Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1872 - Max Eyth
Der Ingenieur und der Fortschritt auf dem Lande
Minya

Der Orient ist ein prächtiges Land für Tagträume, namentlich bei solchen, die sich im fernen Abendland damit befassen. Aber während seiner Nächte läßt er uns kaum die nötige poetische Muße. Und gar in Nächten wie die verflossenen! Ich spreche nicht vom Kampf mit den Moskitos und anderen Ungetümen der Finsternis. Hier im offenen Felde und zu Anfang des März sind die Nächte noch zu kühl für diese zarten Geschöpfchen. Aber meine Leute in den benachbarten Zelten, biedere Schlosser und Monteure, die Ägypten bisher nur aus ihrer biblischen Schuljugend gekannt hatten und seit sechs Wochen umsonst nach seinen Fleischtöpfen suchten, wußten, daß es unsere letzte Nacht im Lager war, und gedachten daher weislich eines übrigen Flaschenkorbes mit vier Flaschen Ungarwein und zwei Scotch Whisky. Daraus ergab sich der fröhlichste Abend der ganzen Lagerzeit und viel unharmonisches, aber gut gemeintes Singen heimatlicher Lieder in meinen Nachbarzelten, bis der Mond um Mitternacht unterging.
   Ich hatte es nicht übers Herz bringen können, diese wohlverdiente Heiterkeit zu stören, obgleich sie mit meinem ebenso wohlverdienten Schlaf kein Erbarmen hatte, und dankte eben dem Himmel, daß Friede war für heute. Aber ich hatte zu früh gedankt. Drüben in der Bretterbude, welche unsere Küche, unseren Speisesaal und meines Kochs Schlafgemach repräsentierte – die treue Seele, die mich jeden Morgen um ungefähr 50 Prozent in Hühnerfleisch und Eiern bestahl, schlief der Sicherheit wegen auf unseren Tellern und Bestecken –, dort hatte auch er die letzten Stunden festlich zu begehen beschlossen. Er hatte sich zu diesem Zweck zwei Freunde und Kollegen aus der Stadt geladen und meine beste Flasche Cognac, die seit kurzem verschwunden war, wiedergefunden. Im Koran steht nichts vom Cognac, wie jeder gute Moslem weiß. Auch sind ägyptische Köche häufig Freidenker, mit einem leichten Anstrich kommunistischer Tendenzen, was der oberflächlichste Nilreisende erfährt. Der obligate Kaffee war getrunken; die ungewohnte Flasche begann zu wirken und eine lebhaft geführte Unterhaltung unterbrach die tiefe Stille der Nacht. Bald folgte sanftes Händeklatschen, ein Zeichen, daß sich jetzt auch die Gesellschaft Numero Zwei dem musikalischen Stadium der Heiterkeit näherte, und wenige Minuten später gurgelte, schüchtern durch die Nase gesungen, ein arabisches Gasel [Lied] durch das schlummernde Lager.
   Zwei Verse des Küchensolos ertrug ich. Zweimal war das langgezogene, bewundernde »A-ah!« erschallt, mit dem die Zuhörer, zu denen sich nun auch meine zwei offiziellen Nachtwächter gesellt zu haben schienen, den Sänger zu lohnen pflegen.
   Da fuhr ich auf, um in gewandtem Arabisch mit einem energischen »Escot, ibn el kelb! (Schweig, Sohn eines Hundes!)« die Feier zum Abschluß zu bringen. Doch in demselben Augenblick erschallte aus dem nächsten Zelt im breitesten Yorkshire-Englisch die gleiche Bemerkung. Offenbar war sie auch für Araber verständlich; denn der Gaselensänger blieb mitten in einem Worte stecken und Todesstille senkte sich auf unser Lager.
   Leider nur eine Minute lang. Dann leises, vorsichtiges Flüstern, erst Worte, dann Sätzchen. Dann eine emsige, summende Unterhaltung, dann sporadisch ein lautes Wort, ein Ausruf. Dann das sanfte Händeklatschen. Dann wieder der Gaselensänger und dann, wie ein Donnerschlag, mein Yorkshire-Mann im nächsten Zelt.
   Und wieder Todesstille, und nach zwei Minuten neuer Beginn des ganzen dramatisch-musikalischen Singspiels.
   Wir waren in der vierten Aufführung soeben bei der Gasele angekommen und ich erwartete den Ausbruch meines Jacks im nächsten Moment. Aber er kam nicht. »Er kann doch nicht eingeschlafen sein«, dachte ich, als der Sänger sich schon in den vierten Vers gerettet hatte und mit steigender Begeisterung einen heulenden Triller ausstieß nach Landesbrauch. Aber das Drama sollte diesmal eine andere Wendung nehmen. Bum – und bum! und klatsch – klatsch! schallte es draußen plötzlich. Zerbrochene Teller und Flaschen klapperten, Geschrei und Geheul. Ich kam heraus, um Mord und Totschlag zu verhindern, wenigstens unter meinem Küchengeschirr. Es war höchste Zeit. Jack stand im leichtesten Nachtkostüm vor der Küche, den am Boden liegenden Koch am orthodox-mohammedanischen Schöpfchen haltend. Die geladenen Gäste und unsere Nachtwächter verschwanden gerade am Horizont in wilder Flucht über den nahen Kanaldamm. Ein ernstes Wort an beide löste den Knoten der tragischen Verwicklung. Brummend marschierten Jack zu seinem Zelt zurück; wimmernd wand der Koch seinen entfalteten Turban wieder in einen respektablen Bund, und es wäre Frieden gewesen für heute, hätte sich nicht ein junger, frühreifer Moskito, den ohne Zweifel des Kochs Freunde aus der Stadt gebracht, noch ein Stündchen lang mit mir die Zeit vertrieben. Dann endlich war Ruhe.
   Ja, Ruhe, bis die ersten Strahlen der Morgensonne durch alle Zeltritzen schossen und meines Kochs linke Hand den Vorhang hob, der den jungen Tag bedeckte. In der Rechten hielt er eine große kupferne Suppenschüssel, gefüllt mit gelbbraunem Wasser aus dem Ibrahimija, dem großen Bewässerungskanal des Distrikts, an dem ich seit sechs Wochen lagerte. Der große tönerne Wasserfilter hatte den Küchensturm der letzten Nacht nicht überlebt und ich hatte deshalb den Genuß, mir mit unverfälschtem Nilwasser den Schlaf aus den Augen zu waschen. Ali, der Koch, hatte sich weislich den Kopf in allen Richtungen verbunden und erklärte rasch, aber kleinlaut, schwer erkrankt zu sein, um weiteren unangenehmen Folgen der gestrigen Szene vorzubeugen. Auch bemerkte er vorwurfsvoll, während er mir ein Handtuch reichte: »Herr Jack will ein Engländer sein und schlägt Araber! Du bist ein besserer Engländer als er!« Ali wußte, daß ich keiner war. Aber er hat, wie alle Ägypter, bis zum Küchenpersonal herunter, die Taktik begriffen, gewöhnlich Franzosen und Engländer gegeneinander auszuspielen, oder vielleicht findet die angeborene Ruhe der Engländer in der orientalischen Welt ihre Anerkennung.
   Auch die Suppenschüssel hatte ihre Geschichte. Sie stammte aus dem Bazar des Städtchens und vertrat ein porzellanes Waschbecken entschieden österreichischer Herkunft, das Ali vor vierzehn Tagen einem Hund nachgeworfen hatte, der sich an einem halbgebratenen Hühnchen aus unserer Küche erquickte. Hund und Huhn entwischten, aber die Folge war, daß eine arabische Sultania - der stolze, klassische Name für Suppenschüssel - zum deutschen Waschbecken degradiert wurde, und daß jener Hund und ein halbes Dutzend seiner Kameraden, denen er die Sache mitteilte, fortan eine wahrhaft rührende Anhänglichkeit an unser Lager an den Tag legten.
