Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1908 - Eduard von Hoffmeister
Von Kairo ins Fayum

Das Faijum ist von Kairo in zweieinhalb bis drei Stunden mit der Bahn zu erreichen. Sie führt auf der linken (westlichen) Seite des Niltales zunächst südwärts durch eine üppige Landschaft. Ausgedehnte Palmenhaine wechseln mit grünen Fluren und grauen Fellachendörfern, deren würfelartige, von Taubenscharen umflatterte Lehmhütten sich auf flachen Erhebungen zusammendrängen. Schweigsam und ernst arbeiten, ruhen und wandern auf Feldern und Wegen braune, in weiße oder bunte Tücher gehüllte Gestalten; schwarze Stiere schleppen, das breite Joch vor dem hohen Widerrist, den schweren Pflug durch das brüchige Erdreich; Esel, Maultiere und Kamele ziehen hochbeladen vorüber, und dazwischen glitzert bald näher, bald ferner die sonnenglänzende, mit weißen Segeln bestreute Wasserfläche des Nil: Um uns ist lachendes Leben - und daneben der Tod.
   Denn mit jähem Anstieg und unvermittelt erhebt sich nahe im Westen graugelb der kahle, ausgebrannte, rissige Hochrand der Libyschen Wüste, und auf ihm ragen die ältesten Baudenkmäler des Menschengeschlechtes, die Pyramiden von Giseh , Abusir, Sakkara, Dahschur und Meidum, empor. In langer Reihe schieben sie sich an unserm Auge vorüber, erzählend von der Gewalt der Könige und von der Knechtung des Volkes. Ihre Entstehung liegt teilweise jenseits der Grenzen der Geschichte. Ein Jahrtausend schon und länger schauten sie auf Wüste und Strom, als der Beduinenscheich und Patriarch Abraham mit seinen Herden und Sippen vor der kanaanitischen Hungersnot in das Land Pharaos gezogen kam und in ihrem Schatten seine Zelte aufschlug. Über eine Meile entfernt, scheinen sie - eine in der trockenen Luft und dem grellen Lichte des Orients immer wiederkehrende Augentäuschung - viel näher; ihre bräunlichen Massen sind in dem abgeblaßten Blau des Himmels scharf abgerändert.
   Bei der kleinen Station EI-Wasta wendet sich die Bahn in rechtem Winkel nach Westen und durchschreitet, streckenweise durch Hecken gegen den Flugsand geschützt, in ziemlich bedeutendem Anstieg und Abfall die etwa zwölf Kilometer breite Ostranderhebung der Libyschen Wüste, um dann ohne jeden Übergang in das Gartenland des Faijum einzutreten und dessen Hauptort Medinet-el-Faijum zu erreichen. Man kann sich kaum vollkommenere und schroffere Gegensätze denken, als sie hier auf der kurzen Fahrt aus dem Fruchtlande des Nil durch die Wüste in die Oase Faijum geboten werden. Wie im Traume eilt man gleichsam durch eine Strecke der Entsagung und Läuterung von Paradies zu Paradies, und es ist gerade, als ob die Natur bei dem einen gespart hätte, um nur dem andern desto reichlicher zu geben.
   Das Faijum bildet eine etwa vierzig Quadratmeilen [in deutschen Meilen entspricht das 2.200 km²; die tatsächliche heutige Größe ist etwa 1800 km²] große Senkung in dem Plateau der Libyschen Wüste; es wird von dieser ringsum eingeschlossen. Nur im Südosten lassen die Randhöhen eine Lücke nach dem Niltale offen, durch die zwischen schroffen Hängen ein breiter, schon weit oberhalb vom Nile abzweigender Kanal, der Bahr Jusuf oder Josephskanal, geführt ist. So wird der Nil, wie für sein Tal und das Delta, durch den genannten Kanal auch für das Faijum Schöpfer und Lebensspender zugleich. Man hat letzteres schon mit einem Blatte verglichen und nicht mit Unrecht, denn es zeigt nicht nur die Form, sondern auch die Gliederung eines solchen, indem der Bahr Jusuf von seinem Eintritte bei Illahun bis Medinet-el-Faijum gewissermaßen den Stil und seine von dort nach allen Seiten ausstrahlenden kleinen Kanäle, in die er sein Wasser fruchtbringend verteilt, die Rippen darstellen.
   Nach den Berichten der alten Schriftsteller war das heutige Faijum , und zwar schon tausend Jahre, bevor Herodot etwa 450 v. Chr. auf seiner Nilwanderung es aufsuchte, großenteils von einem - angeblich - künstlichen See ausgefüllt, der vermittelst des Bahr Jusuf bestimmt war, je nach dem Steigen und Fallen des Stromes durch Aufnahme und Abgabe von Nilwasser die Bewässerung des unteren Niltales und Deltas während des ganzen Jahres zu regeln. Jetzt ist von jenem Moërissee durch allmähliche Senkung des Wasserspiegels nur das am tiefsten gelegene nordwestliche, kaum 200 km² umfassende Stück, der Karun-See, übrig geblieben.
