Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1789 - Nikolai Michailowitsch Karamsin, russischer Bildungsreisender

Verlassenes Potsdam und Sanssouci

 

Gestern morgen um sechs Uhr ritt ich mit D. [von Berlin] nach Potsdam. Nichts kann so langweilig sein als dieser Weg. Überall tiefer Sand und nirgends ein auffallender oder angenehmer Gegenstand für die Augen. Aber die Ansicht Potsdams und vorzüglich Sanssoucis ist über die Maßen schön. Wir stiegen in einem Wirtshause vor der Stadt ab, und nachdem wir ein wenig ausgeruht und das Mittagessen bestellt hatten, gingen wir in die Stadt.
   Am Tore schrieb man unsere Namen auf; aber in Ansehung der übrigen Fragen und Untersuchungen ist es jetzt nicht mehr so strenge wie ehemals. Der verstorbene König, der in Potsdam wohnte, wollte von allen Ankommenden die genaueste Nachricht haben.
   Auf dem Paradeplatz, dem mit römischen Säulenordnungen umgebenen Palaste gegenüber, exerzierte die Garde. Schöne Leute! Und herrlich gekleidet! Die Ansicht des Palastes von der Gartenseite ist vortrefflich. Die Stadt ist durchaus schön gebaut, und auf der sogenannten Römerstraße sind die prächtigsten Gebäude, die zum Teil nach den schönsten römischen Palästen gebaut sind. Der verstorbene König ließ die Häuser auf seine Kosten errichten, und dann verschenkte er sie. Jetzt stehen diese herrlichen Gebäude entweder leer oder sind von Soldaten bewohnt. Denn die Zahl der Einwohner Potsdams ist nicht groß. Die Ursache davon ist die Abwesenheit des Hofes, denn der jetzige König zieht Charlottenburg vor. Ist ihm Potsdam nicht vielleicht deswegen zuwider, weil er dort als Kronprinz manche Unannehmlichkeiten und manchen Verdruß hatte?
   Stellt Euch vor, daß man ein ganzes Haus von zwei Stockwerken jährlich für fünfzig Rubel mieten kann! Und doch findet sich niemand, der sie mietet. An den Türen der größten Häuser hängen Patronentaschen, Soldatenwesten und dergleichen. Mit einem Worte, Potsdam gleicht einer Stadt, aus welcher sich die Einwohner entfernten, weil sie von der Annäherung des Feindes hörten, und wo nur die Garnison zurückgeblieben ist, um sie zu verteidigen. Diese Leere ist sehr traurig und niederschlagend.
   In Potsdam ist eine russische Kirche, die unter der Aufsicht eines alten russischen Soldaten steht, der hier seit der Regierung der Kaiserin Anna lebt. Wir konnten ihn kaum auffinden. Der schwache Greis saß auf einem großen Lehnstuhle, und da er hörte, daß wir Russen wären, so streckte er uns die Hände entgegen und rief mit zitternder Stimme: „Gott sei Dank! Gott sei Dank!" Er wollte anfangs russisch sprechen, aber wir konnten uns nur mit Mühe verstehen. Wir mußten ihm fast jedes Wort wiederholen, und was ich und mein Freund miteinander sprachen, davon verstand er durchaus nichts und wollte es sogar nicht glauben, daß wir russisch sprächen. „Es scheint", sagte er, „als hätte sich die Sprache bei uns in Rußland sehr verändert, oder vielleicht hab ich sie auch vergessen." - Das eine und das andere ist wohl wahr, antworteten wir. Darauf sagte er: „Kommen Sie in die Kirche, wir wollen zusammen beten, wenn auch schon heute kein Feiertag ist." Der Greis konnte kaum die Füße fortschleppen. Meine Seele ward vor Ehrfurcht erfüllt, als sich die Tür der Kirche öffnete, wo seit so langer Zeit die tiefste Stille herrschte, die nur dann und wann durch die schwachen Seufzer und die matte Stimme des betenden Alten unterbrochen wird, der des Sonntags hierherkommt, das heiligste der Bücher zu lesen und sich dadurch zur Ewigkeit vorzubereiten.
   Alles war reinlich in der Kirche. Die Kirchengefäße und Bücher werden in einem Kasten verwahrt, und von Zeit zu Zeit durchsieht sie der Alte unter Gebeten. „Oft", sagte er, „betrübe ich mich von Herzen, wenn ich daran denke, daß nach meinem Tode, der gewiß nicht mehr weit entfernt ist, niemand nach dieser Kirche sehen wird." Über eine halbe Stunde blieben wir an diesem heiligen Orte; dann nahmen wir Abschied von dem ehrwürdigen Greise und wünschten ihm - ein sanftes Ende.
Nach Tisch ritten wir nach Sanssouci. Dieses Lustschloß liegt auf einer Anhöhe, von welcher man die Stadt und die umliegenden Gegenden übersieht. Ein außerordentlich schönes Gemälde! Hier lebte Friedrich, nicht der König, sondern der Philosoph - kein Stoiker oder Zyniker, sondern ein Philosoph, der das Vergnügen liebte und es in den schönsten Künsten und in den Wissenschaften zu finden wußte. Er wollte hier Einfalt mit Pracht vereinigen. Das Haus ist klein und niedrig, aber jeder, der es sieht, wird gestehen, daß es vortrefflich ist. Die innere Zimmerverzierung ist reich und geschmackvoll. In dem runden Marmorsaale muß man die Säulenordnung, die Malerei und den ausgelegten Fußboden bewundern. Die Zimmer, wo sich der König mit verstorbenen und lebenden Philosophen unterhielt, sind mit Zedernholz getäfelt. Von der Anhöhe stiegen wir auf Rasenstufen, die einander so geschickt decken, daß es von unten scheint, als sähe man nur einen grünen Berg, in den schönen Garten hinab, der mit marmornen Figuren und Gruppen verziert ist. Hier wandelte Friedrich mit seinem Voltaire und D'Alembert. Wo bist du jetzt? dacht ich - eine Klafter Erde faßt deine Asche. Dein Lieblingsaufenthalt, zu dessen Verschönerung du die geschicktesten Künstler riefest, steht jetzt verwaist und leer.
   Aus dem Garten gingen wir in den Park, wo sogleich auf der linken Seite der Hauptallee das japanische Häuschen in die Augen fällt. Weiterhin, jenseits der steinernen Brücke, sieht man zu beiden Seiten vortreffliche Tempel. Darauf besahen wir den neuen Palast, den Friedrich mit wahrer königlicher Pracht erbaute. Das Innere übertrifft noch das Äußere an Glanz, und man erstaunt eben so sehr über den Reichtum der Verzierung, als man den überall herrschenden Geschmack bewundert. Dieser Palast kostete dem König über sechzig Millionen Taler. Ich war leider nicht in dem Zustande, dies herrliche Werk der Baukunst recht zu betrachten. Mein Blut wallte; ich hatte Kopfschmerzen und konnte mich kaum aufrecht halten. Wir verließen also Sanssouci und ritten zurück ins Wirtshaus, wo wir zu Mittag gegessen hatten, um noch ein wenig auszuruhen.

 

Karamsin, Nikolai Michailowitsch
Briefe eines russischen Reisenden
Band 1, Leipzig 1802

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