Carter
Das Grab des Tutanchamun
Tal der Könige

Mitte Februar war unsere Arbeit in der Vorkammer beendet. Mit Ausnahme der beiden wachehaltenden Statuen, die wir in bestimmter Absicht stehengelassen hatten, war alles in das Laboratorium gebracht worden. Jeder Zoll des Bodens war gekehrt und nach der letzten Perle durchsiebt worden. Die Vorkammer war nun vollständig ausgeräumt und leer. Endlich waren wir so weit, das Geheimnis der versiegelten Tür zu lösen.
   Dafür wurde Freitag, der 17. Februar festgesetzt. Der Verabredung gemäß trafen sich um zwei Uhr vor dem Grab alle, die bevorzugt waren, bei der Feierlichkeit zugegen zu sein. Zu ihnen gehörten Lord Carnavon, Lady Evelyn Herbert, der Minister der öffentlichen Arbeiten, Exzellenz Abd el Halim Pascha Suliman, der Generaldirektor der Altertümerverwaltung, Lacau, Sir William Gastin, Sir Charles Gust, der Leiter der ägyptischen Abteilung am Metropolitan Museum in New York, Lythgoe, Professor Breasted, Dr. Alan Gardiner, Winlock, Mervyn Herbert, Richard Bethell, der Generalinspektor der Altertümerverwaltung, Engelbach, drei ägyptische Inspektoren der Altertümerverwaltung, der Vertreter der Regierungspresse und die Mitglieder unseres Stabes - im ganzen etwa zwanzig Personen.
   Um viertel nach zwei Uhr war die ganze Gesellschaft versammelt; wir entledigten uns unserer Röcke und zogen den schrägen Gang ins Grab hinunter.
   In der Vorkammer war alles vorbereitet. Sie muß denen, die sie seit der Öffnung des Grabes nicht wieder besucht hatten, einen seltsamen Anblick geboten haben. Um die Statuen vor Schaden zu schützen, hatten wie sie mit Brettern verkleidet. Zwischen ihnen hatten wir eine kleine Plattform errichtet, gerade hoch genug, um an den oberen Teil der versiegelten Tür reichen zu können, denn wir hatten uns entschlossen, von oben nach unten zu arbeiten, weil es der sicherste Weg war. In geringer Entfernung hinter der Plattform war eine Schranke, und hinter ihr hatten wir Stühle für die Zuschauer aufgestellt in der Voraussetzung, daß die Arbeit mehrere Stunden dauern könne. Auf jeder Seite waren Gestelle für unsere Lampen angebracht, deren volles Licht auf die Tür fiel. Denken wir jetzt daran zurück, so können wir uns vorstellen, was für ein seltsames Bild die Kammer geboten haben muß! Ich glaube aber nicht, daß uns damals solche Gedanken kamen. Nur eins wußten wir: Dort vor uns war die versiegelte Tür, und wenn wir sie jetzt öffneten, so würden wir Jahrtausende überbrücken. Wir würden uns in Gegenwart eines Königs befinden, der vor dreitausend Jahren herrschte. Als ich die Plattform bestieg, waren meine eigenen Gefühle seltsam gemischt und meine Hand zitterte, als ich den ersten Schlag führte.
   Zuerst suchte ich den hölzernen Querbalken über der Tür, brach dann den Mörtel sehr vorsichtig ab und nahm die kleinen, die oberste Schicht bildenden Steine heraus. Die Versuchung, jeden Augenblick innezuhalten und hineinzuschauen, war unbezwinglich! Nachdem ich, nach ungefähr zehn Minuten, ein Loch gemacht hatte, das groß genug war, führte ich eine kleine elektrische Lampe hindurch. Staunenerregendes enthüllte ihr Licht! Kaum einen Meter von der Tür entfernt, stand dort etwas, was sich so weit wie man nur sehen konnte erstreckte und den Eingang in die Kammer versperrte. Allem Anschein nach war es eine Mauer aus massivem Gold!
