Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Ida Pfeiffer
Hochgezogen auf die große Pyramide

Um vier Uhr nachmittags verließ ich Kairo, fuhr über zwei Arme des Nils und langte nach ungefähr zwei Stunden glücklich zu Giseh an. Wir mußten, da der Nil viele Orte unter Wasser gesetzt hatte, häufige Umwege machen, einige Male Kanäle übersetzen und viel durch Wasser reiten; ja, wo es für unsere Esel zu tief war, uns sogar hinübertragen lassen. In Giseh ging ich in Ermangelung eines Gasthauses zu dem Kapellmeister, Herrn K., an den ich von Kairo einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte. Herr K. ist ein geborener Böhme und als Musiklehrer der militärischen Jugend in den Diensten des Vizekönigs von Ägypten. Ich ward hier sehr gut aufgenommen, und Herr K. hatte eine große Freude, wieder einmal mit jemandem deutsch sprechen zu können. Wir unterhielten uns von Beethoven und Mozart, von Strauß und Lanner, nur von den jetzigen Bravour-Kompositeuren Thalberg, Liszt und anderen war noch nichts bis hierher gedrungen.
   Ich ersuchte meinen gütigen Wirt, mich in die Anstalt der Hühnerbruten zu führen, die in Giseh ihren Sitz hat. Er sandte nach dem Aufseher, aber zufälligerweise war er abwesend und hatte die Schlüssel eingeschlossen. In dieser Anstalt werden nämlich in den beiden Monaten März und April bei achttausend Stück Eier durch künstliche Wärme gezeitigt. Die Eier werden auf große flache Räume gelegt und von unten in beständig gleich warmer Temperatur erhalten und täglich mehrmals umgewendet.
   Wenn tausend und tausend Hühnchen der Schale entsteigen, werden sie gleich verkauft, aber nicht nach Zahl oder Gewicht, sondern nach dem Maß. Diese Brutanstalt macht das Geflügel billig und häufig.
   Nach einem angenehm verplauderten Abend suchte ich, ermüdet vom Ritt und von der Hitze, mein Lager und freute mich sehr, auf dem weichen elastischen Diwan, der mir so freundlich entgegenlächelte, Kraft und Erholung für den kommenden Morgen sammeln zu können. Da bemerkte ich, als ich vom Diwan Besitz nehmen wollte, an der Wand eine Unzahl kleiner, schwarzer Flecken. Ich nahm das Licht, um zu sehen, was es sei. Bald wäre mir vor Schreck der Leuchter entfallen, die ganze Wand war voll Wanzen. So etwas sah ich noch im Leben nicht. Nun war es vorbei mit Schlaf und Ruhe. Ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete, bis alles still und ruhig war. Dann schlich ich in die Vorhalle und legte mich, in meinen Mantel gehüllt, auf die Steine.
   Dem einen Ungeziefer entging ich, dem größeren aber, den zahllosen Mücken, blieb ich dennoch verfallen. So viele schlechte Nachtquartiere mir bereits auf meiner Reise zuteil geworden waren, dieses blieb das schlechteste.
   Dagegen war es mir aber auch sehr leicht, lange schon vor Sonnenaufgang zur Weiterreise bereit zu sein. Noch vor Tagesanbruch beurlaubte ich mich bei meinem freundlichen Wirt und ritt mit meinem Diener dem Riesenwerk zu. Da wir der Überschwemmungen wegen auch heute wieder viele Umwege und Überfahrten machen mußten, gelangten wir erst nach anderthalb Stunden an den breiten Nilarm, der uns von der Libyschen Wüste, in welcher die Pyramiden stehen, trennte und über den ich mich von zwei Arabern mußte tragen lassen - eine der unangenehmsten Expeditionen, die man sich denken kann. Zwei große, starke Männer stellten sich nebeneinander, ich mußte mich auf ihre Achseln setzen und mich an ihren Köpfen halten, während sie wieder meine Füße horizontal über die Fluten hielten. Diese gingen ihnen an manchen Stellen beinahe bis an die Achsel, daß ich oft schon im Wasser zu sitzen glaubte. Dabei schwankten die Träger immer hin und her, weil sie nur mit vieler Mühe und Kraftanstrengung dem Strome widerstehen konnten, so daß ich hinzufallen fürchtete. Diese unangenehme Passage dauerte über eine Viertelstunde. Nun hatten wir noch eine Viertelstunde durch tiefen Sand zu waten und standen am Ziel unserer kleinen Reise.
