Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1870 - Julius Payer
Entdeckung des Kaiser-Franz-Joseph-Fjordes
Grönland

 

Dicht am Kap Franklin vorbei, zwischen Eisbergen, deren viele von der doppelten und dreifachen Höhe des Schiffes waren, dampften wir über die glatte Wasserfläche in das Innere von Grönland.
   Die Tiefe des Wassers war durchgehend sehr bedeutend, wie sich schon aus den senkrecht abfallenden Uferwänden und aus dem Vorhandensein bis zu 200 Fuß hoher Eisberge schließen ließ. Die Eisberge besaßen wunderbar phantastische Formen, bald die von Pyramiden, bald die von Triumphpforten; oder es wiesen sich wilde Klippen, lang gestreckte Eiswälle, und prächtige Katarakte Schmelzwassers brausten von ihnen herab. Die häufige Veränderung der Lage ihres Schwerpunktes macht sie zu ebenso gefährlichen wie interessanten Objekten. Leicht erhält die eine Seite ein solches Übergewicht, daß der ganze Eisberg umkippt oder in große Stücke zerfällt. Dann gerät weithin das Meer in Aufruhr; auf mehrere Meilen Entfernung macht sich die Dünung bemerkbar. Wehe dem zerbrechlichen Fahrzeug, das sich dicht bei einem berstenden Eisberg befände!
   Je weiter wir in den Fjord vordrangen, desto wärmer wurden Luft und Wasser; der Salzgehalt des Wassers unterschied sich wenig von dem des offenen Meeres.
   Geleitet von dem Wunsche, so tief wie möglich in das Innere des Landes einzudringen, überquerten wir den acht Meilen breiten, nach Norden streichenden Hauptarm des Fjordes. An seinem Westufer, wenngleich entfernt, erblickten wir den großen Waltershausen-Gletscher; er schien mehrere Meilen breit und fiel mit einer hohen Wand in das Meer ab. Die Einzelheiten des von uns verfolgten, nach Westen sich erstreckenden Fjordarmes waren der höchsten Aufmerksamkeit wert. Die Eigentümlichkeiten der Alpenwelt: ungeheure Wände, tiefe Erosionsschluchten, wilde Hochspitzen, gewaltige zerrissene Gletscher, tobende Abflüsse und Wasserfälle, die bei uns in so ausgezeichneter Weise nur vereinzelt vorzukommen pflegen, alle diese Bilder wilder Pracht umfaßte hier ein Blick.
   Wir waren in einem Kessel angekommen, dessen Ufer Felsen bildeten, wie ich sie in herrlicheren Formen und Farben noch nie gesehen. Der unmittelbare Eindruck dieser großartigen, bis zu 7000 Fuß hoch aus dem Wasser aufragenden Felsburgen war überwältigend. Ein kubischer Felskoloß streckt sich auf schmaler Basis als Landzunge weit hinaus in den Fjord; unmittelbar aus dem grünen Wasserspiegel erhebt sich sein Riesenleib, gegen 5000 Fuß hoch, rotgelbe, schwarze und lichtere horizontale Streifen zeigen die Schichtung seines Gesteins. Die Erkern und Türmen ähnlichen Vorsprünge an seinen Kanten verleihen ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einer zerfallenen Burg. Wir nannten ihn das Teufelsschloß. Ich habe nie vorher ein imposanteres Felsmassiv gesehen. Dort ragt ein kleines Matterhorn aus dem Wasser empor; hier entströmt einem Gletschertor eine Wasserflut, um über die Riesenwand hinab sich in den unbewegten klaren Spiegel tief unten zu stürzen. Nur wenige Wochen währt sein Brausen, der Frost läßt ihn bald wieder zu schimmernden Katarakten erstarren, überspannt die Wasserfläche des Fjordes mit Eis; unermeßliche Mengen von Schnee treibt der Wind von den Bergen nieder in die stillen Täler. Es liegt eine unbeschreibliche Anregung in solchen Momenten. Tag und Nacht und wieder einen Tag stehen wir auf Deck, jeder Augenblick bringt eine überraschende Szene, zaubert ein neues Naturwunder herbei. Mit Staunen irrt das Auge von einem Punkte zum andern, vergeblich sucht es nach Spuren menschlicher Tätigkeit. Die große Durchsichtigkeit der Luft läßt jede Einzelheit genau erkennen. Kein Laut außer dem monotonen Takt der Maschine und dem Rauschen des Kielwassers unterbricht die Stille. Behaglich wärmt die Morgensonne die blaue Luft, in welcher der von dem Schornstein ausgestoßene Rauch in horizontalen Streifen sich hinkräuselt.

 

Peyer, Julius
Die österr.-ungarische Nordpole-Expedition in den Jahren 1872-1874
Wien 1876

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