Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1930 – Carl Kircheiß, Schiffsoffizier auf Informationsreise
Mit dem Walfänger in der Antarktis

In 46° Süd sichten wir den ersten Eisberg. Es wird kalt, ungemütlich und gefährlich. Wir sind bald vollkommen von Eisbergen umgeben. Einmal waren 52 Stück in Sicht. Wir müssen häufig Zickzack fahren, um all diese Eismassen zu klaren. Eine Kollision mit einem solchen Koloss ist sicherer Tod. Der höchste Berg, den wir passieren, ist nach genauer Messung 108 Meter hoch. Man stelle sich die Größe dieser Eismasse vor, nur ein Achtel bis ein Neuntel des Gewichts ist über Wasser. Sicher wiegt ein solcher Berg verschiedene Millionen Tonnen.
Am 26. Tag unserer Reise in etwa 60 Grad Süd kommen wir ins Packeis. Nun geht’s nicht mehr viel weiter. Die See ist ganz ruhig geworden. Auf dem Eise sonnen sich Seeleoparden und Pinguine, die Temperatur ist unter Null, und dort am Horizont sehen wir in etwas freierem Wasser die schwimmende Kocherei „Polar Chief“ auftauchen und Wale blasen.
Südliches Eismeer auf etwa 62° Süd und 31 ° West. An Bord des Walbootes „Vusen 4“ - -Nun bin ich wochenlang hier unten im südlichen Eismeer auf Waljagd. Ringsherum schwimmen große Eisberge und Packeis. Auf den Schollen schnarchen in molliger Speckschicht Weddelrobben und Seehunde; Pinguine stehen feierlich wie Priester und beschnattern anscheinend die neusten Ereignisse, Seeleoparden sind wachsam und warten auf einen dummen Pinguin oder eine neugierige Kaptaube, ab und zu begleiten sie uns ein Stück. Häufig liegen sie ganz still und haben nur die Nase aus dem Wasser. Die Kaptauben sind dann neugierig und wollen sich auf seine Nase setzen, in dem ‚Augenblick hapst er zu und verschwindet mit dem Bissen in die Tiefe. Viele Möwen, am meisten Kaptauben, kreisen um unser Schiff.
Wir jagen in offenen Stellen oder zwischen dem Packeis. Häufig ist nicht durchzukommen, wir müssen große Umwege machen, und die Boote müssen manchen schweren Stoß aushalten. Das Wetter wechselt schnell, in einem Augenblick ist schönster Sonnenschein, im nächsten dickstes Schneegestöber. Aber schönes Wetter überwiegt in diesen Monaten und selbst bei schwerem Sturm kommt zwischen dem Packeis keine See auf. Es ist hier so ruhig wie auf einem Binnensee. Die Temperatur ist am Tage um 0° herum, nachts friert es.
„Vusen 4“ gehört zur schwimmenden Kocherei „Orwell“. Skytteren (sprich Schütteren), das heißt Schießer, ist Asbjörn Kristiansen. Da die Boote keine Reservekojen haben, ist mein Schlafplatz eine schmale, ungemütliche Bank. Ein Kopfkissen mit einem furchtbar dreckigen Bezug und einige wollene Decken sind das einzige, was das Dasein sonst noch zur molligen, warmen Bequemlichkeit hier beanspruchen darf. Mein Unterzeug habe ich wochenlang nicht vom Körper gehabt, gewaschen wird sich nur selten und rasiert nur dann, wenn der Bart juckt, oder gar nicht. Hier lebt man nicht, sondern existiert nur. Das einzig Interessante ist: Wal, Wal und nochmal Wal.