   Natürlich sieht man die beiden kolossalen Pyramiden gleich außerhalb der Stadt und behält sie fast immer im Auge, allein auch hier war meine Erwartung und Vorstellung, die ich mir von ihnen gemacht hatte, viel größer gewesen; ich fand diese Riesenwerke nicht so überraschend. Ihre Höhe erscheint jetzt nicht mehr so außerordentlich, weil ein bedeutender Teil des unteren Baues versandet und dadurch dem Auge entzogen ist; auch steht weder Baum noch Hütte noch sonst etwas in der Nähe, wodurch der Unterschied der Höhe mehr herausgehoben würde.
   Da es noch ziemlich früh und daher kühl war, zog ich es vor, die Pyramide von außen zu ersteigen und dann erst hineinzugehen. Mein Diener zog mir die Ringe vom Finger und steckte sie sorgfältig ein. Er sagte mir, diese Vorsicht sei höchst nötig, weil die Kerle, die einen an den Händen auf die Pyramiden hinaufziehen, so geschickt die Ringe abzustreiten wüßten, daß man es selten bemerke.
   Ich nahm zwei Araber, welche mir bei gar hohen Steinen die Hände reichten und mich so hinaufzogen. Wer im geringsten den Schwindel zu fürchten hat, der unternehme diese Partie ja nicht, er wäre rettungslos verloren. Man denke sich, eine Höhe von fünfhundert Fuß ohne Geländer und ohne bequeme Treppe zu erklimmen. Nur an einer einzigen Kante der Pyramide sind die ungeheuren Steine so gearbeitet, daß sie wohl eine Art Treppe bilden, aber natürlich eine der beschwerlichsten, die es geben kann, indem viele dieser einzelnen Blöcke über vier Schuh hoch sind, ohne daß man an ihnen ein Plätzchen fände, den Fuß einzusetzen, um sich hinaufzuschwingen. Da stiegen denn immer die zwei Araber zuerst hinauf, reichten mir die Hände und zogen mich auf diese Art von einem solchen Block auf den andern. Über die kleineren kletterte ich lieber allein.  Nach drei Viertelstunden gelangte ich auf die höchste Spitze der Pyramide.
   Träumend und sinnend stand ich lange da und konnte es kaum fassen, daß auch ich unter die kleine Zahl gehöre, die so glücklich sind, den höchsten und unzerstörbarsten Bau menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes anzustaunen und bewundern zu können. Im ersten Augenblick war ich kaum fähig, einen Blick von dieser schwindelnden Höhe hinab in die Tiefe und in die Ferne zu werfen, ich betrachtete nur die Pyramide und mußte mich ordentlich mit dem Gedanken vertraut machen, daß kein Traum mich daher gezaubert habe. Nach und nach erst kam ich zu mir selbst und betrachtete die weit unter mir ausgebreitete Landschaft. Von diesem Punkte aus konnte ich das Riesenwerk besser ermessen und ward mehr von seiner Größe hingerissen als von unten, denn hier tat es der Höhe keinen Eintrag, daß der untere Teil der Pyramide versendet war. Ich sah den Nil tief unten fließen, ich sah einige Beduinen stehen, die die Neugierde herbeigezogen hatte und, von meiner Höhe betrachtet, wahrhaftigen Zwergen glichen. Ich sah im Hinaufsteigen die ungeheuren Felsblöcke im einzelnen und in ihrem Umfang, und da begreift man wohl, daß diese Denkmäler mit Recht zu den sieben Wundern der Welt gezählt werden.
   Schon auf dem Kastell war die Aussicht schön, hier oben aber, wo der Blick durch nichts als den Horizont und das Mokattam-Gebirge begrenzt ist, war sie noch viel großartiger. Weithin konnte ich den Strom mit seinen vielen, vielen Armen und Kanälen verfolgen, bis sich der Horizont zu ihm herabneigte und das Bild von dieser Seite schloß; und die Unzahl von Gärten, die die große, ausgebreitete Stadt mit ihren nächsten Umgebungen umfing, die große Wüste mit ihren Flächen und Sandhügeln, die langgedehnte Felsenkette des Mokattam - alles lag vor mir ausgebreitet, und lange saß ich da, schaute um mich und dachte an all meine Lieben daheim, mit denen ich so gerne die seligen Gefühle geteilt hätte, die mich hier erfaßten.