   Hier wäre es wohl am Platz, denn in wenigen Stunden wird sie für immer verschwunden sein, der orientalischen Pracht meines Zeltes gerecht zu werden. Selbst der träge Sinn des ungläubigen Abendländers begreift, daß es dem, der sich in Sultanias wäscht, an indischen Schals, persischen Teppichen, bernsteinbespitzten Tschibuks [Pfeifen] und türkischen Odalisken nicht fehlen kann. Mein Zelt war rund, aus gutem doppeltem Zwillich genäht, sechzehn Fuß im Durchmesser, neun Fuß hoch in der Mitte und fünf am Rande. Die zentrale Zeltstange, die sich seit Wochen bedenklich nach Westen neigte, stetigen Ostwinds halber, vertrat im Innern die Stelle eines immer offenen, vorzüglichen Kleiderschranks. Rings um den unteren Rand, wo zwischen Boden und Zelttuch eine offene Spalte dem kühlsten Nachtwinde freien Zutritt gestattete, war dürres Zuckerrohrlaub aufgehäuft, das sich teilweise auch ins Innere verirrte und demselben ein gemütliches, ungeniertes Aussehen gab. Eine eiserne Bettstelle, deren einer gebrochener Fuß mit Geschick durch ein Weinkistchen ersetzt war, diente nachts als Lager und bei Tag als Diwan zum Empfang hoher und höchster Besuche. Ein alter, treuer, lederner Koffer war ein zweites Möbel von seltener Vielseitigkeit und diente als Schrank, Tisch, Stuhl, Bank und Waschstand. Ein dritter Gegenstand der Bewunderung war ein von meinen Leuten gezimmertes Tischchen, das in sich selbst ein komplettes Büro und Studierzimmer repräsentierte. Und schließlich vollendete ein amerikanischer Schaukelstuhl, ein unschätzbares Kleinod nach des Tages Last und Hitze, der übrigens immer in jedermanns Wege war und über den jedermann fiel, diese wahrhaft sybaritische Einrichtung. Ich übergehe Kleinigkeiten, wie Flaschen, die als Leuchter figurierten, oder zerbrochene Arzneikölbchen, welche Tintenzeuge vertraten. Wenn ich jedoch hinzufüge, daß die Temperatur in derartigen Zelten nach Mitternacht nicht weit vom Gefrierpunkt entfernt bleibt und daß sie nachmittags an einen wohl geheizten Backofen erinnert, so ist wohl zuzugeben, daß der Hauptanziehungspunkt ägyptischen Zeltlebens in einem gewissen poetischen Reiz liegt, den dasselbe unstrittig als Staffage einer orthodoxen Oasenlandschaft mit Sonnenuntergang in hohem Grade besitzt.
   Zum Glück ist es nicht immer Mitternacht noch Nachmittag. Und der erste Schritt hinaus in den frischen Morgen, mit der ganzen Welt gebadet in rotem, duftigem Licht, mit dem blauen, wolkenlosen Himmel droben, der wunderbar reinen Luft, die von der Wüste herüber in fühlbaren, sanften Atemzügen zu hauchen scheint, versöhnt mit manchem Moskitostich. Dort liegen sie, die gelben Berge der afrikanischen Wüste, klar und scharf gezeichnet, als seien sie kaum eine Meile entfernt, während doch ein vierstündiger Ritt durch goldgrüne junge Zuckerrohrfelder und wogendes, überreifes Rohr mich von ihnen trennt. Nach links hemmt der braune Damm, der den Ibrahimija einschließt und sich endlos nach Norden und Süden erstreckt, den Ausblick. Über ihn weg ragen nur der Gipfel eines Minaretts von Minija und ein Dutzend Palmenfächer, welche aus den Gärten des Städtchens emporschießen. Vor mir in einem abgeräumten Kleefeld stehen, glänzend im Schmuck ihrer neuen Farben, ihres blanken Eisens und Stahls, zehn Dampfpfluglokomotiven, und hinter ihnen blaue Ungetüme, welche sie in Bewegung versetzten sollen, um eine halbe Welt glücklicher und süßer zu machen. Um mich her und hinter mir stehen die sieben weißen Zelte, in denen sich junges Leben regt, nach Wasser schreiend, über eine gebrochene Schnalle deliberierend, verwechselte Stiefel suchend. Und mir direkt gegenüber, nur dreißig Schritt entfernt, freundlich wedelnd, der verfluchte Hund, seit vierzehn Tagen auf das nächste Hühnchen wartend! Und das Leben ist doch schön!
   Aber es hat seine vier Seiten, was bekanntlich schon die ältesten Ägypter in ihren Pyramiden symbolisch andeuteten. Und es sind die drei Kehrseiten, denen ich sinnend eine Viertelstunde widme, bis sich mein patriarchalisches Gemeinwesen zum letzten Frühstück zusammenfindet, das ein betrübter Koch und eine halbzertrümmerte Küche zu liefern genötigt ist. Der Ernst des Tages fängt an, sich zu rühren. Eben kommt der erste Kamelkopf hinter dem Damm des Ibrahimija auf, von der Seite der Stadt her, und mit behaglich schlenderndem Gang, ein Büschel Stroh kauend, wie der zufriedene Bauernknecht sein Veilchen, schwankt das stattliche, sandgelbe Leitkamel über die schmale Eisenbahnbrücke, die den Kanal an diesem Punkte überschreitet. Ihm folgt ein zweites, ein drittes, das zehnte, das hundertste: dürre, schwarzbraune Klepper, alte, struppige Knochengerüste, mit gutmütig dummen Augen, aus dem Maul triefend, manchmal ein kurzes Geheul ausstoßend, als sei ihnen das Leben von Grund auf verleidet; da und dort kommt auch ein Kamelkälbchen, aus nichts als vier Beinen bestehend, über die es alle Kontrolle verloren hat, in seinem komischen Elend jämmerlich nach seiner Mutter blökend. So bilden sie bald eine unabsehbare Linie, die nach den fernen Zuckerfeldern hinzieht.
   Und jetzt braust die erste Lokomotive über die Brücke; hinter ihr dreißig offene Wagen, gefüllt von einer Armee brauner Fellachen, welche, ihr Frühstück in der Form eines Zuckerrohres kauend, nach derselben Gegend geschleppt werden. Es sind die Schnitter und die Leute, welche das Rohr auf Kamele packen, um es der soeben eröffneten landwirtschaftlichen Eisenbahn zuzuführen. Noch vor wenigen Wochen, ehe die Lokomotiven in Gang waren, hatten es die Kamele allein bis in die Fabrik zu schaffen, und viertausend Tiere waren zu diesem Zweck zusammengebracht worden. Jetzt hat der Dampf drei Viertel derselben entbehrlich gemacht. Aber selbst nur tausend Kamele gewähren immer noch ein imposantes Bild orientalischer Tätigkeit.
   Gerade sechs Wochen sind es, seit ich mein Zelt an dieser Stelle erhob, und zwei Monate, seitdem ich in Alexandria gelandet war, um dem Vizekönig unter anderem zehn Dampfpflugapparate zu übergeben, die montiert und zur Arbeit bereit an jedem zu bestimmenden Punkte des Landes abgeliefert werden mußten. Maschinen und Monteure waren vor mir eingetroffen, aber niemand wollte etwas von ihnen wissen. Auch ich konnte eine Woche lang nicht ermitteln, wo oder wem die Maschinen zu liefern seien. Doch konnte ich mich mit dem landwirtschaftlichen Eisenbahnmaterial trösten, das berghoch um meine Kessel lag und ebenfalls für die vizeköniglichen Zuckerdistrikte bestimmt, war. Auch war ich in den Wegen des Landes nicht unerfahren und hatte mich im Voraus mit orientalischer Ergebung gewappnet. Da fing mich am sechsten Tag ein atemloser Läufer der vizeköniglichen Administration. Ein Telegramm vom Effendini! Seine Hoheit sei in Minija und wünsche die Maschinen daselbst so rasch als möglich in Gang zu sehen. Dem Telegramm folgten Abgesandte aus Kairo, aus Oberägypten: Effendis, Beis, Paschas. Es war offenbar ernst. Zwanzig Beamte schrien, schrieben, telegrafierten, schwitzten und schimpften, schoben und prügelten, daß es eine Freude war. Eine Woche später empfing ich am Bahnhof von Minija meine ersten Kessel und Kisten, türkische Offizierszelte für mich und meine Leute, und den dritten Boten von Seiner Hoheit: Wann er das Pflügen sehen könnte?
   Es war eine der Sturm- und Drangperioden im Jahr 1872, wie sie Ägypten seit dem Bau der Cheopspyramide schon öfter erlebt hat. Die gesegnete Zeit des Baumwollfiebers war vorüber. Die Wolle kostete kaum mehr den vierten Teil von dem, was sie während des amerikanischen Bürgerkrieges wert gewesen war. Damals hatte sich jedes halb tropische Land in eine Schneedecke zu hüllen versucht, Ägypten voran. Jetzt standen Dutzende von Baumwollputzfabriken still und das Material für mehr als eine, in den letzten Tages des Glücks bestellt, lag bereits halb verrostet in Sand und Nilschlamm, um späteren Jahrtausenden als antiquarisches Rätsel zu dienen. Auf den Baumwollfeldern sproßten wieder Klee, Weizen und Reis, und die Fellachen priesen sich glücklich, eine Last weniger tragen zu müssen. Denn das Baumwollpflanzen ist nicht ihre Liebhaberei.
