Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1915 - Hugo Erdmann, Oberleutnant
Die Märchenstadt
Bagdad, Irak

 

Wie leuchteten unsere Augen, als wir die goldenen Kuppeln von Kasimen, einem Vorort von Bagdad, aufblitzen sahen! Der Tag neigte sich, und friedlicher Abendschimmer lag über dem von schwankenden Palmen umrahmten, von schlanken Minarets und funkelnden Kuppeln überragten Häusergewirr.
   Furchtbar und entnervend ist die nüchtern-häßliche, einem qualmenden Trümmerhaufen gleichende Innenstadt in der Tagesglut. Schön jedoch, zauberisch schön, ist der Tigris mit seinen Palmenufern, mit den leichten arabisch-europäischen Gebäuden im Morgenglanz und in der Abendröte.
   Mit diesen krassen Gegensätzen gleicht Bagdad einer Schönen, der man beim ersten Anblick im sinnlosen Rausch, wild begehrend, um den Hals fallen möchte, von der man sich jedoch erschreckt abwendet, wenn nach kurzem Traum das grelle Licht ihre Runzeln und ihr zerrissenes, schmutziges Alltagsgewand zeigt. Und wiederum möchte man sich an sie schmiegen, ihr ruhevoll den Kopf in den Schoß legen, wenn sie am Abend, anmutig von Blumen und Ranken umrahmt, auf goldgelbem Fell ruhend, ihren glitzernden Schmuck verführerisch im Mondeslicht funkeln läßt und mit großen, strahlenden Sphinxaugen in die Wüstennacht blickt …
   So liebte auch der Deutsche, der jahrelang in Bagdad wohnte, seine Stadt. In immer neuer Liebe begrüßte er sie, wenn er, von der Reise aus Steppe und Wüste kommend, sein kühles, schönes Heim am Tigris beziehen konnte und beim Morgenschein von der schattigen Veranda den Blick über den glitzernden Strom und die in feinen Dunst gehüllte, erwachende Stadt schweifen ließ.
   Schwer und häßlich ist meist der Arbeitstag. Durch schmutzige, zerfallene Gassen und verlumpte, von Unrat starrende Basarhallen geht der Weg. Der Staub, der ohrenbetäubende Lärm, das schwierige Feilschen mit den orientalischen Kaufleuten, Handwerkern, Vermittlern, Wechslern oder Beamten und nicht zum wenigsten die erschlaffende Tageshitze lasten auf der Lebens- und Arbeitsfreude.
   Kehrt man aber am Nachmittag heim in seine behagliche Häuslichkeit, sieht man beim Abendessen frohe Gäste an seiner Tafel, dann vergißt man leicht die Mühen und Sorgen des Tages. Und läßt man sich in der Abendkühle im schön geschmückten Ruderboot den Strom hinuntertreiben, dann vermag sich der Blick von dem wundersamen Stadtbilde kaum zu lösen.
   Leise schwingen sich im Winde die schlanken Palmen, die, wie vom feinsten Pinsel gezeichnet, sich scharf vom sternenübersäten Abendhimmel abheben Strahlend spiegeln sich die vielen Lichter aus den Häusern der Europäer und reichen Araber im mattmurmelnd dahinfließenden Strom. Und wunderbar durchleuchten die bunten Bairamlampen auf den zahllosen Minarets wie verzehrende, rätselhafte Märchenaugen die von betäubendem Blütenduft erfüllte Nacht.
   Diese sagenumrauschte Märchenstadt, ehemals der Sitz des mächtigen Kalifen, der mit Karl dem Großen Gesandtschaften austauschte, diese zu Zeiten ihres Glanzes in tausend persischen und arabischen Liedern besungene schimmernde Perle des Tigris … wodurch hat sie sie sich ihren tönenden Namen über die Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tage bewahrt?
