Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1714 - Paul Lucas
Die Mekkakarawane verläßt Kairo

Weil von Kairo alle Jahre eine starke Karawane nach Mekka abgeht, will ich dem Leser zu Gefallen den dabei üblichen Aufzug in Kürze beschreiben. Ich verfügte mich einmal zu diesem Zweck in Gesellschaft der Herren Tusibe und Rou, beide Dolmetscher, und eines Janitscharen von der [Hohen] Pforte in die Caucalis, eine von den größten Straßen in Kairo, um die Karawane von einem Fenster aus vorbeiziehen zu sehen; und ich stellte fest, daß dieser Zug etwas Eigenes und Wunderliches an sich hatte. Den Anfang machten nämlich sechs kleine Feldstücke, jedes von zwei Pferden gezogen, gefolgt von den Constabels, die das nötige Gerät trugen. Darauf kam eine Gruppe Kamele, jedes mit Munition beladen, mit einem Trupp Knechten zu Fuß. Dann folgten sechzig andere Kamele, mit Proviant wie auch Haus- und Küchengerät beladen; bei jedem Kamel waren zwei Knechte für seine Fütterung und Pflege. Die Saguas oder Wasserträger, die lederne Hemden und Hosen nebst weichen Stiefeln trugen, marschierten vor zwanzig Kamelen her, die mit großen, mit Wasser gefüllten Schläuchen aus dickem Ochsenleder bepackt waren; dahinter kam noch eine Gruppe Saguas, dann kamen vierzig Kamele in prächtigem Zaumzeug, und zuletzt folgten die Fackelträger, die nachts leuchten müssen. Diese Fackeln, die Machalars genannt werden, sind nichts anderes als große Kohlenpfannen an einem langen Stil, in denen Kien und in Öl getauchte Wergballen statt Pechkränze brennen. So oft eine neue Gruppe marschiert, ziehen ein Kamel mit zwei Pauken, nämlich einer großen und einer kleineren, und zwei Personen, die darauf spielen, vorweg. Alle Brüderschaften zu Kairo, die aus Leuten von allerhand Profession und Handwerk bestehen, nehmen an diesem Zug mit ihren Trommeln und anderen Musikinstrumenten teil; jede führt ihr eigenes Banner, das sich von den anderen unterscheidet, und läßt sich tapfer mit Singen oder sonst einem großen Geschrei hören. Die Kamele, die die Cajavas tragen, die nichts anderes als mit Teppichen bedeckte Wiegen sind, in die die Kranken gelegt werden, und noch 20 andere Kamele, die für die Kranken Wasser tragen, legen ein rühmliches Zeugnis ab von der Vorsorge der Mohammedaner, die sie für die treffen, die etwa unterwegs erkranken. Doch schienen mir die dann aufmarschierenden 40 Trommler, die einen greulichen Lärm machten, an den unrechten Ort gestellt zu sein, genauso wie die dreißig Kamele mit ihren Pauken. Weil nun dieser Zug über die Maßen lang ist, sah man dann noch eine große Menge Fackeln, hinter denen ein Soubagi auf einem Pferd in köstlichem Schmuck ritt, vor dem zwei Mann mit Lanzen herzogen, hinter ihm alle seine Bedienten, die köstlich gekleidet und mit Lanzen und Säbeln versehen waren. Nach ihnen sah man ein Kamel mit einer goldgestickten Schabracke, wie auch die Sänfte des Bei, die von zwei Mauleseln auf einer Bahre getragen wurde. Dieser folgten verschiedene andere, weniger prächtige, und vier Kamele, die viele kleine Standarten von unterschiedlicher Farbe trugen, mit denen der Wind sein Spiel trieb. Diesen Zug begleiteten hier und da einige andächtige Brüder, die allerlei wunderliche Gebärden zeigten. Danach sah man noch andere Soubagis mit ihren Bedienten, die Feuerrohre führten; dabei war noch eine Gruppe mit Pauken und Standarten bepackter Kamele sowie einige Fackelträger und Saguas zu sehen.
