Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1907 - Adolf Miethe
Im Mondlicht bei den Pyramiden

Der Ausflug nach den Pyramiden, welche die Glanznummer der Kairoer Umgebung ausmachen, ist ein Erlebnis ganz besonderer Art. Von seiner Romantik hat es zwar viel eingebüßt, nachdem die neue Fahrstraße über Gize bis zum Wüstenplateau und das moderne große Mena-House-Hotel direkt an seinem Fuß fertiggestellt ist. Eine richtige elektrische Bahn führt unter dem Schatten weit ausladender Akazien in schnurgrader Richtung durch die Fruchtebene, die zu beiden Seiten sich in weiter Erstreckung ausdehnt, auf die Pyramiden zu. Die alten Pharaonen würden sich wundern, wenn sie diesen Funkenwagen und seine bunten Passagiere sehen könnten.
   Die Feuchtigkeit der vergangenen Tage hatte als letzte Erinnerung einen milchweißen Nebel zurückgelassen, der in der Morgenstunde Stadt und Nilebene gleichmäßig in seinen dichten Schleier einhüllte. Ist man am Rand des Wüstenplateaus angelangt und hat die kleinen und großen Baulichkeiten passiert, die sich um das kastenartige Mena-House-Hotel gruppieren, so kehrt man plötzlich aller Zivilisation mit ihren modernen Zutaten den Rücken und befindet sich im Angesicht der riesigen wunderbaren Bauwerke, die die alten Könige über ihren Grabstätten aufgehäuft haben. In steiler Schrägung steigt das Wüstenplateau unvermittelt aus der Fruchtebene auf. Graugelber Sand hüllt die Abhänge ein; über ihnen erheben sich die beiden großen Pyramiden, von denen die näher gelegene, die des Cheops, besonders ins Auge fällt. Die Jahrtausende sind nicht spurlos an diesen Denkmälern vorüber gegangen. Die glatten geschliffenen Steinmäntel, die die Kolosse seiner Zeit einhüllten, sind abgestürzt, Trümmerhügel aus Schutt und Werkstücken bedecken ihren Fuß und nur aus der Ferne heben sich die geraden Linien ununterbrochen heraus, während aus unmittelbarer Nähe die ganze rauhe ungefüge Struktur der aus mächtigen Blöcken geschichteten Bauwerke hervortritt. Nur die Cheopspyramide zeigt regelmäßige, stufenartige Schichten, in denen die länglich viereckigen Blöcke ohne Mörtel übereinander gelagert sind; ihre nahe gleichgroße Schwester ist fast vollkommen unregelmäßig gefügt; nur an ihr ist aber dicht am Gipfel noch ein Teil der äußeren Umkleidung erhalten geblieben.
   Beim Mena-House angekommen, beginnt die übliche Schlacht mit Eseltreibern, Führern und allerlei Gesindel, welches den Fremden überfällt, um ihn als willkommenes Opfer auszuschlachten. Es gehört Energie dazu, sich dieser andrängenden, wüst brüllenden und gestikulierenden Menschenmasse zu entwinden und einsam ohne störende Begleitung die Ruinenstätte aufzusuchen. Sandverweht und steil steigt der Weg zu der Wüstenhöhe an und oben befindet man sich direkt am Fuß der großen Pyramide, deren rauhe, zerklüftete Vorderwand wie der schwindelnde Abhang eines gestuften Berges gen Himmel ragt. Der Versuch, sich von der Riesenhaftigkeit des Bauwerks eine auch nur irgendwie zureichende Vorstellung zu machen, bleibt vollkommen erfolglos. Auch die Tatsache, daß das Steinmaterial zwei und eine halbe Million Kubikmeter mißt, hilft dem Beschauer wenig. Nach rechts zu Füßen der Pyramide liegen schier endlos über das wenige Plateau gebreitet die oben abgestumpften, flachen, reihenweis angeordneten Grabmäler des alten Reichs, zwischen denen man auf rechtwinklig sich durchkreuzenden Straßen einherwandert. Die zweite Pyramide ist der ersten ziemlich benachbart und hinter dieser erhebt sich noch eine dritte, etwas kleinere, sowie eine ganze Zahl wesentlich niedrigerer, zerfallener Pyramidenreste. Wendet man sich von diesen merkwürdigen Denkmälern einer längst verschwundenen Epoche über die Sandhügel wandernd dem Niltal zu, so ragt fast plötzlich, unvermittelt aus einer durch Ausschachtungen freigelegten Vertiefung das Haupt des Sphinx hervor, welcher bis beinahe zu den Schultern wieder in den Sandwehen begraben liegt. Unter den ägyptischen Denkmälern ist der Sphinx vielleicht das eigenartigste. Aus anstehendem Stein roh gebildet, durch den wehenden Flugsand ausgewetzt und abgeschliffen, von Menschenhand geschändet, mit