   Medinet-el-Faijum ist ein wohlhabendes, palmengeschmücktes Provinzstädtchen, das durch seine zahlreiche griechische Bevölkerung und den wasserreichen Bahr Jusuf ein besonders lebhaftes Gepräge erhält. Der freundliche Ort wurde von den Arabern teilweise auf der Stätte des altägyptischen Schedet errichtet, wo man die Schutzgottheit des Faijum , den krokodilköpfigen Wassergott Sobek, verehrte, dem das Krokodil heilig war. Nach diesem benannten die Griechen die Stadt Schedet Krokodilopolis, Krokodilstadt. Ptolemäus Philadelphus, der zweite und wohl bedeutendste Nachfolger Alexanders des Großen, stellte um die Mitte des dritten Jahrhunderts v. Chr. das erweiterte und verschönerte Krokodilopolis unter den Schutz seiner von ihm zur Göttin erhobenen zweiten Gattin und Schwester Arsinoë und gab Stadt und Land deren Namen. Zu damaliger Zeit muß Krokodilopolis-Arsinoë eine Stätte des Reichtums und Wohllebens und die ganze Provinz in blühendem Zustande gewesen sein.
   Die Ruinen bedecken nördlich Medinet-el-Faijum eine ansehnliche Fläche. Sie bestehen aus größeren und kleineren Lehmhügeln sowie aus Mauerresten von gebrannten Nilschlammziegeln, in denen man wertvolle Papyrusfunde gemacht hat und unschwer noch die Richtung vieler Gassen und Gäßchen erkennen kann.
   Der annähernd in der Mitte gelegene Schutthügel Tom Faris bietet eine weite Übersicht über die alte Stadt sowie über das in saftigem Grün gebettete Medinet-el-Faijum mit den Pyramiden von Hauara und Illahun im Hintergrunde. Überall findet man die Bewohner damit beschäftigt, die Schutthügel aufzuwühlen und die stark salpeterhaltige Erde, den Sabakh, auf Eseln zu Düngerzwecken wegzuführen. Im Norden treten die Erhebungen mehr hervor, und dort will man auch die Spuren eines Tempels des Sobek sowie die Ausschachtung eines heiligen Krokodilteiches entdeckt haben.
   Ermüdet von der langen Wanderung durch Schutt und Staub entdeckte ich auf dem Trümmerfelde eine kleine, hauptsächlich von alten Säulenresten erbaute Moschee, die ganz zerfallen und deren Brunnen verschüttet ist. Stimmungsvoll saß eine Gruppe von Arabern in ihrem Vorhofe. Auch ich fand dort Ruhe vom Wandern und Schatten vor der glühenden Sonne.
   Ungefähr drei Meilen südöstlich von Medinet-el-Faijum und ziemlich am Ostrande des Wüstengürtels, der dort die oben erwähnte Einsenkung für den Bahr Jusuf bildet, erhebt sich die viertausend Jahre alte, in ihrem Verfalle noch mächtige Pyramide von Illahun, das Grabmal von Usertesen II. [Sesostris II]. Der leicht ersteigbare, abgestumpfte Kegel ist auf natürlichem Felsen aus getrockneten Nilschlammziegeln errichtet, die durch ein Gerippe von sternförmig angelegten, nach Abfall der Umwandung mit den Stirnseiten nach außen tretenden Kalksteinmauern gehalten werden.
   Es muß im Altertum für die Herrscher einen eigenen und ganz besonderen Reiz gehabt haben, durch ungeheure Bauwerke, ob nun in Stein oder Lehm, den Zeitgenossen ihre Macht zu verkünden und ihren Ruhm der Nachwelt zu überliefern. Und diese Bauten sind die größten und ältesten in Ägypten, weil dort am frühesten eine straffe staatliche Vereinigung geboten war; denn es galt ebensowohl, durch gemeinsame Arbeit die Überschwemmungen des nährenden Stromes zu regeln, als mit versammelter Kraft das der Wüste abgenommene Gebiet immer wieder gegen den Ansturm des Sandes und gegen die Überfälle der zu Wasser und Nahrung drängenden Wüstenvölker zu schützen. So wurde von Anbeginn an im Nillande wie auch in dem ähnlichen Daseinsbedingungen unterworfenen Babylonien die Herrschaft des einzelnen, des Pharao, und die Bedrückung der Massen, der Fellachen, in gewissem Sinne zur Notwendigkeit. Mit der Lockerung des staatlichen Gefüges und dem Nachlassen im Ringen mit Natur und Menschen ging da wie dort der Verfall des Landes stets Hand in Hand und wandelte sich der Garten zur Wüste.
