Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

847 - Alfred Brehm
Auf einer Barke zu den Königsgräbern

Am Nachmittag des 28. September bestiegen wir mit den geistlichen Herren und ihrer Begleitung eine große, bequeme Nilbarke, die, bereits mit unserem Gepäck beladen, im Hafen Bulaks lag. Zur Zeit der Abreise aller Araber, zum Assr oder zwei Stunden vor Sonnenniedergang, flog sie vor einem frischen Nordwinde dem Strom entgegen. Mit krachenden Salven nehmen wir von Kairo Abschied. Uns ist wehmütig ums Herz. Aber die Begierde, fremde Länder zu sehen, ist noch mächtiger. Wir bemerken mit Vergnügen, wie eines der Häuser Bulaks nach dem anderen verschwindet. Balsamischer Duft weht von der Insel Roda herüber. Die noch vor kurzem in der Sonne glühenden Minaretts der Zitadelle hüllen sich in das Dunkel der Nacht, wir passieren Alt-Kairo, die Stadt der Kalifen entschwindet dem Auge. Mit der Nacht erschlafft der Wind, nur leise strömt er noch in die geöffneten Segel, leise plätschern die Wellen am Bug des Schiffes, melodisch hallt des heiligen Stromes Sprache in unserem Innern wider.
   Man kann sich wirklich keine angenehmere Reise denken als die auf einer Nilbarke, wenn man in Gesellschaft und mit allem Nötigen wohlversehen ist. Bei längeren Nilreisen mietet man das Schiff mit seiner Mannschaft auf unbestimmte Frist. Für eine monatlich zu zahlende Summe schwimmt man ganz nach Belieben auf dem Weltstrome herum, ist vollkommen sein eigener Herr, kann seine Reise ausdehnen oder abkürzen, wie man will, und findet in allen Städten Ägyptens das Unentbehrlichste an Nahrungsmitteln. Für tausend Piaster monatlich kann man schon eine recht hübsche Dahabie mit Bemannung mieten, doch gibt es auch sehr kostbar ausgestattete Barken für luxuriösere Reisende.
   Die Einrichtung der Segelbarken ist immer dieselbe. Mehr als die Hälfte ihrer ganzen Länge nimmt die Kajüte in Anspruch, der übrige, gegenüber dem Fußboden der Kajüte erhöhte Teil beherbergt die Matrosen und das Reisegepäck. Bis zum Mittelmast ist das Deck noch zur Benutzung der Reisenden bestimmt.Es wird bis dahin mit einem Sonnendach überdeckt, unter dem man sich aufhält, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Am Vordermast steht die Küche, ein durch einen Bretterkasten vor dem Wind geschätzter Kochherd oder eine Kochmaschine. Zwischen Vorder- und Mittelmast befinden sich die Ruderbänke. Am Bug des Schiffes ist der Sitz des das Fahrwasser prüfenden Reis. Auf dem Dach der Kajüte steht der durch den Reis befehligte »Mustamel« oder Steuermann, zwischen Vorder- und Mittelmast sitzen die der Segel wartenden Matrosen. Die Masten sind verhältnismäßig kurz, haben aber ungemein lange Rahen, an denen dreieckige, sogenannte lateinische Segel befestigt sind. Diese müssen je nach der Windrichtung und Fahrt oft gewendet werden, wobei auch die Segelstange jedes Mal auf die andere Seite des Mastes gedreht wird. Bei niederem Nilstande und starkem Wind hält ein Matrose das Seil, mit dem das Segel gespannt wird, um es sogleich freilassen zu können, wenn das Schiff, wie es sehr häufig geschieht, auf Grund gefahren ist. Dann entkleiden sich alle Matrosen mit großer Geschwindigkeit, springen ins Wasser und schieben die Barke mit manchem Seufzer und einem unnachahmlichen, taktmäßigen Gestöhn wieder in besseres Fahrwasser. Gewöhnlich hat die Dahabie zwei große und ein kleines Segel, das auf einem durch verlängerte Planken am Stern gebildeten Anhängsel steht. Die Kajüte der Dahabien ist in drei bis vier Zimmerchen eingeteilt, von denen eines das Empfangs-, das zweite das Wohnzimmer, das dritte einen Waschraum und das vierte endlich das Schlafzimmer oder den »Harem« darstellt, in dem die Orientalen ihre weibliche Reisegesellschaft beherbergen.Auf den großen Gesellschaftsdahabien enthalten die Kajüten wohl auch Tische, Stühle, Schränke, Truhen und dergleichen häusliche Gerätschaften und werden dann nur um so wohnlicher.
