Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1118 - Al-Maqrizi, arabischer Historiker
In der Großen Pyramide
Gizeh

 

AI - Ma'mun [7. Kalif, regierte von 813 bis 833] hat die große Pyramide, die gegenüber von al-Fustat [heute ein Teil des südlichen Kairo] liegt, geöffnet. Ich [der Verfasser zitiert hier einen gewissen Al-Kaisi] suchte ihr Inneres auf und erblickte ein großes gewölbtes Gemach, dessen Basis ein Viereck bildete, während es oben rund war. In der Mitte befand sich ein viereckiger Brunnenschacht von 10 Ellen Tiefe. Steigt man in ihm herab, so entdeckt man auf jeder seiner vier Seiten eine Pforte, die zu einem großen Raume führt, in dem Leichname liegen, Söhne Adams. Sie sind mit einer großen Zahl von Leichentüchern bedeckt: auf jedem liegen mehr als 100 Tücher, die durch die lange Zeit morsch und schwarz geworden sind. Ihre Leiber gleichen den unsern, doch sind sie nicht von großer Statur. Von ihren Körpern und ihrem Haar ist nichts abgefallen: kein Greis, keiner, dessen Haar weiß ist, befindet sich unter ihnen. Ihre Körper sind kräftig gebaut; es ist völlig unmöglich eins ihrer Glieder zu entfernen. Aber sie haben sehr an Gewicht verloren, schließlich sind sie infolge der langen Zeit wie welke Blätter und sonstiger Abfall geworden.
   In diesem Brunnenschacht sind 4 mit Leichnamen angefüllte Räume; es wimmelt dort übrigens von Fledermäusen.
   Man pflegte auch alle Tiere in den Sandfeldern zu begraben. So fand ich eines Tages eine Menge zusammengewickelter Gewänder, die ein Bündel bildeten, das mehr als eine Elle maß. Diese Gewänder waren infolge ihres Alters ganz schwarz geworden. Ich entfernte sie, bis wohlerhaltene, starke Leinwandstücke von weißer Farbe, ähnlich wie Binden, zum Vorschein kamen, die mit roter Seide bestickt waren. Sie bargen einen toten Wiedehopf, von dessen Federn und von dessen Körper nichts abgefallen war, gerade als ob er erst im Augenblick gestorben wäre.
   In dem gewölbten Gemach, das sich in der Pyramide befindet, öffnet sich ein Gang, der zu dem höchsten Punkt der Pyramide führt, doch findet man in ihm keine Treppe. Er hat eine Breite von etwa 5 Spannen. Es heißt, man sei zur Zeit al-Ma'mun's dort emporgestiegen, und darauf zu einem gewölbten Gemach von geringer Größe gelangt, in dem die Bildsäule eines Menschen stand, die aus grünem Stein, einer Art Malachit, gefertigt war. Man brachte sie zu al-Ma'mun, und es fand sich, daß sie mit einem Deckel verschlossen war. Als man sie öffnete, gewahrte man drinnen den Leichnam eines Menschen, der einen goldenen, mit allerlei Edelsteinen geschmückten Panzer trug. Auf seiner Brust lag eine Schwertklinge ohne Griff und neben seinem Haupte ein roter Hyazinthstein von der Größe eines Hühnereis, der wie Feuerflammen leuchtete. Den nahm al-Ma'mun an sich. Das Götzenbild aber, aus dem man diesen Leichnam hervorholte, habe ich neben der Pforte des königlichen Palastes zu Misr [Kairo] liegen sehen im Jahre 511 [um 1118].

 

Graefe, Erich
Das Pyramidenkapitel in Al-Makrizis „Hitat“
Leipzig 1911; Nachdruck Leipzig 1968

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