Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1836 - Frances Trollope, englische Reiseschriftstellerin
Die Straßen und Plätze von Wien

 

Wegen der Bedeutung Wiens und seines Ruhmes in der Geschichte von Europa erwartete ich eine Stadt in der Größe von Paris vorzufinden; eine Vermengung der Begriffe von Wichtigkeit und Umfang, die, wie ich gerne gestehe, meinem Scharfsinn nicht zur größten Ehre gereicht. Stattdessen kann eine Gesellschaft Damen in einer Stunde um Wiens Mauern gehen und die ganze Zeit über plaudern; oder anders ausgedrückt, es hat einen Umfang von ungefähr drei englischen Meilen. Das ist die volle Wahrheit, und selbst wenn ich dir sagte, der Umfang betrage dreißig Meilen, müsste ich bezweifeln, ob dir diese Angabe einen richtigeren Begriff vom Aussehen und Wesen Wiens geben würde als jene nackte Wahrheit. Eine Hauptstadt, deren Umfang drei Meilen nicht überschreitet, muss natürlich den Eindruck erwecken, klein, eng und in keiner Weise imposant auszusehen; komm aber und betrachte Wien, und du wirst selbst sehen, wenn du es nicht schon zuvor erfahren hättest, wie leicht es sei, die Wahrheit zu sagen und doch einen Eindruck hervorzubringen, der falsch ist.
   Wien im eigentlichen oder vielmehr wörtlichen Sinn ist, um mich eines Ausspruchs von Horaz zu bedienen, „der geringste Teil seiner selbst“. Die „Stadt“, der Mittelpunkt dieses eleganten Gebildes, ist von Festungsanlagen umgeben, die vielleicht die herrlichste Stadtpromenade der Welt bilden. Die Höhe der Mauer, die diese großartige Terrasse trägt, schwankt je nach Höhe der Umgebung zwischen fünfzig und siebzig Fuß, und der Spaziergang, der über mehrere Basteien, durch verschiedene Pflanzungen von Zierbäumen und ein paar öffentliche Gärten führt, durch welche zu gehen nie verwehrt ist, bietet große Abwechslung. Die Fenster einiger der schönsten Häuser der Stadt sehen auf die Bastei, wie die ganze Promenade allgemein genannt wird, und einige sind von hier aus zu betreten; in diesem Fall können Wagen von der Straße unten zufahren, um weder die Schönheit noch die Annehmlichkeit dieser mit Sand bestreuten Terrassen zu beeinträchtigen.
   An der Außenseite dieser herrlichen Mauer, deren Bauart alle Bewunderung verdient, läuft ein Graben, den man jetzt in Wege für Fahrten und Spaziergänge von großer Schönheit und Vergnüglichkeit verwandelt hat. Hier genießt man stets auf der einen oder der anderen Seite der Stadt einen vollkommenen Schutz vor den Winden, die sie von den benachbarten Bergen nur zu häufig heimsuchen. An der Außenseite des Grabens erstreckt sich das Glacis, welches gleichfalls der Gesundheit und dem Vergnügen der Bevölkerung gewidmet ist. Teile davon sind mit Bäumen bepflanzt, und allenthalben wird es von gepflegten Fuß- und Fahrwegen durchschnitten.
   Dann kommen die Vorstädte oder, um es besser zu beschreiben, die äußere Stadt, die außer da, wo der Donaukanal fließt, einen vollständigen Halbkreis um die innere Stadt bildet. Wenn ich dir sage, dass die Wohnhäuser der Vorstädte fünfmal zahlreicher sind als die der Stadt, so wirst du verstehen, was ich mit den Worten meinte, dass Wien der kleinste Teil von sich selbst ist. Ein Grund, warum diese einzigartige Anordnung der Stadt so viel Vergnügen gewährt, sind die äußerst schönen Aussichten, die man von den verschiedenen Punkten der Alleen und Fahrwege hat. Auf der einen Seite erhebt sich der Kahlenberg als Hintergrund, und eine Abfolge schöner und interessanter Dinge bietet sich ganz in der Nähe dem Auge beim Rundgang dar. Aber es gibt noch einen anderen, weit wichtigeren Umstand, ohne welchen aller Genuss verleidet wäre: Die vollkommene Abwesenheit von Schmutz und öffentlicher Belästigung jeder Art. Wie das zugeht, ist mir unbegreiflich; aber weder in den Straßen der Stadt noch auf ihren prächtigen, ausgedehnten Wällen, noch unter ihren hohen Mauern, in ihrem tiefen, breiten Graben oder auf dem weiten Glacis stößt man auf irgendeinen Anblick oder Geruch, der die Sinne beleidigen oder das Gefühl verletzen könnte.
   Dies erscheint umso ungewöhnlicher, als die Bevölkerung sehr dicht ist, die Straßen sehr eng sind und das System der Reinigung, wenn auch dem von Paris weit überlegen, doch dem Von London unendlich nachsteht Dennoch kann man völlig ungestraft durch jede Gasse und jedes Gässchen von Wien gehen.
   Durch welchen Teil der Stadt ich auch komme, wo immer ich ihr pulsierendes Leben genieße, das sie umgibt, muss ich mein Staunen und meine Bewunderung dieser wolligen Reinlichkeit immer wieder betonen. Die historische Wahrhaftigkeit zwingt mich aber hinzuzufügen, dass die auf den Straßen so bemerkenswerte Abwesenheit aller üblen Gerüche den Reisenden keineswegs durch die Türe seines Hotels begleitet. Auch muss ich gestehen, wir bei unserer mühsamen Suche nach einer Wohnung manche Treppe hinaufgestiegen sind, wo wir das, was ein naseweiser Engländer den „Continentalgeruch“ genannt hat, hinreichend wahrgenommen haben. Soweit lieh die Hauptstädte Europas kenne, würde ich sagen, dass es London und Wien am besten geschafft haben, das Zusammenleben einer großen Anzahl von Menschen zu liehen, ohne allzu große Unannehmlichkeiten trotz der engen Nachbarschaft. Denn was London für das Innere seiner Häuser getan hat, tut Wien für seine Straßen.