   Da, in einer üblen Stunde, überzeugte sich Ismael Pascha, daß ganz Mittelägypten das beste Land der Erde für Zuckerrohr sei und daß mit etwas Mut und Energie ganz Europa dadurch glücklich gemacht werden könnte; natürlich aber auch Ägypten und Seine Hoheit, der Khedive.
   Gesagt, getan! Das heißt, der Vizekönig bestellte unverzüglich ein Dutzend der kolossalsten Zuckerfabriken und teilte sein Land wie das seiner Anverwandten und Untertanen von Meidum aufwärts in hübsche viereckige Distrikte, die sich am Nil hinauf folgten wie Spalier bildende Soldaten. Jeder Distrikt sollte eine zentrale, am Stromufer liegende Fabrik mit Rohr füttern. Dampfpflüge sollten den Boden bearbeiten, Lokomotiven das Zuckerrohr zu den Fabriken schleppen, Nildampfer den Zucker nach Alexandria tragen, Flotten ihn nach Triest, Marseille und London bringen. C'était splendide! Westindien war ruiniert; die philisterhafte Zuckerrübe war wieder Viehfutter. Sogar ein Projekt wurde ernstlich erörtert, demzufolge die Melasse aus den verschiedenen Fabriken in Röhren das Land herunter nach einer riesigen Raffinerie geleitet werden sollte. Die Röhren wurden zum Glück wieder abbestellt. Die Raffinerie aber kam und liegt heute noch am Rande des geduldigen Stromes. Es ist nicht leicht, sich einen klaren Begriff von der Größe des ganzen Planes zu machen. Jede einzelne der Zuckerfabriken hatte ein Terrain von ungefähr fünfzig englischen Quadratmeilen [etwa 140 km²] zu ihrer Disposition, zehn Meilen in der Längsrichtung des Flusses und ungefähr fünf in der Tiefe, je der Breite des Niltales entsprechend. Jede war darauf berechnet, in vollem Betrieb 160 bis 180 Tonnen Zentrifugalzucker pro Tag zu liefern. Die Konstruktion der Fabriken und die Fabrikation des Zuckers selbst war die verhältnismäßig kleinste der Schwierigkeiten. Das Bebauen und Bewässern der Felder und der Transport des Rohrs machten dagegen seiner Hoheit derzeit ernstliche Kopfschmerzen. C'était splendide, ohne Zweifel, mais ce n'était pas la guerre! Es gibt auch in der friedlichen Industrie solche brillanten und zugleich tragischen Momente.
   Sämtliche neuen Fabriken waren erst im Bau begriffen oder fingen gerade in diesen Wochen an, ihren Erstlingszucker auf dem vizeköniglichen Frühstückstisch niederzulegen. Dagegen waren mehrere ältere Etablissements schon seit Jahren in Betrieb und von diesen waren die von Roda und Minija die zwei bedeutendsten. Minija war im letzten Winter ganz umgebaut worden, um in seiner Größe sich den neuen Unternehmungen anzuschließen. Es war eine französische Fabrik und der Platz deshalb ein Hauptquartier des französischen Elements. Roda war englischen Ursprungs und stand unter der Direktion eines Engländers. »Die einzige Fabrik im Lande, die dem Vizekönig Geld verdient«, sagten die Engländer. »Eine alte Lotterfalle«, sagten die Franzosen. Ich wollte mir vor meiner Rückkehr nach Kairo die Sache selbst ansehen und hatte beschlossen, mit dem Nachmittagszug nach Roda hinaufzufahren und Mr. Browns, des mir unbekannten Direktors, Gastfreundschaft auf eine Nacht in Anspruch zu nehmen. Die Distanz war nur zwanzig Meilen in direkt südlicher Richtung und Roda damals die südöstlichste Endstation der Nilbahn.
   Aber nächst dem Abbruch unseres Lagers hatte ich noch eine feierliche amtliche Verrichtung vor mir. Der Vizekönig, der ein kleines, schlichtes Palais in Minija bewohnte und dessen Anwesenheit eine wirklich unerhörte Tätigkeit im Distrikt zur Folge gehabt hatte, war vor acht Tagen plötzlich mit Sack und Pack abgefahren. Stadt und Land schienen am folgenden Tage nicht aus ihrem Schlaf zu erwachen. Der Mafetisch, Abdallah Bei, der Administrator des Distrikts und höchste Repräsentant der Regierung, welcher in den letzten vier Wochen 25 Pfund Fleisch verloren zu haben behauptete, war unsichtbar und reiste abends nach seiner kleinen eigenen Mühle, die er von einem politischen Zuckerfabrikanten zum Geschenk bekommen und bescheiden versteckt in den hintersten vizeköniglichen Feldern an einem wohl bewässerten Plätzchen des alten Josephskanals aufgestellt hatte. Die Ober- und Unterschreiber gähnten vor ihren schafstallartigen Schreibstuben. Die Fellachen standen, Zuckerrohr kauend, zu Hunderten um die schlummernden Kamele. Ein Bild aus Dornröschen, ohne Röschen und Dornen! Die Stöcke der Scheichs ruhten, denn auch die Scheichs schliefen. Und von meinen Dampfpflügen, die nach einer weiteren Woche fix und fertig in Reih und Glied standen, wollte keine Seele etwas wissen. Ich konnte sie doch kaum herren- und hilflos im offenen Felde stehen lassen! So beschloß ich denn, heute zum Schluß meiner hiesigen Tätigkeit dem Mafetisch einen offiziellen Besuch zu machen und ihm die zehn Werkzeugkastenschlüssel der Maschinen feierlichst gegen Bescheinigung zu übergeben.
   Pfeifend und singend sammelten sich meine Leute um den Frühstückstisch. Selbst der Koch findet es bei der steigenden Wärme des Tages geraten, seine Bandagen abzunehmen, wozu ihm Jack in seiner gutherzigen Yorkshireweise mit lautem Brüllen gratuliert. Zum letzten Mal benütze ich die Küchentür, um die gestrige Tagesabrechnung mit ihm zu bereinigen. Zwei Hühner – 18 Piaster, 15 Eier – drei Piaster, Butter – sieben Piaster, Milch, Brot, und so fort. Die letzten Blechbüchsen mit eingepökeltem Lachs, süßen Pflaumen und Frankfurter Würsten werden aufgebrochen und in verschwenderischer Weise gehandhabt. Es ist ein Abschiedsfestmahl, bei dem nicht ein einziger wehmütiger Gedanke den Kaffee trübt. Selbst ich, der Häuptling und Emir des Lagers, sehe mit tiefer Befriedigung meine patriarchalische Tätigkeit zu Ende gehen.
   Dann gings wieder pfeifend und singend ans Zeltabbrechen und Packen. Ich ließ dieses Vergnügen meinen Leuten, stecke meinen Schlüsselbund zu mir und machte mich gleich auf den Weg nach des Mafetischs Haus.
   Wenige Schritte bringen mich auf die Eisenbahnbrücke des Ibrahimija, die vor kurzem für die landwirtschaftliche Bahn erreichtet worden war und auf der ich vor wenigen Tagen eine halsbrecherische Seiltänzertour mit meinen eigenen Maschinen unternehmen mußte, um diese auf allerhöchsten Wunsch in ihre jetzige, von Gott und der Welt verlassene Situation zu bringen. Von Süden kommend zieht sich der breite, stattliche Kanal nach Norden hin: ein kolossales Werk der letzten zehn Jahre und in diesem Augenblick mit seinem kaum zwei Fuß tiefen Wasser ein echtes Bild modern-ägyptischen Unternehmungsgeistes.
   Direkt hinter dem Ibrahimija kreuze ich die parallel laufende Haupt- und Zentralbahn des Landes, die in Oberäypten bis jetzt von Kairo bis Roda führt. Der Bahnhof steht mir zur Linken: ein einstöckiges, weiß angestrichenes Gebäude von europäischer Stillosigkeit, mit hohen Fenstern und zerbrochenen Fensterscheiben. Auf dem Perron steht mein Freund Hassan Effendi, der Stationschef, in okzidentalen Hosen, die er noch immer in Erinnerung an seinen Aufenthalt in England trägt, obgleich er mit ihren Knöpfen in beständigen Schwierigkeiten ist. Neben ihm sein Telegraphist, ein unverfälschtes Kind des Ostens. Sie streiten sich über die soeben erwartete Ankunft des gestrigen Güterzuges. Hassan Effendi behauptet, er sei bereits vorbei und der Telegraphist habe ihn verschlafen. Der Telegraphist will kein Auge geschlossen haben. Ich soll Zeuge sein.
