Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1874 - Amelia Edwards
Kaffee für Ramses
Abu Simbel

Es war wunderbar, morgens [im Boot] am steilen Ufer aufzuwachen und, ohne den Kopf vom Kissen zu heben, die Reihe der Riesengesichter so nahe gegen den Himmel zu erblicken. Im Mondlicht wirkten sie schon unirdisch genug, aber nicht halb so unirdisch wie beim ersten Licht des Tages. Zu dieser Zeit, der ernstesten und feierlichsten des ganzen Tages, sahen sie unbeweglich und unheilbringend und fast schreckenerregend aus. Mit den wärmer werdenden Farben des Himmels folgte diesem grausigen Anblick ein Hauch von Licht, der höher stieg und tiefer wurde – wie wenn jemand zum Leben erwacht. Einen Moment lang schienen die Köpfe zu glühen, zu lächeln, sich zu verändern. Dann kam ein Blitz, wie ein plötzlicher Gedankenblitz. Es war das erste kurze Blitzen der aufgehenden Sonne. Er dauerte weniger als eine Sekunde. Es war vergangen, bevor man noch sagen konnte, daß es da sei. Im nächsten Augenblick erschienen Berg, Fluß und Himmel im gleichförmigen Licht des Tages; und die Kolosse – jetzt nur noch Kolosse – saßen ernst und steinern im hellen Sonnenschein.
   Jeden Morgen sah ich diese unheimlichen Gestalten sich von Tod in Leben, von Leben in geformten Stein verwandeln. Ich kam fast so weit, zu glauben, daß eines Tages ein Sonnenaufgang käme, der die alte Verzauberung bräche, und die Riesen würden sich erheben und sprechen.
   Die Männer [die Besatzung des Bootes] hatten nichts zu tun und langweilten sich. Da kam unser Maler auf die Idee, sie daran zu setzen, das Antlitz des nördlichsten Kolosses zu reinigen, das immer noch von dem Gips verunstaltet war, den Mr. Hay vor mehr als einem halben Jahrhundert hinterlassen hatte, als er einen Abdruck nahm. Dieser gute Gedanke wurde sogleich in die Tat umgesetzt. Sofort wurde ein Gerüst aus Stangen und Rudern zurechtgezimmert, und die Männer, vergnügt wie Kinder beim Spiel, schwärmten bald über den großen Kopf aus, wie wohl auch die Steinmetze zu den Zeiten, da Ramses König war.
   Alles, was sie zu tun hatten, war, alle kleinen Brocken zu entfernen, die noch auf der Oberfläche klebten, und dann die weißen Flecken mit Kaffee einzufärben. Das machten sie mit Schwammstückchen, die an Stangen gebunden waren. Aber Reis Hassan [der Kapitän des Bootes] benutzte als Zeichen seiner Würde einen alten Pinsel des Malers, auf den er mächtig stolz war.
   Sie brauchten drei Nachmittage, um die Arbeit zu erledigen; und wir bedauerten es, als sie fertig waren.
   Reis Hassan, der künstlerisch eine riesige Nase ausbessert, die fast so groß ist wie er selbst; Riskalli und der Küchenjunge, die mit Mengen an Kaffee hin- und herlaufen, der für diesen Zweck so stark gebraut ist, daß der Löffel darin stehen bleibt; Salame, der im Schneidersitz wie ein zufriedener Kobold auf der Kante der turmhohen Kopfbedeckung hockt; die anderen, die wie Äffchen schnatternd über das Gerüst toben; ich glaube, einen lustigeren Anblick hat es in Abu Simbel noch nie gegeben.
   Ramses' Appetit auf Kaffee war unersättlich. Ich weiß nicht, wie viel pro Tag er aufnahm. Unser Koch stand fassungslos vor den Anforderungen an seine Vorräte. Noch nie hatte er einen Gast bewirten müssen, dessen Mund mehr als einen Meter in der Breite maß.
   Aber das Ergebnis rechtfertigte den Aufwand. Der Kaffee paßte wunderbar zu dem Sandstein; und obwohl es nicht möglich war, die Gleichmäßigkeit der ursprünglichen Fassade wiederherzustellen, so brachten wir doch die häßlichen weißen Flecken zum Verschwinden, die so viele Jahre lang dies wunderschöne Gesicht wie Lepra verschandelt hatten.

Amelia Edwards, Amelia
A Thousand Miles up the Nile
London 1877; Nachdruck London 1982
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende n Ägypten 2200 v. Chr. – 2000 n. Chr.
Wien 2001

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