   Treffend faßte Napoleon I. die Geschichte Ägyptens in die Worte zusammen: »Bei einer guten Verwaltung erreicht der Nil die Wüste, bei einer schlechten die Wüste den Nil.«
   Von der Pyramide IIlahun gelangt man nordwestwärts durch die wellige Sand- und Steinwüste in zwei Stunden zu der annähernd gleichaltrigen Pyramide von Hauara, dem Grabmal Amenemhets III. Verhältnismäßig klein, ist sie weniger an sich als dadurch bemerkenswert, daß man dicht daneben in ausgedehnten formlosen, mit Scherben bestreuten Lehmhaufen die Reste des im Altertum hochberühmten und als eines der sieben Weltwunder angestaunten Labyrinths erkannt hat. Nach der Beschreibung des Geographen Strabo war dies ägyptische Großwerk ein Riesenpalast, der sich aus ebenso vielen, je mit einem einzigen Steine überdeckten Einzelpalästen zusammensetzte, als ehedem in Ägypten Bezirke waren (27), alle mit einer gemeinsamen Rückwand und davor derartig erfinderisch angelegten Kreuzgängen, daß es unmöglich gewesen sei, einmal eingedrungen, sich ohne Führer wieder herauszufinden. Die Schilderung Strabos, der das Labyrinth selbst besucht hat, ist gewiß zutreffend; heute dürfte jedoch selbst die kühnste Phantasie des suchenden und gestaltenden Forschers nicht mehr imstande sein, sich aus den kümmerlichen Resten der Schutthügel hiernach ein Bild des einstigen Prachtbaues und »Weltwunders« zu machen.
   Der schon oben genannte Karun-See liegt, lang gestreckt in westöstlicher Richtung, etwa drei Meilen nordwestlich von Medinet-el-Faijum. Man benützt dahin zunächst die Bahn bis Ibschawai, einem Dorfe mit malerischen Hütten und einem burgähnlichen Taubenschlage, und von dort einen guten Weg zu Wagen oder noch besser, wie ich, zu Fuß. Schon von der Station Ibschawai aus tritt, anscheinend nahe, doch anderthalb Meilen entfernt, der See gleich einem dunkelblauen Strich zwischen dem frischen Grün des Faijum und den jenseitigen gelben, kahlen, gerade durch Wolkenschatten dunkel gefleckten Steilhängen der Wüste hervor. Nur ganz allmählich senkt sich die Straße, und es schien mir fast während des Gehens, so lebhaft wirkte nach dem Gelesenen die Einbildung, als ob sich in dem abfallenden Gelände noch die verschiedenen Ränder des im Verlaufe von Jahrtausenden zurückgetretenen Wasserspiegels erkennen ließen. Sie führt durch unabsehbare Reisfelder und grüne Fluren, in denen Schafe und zahme Büffel weiden, und an armseligen Fellachenhütten, an Palmengruppen und Gärten vorbei, über deren niedrige Lehmumzäunung sich blütenbesäte Rosenzweige ranken und Feigen, Oliven, weinschwere Reben und goldene Orangen den fremden Wanderer grüßen und locken. In dem wasserreichen Faijum vermögen die Pflanzen der zornigen Glut ägyptischer Sonne zu trotzen; es ist heute der Frucht- und Gemüsegarten Kairos, wie es einst derjenige von Memphis war.
   Endlich erreicht man den See. Das hellgrüne Wasser spült seicht und schilfdurchwachsen an den Weg heran, der an einem Fischerhause endet; dabei liegen ein paar Segelboote, Netze sind zum Trocknen aufgehängt und im Schatten ruhen braune Menschen. Es ist Mittag und sehr heiß; alles schläft und träumt. Leise gleiten durchsichtige Wogen durch die Binsen über das sandige Ufer, und, ein silberner Spiegel, dehnt sich regungslos der See bis hinüber zum Wüstenrand. Dort, gerade vor der jenseits ausspringenden Landzunge, stand im Altertum das tempelgeschmückte Soknopaiu Nesos, die Insel des Soknopaios; es war ein volkreicher Handelsplatz und ein Stützpunkt des Karawanenverkehrs aus dem Delta durch die Libysche Wüste, besonders nach der nur zehn Tagereisen entfernten berühmten und reichen Tempel- und Palmenoase des widderköpfigen Ammon-Re, des Gottes der Sonne und Zeugungskraft [Siwa]. Ein halbes Jahrtausend v. Chr. zogen dort drüben die beutelustigen, in glühender Sandwüste dem Tode geweihten Scharen des persischen Großkönigs Kambyses durch und zweihundert Jahre später Alexander der Große, um an der süßen Sonnenquelle Ain el Hamman dem geheimnisvollen ägyptischen Gotte zu huldigen und sich selbst, fast möchte ich sagen zur Minderbewertung seiner menschlichen Größe, die Gottheit beizulegen. Nur noch wenige Trümmer und Tempelreste zeugen von verschwundener Pracht. Der Wüstensand hat sie eingedeckt. Auch sie liegen in Schlaf und Traum.

Hoffmeister, Eduard von
Kairo-Bagdad-Konstantinopel
Leipzig/Berlin 1910

Abgedruckt in:
Keller; Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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