   Für den Augenblick wußten wir nicht, welche Bewandtnis es mit dieser Mauer habe. Ich ging deshalb an, das Loch so schnell zu erweitern, wie ich es nur wagen konnte. Das war ziemlich schwierig, da die Mauer nicht aus gleichförmigen, viereckigen und gleichmäßig aufeinandergelegten Steinblöcken bestand, sondern aus rohen Stücken in verschiedener Größe, einige so schwer, daß man alle Kraft anwenden mußte, um sie zu heben. Wenn das auf den Steinen von oben ruhende Gewicht entfernt wurde, kamen viele in eine so gefährliche unsichere Lage, daß die geringste falsche Bewegung sie hätte ins Innere auf den Inhalt der Kammer stürzen lassen. Außerdem versuchten wir, die Siegelabdrücke auf dem dicken Mörtel der Tür zu erhalten, was die Schwierigkeit bedeutend erhöhte, die Steine zu entfernen. Mace und Callender halfen mir jetzt, und jeder Stein wurde nach einem regelrechten Plan entfernt. Mit einem Stemmeisen lockerte ich ihn leicht, während Mace ihn hielt, damit er nicht herunterfiel; dann hoben wir ihn beide heraus und reichten ihn Callender zu, der ihn an einen Vorarbeiter weitergab. Dieser wieder gab ihn weiter durch eine Kette Arbeiter den Gang hinauf und ganz aus dem Grab hinaus.
   Nach der Entfernung einiger weniger Steine war das Geheimnis der goldenen Mauer gelöst. Wir waren am Eingang der Sargkammer des Königs! Was uns den Weg versperrte, war die Wand eines riesigen Schreins, erbaut, um den Sarg zu decken und zu schützen. Jetzt konnten auch die Zuschauer in der Vorkammer diesen Schrein im Schein der Lampen sehen. Wie ein Stein nach dem anderen entfernt wurde und die goldene Außenseite des Schreins allmählich sichtbar wurde, konnten wir wie durch eine elektrische Leitung das Prickeln spüren, in das die Zuschauer hinter der Schranke gerieten. Wir die wir arbeiteten, waren wahrscheinlich weniger erregt, denn unsere ganze Kraft wurde durch unsere Aufgabe in Anspruch genommen – die Mauer ohne Unfall einzureißen.
   Wenn ein einziger Stein auf die empfindliche Oberfläche des Schreins gefallen wäre, hätte er unersetzlichen Schaden anrichten können. Sobald daher das Loch groß genug war, sorgten wir für vermehrten Schutz, indem wir eine Matratze hinter die Tür hingen. Zwei Stunden schwerer Arbeit brauchten wir, um die versiegelte Tür oder wenigstens so viel davon, als für den Augenblick nötig war, niederzureißen. An einer Stelle, nahe am unteren Ende, mußten wir mit der Arbeit für eine Weile innehalten, um die zerstreuten Perlen einer Halskette zu sammeln, die die Plünderer aus der inneren Kammer geholt und auf der Schwelle hatten fallen lassen. Das war eine schwere Geduldsprobe für uns, denn es ging langsam, und wir waren alle äußerst gespannt auf das, was sich in der Sargkammer befinden mochte. Aber endlich war auch diese Arbeit erledigt, die letzten Steine wurden entfernt, und der Weg in die innerste Sargkammer lag offen vor uns.
   Während wir die Steine der versiegelten Tür forträumten, hatten wir bereits bemerkt, daß der Boden der Sargkammer über einen Meter tiefer als der der Vorkammer lag. Da sich zwischen Tür und Schrein nur wenig Raum befand, war es also keineswegs leicht, die Sargkammer zu betreten. Zum Glück war dieser Teil der Kammer frei von Fundstücken. Ich konnte mich deshalb hinablassen und rückte mit der tragbaren Lampe in der Hand vorsichtig bis an die Ecke des Schreines vor und schaute dahinter. An der Ecke versperrten zwei schöne Alabastergefäße den Weg; aber ich sah, daß wir ungehindert bis an das Ende der Kammer gelangen konnten, wenn diese entfernt wurden. Ich nahm sie daher weg, nachdem ich sorgfältig die Stelle, an der sie standen, bezeichnet hatte – mit Ausnahme des Prunkbechers des Königs waren sie aus schönerem Material und von anmutigerer Form als irgendein bis jetzt entdecktes Fundstück –, und reichte sie rückwärts in die Vorkammer. Lord Carnavon und Lacau folgten mir jetzt. Wir tasteten uns vorsichtig in den engen Gang zwischen Schrein und Mauer entlang und ließen den Draht unserer Lampe nachlaufen.
