Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1776 - Abbé de Binos
Im türkischen Bad
Damiette

Die Bäder in den Städten sind sehr sauber und bequem. Die zu Damiette, in die mich Bedürfnis und Neugier lockten, haben von außen das Aussehen eines zierlichen Gebäudes. Beim Eintritt geht man durch einen großen Saal, der das Tageslicht von oben durch eine Öffnung erhält, und begibt sich in einen anderen, wo man sich auskleidet. Nach dem Ablegen der Kleidungsstücke kommt man auf einen langen Gang, der zu den Badesälen führt; wenn man durch diesen Gang geht, empfindet man Wärme, die in dem Maße, wie man sich dem Bade nähert, zunimmt, so daß der Körper stufenweise bis zum ersten Saale in eine gelinde Ausdünstung gerät. Der Boden dieses Saales ist ein roter, geglätteter Marmor; an der einen Seite sind zwei Hähne, einer für warmes, einer für kaltes Wasser. Man legt sich auf den Boden, und zwar so, daß man Wasser nach Belieben aus einem von den Hähnen auf sich laufen lassen kann; ist dies geschehen, so wäscht der Badeknecht den Leib mit einem Schwamm und trocknet ihn mit einem anderen, gelinderen, ab. Gleich einem Töpfer, der einem Stück Ton die Vollkommenheit geben will, handhabt, glättet, drückt und preßt er eure Haut aufs Fleisch, auf eine Art, die den Leib kompakter, dichter und elastischer macht.
   Hierauf nimmt er euch und läßt eure Finger, Zehen und Gelenke knacken, welches er mit der größten Geschicklichkeit verrichtet, ohne im geringsten weh zu tun. Eine Operation aber, die Stärke und Gewandtheit zugleich erfordert, ist die, wenn er euch auf seinen Knien sitzen läßt, mit seinen beiden Händen eure Beine umspannt und sie rückwärts zusammenbiegt, als ob sie in einer kurzen Wiege lägen; dann biegt er euch auch die Schultern, als ob ihr einen krummen Buckel macht, und reckt so eure Lenden, daß sie stärker knacken als die Finger und Gelenke. Die Größe oder Kleinheit einer Person bleibt dabei außer Betracht; er handhabt alle ohne Unterschied mit gleicher Behendigkeit und Geschicklichkeit.
   Es steht jedem frei, ob er sich mit Pomade reiben lassen will. Alsdann wird man in den Saal zurückgebracht, in dem man sich entkleidete, und es werden Kaffee und Pfeifen angeboten. Ein solches gewiß heilsames Bad kostet nicht mehr als einen halben Laubtaler. Es macht den Körper leicht und disponiert, und bewahrt nach der Meinung der Ägypter vor den mit diesem Klima verbundenen Krankheiten.
   Die Bäder der Frauenzimmer sind den von denen der Mannspersonen abgesondert. Es herrscht, wie man sagt, dieselbe Reinlichkeit darin, allein sie werden weit stärker besucht. Da es der Ort ist, wohin sich die Damen mit der größten Freiheit begeben können, so geben sie sich dort oft Picknicks oder kleine gesellschaftliche Schmäuse und suchen dort Erholung vom Zwang ihrer häuslichen Knechtschaft.

Binos, Marie-Dominique de
Reise durch Italien nach Egypten, auf den Berg Libanon und in das gelobte Land
Breslau/Leipzig 1788

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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