Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1815 - G. Belzoni
Abu Simbel

Am nächsten Morgen erreichten wir Faras, das wir am Ostufer liegen ließen, und begaben uns zu den Tempeln von Ybsambul [Abu Simbel] auf der Westseite. Da wir den Nil genau vor diesen Tempeln überquerten, hatten wir die Möglichkeit, sie aus der Entfernung genau und im Ganzen in Augenschein zu nehmen. An der Vorderseite des kleinen Tempels befinden sich sechs Kolossalstatuen, die von fern viel eindrucksvoller aussehen als von nahem. Sie sind dreißig Fuß hoch und aus dem Felsen herausgehauen, genauso wie der große Tempel. Dort gibt es eine gigantische Statue, von der nur Kopf und Schultern aus dem Sand herausragen. Trotz der großen Entfernung konnte ich erkennen, daß sie exquisit verfertigt war. Am oberen Teil oder dem Fries des Tempels befand sich ein Band von Hieroglyphen, das die gesamte Vorderseite bedeckte. Darüber eine Reihe unterschiedlicher Figuren in sitzender Haltung, ebenfalls in Lebensgröße. Die Sandmassen von der Nordseite, vom Wind an den Felsen über dem Tempel geweht und nach und nach an der Front heruntergerieselt, blockierten den Eingang und begruben zwei Drittel des Tempels unter sich. Als ich mich dem Tempel näherte, gab ich sofort die Hoffnung auf, den Eingang öffnen zu können. Die Anhäufungen von Sand waren so erstaunlich, daß es ganz unmöglich schien, jemals die Tür zu erreichen. Wir stiegen einen Sandberg am oberen Teil des Tempels hinauf, und dort stieß ich auf einen Falkenkopf, der nur vom Hals aufwärts aus dem Sand hervorragte. Die Position dieser Figur brachte mich zu der Meinung, daß sie sich über der Tür befinden müsse. Nach der Größe des Kopfes zu schließen, mußte sie mehr als zwanzig Fuß hoch sein; unterhalb einer solchen Figur ist normalerweise ein Leerraum, so daß meiner Berechnung nach - Gesims über der Tür und Fries eingeschlossen - der Eingang mindestens fünfunddreißig Fuß unterhalb des Sandes liegen mußte. Dieses Maß an Entfernung würde mit den Proportionen der Tempelfront, die einhundertsiebzehn Fuß breit ist, übereinstimmen. Der Sand verlief schräg von einer Seite zur anderen, und der Versuch, eine Öffnung geradewegs durch den Sand hindurch zu gaben, wäre so wie ein Loch ins Wasser zu bohren. Es war daher notwendig, den Sand so zu entfernen, daß er von der Türfront wegfallen würde: Das aber bedeutete, daß der Sand von oben auf den geräumten Teil rutschen würde, ein endloses Unternehmen. Auch waren die Einheimischen wilde Burschen, nicht gewöhnt an eine solche Arbeit, und Arbeit für Geld kannten sie nicht. In der Tat war ihnen der Umgang mit Geld vollkommen unbekannt. All diese Schwierigkeiten schienen solch unüberwindliche Hindernisse zu sein, daß sie mich beinahe davon abhielten, weitere Pläne zu schmieden. Doch Hoffnung, von Hartnäckigkeit bestärkt, ließ mich Maßnahmen finden, so daß ich schließlich doch, nach großen Mühen und zwei weiteren Reisen, damit belohnt wurde, den großen Tempel von Ybsambul zu betreten.

Belzoni, Giovanni
Narrative of the operations and recent discoveries in Egypt and Nubia
London 1821
Übersetzung: U. Keller

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