   Nächst den unserem europäischen Geschmack zusagenden Proviantvorräten, die man in Kairo mitnimmt, darf man die Wasserkühlgefäße nicht vergessen.Seit undenklichen Zeiten versteht man in Ägypten Tonkrüge zu fertigen, die durch ihre sehr feinen Poren immer eine geringe Menge der in ihnen enthaltenen Flüssigkeit durchschwitzen lassen. Diese überzieht dann den Krug von außen mit einer sehr feinen, beständig verdunstenden und dadurch das Gefäß und seinen Inhalt kühlenden Schicht. Man unterscheidet zwei Sorten von Krügen, den »Sir« und die »Khula«. Der erste dient dazu, eine große Menge des frisch geschöpften Nilwassers zu klären und zu kühlen, die zweite, um das schon gereinigte Wasser möglichst frisch zu halten.
   Unsere Reise durch Oberägypten gewann mit jedem Tag an Interesse. Weite, fruchtbare, jetzt im Frühlingsgrün stehende Saatfelder, fruchtbeschwerte, in großen Wäldern vereinigte Dattelpalmen, Dörfer und Städte, öde liegende, vom Riedgras in Besitz genommene Strecken guten Ackerlandes, den beiden Wüsten des Landes angehörende Sandebenen, kahle Gebirge mit jäh abstürzenden Felspartien oder geröllbedeckten Berghängen, Trümmer von altägyptischen Tempeln und Ruinen verfallener Wohnsitze wechseln hier in bunter Reihe ab. Der Vergnügungsreisende hat Zeit genug, alles Merkwürdige zu besichtigen. Wir, von der Mission abhängend, konnten nur die Morgenstunden den Besuchen des festen Landes widmen, mit denen wir zugleich die Jagd verbanden. Ehe noch die Sonne über die Nilgebirge heraufstieg, verließen wir das Schiff und wanderten ihm voran, stromaufwärts. Wir jagten in der erfrischenden Kühle des Morgens mit ebenso viel Genuß wie Glück. Ägypten war damals für mich noch eine neue Welt, jeder mir noch wenig bekannte Vogel ein köstlicher Fund. Der Naturaliensammler und Forscher genießt in fremden Landen täglich neue Freuden; ich lebte nur der Jagd. Gewöhnlich waren wir in kurzer Zeit so reich mit Beute beladen, daß wir zu der Barke zurückkehren konnten, die mit dem inzwischen aufgekommenen Wind heransegelte. Der Wind war uns übrigens während der ganzen Reise günstig. Schon seit mehr als einem Monat wehten die regelmäßigen Nordwinde, jene unter dem Namen »Passatwinde« bekannten Luftströmungen herrschen auch in Ägypten.Die für die Schifffahrt auf dem Nil äußerst nützlichen Nordwinde beginnen hier gewöhnlich erst Mitte Oktober und dauern bis Ende März oder Anfang April. In diesem Jahre waren sie aber schon früher eingetreten.
   Am 12. Oktober legten wir in der Nähe der Ruinen des hunderttorigen Theben, bei dem Dorfe Luxor an. Elende Fellachenhütten stehen in und auf einem Tempelportale. Das Dorf selbst verbirgt dem Auge viele Denkmäler. Es ist nicht meine Absicht, die in vielen Werken gegebene Beschreibung der Ruinen von Luxor und Karnak, Kurnu und Medinet Habu zu wiederholen. Ich werfe nur flüchtige Blicke auf sie und teile das mit, was ich bei ihrer Besichtigung empfand.
   Alle ägyptischen Monumente sind großartig, aber steif und tot. Die griechischen Tempel und die anderen Denkmäler der Baukunst und Bildhauerei erwärmen und begeistern mit ihren lebensvollen Formen das Herz des Beschauers. Wer diese gesehen, den lassen jene kalt. Nach meiner persönlichen Ansicht gibt es nur drei wirklich erhabene Denkmäler altägyptischer Baukunst: die Pyramiden, die Königsgräber und die Felsentempel von Abu Simbel.An allen übrigen Monumenten Ägyptens sind die zum Bau verwendeten riesigen Werkstücke, die mit unübertroffener Schärfe und Genauigkeit, aber ohne jeden Begriff von Perspektive eingemeißelten Hieroglyphenreihen von höchstem Interesse, die großartigen Anlagen der Werke sind staunenerregend, aber nur das Kolossale, nicht die Formen, erscheint bewundernswert. Die Bilder der heiligen altägyptischen Schrift verschwinden neben griechischen Skulpturen, selbst neben Arabesken, die ernsten Kolosse verblassen neben den lebensfrischen Statuen der Griechen. In diesen spiegelt sich die blumenreiche Poesie der Mythe, in jenen liegt der düstere Ernst des Kultes der verschleierten Isis. Nur da, wo die ursprüngliche Bestimmung der ägyptischen Bauwerke noch heute unseren durch ähnliche Monumente ernstgestimrnten Gefühlen entspricht, nur da ergreifen sie noch heute mächtig des Beschauers Herz.
