Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1847 - Alfred Brehm
Nachtausflug zu den Pyramiden

Es war am 16. September. Der Nil hatte seinen höchsten Stand erreicht, alle Kanäle waren gefüllt, die Felder überflutet. Man konnte nur auf hohen Dämmen zwischen den durch sie abgeteilten Wasserflächen dahinreiten. Doch die Sonne war so angenehm, blitzte so golden auf dem ungeheuren Wasserspiegel, die fruchtbeladenen Palmen wiegten ihre Kronen in einem so lieblichen Westwind, daß es uns mächtig hinauszog ins Freie, hinüber zu den blendenden Steinmassen, die wir jetzt täglich, aber immer nur aus der Ferne gesehen hatten. Wir wollten noch heute die Pyramiden besuchen.
   Der Weg führte zuerst nach Alt-Kairo, wohin man von Bulak aus auf einer breiten, sich zwischen blühenden Gärten und fruchtbaren Pflanzungen dahinziehenden Landstraße reitet. Von dort ließen wir uns mitsamt unseren Eseln nach Giseh übersetzen. Die Tiere waren mit Ausnahme des unlenksamen Zeltträgers so an diese Art des Transportes gewöhnt, daß sie ohne Verzug in die Barke sprangen. Der störrische Esel wurde entladen, von zwei handfesten Arabern an Kopf und Schwanz gepackt und gewaltsam in den »Bauch des Schiffes« geworfen.
   In Giseh kauften unsere Treiber Brot und Zwiebeln für sich und Bohnen für die Tiere ein. Dann führten sie uns durch viele Winkelgäßchen ins Freie. Da lagen sie ganz nahe vor uns, die großartigsten Bauwerke der Welt, aber leider schien uns der Weg abgeschnitten zu sein. Die Überschwemmung hatte das zwischen uns und den Pyramiden liegende Land in einen See verwandelt, aus dessen Wasser hier und da ein Dorf oder ein hochgelegener Weg hervorsah. Wir mußten, von einem Dorf zum andern reitend, wohl das Dreifache des gewöhnlichen Weges zurücklegen, ehe wir die Wüste betreten konnten. Das Wasser war belebt von unzähligen Möwen- und Entenscharen. Einzelne Pelikane fischten gemeinsam an den tieferen Stellen. Reiher und Störche flohen schon aus großer Entfernung vor den herannahenden Menschen.
   Erst lange nach Sonnenuntergang kamen wir am Fuße der Pyramiden an. Das blasse Mondlicht spiegelte sie uns noch einmal so groß vor, wie sie wirklich sind. Wir schlugen unser Zelt im Sande der Wüste auf, scharrten uns den Sand zu Polstern zusammen und belegten diese mit den mitgebrachten Teppichen. In der Mitte des Zeltes brannte ein lustiges Feuerchen. Unsere luftige Wohnung wurde dadurch höchst gemütlich. Doch Baron von Wrede meinte, daß noch der Tschibuk, die langrohrige türkische Tabakspfeife, und der Kaffee fehle. Er ließ sich die Pfeife reichen und forderte den Kaffee. Da brachte der Treiber die betrübliche Nachricht, daß vergessen worden sei, wonach das Herz sich sehne. Groß war der Schrecken, aber nahe die Hilfe. Unerschüttert von des Schicksals Tücken nahm unser praktischer Begleiter mehrere Flaschen des mitgebrachten Weines und begann einen Glühwein zu kochen. Das Getränk lobte den Meister, seine erheiternde Wirkung blieb nicht aus. Bald klangen deutsche Lieder in die Wüste hinaus, die Klänge lockten uns mit. Wir traten vor das Zelt, um die köstliche Nacht in ihrer ganzen Schönheit zu genießen. Die riesigen Weltbauten waren zauberhaft vom Mond und seinem Sternenheere beleuchtet. Die Luft war klar und kühl. Der Nacht Ruhe lag auf der Wüste, kein Laut war vernehmbar, nur zuweilen knisterte das verlöschende Feuer. Wir durchwachten fast die ganze Nacht. Vor dem Schlafengehen feuerte Baron von Wrede, einer unserer neuen Bekannten, noch mehrere Schüsse ab, um die umwohnenden Araber vor etwaigen Angriffen zu warnen.
