Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1869 - Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen
(Kaiser Friedrich III.)
Die Einweihung des Suezkanals

17. November. Wir befinden uns nunmehr auf dem neuesten Wunderwerk unseres Zeitalters, weihen den Sueskanal ein und fühlen, daß wir Zeugen eines Ereignisses sind, das für den Weltverkehr von ganz außerordentlicher Bedeutung sein wird, und den Beweis liefert, was menschliche Einsicht, Ausdauer und Willenskraft vermögen. Gott gebe seinen Segen für die daraus erschlossenen Verkehrsquellen und für die neuen Unternehmungen, die sich notwendigerweise daran anschließen werden. Möchte doch Deutschland sich bald ähnlich großer Leistungen auf dem Gebiete der Verkehrswege rühmen können.
   Die Abfahrt war auf 6 Uhr früh angesetzt, voran »I'Aigle« mit der Kaiserin Eugénie an Bord, dann »Greif« mit dem Kaiser von Österreich, darauf ich an Bord der »Grille«, endlich der niederländische Dampfer mit Prinz und Prinzessin Heinrich der Niederlande, gefolgt von den Botschaftern und etlichen fünfzig anderen Dampfern – so lautete wenigstens die Bestimmung.
   Aber erst um halb 10 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, weil ein, der äußersten Vorsicht wegen, vorausgesendetes ägyptisches Dampfschiff erst spät die Möglichkeit der Durchfahrt als zweifellos telegraphiert hatte. Als wir uns anschickten, dem Kaiser zu folgen, schrien uns die Offiziere des österreichischen Dampfers, der neben uns lag, zu, sie nebst einem anderen Schiffe hätten Befehl, ihrem Kaiser zu folgen, das Programm sei abgeändert. Darauf machte ein englischer Mail-Dampfer gleichfalls Miene, sich uns vorzudrängen, so daß erst ernstliche Vorstellungen eines Hafenbeamten denselben zurückhalten vermochten. Endlich kam, während die Österreicher bereits andampften, noch ein mir nicht bekannter Herr eilig an Bord, um eine mir nicht verständliche Mitteilung zu Gunsten des österreichischen Wunsches in seltsamem Französisch auszurichten. Er sprach von einer erfolgten Abänderung der gestrigen Bestimmungen, und da in diesem letzten Augenblick nichts mehr zu machen war, so blieb uns nichts übrig, als uns in diese Änderung zu schicken. Zum Glück waren der englische Botschafter und Heinrich der Niederlande Zeugen dieses doch auffälligen Benehmens der Österreicher, über welches aIles in Aufstörung geriet. Endlich konnten auch wir uns in Bewegung setzen, und fuhren nun in den Kanal ein, dessen Mündung zwei Obelisken, aus Fachwerk erbaut, bezeichnen.
   Von diesem Augenblick an bis zur Ankunft in Ismailija bot die Fahrt nichts anderes als den Blick auf einen geradlinig gezogenen Kanal, der durchweg von sandigen Ufern eingefaßt ist. Belehrend waren dabei die Mitteilungen eines der ersten französischen Ingenieure des Unternehmens, M. Laroche, der in liebenswürdiger Weise unseren Begleiter abgab. Drei Mal geriet das eine der österreichischen Schiffe, »Elisabeth«, welches sich uns vorgeschoben hatte, auf den Sand und hielt uns sowie sämtliche Schiffe dadurch gehörig auf; sonst ging die siebenstündige Fahrt ohne Anstoß vonstatten; doch ward natürlich sehr vorsichtig gedampft.

