Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1484 - Felix Fabri
Unfreundlicher Empfang in Alexandria

Als wir zur Stadt kamen, stießen uns die Kameltreiber von den Kamelen und die Eseltreiber von den Eseln und sagten, es sei nicht üblich, daß Christen vor und in der Stadt ritten. Damit kamen wir kamen zu einem Tor; die Heiden schlugen es vor uns zu wiesen uns den Graben entlang zu einem anderen Tor. Als wir diesen Graben entlang zogen, liefen uns die Knaben nach und warfen hart mit Steinen nach uns; sie hatten auch Schlingen, mit denen sie kräftig und weit schleudern konnten. Es waren auch Heiden an den Mauerzinnen; die schrien uns an und warfen Steine hinunter. An keinem Ort wurden wir je übler empfangen als zu Alexandria.
   Als wir nun weiterzogen, kamen wir an ein herrliches Tor. Vor dem stand ein Heide mit einem Kolben und wollte uns nicht einlassen, es wäre denn, wir gäben ihm Zoll für die Kamele und die Esel. Von uns wollte er nichts. Als der Zoll bezahlt war, zogen wir durch eine große, feste Pforte mit eisernen Türen, hohen Türmen und Erkern; zwischen Ringmauern zogen wir im Bogen weiter und kamen zu einer anderen großen eisernen Pforte, die in die Stadt führte. Da standen viele Sarazenen mit Bogen und Kolben. Die trieben uns zurück und warfen zwischen den beiden Toren die Kamele und die Esel nieder und all unsere gerettete Habe und schlugen die Kamele und Esel zum ersten Tor hinaus und verriegelten es wohl und gingen durch das andere Tor in die Stadt. Uns schlossen sie mit allem unserem Zeug zwischen den Toren ein und sagten, daß wir da bleiben müßten bis zum Morgen; da würden die Herren kommen und uns besuchen und schätzten, denn die Sonne sei untergegangen und abends könnt man nicht mit uns handeln. Wir klopften mit einem Stein an das Tor und klagten den Heiden, daß wir lange nichts gegessen hätten, und wenn sie uns Wasser und Brot gäben, so wollten wir das zweifach bezahlen. Da kam einer und brachte ein Körbchen mit Datteln und heißem Brot, das gerade aus dem Ofen gekommen war, und Wasser. Dem gaben wir Geld dafür und aßen die Dinge, auch die, die wir noch in unseren Säcken hatten, und waren wohl zufrieden und ruhig in dem Gefängnis, wo uns niemand ein Leid tat. Etliche Pilger, die nicht schlafen mochten in diesem Zwinger, gingen im Mondschein auf die äußere Ringmauer und auf die Erker und Türme und haben sich sehr über die starken hohen Türme, Mauern und Gräben gewundert.
   Am 24. Oktober, als es Tag wurde, legten wir unsere Sachen zusammen und steckten Kleinodien und Geld hierhin und dorthin, wo wir glaubten, daß man nicht suchen würde, und banden die Säcke und Körbe gut zu, und die Herren, die viel Geld und viele Kleinodien hatten, erdachten mancherlei. Etliche taten ihr Geld in Trinkkrüge, etliche in das Brot, etliche vernähten es in den Kleidern; ich hatte wenig von diesen Sorgen, denn mein Säckel war schon leer. Manche hatten kleine Gläser voller Balsam; die drückten sie in die Schmalztöpfe. Als wir die Dinge so ordneten, sagte der Trutzschelman [Dragoman] Ali, es sei besser, wir ließen Körbe und Säcke offen und zerlegten alles Zeug, so daß alles offen stünde, wenn die Herren kämen, denn was zugebunden sei, würde genauer untersucht. Also haben wir alles aufgebunden und durcheinander zerstreut. Als nun die Sonne aufgegangen war, kamen die Heiden und machten beide Tore auf und ließen viele Kamele mit Spezereien hineinziehen, die vor dem äußeren Tor gewartet hatten. Sie untersuchten die Kameltreiber ganz genau vor unseren Augen, daß wir dachten, wenn es den Heiden schon so geht, wie wird es dann erst uns armen Christen ergehen?