Innerhalb der Mauern Wiens sind das Schönste die vielen öffentlichen Plätze. Man zählt deren achtzehn große und kleine, und da die Stadt fast einen Kreis bildet, kann man kaum hundert Schritte gehen, ohne auf einen Platz zu gelangen. Auf vielen gibt es schöne Brunnen, verziert mit Steinmetzarbeiten, auf anderen mehr oder minder prachtvolle Statuen oder Säulen, die jedoch alle ihrer Umgebung stattliches Aussehen verleihen. Auf dem Josefsplatz steht eine schöne eherne Reiterstatue Josephs des Zweiten, von seinem Neffen, dem letztverstorbenen Kaiser, errichtet. Die Denkmäler stellen jedoch größtenteils Themen des katholischen Glaubens dar, die schwer zu verstehen sind, doch erzielen sie dennoch eine edle Wirkung.
   Vielleicht am merkwürdigsten ist aber für einen Fremden die bunte Verschiedenartigkeit der Menschenmenge, die Wiens Straßen bevölkert. Juden, Türken, Griechen, Armenier, Kroaten, alle in ihren Nationaltrachten und mit allen den ihrem Volke eigentümlichen Zügen, Sitten und Beschäftigungen durchstreifen alle Stadtviertel und geben ihr das Aussehen eines ungeheuren Marktes. Wir haben soeben außerhalb der Stadtmauer im Schatten der Bäume Gruppe Kärntner getroffen, die so wild aussahen wie Indianer. Sie waren mit einer Art Überwurf bekleidet, ein Mittelding zwischen Mantel und Decke, das sehr malerisch über ihre hohen, schlanken Gestalten hing. Sie trugen Sandalen an den Füßen, die Arme waren bis an die Ellbogen bloß, und sie hatten langes, gerades schwarzes Haar, das fast bis zu den Schultern reichte.
   Die Straßen befahren bis jetzt erst wenige Equipagen; man versichert uns aber, dass in wenigen Wochen, wo immer wir gehen mögen, außer auf den Wällen das Vergnügen haben werden, dass die Gefahr überfahren zu werden ebenso groß sein wird wie in Paris selbst.

 

Trollope, Frances
Ein Winter in der Kaiserstadt – Wien im Jahr 1836
Wien 2003
© Promedia Wien

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