Ismailija, den 18. November
Hier liegen wir an dreißig Schiffe in dem großen Wasserbecken, bei der neu geschaffenen, halbwegs zwischen Sues und Port Said gelegenen Stadt Ismailija, die zunächst nur aus den Häusern des Herrn von Lesseps und seiner Beamten bestand, jetzt aber bereits anfängt heranzuwachsen.
   Als wir gestern mit Anbruch der Dunkelheit eintrafen, sah man nur noch die rosa schimmernden sandigen Ufer sowie ein Meer von Lichtern, nach deren Menge zu urteilen sich dort eine bedeutende Stadt befinden mußte, aus welcher der dumpfe Ton von Trommeln oder Tamburins sich vernehmen ließ. Die Neugier trieb uns bald an Land, und dann fanden wir uns plötzlich wieder einmal ganz in den Zauber des Orients versetzt. Denn ein Zeltlager von über dreißigtausend Arabern, ihre Scheichs an der Spitze und aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt, bedeckten hier den Wüstensand; jedes Zelt war erleuchtet, und außerdem brannten allenthalben Lampions, während Feuerwerke stundenlang ihre leuchtenden Körper in die Nacht schleuderten.
   Während die Scheichs in gravitätischer Ruhe auf Diwans sitzend Besucher empfingen, rauchten oder auch Schach spielten, beteten, heulten und drehten sich Derwische in ihren Zelten, führten Syrer mit Kindern Kunststücke auf, und tanzten Almeen [Tänzerinnen] mit widerwärtigen Verrenkungen ihres Körpers, während die arabischen Sängerinnen, hinter Bretterbuden verborgen, greuliche Gesänge vernehmen ließen. Dazwischen bewegte sich die Menge der Araber in bunten Kaftans, weißen oder gestreiften Burnussen, ein jeder einzelne von ihnen mit stolzer Gravität einherschreitend.
   Ich würde Unmögliches unternehmen, wollte ich den zauberhaften Eindruck schildern, den jenes orientalische Volksfest auf mich wie auf uns alle machte, ein über das andere Mal sagten wir uns, es sei doch, als ob wir träumten! Fast ebenso hübsch war jenes Bild am darauffolgenden Vormittage, doch verleiht die Dunkelheit dem Treiben im Lager mehr Reiz als das helle Sonnenlicht.
   Im stärksten Gegensatze hierzu gestaltete sich der Ball, den Abends der Khedive in seinem unvollendeten Palast gab. In Räumlichkeiten, in welchen vielleicht achthundert Personen Platz gefunden hätten, waren zwei- bis dreitausend gebetene und ungebetene Gäste erschienen, wobei leider nur wenige orientalische Trachten unter dem Meer von garstigen schwarzen Fräcken auftauchten. Es war so voll, daß außer einem einzigen, polonaisenartigen Umgang, den wir unternahmen, und wobei die Hälfte der Gesellschaft gar nicht einmal bemerkte, daß die Majestäten eingetreten waren, wir faktisch den ganzen Abend in einem kleinen SaIon eingeschlossen blieben, so daß die Kaiserin in ihrem schönen rötlichen Kleide, mit einer Diamant-Smaragd-Tiara auf dem Kopf, nicht zur Geltung kommen konnte. Wir Herren waren in Zivil zu erscheinen gebeten, so daß die Fremden nicht imstande waren zu entdecken, welche Nationalitäten vertreten waren! Kaiser Franz Joseph trug eine hellgraue Hose und gelbe Weste und darüber das Ordensband, während alle übrigen in schwarzen Fräcken und Abendtoiletten waren.
   Vor dem Fest waren wir alle noch einmal inkognito im Beduinenlager herumgegangen, wo ich zu unserem gegenseitigem Ergötzen der Kaiserin Eugénie begegnete; doch taten wir, als ob wir uns nicht kannten, namentlich als wir so verborgen wie möglich, den heulenden, feuerfressenden und Schlangen anbeißenden Derwischen zusahen. Morgen wird nur bis in die Bitterseen gefahren, übermorgen nach Suez, und von dort gehe ich gleich nach Kairo und dem Nil ab.