   Es war ohne allen Zweifel die Sargkammer, in der wir standen. Vor uns türmte sich einer der großen vergoldeten Schreine auf, unter die die Könige gelegt wurden. So ungeheuer war dieses Bauwerk (wie wir später fanden: 5 : 3,3 :2,73 m hoch), daß es fast die ganze Kammer ausfüllte; nur ein Zwischenraum von ungefähr 65 cm trennte es an allen vier Seiten von den Wänden, während sein Dach fast bis zur Decke reichte.
   Von oben bis unten war es mit Gold überzogen, und in seine Seiten waren Füllungen aus leuchtend blauer Fayence eingelassen, auf denen wieder und wieder die Zauberzeichen dargestellt waren, die ihm Stärke und Sicherheit verleihen sollten. Auf dem Boden rund um den Schrein standen Totengaben, und an der Nordseite fanden sich die sieben magischen Ruder, die der König brauchte, um sich über die Gewässer der Unterwelt fahren zu lassen. Die Wände der Kammer waren, ungleich denen der Vorkammer, mit bunten Darstellungen und Inschriften in leuchtenden Farben, aber anscheinend etwas flüchtig in der Ausführung geschmückt.
   Diese letzten Einzelheiten müssen uns erst später aufgefallen sein, für den Augenblick war unser einziger Gedanke nur der Schrein und seine Unversehrtheit. Waren die Diebe in ihn eingedrungen und hatten sie die Grabstätte des Königs erbrochen? An der Ostseite waren die großen Flügeltüren verschlossen und verriegelt, aber nicht versiegelt. Sie mußten uns die Frage beantworten! Eilig zogen wir die Querriegel zurück und schlugen die Türen auf. Im Innern befand sich ein zweiter Schrein mit ähnlich verriegelten Türen, und auf diesen Riegeln befand sich ein unversehrtes Siegel! Wir beschlossen, die Siegel nicht zu erbrechen, denn unsere Zweifel waren behoben, und wir konnten nicht weiter eindringen, ohne da Denkmal zu gefährden. Ich glaube, in diesem Augenblick wünschten wir gar nicht, das Siegel zu lösen, denn schon beim Öffnen der Türen fühlten wir uns als Eindringlinge. Dieses Gefühl wurde vielleicht durch den ergreifenden Eindruck eines gelben, mit Rosetten verzierten leinenen Bahrtuches verstärkt, das über den inneren Schrein herabhing. Wir fühlten, daß wir in Gegenwart des toten Königs waren und ihm Ehrfurcht erweisen mußten. In unserer Phantasie konnten wir die Türen der nachfolgenden Schreine sich eine nach der andern öffnen sehen, bis der allerinnerste den König selbst enthüllte. Sorgfältig und so leise wie möglich schlossen wir die große Flügeltür und schritten weiter zum anderen Ende der Kammer.
   Dort erwartete uns eine Überraschung, denn östlich von der Sargkammer gewährte eine niedrige Tür Einlaß zu einer weiteren Kammer, die kleiner als die äußeren und nicht so hoch war. Dieser Durchgang war, ungleich den anderen, weder verschlossen noch versiegelt. Von unserem Standpunkt aus war es möglich, eine genaue Übersicht über den Inhalt dieser neuen Kammer zu gewinnen. Ein einziger Blick genügte, um uns zu zeigen, daß sich hier die größten Schätze des Grabes befanden. Dem Eingang gegenüber, an der anderen Seite, stand das schönste Denkmal, das ich jemals gesehen habe – so wunderbar schön, daß man vor Staunen und Bewunderung den Atem anhielt! In der Mitte dieses Denkmals stand ein großer schreinartiger Kasten, der ganz und gar mit Gold überzogen und von oben von einer Hohlkehle aus Uräusschlangen abgeschlossen war. Ihn umgaben freistehende Standbilder der vier Schutzgöttinnen der Toten, anmutige Gestalten mit schützend ausgebreiteten Armen, so natürlich und lebendig in ihrer Haltung, so voll Mitgefühl und Erbarmen im Ausdruck ihrer Gesichter, daß man das Anschauen fast als Entweihung empfand. Jede dieser Schutzgöttinnen schützte den Schrein an einer Seite. Während aber zwei ihren Blick fest auf das ihrer Obhut Anvertraute gerichtet hatten, war den anderen beiden ein Ausdruck ergreifender Natürlichkeit verliehen. Sie schauten, ihre Köpfe zur Seite wendend, über die Schultern nach dem Eingang, als ob sie vor einer Überraschung Wache hielten. Es liegt eine schlichte Größe über diesem Denkmal, und ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß es mir unmöglich war, auch nur ein Wort herauszubringen. Ohne Zweifel ist es der Schrein, der die Kanopen enthält, die Krüge, die eine so wichtige Rolle bei den Einbalsamierungsgebräuchen spielen.
