Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 385 - Aetheria
Im Lande Gosen
Nordöstliches Nildelta

Wenn ich auch das Land Jesse (Gosen) schon kennen gelernt hatte, als ich zuerst in Ägypten war, so wünschte ich doch, alle Orte kennen zu lernen, welche die Kinder Israel von Ramesse (Ramses) kommend, bei ihrer Wanderung berührt hatten, bis sie zum Roten Meere gelangten. Der Ort ist jetzt nach dem dortigen Kastell Klesma genannt. Ich hatte also das Verlangen, daß wir von Klesma zum Lande Jesse zögen, das heißt zu der Stadt, die Arabia genannt wird und im Lande Jesse liegt. Nach ihr wird das Gebiet so genannt, das heißt das Land Arabien, das Land Jesse (Terra Arabia, Terra Jesse), welches doch ein Teil von Ägypten ist, aber viel besser als das ganze übrige Ägypten.
   Es sind von Klesma, d. h. vom Roten Meer bis zur Stadt Arabien, vier Tagereisen in der Wüste, so aber durch die Wüste verteilt, daß bei den Herbergen Klosterzellen mit Soldaten und Vorgesetzten sind, welche uns immer von Lager zu Lager begleiteten. Unterwegs also zeigten uns die Heiligen, die bei uns waren, das heißt die Kleriker und die Mönche, die einzelnen Orte, die ich immer nach den heiligen Schriften aufsuchte; einige waren rechts, andere links von unserm Wege; einige weiter entfernt, andere in nächster Nähe.
   Denn ihr möget mir, bitte, in Freundlichkeit glauben, daß, soweit ich es zu erkennen vermochte, die Kinder Israel so hin- und herzogen, daß sie, soviel sie nach rechts gingen, soviel auch nach links wieder zurückgingen, und soviel sie vorwärts gingen, soviel auch wieder zurückzogen; und so machten sie diesen Weg, bis sie zum Roten Meer kamen.
   Auch Epaulum (Pi-hahiroth, 2. Mos. 14,2) wurde uns gezeigt, zwar von der Rückseite, und wir waren wieder in Magdalum. (Die Pilgerin verweist hier auf ihre erste Reise.) Dort ist ein Lager, welches einen Befehlshaber mit Soldaten hat, der dort mit römischer Zucht und Strenge gebietet. Sie führten uns in gewohnter Weise von dort zum nächsten Lager; auch Belsefon (Baal-Zephon) wurde uns gezeigt; wir waren sogar an diesem Orte. Dies ist nämlich das Feld oberhalb des Roten Meeres an der Seite des Berges, wovon ich oben sprach, wo die Kinder Israel, als sie die Ägypter hinter sich herziehen sahen, ein Geschrei erhoben (2. Mos. 14, 10).
   Auch Oton (Etham) wurde uns gezeigt, das dicht an einer wüsten Gegend, wie geschrieben steht, liegt, ebenso auch Socchot (Suchot) (2. Mos. 13, 20). Socchot ist ein mäßiger Hügel mitten im Tal, in dem die Kinder Israel ihr Lager aufschlugen, denn hier ist der Ort, wo das Passahgebot, empfangen wurde (2. Mos. 12, 37 und 43).
   Auch der Ort Pithona, den die Kinder Israel erbauten (2. Mos. 1, 11), wurde uns unterwegs gezeigt. An dieser Stelle betraten wir schon das Gebiet von Ägypten, indem wir die Länder der Sarazenen hinter uns ließen. Dies Pithon ist jetzt ein fester Platz.
   Die Stadt Hierapolis (Heroum) aber; die zu jener Zeit bestand, wo Joseph seinem heranziehenden Vater Jakob entgegeneilte, wie im Buch Genesis geschrieben steht (1. Mos. 46, 29), ist jetzt ein Dorf, aber ein großes, das wir jetzt Marktflecken nennen würden. Denn dieser Flecken hat eine Kirche und Märtyrerstätte und viele Klöster von heiligen Mönchen, zu welchen wir der Reihe nach, nach unserer festen Gewohnheit, um sie zu besichtigen, hinabsteigen mußten. Dieses Dorf wird jetzt Hero genannt und ist 16 Meilensteine vom Lande Gosen (Jesse) entfernt; es liegt schon innerhalb der Grenzen Ägyptens. Der Ort aber ist ziemlich fruchtbar, da ein Arm des Nilflusses vorbeifließt.
   Von Hero aus kamen wir zu der Stadt, die Arabia genannt wird, einer Stadt im Lande Gosen. Darüber steht geschrieben, Pharao habe zu Joseph gesagt: Im besten Teile von Ägypten siedle deinen Vater und deine Brüder an. Im Lande Jesse (Gosen), im Lande Arabien.
   Von der Stadt Arabien 4 Meilen entfernt liegt Ramesse (Ramses). Damit wir aber zum Halteplatz kämen, zogen wir mitten durch Ramesse. Die Stadt Ramesse ist jetzt ein Feld, so daß sie gar keine Bewohner mehr hat. Es scheint, daß sie früher im Umfang groß war und viele Baulichkeiten hatte; denn ihre Trümmer, wie sie zusammengefallen daliegen, erscheinen heute noch zahlreich.
