Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1851 - Ida Pfeiffer
Bei den Menschenfressern
In der Nähe von Bukittinggi, Sumatra

 

Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajahs sowie viele aus dem Volke rieten mir die Reise ab. Da ich jedoch fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich töteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten. Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt. Aber man beteuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe, die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurteilt seien. Die Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es mit gekochtem Reis gemischt. Hierauf geht es an die Teilung. Die Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes Vorrecht des Rajahs, der außerdem noch seinen Anteil an dem Körper erhält. Die schmackhaftesten Teile sind die Fußsohlen, das Innere der Hand, das Fleisch am Kopf, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht erlaubt, an diesem Festessen teilzunehmen.
   Die Rajahs versicherten nur mit höchst begehrlichen Mienen, daß Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.
   Aus dem Baumstamm, an welchem die Unglücklichen ihr Leben enden, werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt "Tungal-Panaluan", das ist Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.
   Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche; sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten sie, der böse Geist sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen. Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre, vom Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen, gebärdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine Wünsche in Orakelsprüchen kundzugeben. Man zeigte mir unter den Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der "der Sohn des Bösen" genannt wurde, da sein Vater von diesem Unhold besessen war.
   Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Zeremonien. Nur wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajahs der Umgegend zur Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, verteilt das Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken (Suri wird aus der Arengapalme gezogen. Auch Zucker wird aus dem Saft dieser Palme gewonnen) und getanzt.
   Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm wie mit seinesgleichen um; auch seinen Bescheiden wird nicht immer strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist. Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajahs zusammen, um Rat zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines Vaters, die er zu den seinigen machen kann.
   Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajahs wird nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zur Familie seiner Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankauf gewöhnlich fehlen.
   Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: Sie lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und zweckmäßig sein - bei alledem aber sind sie Menschenfresser.
   
Ida Pfeiffer, Ida
Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
hrg. von Gabriele Habinger
Wien 1993
Titel der Originalausgabe:
Meine Zweite Weltreise, Wien 1856

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!