   »Dein Tag sei gesegnet, o Effendi!« sage ich. »Ich habe keine Zeit. Die Pflicht und der Mafetisch rufen mich.«
   »Warum gehst Du nicht morgen, o Fremdling? Ist nicht gestern wir heute und heute wie morgen bei Allah?« antwortete Hassan schmunzelnd. Er war in guter Laune. Schade, daß ich weiter mußte. Welche Schätze von Eisenbahnanekdoten sind auf dieser Linie aufzulesen, wahre Perlen in ihrer Art! Aber ich habe noch nicht ganz von dir Abschied genommen, Freund Hassan.
   Hinter dem Bahnhof liegt das Anwesen der großen Zuckerfabrik. Ein kolossaler Platz von mehreren Morgen ist mit dem weißen, zerquetschtem Faserstoff des verbrauchten Rohrs bedeckt, der zum Trocknen ausgebreitet wird, um sodann als Brennmaterial zu dienen. Ein Dutzend Karren sind damit beschäftigt, ihn abzuholen und herzubringen; etliche vierzig Mädchen, ihn mit Rechen umzuwenden und auszubreiten. Etwas weiter entfernt, direkt vor dem Hauptgebäude, das die altägyptischen Formen nicht verleugnet und dessen stolze Kamine mir heute wie die würdigen Nachkömmlinge der Obelisken erscheinen, liegt das goldgelbe Rohr, berghoch aufgehäuft. Zwischen diesen Hügeln, wimmelnd von Fellachen, befinden sich die gewaltigen Rohrträger, zwei breite, selbstbewegliche Straßen, auf die das Rohr fußdick aufgelegt wird und die mit demselben alsdann in endloser Bewegung langsam und feierlich durch zwei schwarze Pforten ins Innere der Fabrik wandern. Selbst bis zu mir herüber ist das saftige Knirschen der Walzen hörbar, welche den Zuckersaft in Strömen aus dem harten Holz pressen; freilich auch manchmal ein schriller Pfiff, ein markdurchdringendes Kreischen, das mir mitten durch mein mechanisches Herz zuckt, welches ahnungsvoll ein ungeschmiertes Lager betrauert.
   Jetzt saust der Zug vom Felde und mitten in das Zuckerrohrgebirge hinein. Hundert Fellachen stürzen über ihn her. Die Scheichs schreien und treiben. Die Rohre fliegen. Die Berge wachsen. Einer von denen, die am lautesten toben und kommandieren, ist der Mann, den ich suche. Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, was seinen Eifer erklärt, und ist ein Dragoman von Profession, der durch ein Versehen des Schicksals kürzlich in Minija liegen geblieben war. Wohl möglich, daß er wegen allzu großer Spitzbübereien von einer entrüsteten Gesellschaft Nilreisender aufs Trockene gesetzt worden war. Er sollte mich zum Mafetisch begleiten; denn ich fühlte, daß mein Arabisch für die höhere Diplomatie dieses feierlichen Besuches kaum genügen dürfte. Hoch erfreut über die Aussicht auf ein Bakschisch folgte er mir; und da er mich für einen Engländer hielt, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als mir zu versichern, daß alle Franzosen Spitzbuben wären und seine Mutter in Malta geboren sei; was mir erklären würde, warum er so vortrefflich Englisch spräche: »Me speak English very good – all right!«
   Die Fabrik umgehend stand ich am steil abfallenden Ufer des Nils. Wenige Schritte weiter brachten mich zum Haus des Mafetisch. Es war ein zweistöckiges, kleines Gebäude, mit blendend weiß getünchten Mauern und grünen Läden, offenbar des Werk eines italienischen Maurers, der dem arabischen Stil keine Zugeständnisse gemacht hatte. Eine Mauer umschloß einen kleinen Hof, durch den man in das im unteren Stock gelegene Amts- und Empfangszimmer trat. Im Hof saßen, mit orientalischer Geduld wartend, ein halbes Dutzend Leute und sahen dem Pasch-Katib, dem Oberschreiber, und einem Läufer des gestrengen Herrn zu, die sich ein Brettspiel auf die Steinplatten gemalt hatten und mit Mörtel und Steinkohlenstückchen Damen zogen. Hinter ihnen lag eine Tonne Kohlen, aus der Zuckerfabrik stammend und für den Harem des Herrn beistimmt, und hinter den Kohlen stand ein Klavier!
   Auch das stammte aus der Zuckerfabrik – indirekt, und hatte eine wunderliche Biographie. Der Agent eines der Etablissements, welche die Lieferung des Materials für die Fabriken übernommen hatten, drückte dem Mafetisch des Distrikts seinen Dank für die Gunst des Geschickes durch das sinnige Präsent eines Zuckerfabrikchens en miniature aus, das, wie wir wissen, die höchste Anerkennung gefunden hatte. Es war diese von seiten des europäischen Etablissements keineswegs eine unkluge Generosität; denn die Mafetische können, wenn es ihnen beliebt, ein Unternehmen in ihrem Bezirk fördern oder ruinieren, je nach Belieben. Dem Repräsentanten eines anderen europäischen Hauses, welches ebenfalls im Distrikt Minija zu operieren geneigt war, hatte nun einmal Abdallah Bei sein Interesse für europäische Musik kundgegeben und den Wunsch ausgedrückt, die Damen seines Harems mit einem Piano zu erfreuen. So war Zivilisation, Fortschritt und Zukunftsmusik das Thema einer scherzhaften Abendunterhaltung zwischen dem schmunzelnden Mafetisch, dem lächelnden Repräsentanten von Zentrifugalpumpen und einem Dragoman geworden, der zwar kochen, aber weder Arabisch, noch Englisch, noch Französisch verstand. Aber man verstand sich doch.
   Unglücklicherweise wurde kurze Zeit nachher der Mafetisch einer benachbarten Muterieh (Bezirk) nominell wegen allzu generöser Annahme von Bakschischs in Ungnade entlassen; ein Alltagsereignis, das sich der Repräsentant ungebührlich zu Herzen nahm. Um seinen neuen Freund in Minija, welcher die Notwendigkeit von Zentrifugalpumpen in Oberägypten amtlich nachgewiesen hatte, gegen ähnliche Verirrungen des Geschicks sicherzustellen, schickte er deshalb dem bereits auf der Reise befindlichen Flügel die bezahlte Rechnung nach. Seine Idee war, im Falle irgendwelche unangenehmen Nachfragen erfolgen sollten, dem Mafetisch die Gelegenheit zu bieten, mit der bescheinigten Quittung in der Hand seine Verleumder zuschanden zu machen.
   Im Laufe der Zeit kam denn auch das Piano in einem vizeköniglichen Nilboot in Gesellschaft von Gasröhren und Vakuumpfannen glücklich in Minija an, wurde von einem Heizer gefunden und von den Leibeunuchen des Beis im Triumph in das Allerheiligste seines Herrn gebracht. Über seine dortigen Schicksale schweigt die Geschichte. Einen Monat später kam auch durch einen mißlichen Zufall in der oberägyptischen Postverwaltung die erwähnte Rechnung an ihre richtige Adresse. Ein großer Kriegsrat wurde einberufen. Aber der Pasch-Kitab der Provinz und seine Untergebenen waren ratlos. Ein junger ägyptischer Regierungsbeamter, der seine Erziehung soeben in Wien und Paris beendet hatte, wußte ebenfalls nichts aus dem Dokument zu machen. Mein heutiger Dragoman dagegen, mit Hilfe seiner maltesischen Abstammung mütterlicherseits, warf endlich den ersten Lichtschimmer in die ägyptische Finsternis. Das Papier wollte nichts von der Gesundheit des Mafetisch wissen, noch erwähnte es die beglückende Länge seines Schattens. Es war eine Rechnung für das Piano!
   Der hohe Herr errötete leicht und sprach nur ein einziges Wort: »Bess! - Genug!«
   Am anderen Morgen stand der Flügel im Hof, hinter dem Kohlenhaufen, und steht noch dort, wenn er die Regenschauer ertragen gelernt hat, die seit neuerer Zeit in Folge der steigenden Kultur des Landes immer häufiger und für Pianos unangenehmer werden.