   Endlich ließen sich nach diesem gravitätischen Aufmarsch ein Haufen sich närrisch stellender Leute sehen, die bald vorn und bald hinten am Zug waren, und mit Krümmen und Drehen sich überaus lächerlich gebärdeten. Einige von ihnen sangen, andere schrien oder heulten, andere klapperten mit den Zähnen und zeigten sich dabei dermaßen unsinnig, daß sie wahrhaftig Besessenen glichen. Die Musik, zu denen eine gewisse Art kupferner Instrumente gehörte, die wie die Deckel auf unseren Eisentöpfen aussehen und aneinander geschlagen werden, machen einen so aufruhrmäßigen Lärm, daß man es sich kaum vorstellen kann.
   Der Aufmarsch der sieben Kompanien der Garnison von Kairo, ein Detachement, das aus ungefähr 1.000 Köpfen besteht und von Offizieren angeführt wird, die Kommandostäbe in der Hand halten und der Karawane als Eskorte dienen, erscheint ordentlicher und ernsthafter. Ein Kommandostab besteht aus einem schwarzen Stock mit zwei silbernen Zacken in Form einer Krücke, woran zwei silberne Kettchen voller kleiner Schellen hängen. Dann erschien der Imam oder Pfaffe in der Karawane, weiß gekleidet und in feinem Schmuck. Ihn begleitete eine Gruppe Jünglinge in der gleichen Tracht. Hinter ihnen sah man Janitscharen mit ihren Staatsmützen nebst ihren Sardars, die trefflich gekleidet und wohl beritten waren.
   Darauf folgte ein großer Trupp, in dem jeder Reiter mit einer Lanze, kleinen Standarten, Bogen, Köcher und einem Säbel versehen war. Dieser Trupp bestand aus sechs Gruppen, hinter denen 1.000 Asaps oder Soldaten zu Fuß kamen; die Jüngsten kamen zuerst, die ältesten am Schluß. Alle waren mit Flinte, Pistole und Säbel ausgerüstet. Die letzteren, die in der Regel sehr alte Leute waren, waren in eine Tigerhaut gekleidet und führten ein Schild. Einige Schritte dahinter folgten 1.000 Janitscharen. Sie zogen in guter Ordnung auf, ebenso wie die Kavallerie, die ihnen folgte. Da aber ernsthafte Sachen und Possen fast immer abwechselten, sah man noch einen weiteren Haufen von den bereits genannten törichten Leuten. Die meisten von ihnen waren nackt, hatten Schlangen um die Arme geschlungen, und krümmten sich so wunderlich und heulten so fürchterlich unter dem stetigen Lärm der kupfernen Instrumente, daß man wohl niemals etwas entsetzlicheres gesehen und gehört hat.
   Den Schluß machte endlich ein Kamel, das das vom Groß-Sultan dem Grab Mohammeds [richtig wäre: der Kaaba] verehrte, sehr reich und prächtig gestickte Gezelt trug. Seine vier Zipfel wurden von vier Personen gehalten, damit die kleine Pyramide, worüber es gehängt ist, desto gerader erscheinen möge. Das Volk pflegt im Vorüberziehen aus den Fenstern oder von den Krambuden Blumen auf dieses Gezelt zu werfen, und ein jeder ist bemüht, daß er es berührt. Die, die das nicht schaffen können, lassen ihr Schnupftuch an einem Seil hinunter oder wickeln auch die Leinenbinde von ihrem Turban los, um damit daran zu reichen.