Ein Walfänger gesteht mir, daß er sich Christabend zum letztenmal gewaschen hat, und daß er sich von Schluß der Fangzeit nicht waschen wird. Es ist jetzt Mitte März, und er fühlt sich immer noch mollig. Er ist abergläubisch wie nur ein Mensch sein kann und meint, es gibt schlechten Fang, wenn er sauber und blütenrein an der Harpunenkanone steht; die Wale würden Angst vor ihm bekommen, sagt er. Wenn er vorbeigeschossen hat oder die Leine reißt, schmeißt er seine Mütze Handschuhe oder Pfeife über Bord. Das tut er alles unter unglaublichem Fluchen, um die bösen Geister zu verjagen. Seinen Unglücksteufel nennt er „Horn Per“, darunter stellt er sich ein schreckliches, gehörntes Wesen vor. Wenn er den nächsten Wal dann trifft, sagte er: „Ab, nun hab ich dich, du verdammter Horn Per, nun wird’s besser.“ Es sind hier viele, und etwas abergläubisch sind fast alle. Bei mir knackt’s auch schon, mein Gedankengang ist auch nur noch Wal, Speck, Tran und wieviel Faß. Man ahnt ja nicht, wie schnell man das Erzeugnis seiner Umgebung wird.
Übrigens bleibt einem ja auch nichts anderes übrig, denn wenn ich hier zwischen den rauhen Männern als geschniegelter erscheinen würde, ging’s mir noch bedeutend dreckiger als ich schon bin. Aber daß die Menschen hier so sind, ist nicht zu verwundern. Jahr für Jahr sind sie neuen Monate im ewigen Eis, kennen nur Pflicht und Fang, haben keine Verbindung mit der Heimat, Post kommt nur äußerst selten, keine einzige Frau sorgt liebevoll oder wirkt besänftigend; und Gott sei Dank gibt es auch nur äußerst selten Alkohol, sonst würden die geladenen Gemüter wohl häufiger mit Gewalt aufeinanderprallen. Aber was einen das Schicksal des Berufs entbehren läßt, bewegt umso mehr die Gedanken- Fast an jede Kojenwand sind Postkarten und aus Magazinen geschnittene Bilder von schönen Frauen geklebt oder geheftet, meistens Filmstars, und der liebste Lesestoff sind Novellen und Liebesromane.
Außerdem haben die Leute eine außergewöhnlich große Heimatliebe. Wie schön die Heimat ist, weiß man ja in den meisten Fällen erst, wen man sich in der Fremde befindet. Auf der ganzen Erde gibt es wohl keinen größern Gegensatz wie im Leben des Walfängers hier unten im Eis und die zwei, drei Monate, die er im Sommer in der Heimat ist. Bei gutem Fang wir hier je ungeheuer viel Geld verdient. Mehrere tausend Mark hat jeder bei der Heimkehr in der Tasche. Und bei den Schießern, den Harpunierern, geht der Verdienst geradezu ins Phantastische. Zwischen 40-100000 Mark sind es fast immer, selten unter dem, häufig mehr. Von der Tüchtigkeit dieser Leute hängt allerdings auch das ganze Unternehmen ab. Hier unten steht er in Speck und Dreck und mit schweren Seestiefeln und Fausthandschuhen, und zu Hause hat er eine Villa und fährt im vornehmen Automobil spazieren.
End Juli, Anfang August verlassen die großen Kochereien, Schiffe zwischen 19-22 tons, ihre Heimathäfen. Die Haupthäfen sind Tönsberg und Sandefjord in Norwegen. Ende September, Anfang Oktober sind sie im südlichen Eismeer, die Walboote, die während des südlichen Winters in Süd-Georgien, Montevideo, Kapstadt oder Hobart-Tasmanien gelegen haben, treffen das Mutterschiff hier im Süden. Jede Kocherei hat 4-7 Fangboote. Die Boote sind auf das modernste eingerichtet und haben bis zu 1700pferdige Maschinen.
Das erste Packeis trifft man gewöhnlich zwischen 55 und 58 Grad südlicher Breite. Dieses Packeis wird durchstoßen, erstens, will hinter dem Packeis mehr Wale sind, und zweitens, weil dort ruhiges Wasser ist. Ruhiges Wasser muß man haben, um die Wale längsseits abspecken und zerlegen zu können.
Die neuesten Kochereien haben jetzt eine Vorrichtung, ein Slip, auf welchem man den Wal durch ein Loch im Heck es Schiffes auf einer schiefen Ebene an Deck zieht. Auf diesen Schiffen ist es möglich, auch im schlechten Wetter bei rollendem Schiff zu arbeiten.
