Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1849 - Bogumil Goltz
Bakschisch
Alexandria

Am Ufer empfängt oder zerreißt den Reisenden vielmehr eine durch Gewinnsucht wie rasend erscheinende Schule von halbnackten Eseltreibern (Kindern und Erwachsenen), die wie besessen durcheinanderschreien, sich und ihre Esel anpreisen, sich durcheinander stoßen, zanken und schlecht machen, und dem betäubten Reisenden dermaßen tätlich zu Leibe rücken, daß er sich allen Ernstes in seiner Haut wehren muß, wenn er nicht nolens volens auf einen Esel gesetzt und mit seinen Kisten und Kasten zu einem Hotel entführt sein will. Wenn es geschähe, wär auch nichts Übles dabei, denn diese armen nackten Eselbuben sind selbst mit ihren unverschämtesten Forderungen noch spottwohlfeil; und im allgemeinen so verlässig und gutartig, als es kaum von einem Naturmenschen und Halbwilden erwartet werden kann.
   Was mich aber nun betraf, so konnte ich schon mit Rücksicht auf meine knappen Diäten nicht so den Zufälligkeiten und dem nackten Humor dieser arabischen Jugend überlassen. Ich hatte einmal meinen Führer vom Schiff her und stieß also die aufdringlichsten Naturmenschen mit so gutem Erfolg zurück, daß ich sofort Luft bekam. Energische, d.h. handgreifliche Manöver bei wenig Worten und anscheinender Gelassenheit werden bekanntlich im unpolizierten Afrika wie im überpolizierten Europa und in der ganzen wilden wie gebildeten Welt am schnellsten und nachhaltigsten respektiert. Die Eseljungen unterhandelten nun mit weniger Schreiwut und Gewalttätigkeit, und einige waren sogar über die Art und Weise, mit der unter ihnen aufgeräumt worden, sichtlich amüsiert. Mein Führer verhielt sich bei dem kleinen Intermezzo so unbefangen und passiv, wie wenn er bei Wellenschlag gebadet oder ihm ein Wind den Hut vom Kopf gerissen hätte. Er beschränkte sich in Worten und Werken auf die Notwendigkeit und drängte sich mit mir zur Doganan hindurch, die mit ihren Magazinen unweit des Landungsplatzes der Boote fast unmittelbar am Wasser liegt. Es war Freitag (der mohammedanische Sonntag), mein Lederkoffer blieb also im Magazin, die Ledertasche aber, die ich um den Leib hängen hatte, und mein Nachtsack, den ich in der Hand trug, wurden mir nach einem flüchtigen Betasten auf Verwendung meines Mentors, der ein Bekannter der Beamten zu sein schien, frei zurückgestellt und zwar ohne Biergeld, hier „Bakschisch“ genannt, mit dem Accent auf dem gedehnten „schisch“.
   Und wenn einer stocktaub wäre: dies Bakschisch hört er in Ägyptenland durch, und wenn er kein arabisches Wort weiter aussprechen und behalten lernte: diese Parole der ägyptischen Proletarier und Eselbuben, dies Bakschisch bekommt er vom ersten Augenblick an. Es tönt ihm von einem Ende Ägyptens bis zum anderen, und über das Meer bis nach Haus – von Alexandrien bis zu den Katarakten, und wahrscheinlich bis zu dem Orte, wo noch irgend ein Reisender hingekommen ist, und die Geldgier dieser armseligen, nackten Menschen gereizt hat. Dieses Bakschisch also zeigt demjenigen, welcher die Nilquellen verfolgt, wie weit seine Vorgänger durchgedrungen sind. Von diesem Trinkgeld, Gastgeschenk oder Ehrensold, von diesem Fremdentribut und Reisezoll, diesem metallischen Andenken, diesem silbernen Hammerschlag, den man insbesondere den lebendigen Bildsäulen der reisenden Engländer abzuschlagen und abzudividieren versteht, träumt und spricht der arme Araber, der orientalische Eckensteher, der Fellah, der Eseljunge oder Kameltreiber, der Bettler, Proletarier und Taugenichts, wo er geht und steht; und wo er nun den Geber dieses höchsten Glücks erblickt, da stürzt er ihm mit dem verhexten und wahnwitzig-leidenschaftlichen Geschrei „Bakschisch Howaje“, „Bakschisch Effendi“, „Herr, ein Trinkgeld!“ auf den Leib!

Goltz, Bogumil
Ein Kleinstädter in Ägypten
Berlin 1853

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