   Am andern Morgen weckte uns unser Begleiter schon sehr frühzeitig. Ober dem Dschebel el Mokadam, dem am rechten Ufer des Nils liegenden Gebirge, flammte die Morgenröte. Nach kurzer Zeit erblich sie vor der aufgehenden Sonne, deren erste Strahlen rosenfarbenen Dunst über die gewaltigen Steinmassen hauchten. Ihre Wärme tat uns wohl nach der Kühle der Nacht. Eine Gesellschaft von Arabern war angelangt, um uns beim Besteigen der Pyramiden behilflich zu sein. Ihr Scheich wählte für jeden von uns zwei rüstige Männer zur Begleitung und übergab uns den ungeduldig Harrenden, mit denen wir unseren Weg antraten.
   Zuerst erklommen wir einen steilen und ziemlich hohen, aus Mauerschutt bestehenden Berg, der bei jedem Schritt nachgab und uns manchen Schweißtropfen kostete. Nun erst standen wir an der jetzigen Basis der Pyramiden, und nun erst, nachdem wir an der einen Ecke der Cheopspyramide hinaufgeschaut hatten, waren wir imstande, das unbegreiflich Großartige und Kolossale des Weltwunders zu würdigen. Man muß vor dem Riesengeist des Volkes, das solche Monumente setzen konnte, staunen. Wenn man aber bedenkt, daß alle die mächtigen, zum Bau verwendeten Steinblöcke auf schiefen Ebenen, deren Erbauung die Ausführung des mühsamen Werkes noch bedeutend erschwerte, in die Höhe gebracht wurden, muß man zugeben, daß unsere kühnsten Bauten gegen diese fast verschwinden.
   Die vier Ecken der Pyramiden sind genau nach den vier Weltgegenden ausgerichtet. Wir wählten die nördliche Seite zum Hinaufsteigen. Unsere Begleiter sprangen die im Anfang über anderthalb Meter hohen Staffeln oder Mauerschichten, von denen bis zur Spitze zweihundertundzwei gezählt werden, hinan und zogen uns an den Armen hoch. Schon nach fünf Minuten langem Steigen mußten wir ruhen. Wir hatten kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt. Nach anderen fünf Minuten standen wir auf dem Gipfel der Cheopspyramide, einem Raume von zehn Quadratmetern. Er ist ziemlich eben, nur in der Mitte überragen einige mit Namen bedeckte Steinblöcke die anderen; sie mögen dem Zerstörer der Spitze wohl zu groß oder zu fest in das Gemäuer eingefügt gewesen sein. Ich nahm mir die höchstgelegene Spitze eines großen Blockes zum Andenken mit.