Sobald hinter dem Packeis die ersten Wale gesichtet werden, geht die Jagd los. Tag und Nacht geht jetzt die Arbeit, ununterbrochen ist alles in Betrieb. Nur ein Gedanke beseelt alle: Wal, Wal, und immer wieder Wal.
Asbjörn Kristiansen, der Schießer, mit dem ich jetzt an Bord bin, ist ein großer, breitschultriger, ruhiger Norweger, und Gott sei Dank einer von den wenigen, die nicht so gräßlich abergläubisch sind. Ich bin ja hier nur Gast an Bord, und wenn etwas schief geht, hat natürlich der Gast alle Schuld. Auf deutschen Segelschiffen nennt man den Unglücksraben „Jonas“. Wenn schlechter Wind oder sonstwie Pech ist, muß ein Jonas an Bord sein. Einer muß die Schuld haben, und gewöhnlich wird ein unsympathischer oder schwacher Mensch zum Jonas gestempelt. Man muß auf jemanden fluchen und schimpfen können, damit sich das innere Unbehagen befreien kann. Aber wir haben Glück, ich bin also kein Jonas.
In der Nacht haben wir mit gestoppter Maschine gelegen, bei Morgengrauen geht die Jagd los. Es ist ruhiges Wetter. Um 10 Uhr meldet der Ausgucksmann aus der Tonne: „Blaast bagbord forut!“ (Blasen backbord voraus) Zwei große Blauwale sind in Sicht. Die Jagd beginnt sofort, alles ist gespannt. Nach dreimaligem Blasen tauchen sie in die Tiefe. Den Wal zu schießen, ist nicht so schwer, aber auf Schußweite heranzukommen, ist die Kunst (30 bis 50 m); der weiteste Schuß war hier 70 m.
Nun tauchen sie wieder auf, blasen einige Male und gleiten dann langsam wieder in die Tiefe. Kristiansen winkte dem Rudersmann die Ruderlage und ruft: „Ganske sagte!“ (ganz langsame Fahrt). Er hat sich aus der Richtung der schwimmenden Wale ein Bild gemacht, wo sie wohl wieder auftauchen. Der Ausgucksmann ruft: „Jag ser vareven etter’n, han vaerver den veien“ (ich sehe den Wirbel hinter ihm, er wirbelt dorthin), Auf dem Wasser sehen wir blanke Wasser und Strudel, das ist das Kielwasser der Wale. Sie sind also nicht tief unter der Oberfläche, Beim nächsten Auftauchen der Wale sind wir schon bedeutend näher.
Ich stehe mit meinem Kinoapparat gespannt wie ein Flitzbogen, immer bereit zum Loskurbeln. Alles starrt in die Richtung, wo die Wale auftauchen sollen. Wir warten und warten, aber kein Wal kommt hoch. Da werden einem die Minuten verdammt lang, vor alle, wenn man bei dieser Kälte Apparate in den Fingern hat. Endlich nach ca. 6 Minuten ruft der Tonnenmann: „Rett akterut er’n“ (rechts achteraus ist er. Kristiansen sagt: Men hvad i all verden gjör’n, det gaar vel of töiser i aata, vel” Aber was in aller Welt machen sie, sie albern wohl in der Aate herum). Aate ist Walnahrung, kleine Krabben, etwas kleiner als unsere Nordseekrabben. Mit voller Fahrt drehen wir, die Boote sind außerordentlich wenig und drehen auf einem Fleck. Aber die Wale schlagen uns noch verschiedene Male ein Schnippchen, sie tauchen immer anderswo als erwartet auf.
Endlich nach etwa einer Stunde sind sie dicht vor uns. Wie der Blitz saust Kristiansen an die Kanone. Beim zweiten Auftauchen fällt der Schuß, Die schwere Harpune (etwa 64 Kilogramm) saust durch die Luft. Ich sehe durch das Guckfenster meines Filmapparates die Harpune deutlich fliegen. Sie geht quer durch das Schwanzende, die Granate krepiert erst, als die Harpune durch ist. „Fast Fisk“ (Fest Fisch). Wie ein Pfeil saust der Wal ab, die lange Leine rausch aus, sie ist etwa 1 km lang und hat 6 cm Durchmesser. Als die fast ganz raus ist, wird stark gebremst, die Funken fliegen nur so. Die Leine läuft von der schweren Winde durch einen Block oben am Mast und dann zum Bug des Schiffes. Dieser Block am Mast ist durch ein starkes Seil mit schweren Stahlfedern verbunden; diese Vorrichtung hat den Zweck, die Leine vor stoßweiser Belastung zu schützen, Wenn der Wal stark einruckst, geht der Block oft fast bis aufs Deck herunter.