   Weit berauschender als die Lieblichkeit von Bagdads Palmenwäldern und Gärten ist die Pracht der tropischen Natur Afrikas und Indiens. Die politische Bedeutung Bagdads reicht über den Irak und Mesopotamien kaum hinaus. Sein Handel bleibt in den Grenzen des durch Karawanen betriebenen Wirtschaftsverkehrs einer orientalischen Großstadt. Seine Baudenkmäler entstammen mit wenigen Ausnahmen der neu-islamischen Zeit und bieten außer der persischen Riesenmoschee von Kasimen nichts besonders Eindrucksvolles.
   Nein, ein anderes ist es, was Bagdads Zauber ausmacht: ein blühende Oase ist diese Stadt in öder Wüste. Wohl war Bagdad wegen seines Reichtums oft das Ziel erbitterter Kriege, wohl sah es manche blutige Schlacht unter seinen Mauern toben, aber sicher wirkte schon damals hauptsächlich deshalb so stark auf die Gemüter, weil die Karawanen oder Heere, sie sich von Westen her ihm näherten, einen langen, schweren Weg durch die sonnendurchglühte Steppe und Wüste Mesopotamiens oder über die unwirtlichen Berge des armenischen Hochlandes hinter sich hatten. Und erblickten sie, aus solcher Hölle kommend, reiche Palmenwälder, grüne Gärten, zierliche Minarets und gewaltige Kuppeln, so hatten sie die Empfindung, dem Paradise nahe zu sein.
   Reitet jetzt der Araber in tagelanger Reise nach Bagdad, unempfänglich für die trauervolle Öde des Landes und den mühseligen Weg, so packt ihn doch plötzlich brennende Sehnsucht, wenn er Bagdads Palmenwälder wie einen feinen blauen Strich von weitem erblickt. Da beginnt die Einsamkeit der Steppe ihn zu drücken, da brennt ihm die Sonne zu heiß herunter, denn nun winkt ihm, dem anspruchslosen Naturkind, die lachende Oase mit ihrer Lockung.
   So erfüllte ihre eigenartige Schönheit oft auch mein Sinnen und Denken, wenn ich auf unserem Kanonenboot auf dem Tigris, an verdorrten Uferfeldern und zerfallenden Dörfern vorbei, dem Feinde entgegenfuhr. Wenn ich später nach langen, ermüdenden Patrouillenritten in der Irak-Wüste an manchem Abend die müden Knochen auf der nackten Erde ohne Zelt und Decke zur Ruhe streckte, war wohl nicht selten mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: Inschallah! Kommt bald wieder der Tag, wo du in Bagdads schönstem Hause Kassim Paschas Gastfreundschaft genießen kannst?
   Ging es am nächsten Morgen zum Kampf gegen den Engländer, so vereinigten sich Gedanken und Hoffnungen in dem einen Wunsche: Könnte ich doch noch einmal Bagdad wiedersehen! Und als ich nach schweren Monaten von der Irak-Front krank und erschöpft zur alten Kalifenstadt zurückfuhr, wirkte schon der Anblick der ihr vorgelagerten Ktesiphon-Ruine belebend auf Körper und Geist. Und als ich schließlich, nach hartem Kriegswinter in Persien, mit einem Kameraden von den persischen Hochgebirgen kommend, zum ersten Male Bagdads Palmen wieder erblickte, als die milden Frühlingswinde uns den Duft seiner Apfelsinen- und Mandelblüte entgegentrugen, wie jagten wir da auf unseren aufgeregten Araberpferden der geliebten Stätte zu!
   Das ist Bagdads Oasenzauber. Es erscheint als wunderumglänztes Kleinod inmitten eines verlassenen, mit dem Fluche des Todesschlafes beladenen Landes, als Ziel von tausend Sehnsüchten und Wünschen, als eine nach langer, mühevoller Wanderung erreichte Heimat. Deshalb gaben ihm die Perser seinen schönen Namen „Bagdad“: Das Geschenk Gottes.


Erdmann, Hugo
Im Heiligen Krieg nach Persien
Berlin/Wien 1918

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