   Ermüdet vom beschwerlichen Steigen ruhen wir aus. Dann lassen wir unsere Blicke über die vor uns ausgebreitete Landschaft schweifen. Sie haften zuerst auf der überschwemmten Fläche, aus deren Wasserspiegel die Fellachendörfer mit ihren Palmenhainen wie blühende Inseln hervorgehen. Dann folgen sie dem silberglänzenden Band, das sich durch grüne Gefilde dahinzieht, dem heiligen Nilstrom mit seinen Dörfern und den drei Schwesterstädten Bulak, Giseh und Alt-Kairo. Rechts verweilen sie an den in weiter Ferne die Kronen eines unabsehbaren Palmenwaldes wie Felseneilande überragenden Pyramiden von Sakara. Links zeigt sich ihnen das freundliche Schubra mit seinen grünenden, lebensfrischen Gärten und weißgetünchten Landhäusern. In der Mitte des ganzen Bildes aber fesselt sie die Stadt der Kalifen, das siegesstolze Kairo. Gelehnt an den Dschebel el Mokadam, umgeben von Wüste, Gärten, Feldern, Palmenhainen, Dörfchen und der stillen Stadt der Toten, unter dem Schutz der über ihr thronenden Zitadelle liegt sie vor uns. Ihre Minaretts glühen im Golde der Morgensonne, ein leichter Dunst hüllt sie in seinen zarten Schleier. Nach allen Seiten und Himmelsgegenden breitet sich ihr Häusermeer, phantastisch gestaltete, reichverzierte Kuppeln tauchen aus ihm auf. Ganz dicht zu unseren Füßen endlich sehen wir unser kleines Lager, in dem sich mehrere, uns nur ameisengroß erscheinende Menschen herumtreiben. Das ist die Vorderseite unserer Aussicht; sie sticht grell gegen die Rückseite ab. Von den dicht neben uns stehenden Pyramiden des Chefren und Mykerinos, der im Sand lagernden Sphinx und den vom Sand überdeckten Mumiengräbern sich abwendend, irrt das Auge, wohin es sich auch wenden mag, in der Wüste umher. Es sieht nichts als Wellenhügel gelben Sandes oder graue Steinmassen.
   Kleine Krüge mit Trinkwasser auf der flachen Hand tragend, waren mit uns noch mehrere Araber und Araberinnen heraufgestiegen, um uns oben gegen ein kleines Entgelt den kühlen Labetrunk anzubieten. Die Gewandtheit der graziösen Araberinnen überraschte uns weniger als die Leichtigkeit und Sicherheit, mit der die Fellachen von einer Staffel zur anderen sprangen, um uns ihre Fertigkeit im Klettern zu zeigen. Einer von ihnen machte sich erbötig, innerhalb von zehn Minuten vom Gipfel der Cheops auf den der Chefren zu gelangen, und führte dieses staunenswerte Manöver gegen einen Bakschisch von zwei Piastern wirklich aus.
   Wir stiegen auf derselben Seite herab, auf der wir heraufgestiegen, und wandten uns dann links dem Eingang auf der Nordseite zu, der sich gegen vierzig Fuß über der Sandebene befindet. Die Lichter wurden angezündet, und uns tief bückend, folgten wir unseren Führern in dem steil abfallenden, staubigen und engen Gange. Dieser lief dann einige Zeit waagrecht hin und ging, nachdem wir über einige Steine geklettert waren, ebenso steil aufwärts wie vorher abwärts. Er erweiterte sich bald, und wir kamen in die Kammer des Königs. Die Wände sind feinpolierter Granit, ebenso der aus einem Stück gehauene Sarkophag, der beim Daraufschlagen den schönsten Glockenton von sich gab, der laut in dem weiten Raume widerhallte. Merkwürdig ist es, daß dieser weite Raum waagrecht überdeckt wurde, während die Gänge so überdacht wurden, daß ein Stein immer den anderen um vier Zoll überragte. Noch eine zweite Kammer besuchten wir und traten dann eiligst den Rückweg an, zu dem uns der innen herrschende Staub und die fürchterliche Hitze zwangen. Um die Pyramiden herum liegen viele Gräber und noch ganze Haufen von Muschelkalk, wie er zu den Riesenbauten verwendet worden sein mag. Einige halbfertige, aus Granit gehauene Bildsäulen lagen im Sande. Wir gingen zu der Sphinx und von dort aus, an den Katakomben vorüber, auf unser Lager zu. Ich hatte Kopfschmerzen und war sehr froh, unser Zelt zu erreichen, wo wir dann noch verschiedene Altertümer von den Beduinen kauften. Wrede bot den zehnten Teil der geforderten Summen und erhielt wirklich das von uns Gewünschte.
   Gegen drei Uhr nachmittags brachen wir unser Zelt ab, nahmen in Giseh eine kleine Barke und kamen mit ihr bei einbrechender Nacht wieder in Bulak an.
   
Brehms Weltreisen zwischen Nordkap und Äquator
Von ihm selbst erzählt
Hg. H. Bode
Mannheim 1956

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!