   Doch nun ward es Zeit, nicht bloß hinabzuschauen, sondern auch hinabzugehen. Die meisten finden das Abwärtssteigen beschwerlicher als das Hinaufklettern. Bei mir war es umgekehrt. Am Schwindel leide ich nicht, und so stieg ich mit dem Gesicht nach vorn gewendet auf folgende Art sehr schnell und ohne die Hilfe der Araber hinab. Auf den kleinen Stufen sprang ich von der einen zur andern; kam ein drei oder vier Schuh hoher Fels, so setzte ich mich nieder und ließ mich hinabgleiten, und dies alles machte ich so schnell und behende, daß ich lange vor meinem Diener hinabkam. Selbst die Araber bezeugten ihre Freude über meine Gewandtheit und Furchtlosigkeit auf dieser gefahrvollen Passage.
   Nach einer kleinen Rast und einem eingenommenen Frühmahl ging es in das Innere. Da muß man über einen Haufen von Sand und Steinen steigen, dann geht es abwärts zum Eingang, der ziemlich schmal und so niedrig ist, daß man oft gebückt gehen muß. Den Gang, der hineinführt, hätte ich ohne die Hilfe der Araber nicht betreten können. Er ist so abschüssig und führt über polierte Steine, daß ich samt der Hilfe meiner Führer mehr hinabglitt als ging. Das erste Gemach, das man betritt, heißt das Zimmer der Königin, es hat ganz die Größe und Höhe eines gewöhnlichen Zimmers. Von diesem führt ein noch viel schlechterer Weg in das Zimmer des Königs. Die Araber setzten die Füße in eingehauene Löcher ein und klammerten sich mit der einen Hand an ausgehauene Stellen, während sie mit der andern mich nach sich zogen. Auch hier waren die Steine so glatt, daß man mehr darüber glitt als gehen konnte. Das Gemach des Königs ist größer und gleicht einem kleinen Saal. An einer Seite steht ein kleiner leerer Sarkophag ohne Deckel. Die Wände sowohl der Gemächer als auch der Gänge sind mit den größten und schönsten polierten Granit- oder Marmorplatten ausgetäfelt. In die anderen Gänge oder vielmehr Löcher, welche noch zu besuchen gewesen wären, kam ich nicht. Für Gelehrte und Altertumsforscher mag es wohl von großem Interesse sein, jeden Winkel und jede Ecke zu durchsuchen; aber für eine Frau wie mich, die bloß eine grenzenlose Neigung zum Reisen hierher brachte und die Kunst- und Naturschönheiten nur nach ihren einfachen Gefühlen zu betrachten vermag, genügte es, die Cheops-Pyramide von außen erstiegen und von innen nur so überhaupt gesehen zu haben. Diese Pyramide soll die höchste und größte sein. Sie steht auf einem hundertfünfzig Fuß hohen Felsen, von dem man aber nichts sieht, weil er tief unter Sand liegt; ihre Höhe soll über fünfhundert Fuß betragen. Sie steht schon dreitausend Jahre und wurde von Cheops gegründet. Hunderttausend Menschen sollen zwanzig Jahre lang an ihr gearbeitet haben, und gewiß ist sie eines der interessantesten Werke hinsichtlich der großen und vielen Felsenmassen, welche so kunstvoll ineinandergefügt und für die Ewigkeit geschaffen zu sein scheinen. Sie sehen so fest und wohlerhalten aus, daß noch viele Reisende der kommenden Generationen hierher wandern und die schon längst angefangenen Untersuchungen fortsetzen können.
   Die Sphinx, eine unendlich kolossale Statue, welche unweit der großen Pyramide liegt, ist so versandet, daß man nur den Kopf und einen kleinen Teil der Brust sehen kann. Der Kopf allein ist zweiundzwanzig Fuß lang.
   Nachdem ich überall herumgegangen war und alles besehen hatte, trat ich meine Rückkehr an, besuchte abermals Herrn K., stärkte mich mit einem guten Imbiß und traf abends glücklich wieder in Kairo ein.
   
Pfeiffer, Ida
Reise in das Heilige Land
Wien 1995; Originalausgabe Wien 1844

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