   Dann kam ein schwarzer redlicher Mameluck zu uns und sagte uns, daß er Dragoman oder Geleitsmann der Christen zu Alexandria wäre, und er erzeigte sich freundlich und ohne viel Schmeicheleien. Dem gaben wir den Brief [als Paß oder Geleitbrief] des Sultans, damit man uns nicht durchsuchen sollte, und baten ihn, daß er auf unserer Seite stünde. Da sprach er, man würde uns durchsuchen, aber er wolle mit den Herren reden, daß sie bescheiden mit uns umgingen. Als nun die heidnischen Herren, die zum Durchsuchen kamen, alle in dem Gewölbe waren, das hinter der inneren Pforte ist, gab der Dragoman mit Namen Schäbeck ihnen den Brief. Den nahmen sie und küßten des Sultans Siegel und lasen den Brief. Und als sie ihn gelesen hatten, riefen sie meinen Herrn und Bruder Graf Hans von Solms und zogen ihm Mantel und Rock aus bis auf das Wams und griffen an alle Stellen, ob irgendwo Geld oder Edelsteine zu finden seien; dann gingen sie über seine Taschen, und was sie an Barschaft fanden, das nahmen sie und legten es auf ein Häuflein, und goldene Ringe und Ketten, die er bei sich trug, dazu und ließen ihn gehen. Dasselbe machten sie mit meinem Herrn, Ferdinand von Werna, und Herrn Maximus von Rappenstein, und allen Rittern und mir und den zwei Barfüßern [Bettelmönchen]. Doch machten sie wenig Geschäft mit uns Mönchen. Ich hatte einen großen Säckel an mir hängen, an den klopften sie, machten ihn aber nicht auf. Ich trug einen Krug mit Wasser in der Hand, den hatte mir ein Ritter gegeben, um ihn hineinzutragen, da lagen ungefähr hundert Dukaten drin; sie kamen durch ohne Schätzung. Als sie uns nun alle durchsucht hatten, gingen sie über die Körbe und Säcke und besahen, was wir hatten. Doch sie suchten schnell und nicht genau.
   Als alles besehen war, riefen sie die Herren, bei denen sie Gold, Silber und Edelsteine gefunden hatten, und schätzten jeden ein und nahmen einen kleinen Zoll davon und gaben ihm das Seine wieder, und danach schlugen sie einen allgemeinen Zoll auf eine jegliche Person für alles, was wir hatten in Körben und Säcken. Das war nicht viel, und denselben Zoll erließen sie uns Mönchen. Also kamen wir gütlich durch den Sturm, ob des Briefes vom Sultan wegen, weiß ich nicht, und zogen mit unserem Gerät in die Stadt, die jämmerlich zergangen und wüst da liegt, und wunderten uns, daß eine Stadt mit solch starken und herrlichen Mauern und Türmen so elend und öde sein kann. Dann kamen wir in den [Handels-]Hof des Königs von Sizilien, in dem sitzt der Konsul von Katalonien, der Wirt für die Deutschen und Christ ist; er empfing uns wohl und gab uns Kammern, in die wir unseren Plunder trugen. Als das geschehen war, schickte der Hauptmann von Alexandria den Dragoman zu uns, daß alle Edlen in der Pilgerschaft zu ihm kämen. Also mußten unsere Herren vor ihn, und er empfing sie ehrlich und besah sie ernsthaft und ließ sie wieder in den Hof führen. Danach sind wir mit dem Konsul, unserem Wirt, einig geworden und haben uns bei ihm in die Kost verdingt. Doch der Graf Herr Hans von Solms, der hatte mit seinem Gesinde eigene Kost. Also haben wir gegessen und getrunken und sind so froh gewesen, daß wie in einem Haus bei Christenleuten waren.
   Am 28. Tag war Simonis und Juda. Nachdem wir die Messe gelesen und gegessen hatten, führte uns der Dragoman in eine lange Gasse durch die Stadt an den Ort, wo Sankt Katharina, die Heilige Jungfrau, gefangen lag im Kerker 12 Tage und Nächte ohne Speise und Trank. Der Kerker steht noch, in den schlupften wir und riefen die Heilige Jungfrau an. Vor dem Kerker stehen zwei hohe Marmelsteinsäulen, 12 Schritte weit auseinander; auf diesen Säulen standen die Räder mit den scharfen Scharsicheln, mit denen Sankt Katharina sollte zerhauen werden; aber die Engel vom Himmel zerschlugen die Räder und erlösten die Jungfrau von der großen Pein. Und da ließ sie der große Kaiser [Maxentius, 306-312] aus der Stadt führen und ihr Haupt abschlagen. An den Ort kamen wir auch, wo zwei rote Marmelsteinsäulen stehen, von denen eine umgefallen ist. Von der Stelle nahmen die Engel den heiligen Leib mit dem Haupt und trugen ihn durch die Luft auf den Berg Sinai, auf dem wir heute vor 35 Tagen waren.