   Das ganze Gefolge zieht also fort, bis es ein Stück Wegs aus Kairo hinausgekommen ist; dort stößt es auf zu der übrigen dort versammelten Karawane; am dritten Tag erfolgt der Aufbruch Diese Karawane bringt fast 100 Tage auf der Reise zu. Da aber das türkische Mondjahr um 11 Tage kürzer als unser Jahr ist, geschieht es, daß innerhalb von dreißig Jahren der Aufbruch einmal umgeht, so daß er alle Jahre in eine andere Jahreszeit fällt. Die Karawane besteht aber jedes Mal aus zwei Gruppen; der ersten gehört das Volk von Kairo, Konstantinopel, und aus anderen dem türkischen Reich angehörigen Orten an; die barbarischen Völker aber, das sind alle, die längs den barbarischen Küsten hergekommen sind, gehören zur anderen. Die zweite Gruppe bricht einen Tag später von Kairo auf, so daß sie als Nachhut zu betrachten ist, die immer am Abend dort lagert, wo die erste Gruppe des Morgens aufgebrochen ist. Auf dem Rückmarsch aber sind die Mohren die ersten; dies ist von Türken aus besonderer Vorsicht infolge einer alten Prophezeiung eingerichtet, damit die Barbaren sich nicht etwa einmal der Stadt Mekka und dann der ganzen übrigen Türkei bemächtigen mögen. Da sie beim Hinweg an zweiter und beim Rückweg an erster Stelle ziehen, brauchen sie zwei Tage weniger für die Reise. Ihr Zug ist auch bei weitem nicht so ansehnlich und prächtig, denn sie eskortieren sich selbst und führen nichts anderes mit als das, was unbedingt nötig ist. Die Türken dagegen führen oft ein beschwerliches Geschlepp mit.
   Wie ich schon erwähnt habe, kampiert man etwa drei Meilen vor Kairo in der Richtung nach Sues an einem vom Nil gebildeten See, der niemals austrocknet, auch wenn das ausgetretene Gewässer längst wieder in seine Ufer getreten ist. Dort wartet der Emir-Hadschi mit seiner Eskorte. Dieser Offizier, der die Karawane kommandiert, ist vom Groß-Sultan eingesetzt und bekommt von der Pforte 1.000.000 Seckins, um dafür 400 bis 500 Mann zur Sicherheit der Karawane zu unterhalten; dazu kommen seine zahlreiche Familie und 2.000 bis 3.000 Pferde, die er für den Transport der Lebensmittel halten muß. Da aber diese Summe nicht ausreicht, die ihm entstehenden Kosten zu ersetzen, hat er das Recht, die Güter der auf der Reise ohne Erben Verstorbenen wie auch den zehnten Teil des Vermögens der Verstorbenen, die Erben haben, einzuziehen. Das bringt oft großen Gewinn, weil in manchem Jahr mehr als 10.000 Personen von dieser mühsamen Reise nicht zurückkehren. Dazu kommen die Geschenke, die er von jedem bekommt, sowie der ansehnliche Profit, den er aus den unterwegs angeschafften Lebensmitteln zu ziehen weiß, so daß dieses Kommando gewißlich eines der fettesten im Ottomanischen Reich und sehr begehrt ist. Auch ist anzumerken, daß von dem Tage an, an dem die Karawane in Kairo aufbricht, bis zur Rückkehr seine Gewalt sich ebenso weit wie die des Pascha erstreckt und daß er Schuldige zum Tode verdammen kann, ohne daß er jemandem darüber Rechenschaft zu geben hat. So befindet sich die Karawane, die früher von den Arabern in Angst und Schrecken versetzt wurde und ihnen Tribut leisten mußte, jetzt durch die Vorkehrungen in gewünschter Sicherheit, so daß sich auf dem Marsch kein Araber mehr blicken lassen darf.
   Die erste Nacht im Lager wird mit Schmausen und in Fröhlichkeit zugebracht. Man sieht nichts anderes als Spiel und Freudenfeuer. Allen Wallfahrern geben ihre Freunde und Verwandten bis dahin das Geleit, besonders die Frauen, denen erlaubt ist, diese Nacht noch bei ihren Männern zu verbringen. Wer keinen Angehörigen bei der Karawane hat, kommt dennoch aus Lust und Neugier mit hinaus, denn es gibt nichts Schöneres zu sehen als die mit mehr als 100.000 Zelten besetzte Fläche, die am Tag in allen Farben spielt und die des Nachts vor lauter Feuer glänzt. Die fast unzählbare Masse an Volk, die sich in den Gassen des Lagers aufhält, das fortwährende Freudengeschrei, das unter dem Getöne allerhand musikalischer Instrumente überall ausgestoßen wird, das Tanzen und andere Lustbarkeiten bildet eines der allerschönsten Schauspiele auf der Welt, so daß ich meine, es gibt nichts, was der Beschreibung der Alten von persischen Lagern und persischen Prachtmärschen ähnlicher sein könnte. Man hat gesagt, daß oft mehr als 50.000 Personen zu Pferde – ohne den unbeschreiblichen Haufen gemeinen Volks – aus Kairo kommt, so daß alle Dörfer unterwegs voll sind.
