Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1914 - Albrecht Penck, Geograph und Geologe
Die Straßen von London im Krieg
England

Das London, das ich während des Krieges gesehen habe, war bei Tag fast ebenso lebendig wie sonst. Der Verkehr auf den Straßen war nach wie vor rege, Autos und Autobusse jagten daher und drängten sich stellenweise dicht zusammen. Auf den Bürgersteigen eilte in den Hauptstraßen des Zentrums eine geschäftige Menge. Die Züge der Untergrundbahn waren dicht besetzt. Nur ein genauer Kenner der Verhältnisse konnte bemerken, daß die Autobusse auf manchen Linien seltener geworden sind als früher. Viele von ihnen sind nach Flandern gebracht worden. Einige habe ich auf  Straßenbildern des eroberten Antwerpen wiedererkannt.
   Aber abends war das Bild ein wesentlich verschiedenes: Es brannte in den meisten Straßen höchstens der fünfte Teil der Laternen und in manchen Straßen überhaupt kein Licht, bald war diese, bald jene ganz finster: Man wünschte, daß das Nachtbild von London von oben gesehen, sich Tag für Tag änderte, so daß die Orientierung für Luftfahrzeuge erschwert sei; man sollte nicht von einem Tag auf den nächsten schließen können. Die Läden durften keine Außenlichter haben, und die Innenlichter mußten nach der Straße zu abgeblendet sein. Auf den sehr spärlich beleuchteten Themsebrücken mußten alle Wagen die Lichter ganz verlöschen, und ob man über die Westminsterbrücke oder über die Brücke bei Kew fuhr, abends war es in allen Wagen stockdunkel. Selbstverständlich hatten sich die die Straßenunfälle bei solchem Mangel an Licht sehr bedenklich gemehrt: ihre Zahl hatte sich schon im November gegenüber früher nahezu verdoppelt. Es erheischte in der Tat Geschick und Geistesgegenwart, wenn man abends die großen Straßenkreuzungen passieren wollte. Einmal wäre ich bei Charing Cross beinahe überfahren worden; in der Dunkelheit kam ein Auto quer hinter jenen Autobus gefahren, neben welchem ich eben passieren wollte; es war kaum einen Schritt vor mir, als ich zur Seite sprang.
   Während unten in den Straßen tiefes Dunkel herrschte, suchten die Leuchtkegel von Scheinwerfern den Himmel ab. Plötzlich leuchtete eine niedere Wolke auf, getroffen von den hin- und herschweifenden Lichtern, die manchmal wie Kometenschweife sich über den Himmel  hinwegzogen. Sie suchten nach Luftschiffen, und zwar insbesondere in der Nähe von James Park, dort wo sich der Buckinghampalast des Königs, das Parlament, die Ministerien und Klubs befinden. Ein Scheinwerfer stand auf dem Tore von Hyde Park Corner, ein zweiter bei den Elektrizitätswerken südlich vom Parlamentshause, ein dritter rechts der Themse unweit der Charing Cross-Brücke, und mitten drinnen befand sich auf einer kleinen Tribüne im Green Park eine Kanone mit aufwärts gerichtetem Rohre. Man fürchtete, daß abends ein Zeppelin oder mehrere Zeppeline über London erscheinen und Bomben werfen könnten.
   Die Furcht vor diesen Luftschiffen war eine außerordentlich große und beherrschte zweifellos die Stimmung in den breiteren Volksschichten. Sie trat drastisch entgegen, als ich Mitte Oktober anlangte. Da priesen Plakate die Untergrundbahn als einen vor Bomben sicheren Verkehrsweg an; andere Plakate luden zur Versicherung gegen Bomben ein. Diese Plakate verschwanden zwar allmählich. Aber als dann ein deutscher Flieger über Sheerness erschien, kamen neue. Eine Kundmachung der Admiralität gab an, wie man sich zu verhalten habe, wenn Bomben geworfen oder nach Luftschiffen geschossen würde. Seither sind, wie man mir erzählte, die wertvollsten Kunstwerke aus den Museen in die Keller gebracht worden, aus Furcht vor den Bomben, die von den Deutschen auf London geworfen werden könnten.
   Ob die seit Ende September allabendlich stattfindende Verfinsterung von London lediglich den Zweck verfolgte, die Stadt vor Angriffen von der Höhe zu schützen, war mir einigermaßen schleierhaft. Ich habe immer den Eindruck gehabt, daß auch sie eine politische Aufgabe habe, nämlich den Londoner auf den Krieg aufmerksam zu machen. Man empfand in der Stadt nicht, daß in einer Entfernung von kaum 200 Kilometer gekämpft wurde. London liegt näher am flandrischen Kriegsschauplatze als Köln, und weit mehr als halb so nahe wie Berlin dem Kriegsschauplatze in Polen. Da mochte es den leitenden Kreisen wohl als wünschenswert vorkommen, dem Londoner nach des Tages Arbeit die Schrecknisse des Krieges etwas näher zu rücken und ihm zu gegenwärtigen, daß er in der britischen Hauptstadt vor feindlichen Angriffen keineswegs ganz sicher sei. Zwei Vorteile erwuchsen daraus: Die Rekrutierung wurde befördert, und es wurde gespart. Ein Vertreter der englischen Großindustrie machte mich darauf aufmerksam, daß Glühstrümpfe und Kohlenstifte für die Bogenlampen in London knapp würden; beides sind Erzeugnisse deutschen Gewerbefleißes.
   Die Rekrutierung spielte eine große Rolle in London und beherrschte bis zu einem gewissen Grade das Straßenbild. An jeder Straßenecke wurden die Vorübergehenden durch Plakate eindringlich ermahnt, sich der Armee anzuschließen: „Wir brauchen ein neues Hunderttausend, schließe Dich sogleich der Armee an“.


Penck, Albrecht
Von England festgehalten; Meine Erlebnisse während des Krieges im britischen Reich
Stuttgart 1915

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