Suez, den 20, November
Die Kanalfahrt ist glücklich durchgeführt; keins der Schiffe, auf denen die Hauptbeteiligten sich befanden, hat irgend welche Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, und auch wo einige gefährliche Felsengen vorhanden waren, sind dieselben glücklich überschifft, und durch beständiges Lotsen oder langsames Fahren überwunden worden.
   Klar liegt nunmehr die Tatsache vor der ganzen Welt, daß man auch mit großen Schiffen aus dem Roten Meer in das Mittelländische gelangen kann, und es wird fortan der künftige Handel, mit außerordentlichem Zeitgewinn auf der kürzesten Strecke, aus Indien und dem Stillen Ozean nach Europa, seine Bahn nehmen können.
   Mit Tagesanbruch lichteten wir in den Bitterseen, in welchen gestern abend der Wind stark geweht, und Wellenschlag uns geschaukelt hatte, die Anker. Dieses Becken, erst seit dem Frühjahr mit Seewasser angefüllt und bis dahin ein trockener Landstrich, gibt sich wahrhaftig schon das Ansehen eines wirklichen Meeres.
   Obwohl vom Wüstensande eingefaßt, sieht die Landschaft dennoch nicht sandig oder kahl aus, weil hier stets eine eigentümliche rosige Beleuchtung herrscht, die zu allen Tageszeiten, ja selbst in der Dunkelheit, einen unbeschreiblich lebendigen Schimmer besitzt. Sonst war rings um uns her kein lebendiges Wesen zu sehen, außer denen, die uns auf etwa zwanzig Dampfern umgaben.
   Ich hatte mich bereits gestern Abend den Majestäten an Bord ihrer Schiffe empfohlen, und bei dieser Gelegenheit die Kaiserin Eugénie mit einer Marine-Offiziersmütze, nebst blauem Schleier coiffiert, hoch aufgeschürzt und mit hellgelben Leder»jambières« chaussiert getroffen, als sie eben im Begriffe stand, ans Ufer zufahren, um sich die Wüste in der Nähe anzusehen. Sie war heiter und liebenswürdig, und beim Besteigen der Schiffstreppen und Leitern, die eben beschriebene Tracht erwogen, merkwürdig unbefangen. Kaiser Franz Joseph war sehr höflich, erwiderte auch noch später meinen Besuch, berührte aber auch dieses mal wieder durchaus kein wichtiges Thema, so daß ich annehmen muß, er habe von Wien bis hierher es prinzipiell vermeiden wollen, mit mir Gegenstände der Politik zu besprechen.
   Um 12 Uhr gewahrten wir das kleine, recht unansehnliche Suez reizend am Fuß malerischer Felsberge gelegen, und von den »blauen« Fluten des »Roten« Meeres bespült. Somit habe ich denn auch dieses Meer kennengelernt, nachdem ich erst vier Wochen zuvor im Schwarzen Meer gewesen, und im Lauf des verstrichenen Sommers mich in den Fluten der Nordsee gebadet habe. Ich kann nicht leugnen, daß in diesem Augenblick meine Blicke sich über des Roten Meeres Fluten mit einem kleinen Seufzer nach Osten richteten. War ich doch hier dem Zauber Indiens und des Himalaja so nahe gerückt wie nie zuvor, und wie es mir auch künftig niemals wieder im Leben gestattet sein wird!! Dann aber verscheuchten der Donner der Geschütze und das »Hurra« der Mannschaften auf den Rahen der Ostindien-Transportschiffe und mehrerer anderer Fahrzeuge alle Sentimentalität, und es trat die prosaische Realität an uns heran, so rasch wie möglich an das Ausschiffen zu denken, weil ich der Erste auf der Eisenbahn dem Vizekönig nach Kairo nachreisen sollte, um mich noch am heutigen Abend zur Nilfahrt einzuschiffen.
   Die Fahrt auf dem Suezkanal bietet an sich keine Reize; nur der Umstand, daß die Wüste und der unsereinem recht heimatliche Gefühle erweckende Sand wirklich einen Lichtschimmer besitzen, den man sehen muß, um ihn zu begreifen, läßt die leblose Landschaft weniger eintönig erscheinen. Nun könnte man glauben, daß bei einer zweieinhalbtägigen Wasserfahrt sich allmählich Langeweile einstellen müßte; dies war aber durchaus nicht der Fall, denn zunächst fanden wir alle willkommene Gelegenheit zum ungestörten Schreiben oder Lesen, und dann war unsere eng genug an Bord untergebrachte Gesellschaft keineswegs melancholisch gestimmt. Der Glanzpunkt dieser Tage für mich bleibt unstreitig der Anblick des arabischen Zeltlagers in Ismailija, und wird der Eindruck der hier empfangenen Bilder stets unzertrennlich von dem Gedanken der Suezkanal-Eröffnung bleiben. Dieses Leben, so ganz verschieden von jeglichem Volksfest und Volkstreiben, das mir bis jetzt auf meinen mannigfachen Wanderungen vorgekommen, bot einen Reiz dar, der einzig in seiner Art bleibt.
   Die Märchenbilder aus der Kinderzeit fanden hier ein gut Stück Wirklichkeit, ohne daß eine Zutat von Einbildungskraft nötig gewesen wäre, und einige Stunden Lustwandelns in diesem orientalischen Getriebe geben jedem Neuankommenden ein klareres Bild des Lebens in der Levante als es wochenlange Reisen vermögen. Dabei war es ein Glück für uns, daß wir drei Mal herumtrödelten, ohne daß unser Inkognito gebrochen ward, mithin sich alles ungestört und ungezwungen in seiner Natürlichkeit um uns her bewegte. Als dagegen der Khedive eine offizielle Umfahrt für uns alle veranstaltete, und Fantasias auf Befehl vorgeführt wurden, sank sofort das Bild zu einer gemachten Sache herab. Ich entschädigte mich aber dafür an der heiteren Laune von Amelie der Niederlande, mit der ich in einem Wagen umherfuhr.
   Besonders interessiert hat mich das vornehme Phlegma, mit dem Scheichs sowohl wie Vasallen und Sklaven sich bewegten, und mit einer allerdings erklärlichen Geringschätzung, aus ihren herrlichen Kaftans heraus, auf unsere geschmacklosen Zivilanzüge blickten. Der schwärzeste, zerlumpteste Mohr trägt hierzulande sein Hemd oder seinen Kaftan nebst »Abbaya« [Umhang] mit ebenso viel Würde wie der Edelmann. Nur der Derwisch wird widrig, wenn er heult oder stundenlang, auf derselben Stelle humpelnd, sein »La il Allah« ertönen läßt, und endlich scheinbar in Zuckungen verfallend - grunzt!
   
enthalten in einem Anhang in:
Lesseps, Ferdinand von
Entstehung des Suezkanals
Faksmile-Ausgabe d. Ausg. Berlin 1888
Düsseldorf 1984

 

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