   Auch die 24 Zentrifugalpumpen, die um dieselbe Zeit in der Muterieh Minija an verschiedenen Punkten des Nilufers und des Ibrahimija verteilt wurden, stehen noch und haben nicht einmal einen Kohlenhaufen, hinter dem sie sich verstecken könnten. Doch zurück zu unserer Geschichte!
   Der Oberschreiber erhob sich, als er mich bemerkte, wischte das Damespiel, Brett und Steine, mit seinem gelben Riesenpantoffel aus und begrüßte mich feierlich. »Trete ein, o Fremdling, und nehme Platz. Der Mafetisch ist noch nicht hier, o Pasch-Mahandi.« (Obermechanicus; ein hoher Titel, den sich jeder Heizer beilegt.) »Der Mafetisch (und hier senkte er seine Stimme zum geheimnisvollen Geflüster) ist noch in seinem Harem.«
   Wir setzten uns auf die mit kattunüberzogenen Polstern belegten Steinbänke des Empfangszimmers. Dasselbe war absolut leer, mit Ausnahme eines kleinen sechseckigen Schemels zum Aufstellen eines Kaffeebrettes, in welcher Form er als Mittagstisch figurierte. An drei Wänden liefen die gepolsterten Bänke hin. Die mittlere bot zwei große offene Fenster, durch die der frische Morgenwind hereinzog und welche einen prächtigen Blick über Strom und Tal gewährten. Der Höflichkeitsaustausch mit dem Katib wollte kein Ende nehmen, bis der Läufer mit den gewohnten fingerhutgroßen Kaffeetäschen und dem dicken, schwarzen Gebräu Arabiens erschien. Neue Verbeugungen, neue Höflichkeitskämpfe. »Greife zu, o Herr! Nach Dir Dein Diener, o Fremdling!« Endlich verschwinden Kaffee, Läufer und Dragoman. Der Schreiber zieht sein messingnes Tintenzeug und Federrohr, das er wie einen Dolch im Gürtel trägt, hervor, spitzt seine Binsenfeder, lüpft seine Beine herauf, entfaltet einen schmalen, zwei Fuß langen Streifen Papier, hält ihn dicht vor die Nase und dann, mit dem Kopfe langsam hin und her schwankend, wie ein nachdenklicher Elefant, beginnt er seines Amtes zu pflegen.
   Es fängt an, warm zu werden. Der Katib lüftet mit einem »Uff!« seinen schwarzen Turban. Er ist Kopte und deshalb so dunkel beturbant nach alter Landessitte. Ich richte mich eben auf, um ihm wegen der Hitze mein Beileid zu bezeugen, als mein Dragoman mit wichtiger Miene auf den Zehen geschlichen kommt und mir zuflüstert, daß der Bei soeben seinen Staatsesel besteige. Der Läufer war verschwunden. Der Katib rief umsonst nach Kaffee, um dem Sturm, der sich auf meiner Stirn zeigen mochte, zu beschwören. Aber ich sah sofort, daß jedes Zeichen der Ungeduld meinerseits nutzlos und unwürdig sein mußte, und erhob mich deshalb mit ernster Ruhe, um die Abschiedsformeln in etwas übereilter Weise zu absolvieren. Aus dem Hof tretend, sehe ich gerade noch das rote, goldverbrämte Satteltuch und die weißen Hinterbeine eines wahrhaft königlichen Esels um die Ecke der Zuckerfabrik verschwinden. Der Bei war entwischt.
   Was war zu machen? Ich ging nachdenklich weiter, mit meinen zehn Schlüsseln spielend. Der Dragoman folgte mir mit gesenktem Kopf, wie ein Hund. Nach fünf Minuten bemerkte er sinnend in einem lauten 'Beiseite': »Wo ist mein Bakschisch?«
   »Wo ist mein Bei?« sagte ich, mich scharf umwendend. Aber das Gesicht meines temporären Leidensgenossen lag in allzu kummervollen Falten. Ich konnte meinen gerechten Grimm nicht an dieser schuldlosen Jammergestalt auslassen, obgleich ich überzeugt war, daß er von Anfang an von des Mafetischs Flucht vollständig unterrichtet war. Geduld und Ausdauer war meine einzige richtige Politik. Ich schickte ihn deshalb mit einem Billet nach den Zelten, wo er mir mein Skizzenbuch holen sollte. Bis zur Rückkehr des Beis mußte ich mir auf irgendeine Weise die Zeit vertreiben.
   Diese strategischen Bewegungen des Beis bedürfen übrigens einiger Erklärung. Sie waren mir leider klar genug. Abdallah Bei teilte einfach die Gefühle seiner sämtlichen Kollegen im Lande, das heißt: Die Einführung von Dampfpflügen war ihm in der Seele zuwider. Nicht aus irgendwelcher sentimentaler Anhänglichkeit an alten Landesbrauch, sondern weil dieselben ihn gegen 100.000 Piaster per Jahr zu kosten drohten. Das geht nämlich so zu: die Mafetische haben neben hundert anderen Pflichten den alljährlich notwendigen Ankauf des vizeköniglichen Zugviehs zu besorgen. Nichts ist natürlicher, als daß ein Ochse, für den der Fellache 200 Piaster und eine Tracht Schläge bekommt, in den amtlichen Verzeichnissen 300 Piaster wert wird. Ähnlich, nur umgekehrt, beim Verkaufe. Konnte er unter diesen Umständen mit leichtem Herzen zehn dieser teuflischen Produkte der Ungläubigen in seinem Bezirk empfangen, nachdem sein Vorgänger mehr als zwanzig derselben erst im Laufe der letzten fünf Jahre mit Müh' und Not ruiniert hatte? Man sollte billig sein. Das ging über menschliche Kräfte.
   Koch und Dragoman bildeten jetzt mein würdiges Gefolge, als ich wieder in den Vorhof des amtlichen Diwans eintrat. Der Bei war in der Tat eben angekommen, hoch zu Esel. Das halbe Dutzend Fellachen, die seit einem halben Tag auf ihn gewartet hatten, arme Kerls, die Steuern bringen oder Prügel holen sollten, Kläger und Beklagte, mit langen Bittschriften in der vorsichtigen Hand, stürzen ihm entgegen, ihm Hände, Hosen und Schuhe küssend. Der Pasch-katib hält schmeichelnd den stolzen, stattlich aufgezäumten Esel und der gestrenge Herr steigt ab. In diesem Augenblick scheint er mich zu bemerken, tritt rasch einige Schritte abseits und zieht ruhig seine Stiefeletten aus. Dann, der ganzen Gesellschaft den Rücken kehrend, steht er aufrecht in den Strümpfen da, den Blick starr nach Osten gerichtet, beide offene Hände hinter den Ohren, in der ersten Stellung des Gebets. Es folgen in gewohnter Ordnung die Verbeugungen, das Knien, Aufstehen und wieder Knien, das Berühren des Bodens mit der Stirne, das vorsichtige Umschauen nach bösen Geistern. Alles ein malerisches, feierliches Bild, wenn ein Araber, in Burnus und Kufija, neben seinem Kamel in der einsamen Wüste betet, aber kaum so erhebend, wenn die Hauptfigur ein kleiner, dicker Herr ist, in tadellos steifem Tarbusch, in schwarzem, offiziellem Amtsrock, korrekt zugeknöpft, in gelben türkischen Hosen und in gestreiften europäischen Strümpfen neuesten Pariser Musters.
   Wir standen alle in respektvoller Entfernung, lautlos das Ende der Andacht erwartend. Zwei der Fellachen und mein Koch fühlten nach einigen Minuten, daß es jedenfalls nicht schaden könnte, das Beispiel des gestrengen Herrn nachzuahmen, und begannen ihrerseits sich gleichfalls zu verneigen und ihre Nasen auf dem Pflaster breitzudrücken. Über den ganzen Hof wehte der schlichte Geist des Propheten, der alle Gläubigen gelehrt hatte, daß vor Allah, dem Einzigen, der Bettler ist wie der Reiche, und der Gewaltige nicht mehr als sein Diener.