   Die zahlenmäßige Größe der Karawane kann nicht genau bestimmt werden, da durch Verteuerung der Lebensmittel oder andere Hindernisse wie Krieg oder Krankheit die Zahl manchmal größer, manchmal geringer ist. Doch ist gewiß, daß sie niemals weniger als 50.000 Personen beträgt bei einer gleichen Anzahl von Kamelen oder anderen Lasttieren. Wenn man die erstaunlichen Kosten, welche auf diese Weise entstehen, überschlägig berechnen will, muß man sich nur vorstellen, daß alles von Kairo mitgebracht werden muß, denn auf dem ganzen Zug gibt es neben einigen geringen Wasserstellen nur die einzige Stadt Medina, die dazu nur auf der Rückreise berührt wird; so daß man häufig drei oder vier Tage kein frisches Wasser antrifft, das noch dazu den Arabern teuer genug bezahlt werden muß, ebenso wie Lebensmittel, die die Araber bisweilen bringen – dabei ist die Karawane selbst damit so gut versorgt, daß sie solcher Erfrischungen wenig bedarf, denn nicht nur die Reichen führen alles notwendige auf Lasttieren mit, auch die Armen können allerlei von den Händlern kaufen, die der Karawane folgen und jeden Abend an vom Quartiermeister bestimmten Plätzen ihre Waren auslegen.
   Was aber diesen Karawanen in der Türkei das größte Ansehen gibt, ist, daß nach dem mohammedanischen Gesetz nichts so wichtig ist wie ebendiese Reise; und weil es denen, die die diese Reise vollenden oder auf dieser Reise sterben, besondere Glückseligkeit zu verheißt, so erweckt es bei allen Türken ein unbeschreibliches Verlangen, sie zu unternehmen. Man redet den Kindern schon von Jugend auf immerzu davon. Mancher trifft dazu während fast seiner ganzen Lebenszeit Vorbereitungen dafür, und wenn einer von dieser Reise wieder nach Hause kommt, wird ihm von jedermann so viel Ehre erwiesen, daß es scheint, daß er durch diese einzige Reise auf einmal alle Vollkommenheit erlangt habe. Die meisten Türken ruinieren sich recht mit Lust um dieser Reise willen, indem sie mehr Geld daran wenden, als ihr Vermögen tragen kann, und sie verteilen an eine unglaubliche Menge Arme ohne Unterschied reichlich Almosen aus; Arme unternehmen diese Reise öfter, nur damit sie von dieser Freigiebigkeit profitieren können.
   Die meisten, denen es ihre Mittel erlauben, nehmen ihre Frauen mit, ja, viele Frauen machen diese Reise allein ohne die Gesellschaft ihrer Männer. So sehr erfüllt die Türken der Eifer, ihres Propheten Gesetz zu erfüllen, obwohl sie sonst mißtrauisch und eifersüchtig sind. Die Frauen müssen viel Ungemach ertragen, wie sorgfältig auch ihre Männer auf ihre Bequemlichkeit bedacht sind, da sie dem Staub, der ungemeinen Sommerhitze, dem Regen und anderen Beschwerlichkeiten nicht entgehen können. Doch die große Gläubigkeit oder vielmehr das starke Verlangen, eine geraume Zeit dem Serail zu entgehen, macht, daß sie alles mit Lust und Freuden ertragen.