   In die vier Fontica, das sind die vier Kaufhäuser der Christen, gingen wir auch. In ihnen stehen vier schöne Kapellen nach unserer Sitte, und es sind lateinische Kaplane darinnen. Die von Venedig haben zwei Kaufhäuser und die Genueser eins und die Katalonier eins. Danach gingen wir an den Ort, wo vor alten Zeiten des Kaisers, des Großen Alexanders, Palast gestanden hat. An dem Ort steht eine Säule von vier Ecken, aus einem Stein, aufgespitzt wie ein Turm, fast so hoch und weit, von rotem Stein, und es ist keine andere Schrift in die Säule gehauen als Äxte, Beile, Messer, Hacken, Schaufeln, Hunde, Gänse, Vögel und solche schlechten Dinge, und man meint, daß die uralten Buchstaben solche Figuren gehabt haben. Die Säule ist fast höher und größer als die zu Rom hinter St. Peters Münster, die man die Nadel nennt; man sagt, daß die Säule in Rom bei der in Alexandria gestanden habe und der Große Alexander sie nach Rom habe bringen lassen.
   Am 29. Oktober gingen wir in der Stadt herum und besahen die Kaufhäuser und was man darin verkaufte. Denn in Alexandria ist nichts hübscher als die Kaufhäuser und die Höfe etlicher Mamelucken und die Moscheen. Also gingen wir aus unserem Hof und kamen in das Genueser Kaufhaus, das ein sehr schöner Hof ist mit einer hübschen Kapelle, und im Hof ist ein Lustgärtlein, in dem seltsame Dinge wachsen. Darinnen sind viele herrliche Kaufleute von Genua, und sie haben einen Kaplan vom Predigerorden. Dann gingen wir in das kleine Kaufhaus der Venezier, da lagen im Hof viele große Ballen und Säcke, die man herüber [nach Venedig] führen wollte. Sechs Strauße und junge Gazellen gingen im Hof herum und viele Kaufleute aus und ein. Danach kamen wir in das große Kaufhaus der Venezier, in dem viel Verkehr ist mit Ein- und Austragen und viel Handel. Es ist wie ein Kloster [gebaut]. Da sahen wir im Hof viele Stück Kupfer liegen, die sie von unseren Landen ausführen, wir sahen auch im Hof ein Schwein herumgehen, was wir noch niemals auf dieser Seite des Meeres gesehen hatten, denn die Sarazenen und Heiden sind den Säuen feind und essen nicht vom Schweinefleisch, wie die Juden, und es ist ihnen eine große Pein, daß sie die Säue gehen lassen müssen, denn die Venezier haben das Geleit der Säue vom Sultan erworben, vielleicht den Heiden zuleid. Die Sau ist daran gewöhnt, wenn ein Heide auf den Hof kommt, an den Heiden hinzulaufen und zu greinen und zu winseln und nicht abzulassen, bis er den Hof verläßt; darüber schämen sich die Heiden und meiden den Hof darum.
   In dem Hof sahen wir auch viele Strauße und einen schneeweißen Papagei, der in Geld sehr hoch geschätzt wird, weit über fünfzig Dukaten. Der Vogel konnte italienisch schwatzen, daß es ein Wunder zu hören war. Zwei Leoparden lagen da an Ketten.
   Danach gingen wir in das Kaufhaus der Türken, da gab es viel Arbeit mit Aus- und Eintragen und es waren herrliche und ernsthafte Leute darin, türkische Kaufleute. Auf dem Hof kamen wir in das Kaufhaus der Mohren, worin es viele seltsame Dinge gab. Dann kamen wir in das Kaufhaus der Tartaren, da hielt man sehr köstliche Dinge feil, die man um einen schnöden kleinen Lohn verkaufte. In dem Hof saßen an die dreißig Menschen, Knaben und Mägdelein, die man verkaufen wollte. Da sahen wir lange zu, wie man die Kaufmannschaft betreibt. Wenn ein fremder Mensch dasteht, sehen die, die man verkaufen will, diesen Menschen sehr genau an und meinen, er könne und wolle kaufen. Wenn einer kommt, der kaufen will, so besieht er die Kinder, und das, das ihm gefällt, zieht er aus dem Haufen und besichtigt es und zieht es nackt aus, und nimmt wahr, ob es sich schämt, ob es trauert oder sich freut, und zwickt es auch mit einer kleinen Rute, ob es sich darauf wild und männlich stellt, und gibt ihm zu essen, ob es fräße und schlinge, und sieht ihm in die Augen, und bläst ihm in die Ohren, und redet mit ihm ernst und fröhlich; so stellt er alles fest, und wenn es ihm gefällt, bietet er Geld. Denn die Heiden sind große Meister darin, daß sie gleich sehen, was an einem Menschen ist und welcher Art er sei. Ich habe oft viele Stunden in dem Hof gesessen und dem elenden Gewerbe zugesehen.

Fabri, Felix
Eigentlich Beschreibung der Hin unnd Wider Farth zu dem Heyligen Landt gen Jerusalem und furter durch die großen Wüsten zu dem Heyligen Berge Horeb und Sinay …
Frankfurt/M. 1557

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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