   Noch eine Anzahl anderer wunderbarer Sachen befand sich in der Kammer. Aber damals wurde es uns schwer, sie genauer anzusehen, so unwiderstehlich wurden unsere Augen von den lieblichen kleinen Göttinnen angezogen. Unmittelbar vor dem Eingang lag die Gestalt des Schakalgottes Anubis auf seinem Schreine, in leinene Gewänder gehüllt und auf einem tragbaren Schlitten, und hinter ihm der Kopf eines Stieres auf einem Untersatz – beides Sinnbilder der Unterwelt. An der Südwand der Kammer standen viele schwarze Schreine und Kasten, die alle verschlossen und versiegelt waren, außer einem, dessen geöffnete Türen Statuen Tutanchamuns auf schwarzen Leoparden stehend enthüllten. An der Rückwand standen noch andere schreinartige Kasten und Miniatursärge aus vergoldetem Holz, die zweifellos Totenstatuetten des Königs enthalten. In der Mitte der Kammer zur Linken des Anubis und des Stieres stand eine Reihe prächtiger Kasten aus Elfenbein und Holz, mit Gold und blauer Fayence eingelegt und verziert; ein anderer, dessen Deckel wir aufhoben, enthielt einen herrlichen Fächer aus Straußenfedern mit elfenbeinernem Griff, so frisch und fest, als o er gerade angefertigt worden wäre. In verschiedenen Teilen der Kammer zerstreut befand sich eine Anzahl Schiffsmodelle, vollständig mit Segeln und Tauwerk versehen, und an der Nordseite noch ein Wagen.
   Das war nach dem schnellen Überblick der Inhalt der Schatzkammer. Wir suchten ängstlich nach Anzeichen von Plünderungen, aber äußerlich waren keine zu sehen. Ohne Zweifel müssen die Diebe eingedrungen sein, aber sie können höchstens zwei oder drei Kasten geöffnet haben. Die meisten Kasten tragen, wie gesagt, noch ihre unversehrten Siegel, und alle Gegenstände in der Kammer befinden sich, zum Glück ganz im Gegensatz zu denen der Vor- und Seitenkammer, noch genau an demselben Platz, an den sie zur Zeit der Bestattung gestellt worden sind.
   Wieviel Zeit wir zu diesem ersten Überblick über die Wunder des Grabes brauchten, vermag ich nicht zu sagen, aber sie muß denen endlos erschienen sein, die in der Vorkammer harrten. Nicht mehr als drei auf einmal konnten mit Sicherheit eingelassen werden, und nachdem Lord Carnavon und Lacau herausgekommen waren, gingen die anderen paarweise hinein: zuerst Lady Evelyn Herbert, als einzige anwesende Dame, mit Sir William Garstin, und dann nacheinander die übrigen. Es war interessant, von der Vorkammer aus zu beobachten, wie sie einer nach dem andern in der Tür auftauchten. Allen glänzten die Augen, und alle nacheinander erhoben ihre Hände, wie in unbewußter Unfähigkeit, mit Worten die Wunder zu beschreiben, die sie sahen. Ja, sie waren nicht zu beschreiben und hätten uns auch Worte zur Verfügung gestanden, so war doch die Bewegung zu tief, die sie in uns erweckten, um sie anderen mitteilen zu können. Es war ein Erlebnis, das keiner von uns Anwesenden sicherlich jemals vergessen kann, denn in unserer Phantasie waren wir bei den Bestattungsfeierlichkeiten eines längst verstorbenen und fast vergessenen Königs zugegen gewesen. Ein Viertel nach zwei Uhr waren wir in das Grab hinuntergestiegen, und als wir drei Stunden später erhitzt, staubig und ermüdet wieder heraus ans Tageslicht traten, erschien uns das Tal selbst verändert und in einem besonderen Licht. Uns war die Freiheit wiedergegeben.

Carter, Howard; Mace, A.C.
Tut-ench-amun. Ein ägyptisches Königsgrab
Band 1, Leipzig 1924

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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