   Wenn jemand in der Karawane krank wird und sich nicht selbst versorgen kann, legt man ihn in die oben erwähnte Cajavas, wozu der Groß-Sultan eine gewisse Anzahl Kamele bei jeder Karawane zu halten pflegt, und von den Wohlhabendsten unter den Türken werden gleichfalls einige Vermächtnisse dafür gestiftet. Obwohl nun solche und andere Vermächtnisse sehr üblich sind, werden sie doch in Anbetracht des Geistes, von dem sich die Kommandanten der Karawanen regieren lassen, zum größeren Teil sehr übel verwaltet, da sie alles zu ihrem eigenen Nutzen zu verwenden suchen; sogar die Lebensmittel, die der Groß-Sultan über das Rote Meer nach Mekka zum Unterhalt der dort eintreffenden Pilger bringen läßt, verschonen sie nicht. Die Karawanen kommen den Groß-Sultan gewiß teuer genug zu stehen, ohne daß dessen die Pilger sonderlich teilhaftig würden. Die Vermächtnisse allein würden genügen, um die Unterhaltskosten zu bestreiten. Weil aber im allgemeinen einige aus dem Serail stammende Schwarze wie auch Cajas, Janitscharen und Ausleger des Gesetzes die Verwaltung führen, verschlingen sie alles und bereichern sich an dieser Frucht des muselmanischen Eifers. Es ist fast nichts, wie schon bemerkt, in der Türkei so üblich wie Vermächtnisse und Stiftungen; dadurch besitzt die Große Moschee zu Kairo einen solchen Reichtum, daß von den Einkünften leicht 50.000 Menschen unterhalten werden könnten, ohne die 10.000 bis 12.000 zu rechnen, die sie jetzt zu verpflegen hat.
   Im übrigen bringt die Karawane 48 Tage auf dem Weg nach Mekka zu; die Lagerplätze sind schon vorher eingeteilt und bezeichnet, und diese Ordnung wird ohne dringlichen Grund nicht verändert. Sobald man in ein Lager einrückt, weiß jeder gleich, wohin er gehört. Zuerst wird gebetet, danach gespeist, und endlich schläft man, bis 4 oder 5 Stunden vor Tag durch einen Kanonenschuß wieder die Losung zum Aufbruch gegeben wird. Also packt man nach Verrichtung des Gebets wieder auf und zieht bis nachmittags zwei Uhr weiter. Wenn die Hitze gar zu übermäßig ist, geschieht der Aufbruch etwas eine Stunde vor Sonnenuntergang. Wenn man nun bis zum anderen Morgen marschiert, begibt man sich bis gegen Abend wieder zur Ruhe. Und weil der Nordwind, der in dieser Gegend tagsüber die meiste Zeit weht, oft ziemlich frisch wird, so öffnet man die Nordseite des Zeltes, damit der Wind hindurchgehen kann, und erwehrt sich dadurch der übermäßigen Sonnenhitze etwas. Man hat auch ein sehr bequemes Mittel erdacht, das Wasser frisch zu halten, indem man es in irdenen Töpfen an der Luft aufhängt. Wenn aber ein Südwind einfällt, entsteht häufig eine so dampfend heiße Luft, daß oft an einem einzigen Tage 400 bis 500 Menschen verschmachten. Man muß dann nichts anderes als eine mit Feuer und Staub vermischte Luft einatmen, daß man alle Mühe hat, nicht zu ersticken. Und man hat dagegen kein anderes Mittel, als daß man sich mit einem Mantel bedeckt auf die Erde legt und oft ein Schnupftuch, in Weinessig getunkt, vor die Nase hält.
   Mit den Toten macht man wenig Zeremonie; der Wind muß ihnen die letzte Ehre erweisen, indem er sie mit Sand zudeckt, der wegen der Trockenheit keine Fäulnis zuläßt. Wie man denn solche Körper oft nach etlichen Jahren, wenn nämlich der Wind den Sand wieder davongeweht hat, in eben der Haltung, wie sie gestorben sind, wiederfindet. Doch sind sie dann dermaßen ausgetrocknet und deshalb so leicht geworden, daß, wenn man beim Marschieren aus Versehen auf einen tritt, der ganze Körper in die Höhe fährt; bei denen, die das nicht kennen, verursacht das bisweilen keinen geringen Schrecken.
   Wenn nun endlich die Karawane zu Mekka angekommen ist, liegt sie dort sieben oder acht Tage still, bis die anderen gleichfalls eingetroffen sind, die aus Konstantinopel über Damaskus, von Babylon und Basra und wohl gar zu Schiff aus Indien um diese Zeit dahin kommen.

Lucas, Paul
Reise in die Türkei und Syrien
Hamburg 1721

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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