Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1897 - Caecilie Seler-Sachs
Einschiffung in San José
Guatemala

Am 15. sollte der Dampfer der Pacific Mail fahrplanmäßig von San José auslaufen, kam aber natürlich erst am 19. an. San José liegt zwischen Strandsümpfen und ist ein aus amerikanischen HoIzhäusern, Kneipen, Tiendas und Reisighütten bestehender, unordentlicher und schmutziger Ort. Auf der Düne aber steht neben dem Bahnhof, der Kommandantur, der Zollabfertigung, ein großes amerikanisches Hotel: ein luftiger Holzbau mit rund umlaufenden Galerien und freundlich und sauber eingerichteten Zimmern. Es gibt auch noch kleinere Posadas und Gasthäuser, und alle zusammen werden viel benutzt, nicht nur von den ankommenden und abfahrenden überseeischen Reisenden, sondern auch von Einheimischen, die zur Temporada herunterfahren, um in San José Seebäder zu nehmen. Vergeblich aber schaut man sich nach Badeeinrichtungen um: Man zieht sich auf dem schönen, weißen, sandigen Strand aus und geht ins Wasser. Keiner kümmert sich um den anderen, und Meer und Himmel sind so weit und groß, daß man die paar kleinen Menschen dazwischen gar nicht sieht.
   Die Einschiffung, die am 20. stattfand, verdient ein Wort der Erwähnung. San José besitzt keinen Hafen, nur eine Reede. Wie weit die ungebrochene Küstenlinie des Stillen Ozeans nach Süden reicht, ist mir nicht bekannt; nach Norden zu ist Acapulco der erste wirkliche Hafen, allerdings ein herrlicher Hafen. Puerto Escondido kommt für große Dampfer nicht in Betracht, sondern nur für Fischerbarken. - Auf der Reede von San José nun ist zwar ein Steg hinausgebaut, aber nur so weit, daß die Leichter - große, bauchige, flache Boote - herankommen können. Diese befördern Reisende und Gepäck zum Dampfer. Der Leichter liegt tief unten und schaukelt in der Brandung; der Kran befördert ein Gepäckstück nach dem anderen hinunter; der Reisende aber, der als Neuling dabeisteht, überlegt, wie er wohl den Weg hinabfinden wird, denn eine Leiter oder Treppe ist nicht vorhanden. Nun, wozu wäre denn der Kran da? Sobald das letzte Gepäckstück hinuntergelassen ist, wird eine Art riesigen Hühnerkorbes am Kran befestigt; vier Personen, die sich so eng als möglich aneinander drängen, steigen hinein und treten die luftige Reise nach unten an. Aus dem Käfig heraus, stolpert man über Koffer, Kisten, Kasten, Körbe, Ballen, und kann froh sein, wenn man bei dem heftigen Auf- und Niederschwanken der Lancha auf einen leidlich weichen Platz geworfen wird und nicht gerade auf eine eisenbeschlagene Kofferkante; denn wo man hinfällt, bleibt man meist auch liegen. Ist der letzte Passagier eingeladen, so wird das Boot von einem kleinen Remorqueur zum Dampfer hinausgeschleppt - eine wacklige Fahrt, bei der das schwerbeladene, ungeschickte Fahrzeug unbarmherzig hin- und hergeworfen wird und seine Insassen natürlich auch. Am Dampfer angelangt beginnt die Ausschiffung auf ganz gleiche Art, nur glücklicherweise in umgekehrter Reihenfolge: zuerst die Menschen und dann das Gepäck.

Caecilie Seler-Sachs
Auf alten Wegen in Mexiko und Guatemala: Reiseerinnerungen aus den Jahren 1985 bis 1897
Wien (Promedia) 1992

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