Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Adolf Miethe
Die Geräusche des Sonnenaufgangs
Assuan

Wenn der Wecker seine schnurrende Stimme erschallen ließ und nach etwas flüchtiger Morgentoilette das Dach erklommen war, durfte noch kein Schein des beginnenden Tages sich bemerkbar machen. Unter dem Sternenhimmel breitet sich in ihren Hauptumrissen erkennbar die Fernsicht aus, und nur der einförmige Singsang des Nachtwächters, der mit seinem eisenbewehrten Stock auf den Boden schlägt und mit näselnder Stimme seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit den schlafenden Bewohnern kündet, sowie an ganz stillen Tagen das ferne Rauschen der Katarakte, unterbricht die feierliche Stille, die ringsum herrscht. Ehe aber noch der Tag seine ersten Vorboten am östlichen Horizont erscheinen läßt, beginnt schon eine Symphonie von Tönen, deren allmähliche Verstärkung mit dem Grauen des Tages Hand in Hand geht. Vor dem ersten Hahnenschrei machen sich hier und da in Höfen und Ställen näher oder ferner die Esel bemerkbar, die ihre nächtlichen Träume von Saubohnen und Kleeheu mit markerschütternden, durchdringenden Schreien abschließen. Ehe man sich an diesen uns Nordländern im allgemeinen fremden Laut gewöhnt hat, schreckt man jedes Mal zusammen; dem Ton einer Dampfsirene gleich begrüßen die harmlosen Grautiere den frühen Morgen. Im Osten hat sich indessen der erste Akt des großen Schauspiels vorbereitet. Der dunkle Horizont säumt sich mit einer lichten Linie, deren Breite langsam zunimmt, während der darüberliegende Sternenhimmel immer noch in unveränderter Pracht strahlt. Allmählich beginnen die Einzelheiten der Umgebung sich von der dunklen Erdfläche abzuheben, das weißgetünchte Minaret der Stadt tritt aus dem Dämmerschein hervor und von seiner Höhe tönt der Morgenruf des Mueddin, der die Gläubigen zum Gebet ruft. Man mag über den Wert orientalischer Musikbetätigung verschiedener Ansicht sein - ich habe ihr nie besondere Begeisterung entgegenbringen können, - aber diesen Tönen, die in der kalten, dunklen Morgenfrühe erschallen, habe ich immer mit Andacht, wenn auch nicht mit voller Kunstbegeisterung gelauscht. Kurze oder längere, feierlich getragene, plötzlich abgebrochene, durch nach oben auslaufende Kadenzen geschlossene Tonfolgen sind es, die der Diener Allahs in die Dämmerung hinausruft, oft nur wenige Silben gefolgt von einem hohen Fistelton oder längere, mit tiefer, sonorer Stimme vorgetragene, halbgesungene Sätze erschallen in unregelmäßigen Pausen.
   Bald aber tauchen diese vereinzelten Töne in dem großen Frühkonzert unter, welches die nunmehr sich farbenprächtiger entwickelnde Dämmerung hervorruft. Von diesen gehäuften Mißlauten könnte selbst ein moderner Komponist noch lernen. Drüben auf dem nachbarlichen Elephantine wird es zwischen den dunklen Palmen lebendig. Man sieht einige Lichter aufflackern und bei den Sakkiyen, an deren Göpelwerke geräuschvoll Ochsen und Kamele angeschirrt werden, erhebt sich das jedem Ägyptenreisenden wohl bekannte eigenartige fürchterliche Quietschen, das von diesen verweltlichen Apparaten ebenso untrennbar zu sein scheint, wie der Benzingeruch von unseren Automobilen. Leider müssen die bei uns benutzten Schmiermittel in Ägypten ganz unbekannt sein, denn das Schreien und Quietschen der Sakkiyen erklingt dort Tag und Nacht, jahraus jahrein in denselben jammernden, nach Öl oder Seife verlangenden hohen Tönen. Auch die Hähne auf den Höfen beginnen ihr Konzert, die Hunde erheben sich zu ihrem Morgengebell, während von der Wüste her Schakalgeheul aus allen Richtungen herübertönt. Sobald die Dämmerung so weit vorgeschritten ist, daß die Beobachtungslaternen ausgelöscht werden können, beginnt der Chor der Sperlinge in den Gipfeln der Akazien und Palmen seine Morgenunterhaltung, Aasgeier und Felstauben werden lebendig und begrüßen in ihrer Art den jungen Tag. Tauben und Sperlinge sind hier neben den Raubvögeln, deren ewig heiseres Schreien tagsüber die Luft erfüllt, fast die einzigen Musikanten aus dem Reich der wilden gefiederten Welt, denn obwohl sich in den Palmenhainen und Gärten, in den schwarzen Nilschlammniederungen und üppigen Feldern Scharen unserer Sommervögel vorfinden, sind diese Sänger, die uns daheim im Frühjahr mit ihrer Stimme erfreuen, hier vollkommen stumm. Es scheint, als wenn sie sich in ihren Winterquartieren, die sie hier notgedrungen beziehen, doch nicht heimisch genug fühlten, um ihren Gesang erschallen zu lassen. Bachstelzen und Fliegenschnepper, Wiedehopfe, Zeisige und Finken finden sich überall scharenweise; aber keiner dieser Vögel erhebt seine Stimme; lautlos und emsig gehen sie ihrem Tagewerk nach.
   Wenn endlich am Osthorizont die Sonne erscheint, beginnt jenes allgemeine Lärmen und Geheul, ohne welches das orientalische Leben überhaupt nicht denkbar ist und das der Morgenländer offenbar nicht zu entbehren vermag.

Miethe, Adolf
Unter der Sonne Oberägyptens
Berlin 1909

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