zerbrochenen, kaum noch kenntlichen Gesichtszügen starrt das Ungeheuer nach Osten über das grüne Niltal hin. Zu seinen Füßen erscheinen die Menschengruppen, die das Bildwerk umstehen, wie kleine Ameisen, die im Sande wimmeln. Angeblich ist der Sphinx ein Porträt des Sonnengottes Re; zu dieser Annahme wollen aber die wulstigen Negerlippen, die fliehende Stirn und die gutmütig einfältig blickenden Augen unter dem vorspringenden Stirnbogen wenig passen. Über seinem Haupte wölbt sich der wolkenlose lichtblaue Himmel in unvergleichlicher Klarheit, und fern über dem flachen grünen Niltal schimmern die Kuppeln und Minarets von Kairo unter dem einförmigen Gelblichen Plateau des Mokattamgebirges und den jenseitigen Wüstenhöhen.
   Unvergleichlich wirkungsvoller und mächtiger ist der Eindruck dieser sonderbaren Stätte im Schein des Vollmondes und uns war es vergönnt, unter ganz ungewöhnlichen Umständen dieses vielgerühmte Schauspiel zu genießen. Der deutsche Botschafter hatte uns bei Gelegenheit des Besuches zweier Hohenzollernsöhne mit zu einer abendlichen Festlichkeit geladen, die bei den Pyramiden abgehalten werden sollte. Die Teilnehmer versammelten sich in der frischen Kühle des Abends an der großen Brücke jenseits des Nilstroms, wo mehrere Wagen der elektrischen Eisenbahn sie aufnahmen und in blitzschneller Fahrt durch die dämmernde Ebene nach Mena-House brachten. Hier wurde ein zwangloses Diner eingenommen, und zwar zum größten Entsetzen der englischen Pensionäre in einfachem Reiseanzug, wie es die Prinzen mit Rücksicht darauf vorgeschrieben, daß sie über Tag einen Ausflug nach Sakkara gemacht hatten.
   Draußen vor dem Hotel auf der sandüberwehten Straße lag das weiße glänzende Mondlicht, als die Versammlung den Weg nach den Pyramiden antrat. Die Dreiecke der beiden großen Pyramiden heben sich mit ihren Schattenflächen schwarz und riesig vom Sternenhimmel ab. Esel, Kamele und Sandwagen stehen bereit, um auch den bequemsten Gästen das Erklimmen des Wüstenplateaus zu ermöglichen. Zu Füßen der großen Pyramide liegt der kleine Kiosk des Khediven, der heute festlich erleuchtet seinen Gästen entgegensieht. Am Eingang steht eine Reihe schwarzer Diener mit Windlichtern und Lampen, wie Statuen unbeweglich. Die teppichbelegten leeren Empfangsräume mit ihren einfachen weißen Diwans an den Wänden entlang geben einen Begriff von der wüstenhaften Unwirtlichkeit orientalischer Prachtsäle. Sie werden von der unsicheren rötlichen Helle einer Petroleumlampe urweltlicher Konstruktion erleuchtet, die auf einem niedrigen Tisch in der Mitte des Salons thront. Unser Besuch war nur kurz und die durchaus nicht alkoholarme Bewirtung, die der Khedive für uns Ungläubige bereiten ließ, wurde nur flüchtig gewürdigt, denn draußen war es unbeschreiblich viel schöner als drinnen in der von Lampenduft erfüllten Stickluft. Die Ostseite der großen Cheopspyramide ist hell vom Mondlicht beleuchtet; die riesigen Stufen des Steinbaues erscheinen im unsicheren Licht des Mondes wie die Leiter des Erzvaters Jakob, die bis in den Himmel hineinführt. Längst hat sich die Schar der Teilnehmer zu einem lockeren Bande ausgedehnt, das dem Sphinx entgegenströmt; wie kleine schwarze Pünktchen erscheinen die Menschengruppen auf der silbern glänzenden weißen Sandfläche. Fröhliches Plaudern und lustiges Lachen überall. Zu Füßen des steinernen Riesenleibs des Sphinx sammelt sich die Gesellschaft wieder. Teilnahmslos aber wie seit vier Jahrtausenden starren die erblindeten Augen des Bildwerks über die erlauchte Gesellschaft zu seinen Füßen in die Ferne, wo über der dunklen Ebene eine phantastisch geformte, vom Mondlicht hell gesäumte Nebelwolke die Stadt Kairo und die Abhänge der jenseitigen Wüstenhöhen verdeckt. Die Erwartung, daß ungleich den Memnonskolossen, die uns schweigend empfangen hatten, der Sphinx uns mit einer festlichen Ansprache begrüßen möchte, wurde leider getäuscht; unangetoastet kehrte die Gesellschaft zu den bereitstehenden Wagen zurück, die uns im Fluge nach Kairo brachten.

Miethe, Adolf
Unter der Sonne Oberägyptens
Berlin 1909

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