   Und dabei zu wissen, daß mich dieser betende Spitzbube dort seit sechs Stunden herumzieht, weil ich ihn beim systematischen Ochsendiebstahl geniere! Aber ans Entwischen war jetzt nicht mehr zu denken. Ich hatte meinen Fuchs in der eigenen Höhle gefasst, und ergab sich so weit. Mit feierlicher Freundlichkeit, die Hand an Stirn und Brust, mich grüßend, wandte er sich jetzt gegen mich und lud mich ein, einzutreten und Platz zu nehmen. Katib, Dragoman, Koch und das halbe Dutzend Kläger und Angeklagte folgten uns und saßen oder standen in der Nähe der Tür, während wir uns in den zwei Hauptecken des Diwans niederließen.
   »Uff! Uff!« stöhnte jetzt der Mafetisch, teils, um mir mitzuteilen, daß es heiß sei, teils, um anzudeuten, wie sehr die Amtsgeschäfte ihn drückten.
   »Uff!« erwiderte ich ernst; denn es lag mir viel daran, der Audienz einen möglichst harmonischen Verlauf zu sichern.
   Dann kamen die bekannten Täßchen und wir nippten schweigend unseren heißen Kaffee. Mein Dragoman und Koch, wie auch zwei der Fellachen-Scheichs, wurden zu diesem Akte herbeigezogen. Die anderen hatten sich mit dem Geruch zu begnügen.
   »Uff!« sagte Abdallah Bei aufs neue, indem er eine Zigarette anzündete und sie mir durch seinen Läufer schickte. Und »Uff!« erwiderte ich, indem ich zu rauchen heuchelte; denn ich bin von der Sorte Wahabiten, die das betörende Kraut verabscheuen. Dagegen winkte ich jetzt meinem Dragoman und begann das Geschäft des Tages.
   »Sag dem Bei, daß ich gekommen sein, um mich zu verabschieden, daß ich ihm für seine Unterstützung während meines Aufenthaltes Dankes und hoffe, daß ich und meine Leute ihm in keiner Weise beschwerlich gefallen sind.«
   Mein Dolmetscher übersetzte in wunderbar gedrängter Weise, wie mir schien.
   Der Bei erwiderte in einer längeren Rede, welche der Dragoman sozusagen ruhig für sich einsteckte.
   »Was sagt er?« wollte ich wissen.
   »Er sagt, Du seist ein guter Mann – all right!«
   »Sag ihm, daß sein Herr, der Khedive, wünsche, daß zehn Dampfpflüge in seiner Muterieh blieben. Sag ihm, daß sämtliche Maschinen jetzt errichtet und bereit seien, zu arbeiten, und da ich in Geschäften zuerst nach Roda und dann nach Kairo gehen werde, so bitte ich ihn jetzt, diese Maschinen zu übernehmen.«
   Wieder eine Übersetzung des Dragoman im bündigsten Auszug; denn mein Englisch war dreimal so lang wies ein Arabisch. Die Antwort des Mafetisch ließ indessen an Länge nichts zu wünschen übrig.
   »Was sagt er?«
   »Er will nicht.«
   »Warum will er nicht?«
   »Er sagt, er kenne seine Geschäfte selbst.«
   »Was soll das heißen?«
   »Er will nicht.«
   »Aber zum Kuckuck! Wenn der Vizekönig will –«
   »Was sagt er?« fragte jetzt der Mafetisch seinerseits. Mein Arabisch reichte zum Glück aus, um bis zu einem gewissen Grad den Dragoman kontrollieren zu können; aber die jetzt entbrennende lebhafte Unterhaltung zwischen dem Bei und dem Malteser mütterlicherseits ging über meine Kräfte.
   »Sag ihm«, unterbrach ich sie endlich, »die Befehle des Vizekönigs seinen ganz klar und der Bei müßte sie kennen! Die Maschinen stehen auf seinen Feldern. Meine Arbeit sei getan. Ich wünsche von ihm nichts als eine Beglaubigung dieser Tatsache und die Übernahme der Schlüssel von zehn Werkzeugkasten.« Und damit holte ich klingelnd meinen Schlüsselbund hervor.
   Aber der Mafetisch wartete die Übersetzung des Dragoman nicht ab. Der Anblick der Schlüssel schien einen schlafenden Löwen zu wecken. Nur Allah weiß, was in seinem Kopf vorging. Sein Gesicht wurde kirschbraun, das Weiß seiner Augen sprühte in den dunklen Höhlen und ein Strom arabischer Beredsamkeit stürzte über seine Lippen.
   »Was sagt er?« fragte ich, nachdem ich eine Zeitlang zugehört hatte.
   »Er will nicht.« versetzte der Dragoman kleinlaut. »Er sagt, er kenne seine Geschäfte. Du habest ihm nichts zu befehlen.«
   »Sag ihm, ich befehle ihm nichts. Ich bitte ihn, den Befehlen des Vizekönigs zu gehorchen.«
   Neues parlamentieren. Steigendes Crescendo. Die sechs an der Tür fangen an, ihre Ansichten in Betreff der Sache preiszugeben.
   »Sag ihm, ich werde ganz bestimmt heute noch abreisen. Ich werde in wenigen Tagen den Vizekönig sprechen.«
   »Er sagt: Du sollst Deine Maschinen mitnehmen. Du sollst sie hinbringen, wo sie hergekommen sind.«
   »Gegen den Befehl seines Herrn? Sag ihm, er sei ein Esel!«
   Der Dragoman sah mich fragend an und übersetzte nichts. Die Konversation nahm eine höchst gefährliche Wendung für ihn. Er warf einen scheuen Blick auf die beiden Läufer und ihre langen Stöcke, die an der Tür Wache hielten, und blinzelte, um mir anzudeuten, wie teuer ihn eine wörtliche Übersetzung kommen könnte. Ich selbst stand auf und legte die Schlüssel vor dem Bei auf den Diwan.
   Dies war das Signal zu einem wirklichen Wutausbruch. Abdallah sprang empor, knöpfte mit einem Riß seinen Stambulrock auf – vermutlich das altsemitische Kleiderzerrreißen in moderner Fassung – , zog ihn aus und warf ihn auf den Boden. Ein komisches, dickes Männchen, in gelbem Jäckchen und gelben Pumphosen stand vor mir, blau vor Zorn und »Uff! Uff!« stöhnend.
   »Was will er jetzt?« fragte ich, den Dragoman, der am Reißausnehmen war, am Arm packend. Die Fellachen an der Tür fingen an, sich laut in die Verhandlung zu mengen. Die Sitzung mußte offenbar rasch und energisch zu Ende geführt werden.
   »Er sagt: Die Teufel, die am Rand der Wüste tanzen, sollen ihn holen, wenn er die Schlüssel anrührt!«
   Ich ging zur Tür und verbeugte mich. Ich hatte wenigstens meine orientalische Ruhe nicht verloren, wie der arme Mafetisch, der sich jetzt keuchend auf dem Diwan aufrollte und den Schlüsselbund mit dem Fuß herabstieß. Ein Läufer hob ihn auf und lief mir nach. Mein Koch steckte sie ein.
   Zu machen war offenbar nichts. Die Sache mußte an höchster Stelle in Kairo ihre Entscheidung finden. Wer konnte berechnen, wie viele Monate und wie viel Bakschisch dies möglicherweise kosten mußte? Aber es ist nutzlos, sich über das Unvermeidliche den Bart auszureißen.
   Überdies konnte jeden Augenblick der Bahnzug ankommen, der mich nach Roda nehmen sollte, wo mich jetzt die einzige Möglichkeit menschlicher Nahrung und eines Bettes für die Nacht erwartete. Koch und Dragoman unterhielten sich hinter mir aufgeregt über das Erlebte und der letztere bemerkte, wehmütig einer neuen Sorge nachhängend: »Jetzt ist der Pasch-Mahandi zornig. Wo ist mein Bakschisch?«
   Auch über den Bahnhof war ein Sturm hereingebrochen. Ein offener Güterwagen hatte soeben 500 Fellachen aus dem Delta gebracht, die wie Ameisen über Perron und Damm wimmelten, während die Maschine frisches Wasser einnahm.
   Die Lokomotive pfiff. Die Fellachen drängten und drückten sich in ihre Viehwagen. Einige hatten Zuckerrohr erbeutet und verteilten es kauend unter ihre Freunde. Die letzten lahmen Nachzügler erhielten von den besorgten Heerführer einen kräftigen Hieb, der ihre Leidensgenossen bis zum schallenden Gelächter erheiterten. Selbst ein fronender Fellache hat seine kleinen Freuden.
   Sie waren fort. Jetzt endlich gelang es mir, meines Freundes Hassan Effendi ansichtig zu werden. Er schien in dem Fellachensturm untergegangen gewesen zu sein und trocknete sich stöhnend den Schweiß von der Stirn. Der Dienst in Minija war fast nicht mehr auszuhalten.