Ungefähr 15 Minuten zieht der Wal das schwere Boot hinter sich her, er kommt dabei häufiger hoch, um zu atmen. Langsam wird er müde. Sobald die Leine lose wird, wird eingehievt. Der andere Wal ist immer dicht bei dem verwundeten, er scheint sich sehr um seinen Kameraden zu sorgen. Wir wissen, daß wir den weiblichen Wal getroffen haben, der Mann will seiner Frau Hilfe leisten. Sobald nämlich der männliche Wal zuerst getroffen wird, flieht die Frau sofort. Sie weiß ja, daß die See voller strammer, fetter Mann-Wale schwimmt. Die Anziehungskraft weiblichen Liebreizes ist auch im Wasser die größte Macht.
Bald ist der Wal wieder auf Schußweite herangehievt, die zweite Harpune saust durch die Luft, wieder platzt die Granate erst, als die Harpune durchgeschossen war. Übrigens flogen in diesem Fall mehrere Granatsplitter über unser Schiff, ein Splitter sauste dicht am Kopf des Kochs vorbei. Der Wal ist noch nicht tödlich getroffen, mit beiden schweren Leinen rast er wieder ab. Der Mann-Wal ist immer noch dicht bei seiner Frau. Langsam ermüdet das schwer angeschossene Tier wieder, beide Leinen werden eingehievt. Es kommt eine enorme Kraft auf diese Leinen, ein solches Ter wiegt etwa 80-100000 kg, also soviel wie alle Menschen in einer kleinen Stadt von 12-1500 Einwohnern.
Als der Wal nahebei ist, schießt Kristiansen ihm eine Harpune ohne Leine in den Körper. Die Granate platzt im Körper, scheint aber noch keine edlen Teile getroffen zu haben, wieder prescht er vor, kommt aber diesmal nicht mehr weit. Um nicht zuviel Harpunen zu verschwenden, wird jetzt der „Dreper“ (d.h.Töter) klargemacht. Das ist eine Harpune ohne Widerhaken, aber mit Sprenggranate und kurzer Leine. Sie wird hineingeschossen, dir Granate platzt, dann wird der Schaft der Harpune mit der Leine wieder herausgehievt, eine neue Granate daraufgeschraubt und wieder geschossen. Dieser Wal wollte nicht sterben, wir waren gezwungen, ihm dreimal den Dreper in den Körper zu schießen. Sechs Harpunen hat er jetzt im Leib, alle edlen Teile sind ihm innerlich zerrissen, er atmet schwer, das Blasen ist jetzt blutrot, einige schwere Zuckungen folgen. Er ist tot und sackt weg.
Jetzt wird er mit den Harpunenleinen bis an die Oberfläche gehievt, mit einer langen Stange wird ihm ein Rohr in den Körper gesteckt und Luft hineingeblasen, durch die ‚Luft schwemmt er auf. Er hat aber so viel Granatlöcher im Leib, daß die Luft wieder entweicht. Säcke und Werg werden in die Löcher gestopft, um den Körper so gut wie möglich abzudichten. Dann wird er mit einer schweren Kette um dem Schwanz (Schwanzende nach vorn) längsseits festgemacht. Von der Schwanzflosse werden die beiden Spitzen abgeschnitten (etwa 1 m) weil sie sonst beim Schleppen und beim Aufhieven auf das Deck der Kocherei im Wege sind. An der Schwanzwurzel werden entsprechen der Anzahl der Harpunen , die im Wal sitzen, Kerben eingeschnitten, damit man auf der Kocherei Bescheid weiß. Dann geht’s mit voller Fahrt nach der Kocherei. Einsam und traurig schwimmt ein Mann-Wal im südlichen Eismeer.

Kircheiss, Carl
Polarkreis Süd – Polarkreis Nord
Leipzig 1933

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