   Jetzt ist nichts anderes von Bedeutung mehr da als ein ungeheurer Stein Theban (ein Monolith), in dem zwei gewaltige Standbilder ausgehauen sind, welche die zwei heiligen Männer Moses und Aaron darstellen sollen; denn man sagt, daß die Kinder Israel ihn zu ihrer Ehre gesetzt hätten.
   Dort befindet sich außerdem der Baum einer Sykomore, die von den Patriarchen gepflanzt sein soll. Denn sie ist sehr alt und daher klein, obwohl sie heute noch Früchte bringt. So bald einer unpäßlich ist, geht er dorthin und nimmt einen Zweig, der ihm heilsam ist.
   Dies erfuhren wir durch den Bericht des heiligen Bischofs von Arabia; denn er selbst sagte uns den Namen dieses Baumes, wie man ihn auf griechisch heißt: dendron aletheias, wie wir sagen: Baum der Wahrheit. Dieser heilige Bischof war so freundlich, uns bis Ramesse entgegenzukommen. Er ist schon ein älterer Mann, sehr fromm, wie es einem Mönche geziemt, leutselig, und nimmt die Pilger sehr freundlich auf; auch in den Schriften Gottes ist er sehr erfahren.
   Da er sich also selbst bemüht hatte und uns dorthin entgegengekommen war, zeigte er uns alles einzelne und berichtete uns von den eben erwähnten Standbildern sowie auch von jenem Baume, der Sykomore. Auch dieses erzählte uns der heilige Bischof dann, daß Pharao, als er sah, daß die Kinder Israel ihn verließen, ihnen nacheilte und mit seinem ganzen Heere nach Ramses gegangen sei, dies ganz, weil es sehr groß war, verbrannt habe und von dort erst den Kindern Israel nachgesetzt sei.
   Es traf sich aber sehr günstig für uns, daß an dem Tage, wo wir zum Halteplatz Arabia kamen, Vorabend des hochheiligen Epiphaniasfestes war [6. Januar, an dem bis 386 n. Chr. Das Fest der »Erscheinung des Herrn« gefeiert wurde]. An diesem Tage waren die Vigilien in der Kirche zu halten. So hielt uns denn dort etwa zwei Tage lang der heilige Bischof zurück, ein wirklich heiliger Gottesmann, mir schon genugsam von der Zeit her bekannt, in der ich in der Thebais (Theben in Ägypten) war.
   Dieser heilige Bischof war früher Mönch gewesen; denn er war von Kind an im Kloster erzogen und daher sowohl in den heiligen Schriften gut unterrichtet, wie auch in seiner ganzen Lebensweise, wie ich auch oben sagte, so unsträflich.
   Von hier schickten wir die Soldaten zurück, die uns in römischer Zucht so lange Schutz geboten hatten, als wir gefährliche Gegenden durchzogen. Jetzt aber, seit unser Reiseweg durch Ägypten auf der öffentlichen Staatsstraße lag, die die Landschaft Arabia durchquerte, d. h. welche von der Thebais nach Pelusium führt, brauchten wir die Soldaten nicht mehr zu bemühen.
   Indem wir von dort durch das ganze Land Gosen (Jesse) zogen, nahmen wir den Weg fortwährend durch Weingärten, die Wein, und durch solche, die Balsam gaben; sowie durch Obstgärten und sehr gut angebaute Felder sowie eine Menge Gärten an den Ufern des Nilflusses zwischen zahlreichen fleißig bebauten Grundstücken umher, die einst die Landgüter (villae) der Kinder Israel gewesen waren. Kurz, was soll ich mehr sagen? Ein schöneres Land als das Land Gosen glaube ich niemals gesehen zu haben.
   Als wir so von der Stadt Arabia in zwei Tagen den ganzen Weg durch das Land Gosen zurückgelegt hatten, kamen wir nach Tatnis, der Geburtsstadt des heiligen Moses. Dies ist die Stadt Tatnis, die einst Pharaos Hauptstadt war.
   Und obwohl ich diese Stätte schon, wie oben gesagt, gesehen hatte, als ich nach Alexandria und nach der Thebais gegangen war, wollte ich doch die Orte, durch welche die Kinder Israel von Ramesse bis zum heiligen Berg Gottes, dem Sinai, zogen, gründlich kennenlernen; und so war es nötig, auch wieder zum Lande Gosen und von da nach Tatnis zurückzukehren.
   Indem wir also von Tatnis weiterreisten, kam ich, auf dem schon bekannten Wege ziehend, nach Pelusium. Und von dort, zum zweiten Male aufgebrochen, nahm ich den Weg durch die einzelnen Stationen Ägyptens, durch die ich gekommen war, und gelangte an die Grenzen Palästinas. Von dort kehrte ich im Namen Christi, unseres Gottes, in mehreren Tagereisen durch Palästina nach Helia (Aelia), d. h. nach Jerusalem, zurück.

Richter, Hermann (Hg.)
Pilgerreise der Aetheria (oder Silvia) von Aquitanien nach Jerusalem und den Heiligen Stätten vom Jahre 385 n.Chr.
Essen 1919

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende n Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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