   Wir schüttelten uns die Hände. Hassan war stets glücklich, seine alten englischen Erinnerungen aufzufrischen und sprach mit Vergnügen unser gewöhnliches Gemisch von Englisch und Arabisch, bei dem wir wechselseitig über unsere Sprachkenntnisse entzückt zu sein vorgaben.
   »Der Zug von Kairo ist doch noch nicht durchgegangen, o Effendi?« fragte ich.
   »Durchgegangen? Nein, o Bruder! Hier geht nichts durch ohne mich!«
   »Aber es ist Zeit. Er sollte schon längst hier sein.«
   »Die Zeit ist Allahs, des Einzigen.«
   »Gut. Aber einen Fahrplan habt ihr doch auch und dem entsprechend sollten wir den Zug von unten herauf um vier Uhr haben.«
   »So denkt der Mensch, o mein Bruder! Manchmal kommt der Zug allerdings auch um vier Uhr. Nur Allah kennt die Stunde, wann er kommt!«
   Nachdenklich trat er jetzt aus dem Telegraphenzimmer heraus und bemerkte ernst:
   »Der Zug ist nicht hier, o mein Bruder!«
   »Das sehe ich, o Effendi!«
   »Der Zug ist nicht in Samalut, er ist nicht in Abu Girge, er ist nicht in Faschn. Wo ist er?«
   »Das möchte ich eben wissen. Was sagt der Telegraphist?«
   »Der Telegraphist ist ein Narr. Er sagt, der Zug habe vor drei Stunden Beni Suef verlassen und habe Bibe noch nicht erreicht. Er habe 300 Kamele an Bord zu nehmen für Faschn. Freilich, das mag zuviel sein. Wenn die Kamele dorthin laufen müssen, geht es langsam. Aber der Telegraphist ist ein Narr!«
   »Da werde ich wohl Zeit haben, in die Stadt zu gehen, o Effendi?«
   »Zeit? Sind wir in England? Hat uns nicht Allah Zeit gegeben, so viel wir bedürfen? Gehe in Frieden, mein Bruder! Und wenn Du eines Lager bedarfst für die Nacht, komme wieder. Mein Haus ist Dein Haus, o Fremdling!«
   Müde und keuchend schleppte sich der letzte Zuckerrohrzug dem Bahnhof zu, als ich selbst denselben erreichte. Ich sah, Hassan Effendi war ärgerlich. Er wollte eben zwischen den Schienen zum Abendgebet niederknien und da kommt ganz unerwartet dieser Friedensstörer und will wahrscheinlich noch Schmieröl und Kohle, oder Wasser oder sonst Unmögliches. Das Schlimmste aber ist, er bringt nicht bloß Zuckerrohr. Von der Höhe des letzten Wagens klettert, in hundert Nöten mit den weiten türkischen Hosen, jedoch unterstützt von zwei tatkräftigen Dienern, eine lange, grasgrüne Gestalt. Hassan naht sich derselben. Sie grüßen sich mit feierlichem Anstand, die Hand an Stirn, Mund und Brust legend.
   Der Zug kommt von Maghagha, einem Dorf unterhalb von Minija, dessen Zuckerfabrik, ebenfalls schon älterer Konstruktion, vor drei Tagen durch den Bruch eines Kammrades der Walzenpresse zum Stillstand gekommen war. Maghagha besaß allerdings zwei Reservekammräder für den längst vorhergesehenen Unfall. Es stellte sich aber heraus, daß dieselben zu einer kleineren Fabrik im Fayum, 250 Meilen weiter im Nordwesten, gehörten und merkwürdigerweise nicht passen wollten. So wurde seit mehreren Tagen das Rohr von Maghagha nach Minija geschickt, um dort gemahlen zu werden, und die dadurch hervorgerufenen Extragüterzüge trugen wesentlich dazu bei, den sonstigen Verkehr der Bahn in höherem Grade als gewöhnlich der Fügung Allahs anheimzustellen.
   Mohammed Bei war erregt. Wichtige Angelegenheiten hatten ihn so spät noch hierher gebracht, und die Fahrt auf dem Gipfel des Zuckerrohrwagens, wo er sich drei Stunden lang, auf dem Bauch liegend, an das glatte, lose Rohr anklammern mußte, hatte ihn nicht erheitert. Er wollte und mußte seinen Kollegen, Abdallah Bei, ohne Verzug sehen. Hassan Effendi versicherte ihm umsonst, daß morgen auch ein Tag sei. Ich sah zum ersten Mal einen Ägypter diese Wahrheit mit Entrüstung verwerfen.
   Das Glück begünstigt den Entschlossenen. Eben sollte ein Bote nach Abdallahs Haus abgehen, als in dem Dufte, der bläulich über den nächsten Feldern wogte, eine weiße Gestalt erschien. Es war des Mafetischs stattlicher Esel wieder und auf ihm der Mafetisch selbst, gefolgt von den bestockten Trabanten, die im Trab hinter ihm drein keuchten. Er kam so spät noch vom Josephskanal herüber, wo er dafür gesorgt hatte, daß seinem eigenen Zuckerfabrikchen das Rohr nicht mangele. Diese Aufgabe, mitten in den vizeköniglichen Feldern, gab ihm stets viel zu reiten und zu arrangieren.
   Die beiden Oberamtleute begrüßten sich, der kleine Gelbe im schwarzen Stambulrock und mit der Eleganz des Alexandriner Höflings, der große Grüne mit der eckigen Würde des peträischen Arabiens. Sie beugten und umarmten sich. Sie fragten sich flüsternd nach Kopf und Augen. Sie beugten sich wieder, legten ihre Köpfe mit mild bedächtigem Ernste über die rechte Schulter des Gegners und wünschten sich mit geheimnisvoller Innigkeit: Friede! Und wenn alles vorbei schien, fingen sie wieder von vorn an. Zehn Minuten mochte endlich das Zeremoniell erschöpft haben und die ganze Gesellschaft, Hassan Effendi voran, begab sich in den Wartesaal und lagerte sich auf den harten Polstern meines Freundes.
   Die Mafetische saßen in der Ehrenecke. Neben ihnen, nach langem Komplimentieren mit mir, nahm Hassan Platz. Dann kam ich, etwas trutziglich durchs offene Fenster die mondbeschienene Landschaft draußen betrachtend; denn ich hatte nicht im Sinn, Abdallah Bei ein freundliches Gesicht zu zeigen.
   Im Zimmer selbst standen die vier Trabanten der gestrengen Herren, mein Koch und mein Dragoman, und bald erschienen auch zwei Diener Hassan Effendis, der eine mit einer Riesenlaterne, in der zwei Talglichte wetteiferten, welches am trübseligsten brennen könne, der andere mit den Kaffeetässchen, ohne welche nichts in dieser Welt geschehen kann.
   Die Beis rollten sich Zigaretten und fingen an, eifrig zu flüstern, das heißt: der Gelbe flüsterte und der Grüne brüllte. Das Wort maje (Wasser) schien der Text ihrer Unterhaltung. Hassan beugte sich zu mir herüber und übersetzte mir leise und stoßweise, was sie sich sagten. Mein Dolmetscher – ich hatte nie einen treueren Diener als diesen ägyptischen Malteser, solange ihn die Sorgen um sein Bakschisch quälten –, schlich sich an mich heran und übersetzte ungefragt, zu was der Effendi keine Zeit fand. Die vier Trabanten nickten mit den beturbanten Köpfen nach jedem Satz ihrer Herren. Auch im Gang und um die Fenster sammelte sich ein kleines Publikum: der Telegraphist, drei Weichenwärter und Fellachen ohne hohe amtliche Stellungen. Sie alle folgten mit reger Teilnahme dem Verlauf der Verhandlungen.
   Es war in der Tat die brennende Wasserfrage. In Bibe und Feschna war der Ibrahimija seit Wochen nahezu vertrocknet. In Maghagha war er seit drei Tagen bereits so niedrig, daß das Wasser nicht mehr von selbst auf die Felder lief und das frisch gepflanzte Rohr am absterben war. Hier in Minija hatte er wohl noch die nötige Höhe, aber in etlichen Tagen war der Distrikt unfehlbar in derselben Lage. Denn der Nil, welcher das obere Ende des Kanals speist, war noch fünf bis sechs Wochen lang im Sinken begriffen. Die ganze Ernte des nächsten Jahres stand auf dem Spiel.