   So ist es mit den Königsgräbern. Sie liegen wie die meisten Tempel der alten Ägypter am linken Nilufer, in der Wüste. Man zieht auf einer breiten Straße, die noch deutlich die Spuren einer künstlich angelegten zeigt, in die Berge hinein. Immer öder und trauriger wird der Weg. Man reitet sichtbarlich in das Reich der Toten. In weitem Bogen umzieht die Straße die sich hier hoch erhebenden Berge. Erst nachdem man eine gute halbe Meile zurückgelegt hat, gelangt man zum Eingang des ersten Königsgrabes. Die übrigen liegen in der Nähe, in einem von hohen, steilen Bergeshängen wie von Wänden umschlossenen Tale. Ein tiefer Sinn liegt in der Wahl dieses Friedhofes. Hier lebt kein Wesen, hier sieht man kein Geschöpf, keinen Vogel, bis hierher verirrt sich kein Tier. In diesen Gründen waltet heilige Ruhe und soll hier walten, denn hier ruhen die Könige des merkwürdigsten Volkes der Erde. Berge bedecken die Räume, in denen die Sarkophage mächtiger Herrscher standen, Steingeröll verbarg die Grabespforten, und dennoch wagte es die frevelnde Hand späterer Geschlechter, jene vermauerten Eingänge zu öffnen, die Särge aufzubrechen.
   Die Anlage der Gräber ist mit wenigen Abwandlungen immer dieselbe. Mehrere Säle liegen hintereinander, in dem letzten von ihnen steht der Sarkophag.Da, wo der Felsen, in den man das Grab eingehauen hat, glatt war, wurden die Hieroglyphenbilder in den Kalkstein, da, wo er zersplittert war, in einen Mörtelüberzug eingeschnitten. Die Bilder sind die Lebensbeschreibung des im Grabe Ruhenden. Man sieht den König in seinen Schlachten, auf seinem Throne, in seinem Gebete, in seinen häuslichen Verhältnissen, in seinen Vergnügungen dargestellt. Einzelne Wände zeigen durch die Ägypter unterjochte Völkerschaften in der Sklaverei. Man kann den krausköpfigen Äthiopier ohne Mühe von dem feingegliederten Inder, den Juden von dem Perser unterscheiden. Auf den getünchten Wänden prangen die Bilder vergangener Jahrtausende noch heute in unvergänglicher Farbenfrische, als ob der Künstler gestern zum letzten Male seine Hand ans Werk gelegt hätte. Einige Figuren sind mit Rötel vorgezeichnet, aber noch nicht in den Kalkmörtel eingegraben. Der König starb und sollte in seinem Mausoleum beigesetzt werden. Da verstummte der Hammerschlag des Bildhauers in den hohen Räumen, die Schar der Arbeiter zog dem Lichte zu, und der Chor der Priester brachte die Mumie zur Ruhe in der dunklen Gruft. Erhaben ist die Wahl des stillen Tales, erhabener noch die Anlage dieser Gräber. Sie weiter zu beschreiben, vermag ich nicht.Hierzu gehörten mehr Monate, als ich Stunden übrig hatte, sie zu besichtigen.
   Man nimmt seinen Rückweg von den Königsgräbern über die sie umschließenden hohen Berge, von deren Gipfeln man eine entzückende Aussicht über das Niltal genießt. Unter und vor sich sieht man Karnak, Luxor, die Memnonsäulen, Medinet Habu und andere Tempel und hart am Fuße des Gebirges den wegen des Mumienhandels durchwühlten und entweihten Friedhof der früheren Einwohner der alten Königsstadt. Dann klettert man das Gebirge herab und gelangt nach Medinet Habu mit seinen Totentempeln. Die früher tönenden Memnonen sitzen jetzt auf ihren uralten Postamenten mitten zwischen fruchtbaren Weizenfeldern und sehen bei hohem Nil ruhig dem Wasser des Stromes zu, das ihre hehren Gestalten umfließt.
   Nach kurzer Besichtigung der Altertümer bei Luxor und Karnak schickten wir uns zur Weiterreise an. Da erschienen, in leichte Gewänder gehüllt, drei jener öffentlichen Tänzerinnen, die »Rhauasie« genannt werden, und begannen beim Klang ihrer Kastagnetten, eines Tamburins und einer zweisaitigen Violine, die ein alter, blinder Kerl bearbeitete, ihre maurischen Tänze auszuführen.Wir hätten gern den reizenden Tänzerinnen zugeschaut, aber die geistlichen Herren jagten sie unbarmherzig davon.

Brehms Weltreisen zwischen Nordkap und Äquator
Von ihm selbst erzählt
Hg. H. Bode
Mannheim 1956

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