Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1869 - Friedrich Ferdinand von Beust
Die Eröffnung des Suezkanals
Ismailia
    
Den Glanzpunkt der Kanalfahrt bildete der eintägige Aufenthalt vor Ismailia. War auf der einen Seite eine binnen wenigen Jahren der Erde entwachsene Stadt von 5 bis 6000 Einwohnern eine fesselnde Erscheinung, so galt dies noch mehr von einem Wasserbecken, welches 40 grosse Schiffe, meistens Kriegsschiffe, beherbergte, nachdem es vor nicht länger als zehn Jahren ein unscheinbarer Binnensee gewesen war. Nachdem während des Tages nur das Schauspiel der sogenannten Fantasia geboten wurde, eine Art orientalischen Turniers, gehörte der Abend einem glänzenden Ball, aus dem einige Episoden mir in der Erinnerung geblieben sind.
   Wir hatten unsere ständige Wohnung auf dem Schiffe und sollten von dort in Wagen abgeholt werden. Diese letzteren erschienen jedoch nicht oder verspäteten sich, kurz wir traten den Weg zum Ball zu Fuß an, was deshalb seine Mühseligkeit hatte, weil damals die Strassen Ismailias weder Pflaster noch Asphalt kannten und man daher im tiefen Sand waten musste. Da plötzlich erblickte ich einen kleinen schwarzen Esel und, ohne mich lange zu besinnen, war ich drauf gesessen. So durchzog ich im Ballkostüm mit Dekorationen die hellerleuchteten Strassen und die Kaiserin Eugenie unterhielt es nicht wenig, dass ich ihr erzählte, ich sei zu Esel auf den Ball gekommen. Dieser letztere war sehr brillant ausgestattet und sehr zahlreich, wie dies indessen nicht fehlen konnte, neben den vornehmsten Gästen auch von gemischter Gesellschaft besucht. Da ich nun in der Lage war, meine türkische sowohl als meine französische Dekoration anzulegen, beide Grosskreuze aber in Brillanten besass, so hielt ich es den Umstanden angemessen, die linke Hand auf das Herz zu legen, und in dieser gefühlvollen Haltung zu verbleiben. Bei dem Souper fanden wir ein Menü mit nicht weniger als 24 Gerichten, was eine ziemlich unerwünschte Verlängerung unseres Ballvergnügens in Aussicht stellte. Wir wurden indessen bald beruhigt, indem nach dem vierten Gericht die Tafel aufgehoben wurde. Auch hier gab ich einem heimatlichen Anklang Ausdruck. Die Prozedur erinnerte nur zu sehr an die Vorlage zahlreicher Gesetzentwürfe und die nicht gleichen Schritt haltende Erledigung.
   In Ismailia war es auch, dass ich zuerst die Bekanntschaft von Lesseps machte, den ich ein Jahrzehnt später viel und gern in Paris sah. Er, der Sechziger, hatte eben erst eine sechzehnjährige Braut heimgeführt und die Ehe wurde eine sehr glückliche. Er machte mir unter Anderem eine Mitteilung, die besonderes Interesse hatte. Es hätten, sagte er, über 20000 Dalmatiner am Kanal gearbeitet und sie seien die besten Arbeiter gewesen. Bei der nicht immer vorurteilslosen Beurteilung der Bevölkerungen unserer südlichen Provinzen war dieses Zeugnis von Wert.

Beust, Friedrich Ferdinand von
Aus drei Vierteljahrhunderten
2. Band, Stuttgart 1887

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!