   »Ich habe unter dem Boden und über dem Boden gesucht« brüllte Mohammed Bei mit dem Geheul der Desperation, »und ich habe in meiner Muterieh zwanzig Zentrifugalpumpen gefunden. Aber was helfen mir die Pumpen? Ich habe keine Maschinen, um sie zu drehen. Kann ich das Wasser mit meinen Händen heben?«
   »Wo sind Deine Maschinen, o Bruder?« fragte Abdallah kopfschüttelnd.
   »Du weißt es, o Liebling Allahs! Einige sind in Siut, einige sind im Delta, einige liegen im Nil. Der Khedive befiehlt und die Maschinen verschwinden wie der Spreu im Wind.«
   »Ich sah die Gefahr« lächelte der kleine Mafetisch von Minija. »Seit der Mond sich füllt, sind meine Gedanken Pumpen und mein Kopf ist voll Wasser. Hundert Knaben und Mädchen putzen mein altes Maschinenhaus. Die große englische Maschine wird meine Felder überfluten, wenn Allah den Kanal vertrocknet.«
   »Inschallah!« rief Hassan Effendi jetzt. »Aber weißt Du auch, o Bei, daß die Kessel keine Sicherheitsventile mehr haben und alle Hähne verschwunden sind?«
   »Ist das wahr, o Effendi? Ich weiß, du bist ein großer Mechanikus. aber Du vergißt, daß die Zuckerfabrik Hähne besitzt und Ventile in Menge. Wir nehmen diese!«
   »Werden sie passen? Hat nicht Dein Freund, Mohammed Bei, zwei Räder in Maghagha und doch geht seine Fabrik nicht. Mögest du recht haben, wie Du weise bist. Aber die große Pumpe wird kein Wasser geben ohne ihre Hähne.«
   »Der Effendi hat ohne Zweifel recht« schrie Mohammed Bei »aber Du bist der Liebling Allahs. Ich weiß, Du hast kleine Pumpen in Fülle.«
   »Aber sie taugen nichts! Sie sind Schund!« unterbrach ihn Abdallah Bei in plötzlich scharfem Tone. Das waren nämlich die Pumpen, die mit dem Piano verwickelt waren.
   Mohammed ließ sich jedoch nicht stören.
   »Und Du hast neue Maschinen, o Bruder!« fuhr er fort. »Ich sehe sie dort drüben im Mondlicht schimmern. Mein Pasch-Mahandi hat mir davon erzählt. Ich komme zu Dir in meiner Not. Gib mir Maschinen! Ich gebe Dir Pumpen! «
   »Ich brauche keine Pumpen! Ich habe keine Maschinen. Wenn Allah das Wasser vertrocknet, so ist es Allahs Tun. Was können die Werke der Ungläubigen gegen seine Macht?«
   »Aber wenn der Khedive über Dich kommt wie ein heulender Sturm, und wenn er uns packt wie ein Wirbelwind?«
   »Allah ist groß!« rief Hassan Effendi. »Es ist nur ein Gott, Allah«, setzte er zu meiner Belehrung bei. »Und Mohammed ist sein Prophet.«
   Die Unterhaltung begann eine für mich hoch interessante Wendung zu nehmen. Ich horchte und übersetzte mit Macht, aber ohne großen Erfolg. Warum lehrte man mich seinerzeit im heimatlichen Gymnasium nicht Arabisch, anstatt Latein, das ich doch nicht lernte!
   Endlich trat eine lange Pause ein. Neue Zigaretten wurden angezündet. Hassan Effendi, der durch meinen Koch schon längst die ganze Szene in des Mafetischs Haus kannte, flüsterte mir zu:
   »Er schämt sich!«
   Gleich darauf erhob Abdallah Bei seine Stimme und rief in singendem Tone, als ob er zu unserer allseitigen Erbauung den Koran lese:
   »Allah ist groß! Es ist nur ein Gott, Allah! Er gibt den jungen Raben Mais und dem durstigen Kamel Wasser. Wir aber sitzen auf dem Trockenen.«
   Der letzte Satz war mit dem freundlichsten Lächeln an mich gerichtet.
   »Komm hierher!« sagte ich zu meinem Dragoman, ohne das Lächeln zu erwidern. »Sage mir, Wort für Wort, was der Bei spricht, und sage ihm Wort für Wort, was ich spreche. Dann soll Dein Bakschisch glänzend ausfallen. Wenn nicht, so such es im Roten Meer, Sohn eines Hundes. Was sagte er?«
   Und der Malteser übersetzte, daß ihm die Schweißtropfen auf die Stirn traten, vorsichtig dabei meine Mienen betrachtend. Denn es wurde ihm immer unklarer, wie weit ich imstande war, ihn zu kontrollieren.
   Ich sah zum Fenster hinaus, ohne zu antworten. Je feierlicher und langsamer wir jetzt weiter schritten, um so besser mußte sich die Sache gestalten. Das ganze Bild draußen schwamm fast tageshell im grünen, zitternden Mondlicht. Hundert Frösche quakten und tausend Grillen zirpten. Vom Fellachenlager herüber tönte das Händeklatschen der schlichten Nachtschwärmer. Ich überließ mich minutenlang dem träumerischen Zauber der orientalischen Nacht. Dann sagte ich ruhig: »Dem Weisen gibt er Pumpen und dem Klugen gibt er Maschinen. Aber der Ochse dreht sich umsonst um die trockene Sakije.«
   »Bei Gott, er spricht Wahrheit!« platzte Mohammed Bei drein. »Friede sei mit Euch!«
   »Und Du glaubst«, fuhr Abdallah Bei fort, »daß Deine Maschinen und unsere Pumpen zusammen arbeiten werden wie Brüder?«
   »Was fragst Du mich Dinge, die Du kennst, o Bei?«
   »Du bist weiser in den Künsten des Wassers, o Pasch-Mahandi, als wir. Allah tut, was er will. Er hat die Franken und Engländer das Geheimnis der Pumpen gelehrt. Aber seinen Söhnen hat er die Wahrheit offenbart durch den Propheten. Gib die Schlüssel, o mein Bruder!«
   Mein Bei war glücklicherweise von der Überzeugung beseelt, daß ohne die Werkzeugkastenschlüssel mit den Maschinen nichts anzufangen sei. Ich sagte daher in gekränktem Tone: »Du wolltest sie nicht, als ich sie Dir anbot!«
   »Der Zorn macht den Weisen zum Narren. Ich war ein Magnun (Dummkopf)!«
   »Du sprichst die Wahrheit!« Hier zauderte mein Dragoman, aber ein ernster Blick trieb ihn durch die kitzlige Phrase. »Der Khedive will, daß Du sie übernehmest, Friede sei mit uns! gib mir einen Brief. Bezeuge mit Deinem Siegel, daß Du die Maschinen übernimmst, und ich lege mit Vergnügen die Schlüssel in Deine Hände.«
   Alles lobte meine Weisheit und Güte. Selbst die Trabanten und die Zuschauer unter der offenen Tür gratulierten sich. »Der Pasch-Mahandi ist sehr gut! Er ist weiser als die Söhne seines Landes!« hieß es ringsum. Hassan Effendi klopfte mir sanft aufs Knie. Eine große Krise war überwunden. Nur der Oberschreiber, den man in aller Eile herbeiholte, um das verlangte Dokument aufzusetzen, brummte in seinen koptischen Bart: »Stue wachet afrita! (Er ist ein Teufel!)« Er hatte seine Pflicht zu tun, ohne für sich noch für seinen Bei ein entsprechendes Bakschisch herauszudiplomatisieren. Murrend kroch er fast in die große Laterne am Boden und schrieb mit dicker Tinte, diagonal über den üblichen langen Papierstreifen, daß zehn Dampfpflüge mit allem Zubehör heute in Minija abgeliefert und übernommen worden seien. Die beiden Mafetische drückten ihre Siegel darauf und ich legte das kostbare Papier in meine Brieftasche und den klingelnden Schlüsselbund mit Ostentation in Abdallahs Hände.
   Und Tatsache ist, daß etliche Monate später dieser Wisch Papier in London die Ausbezahlung einer beträchtlichen Summe zur Folge hatte, die sonst vielleicht Jahre zu ihrer Bereinigung gebraucht hätte. Auch in kommerzieller Beziehung ist Ägypten ein Land der Wunder geblieben.

Eyth, Max
Wanderbuch eines Ingenieurs
Band 6: Fremde und Heimat
Heidelberg 1884

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!