Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1836 - Helmuth von Moltke, preußischer Offizier in osmanischen Diensten
Die Ruderboote auf dem Bosporus
Konstantinopel

 

Ununterbrochen ziehen Kaiks vor meinem Fenster vorbei, es sind die Fiaker (das große Bazar-Kaik der Omnibus) des Bosporus. Wirklich kann man nichts Zierlicheres und Zweckmäßigeres sehen als ein Kaik.
   Das leicht gezimmerte Geripp ist mit dünnen Brettern umgeben, die mit Pech von innen und außen ganz überzogen werden. Das Innere des Fahrzeugs ist mit einer dünnen Verkleidung von weißem Holze versehen, und wird aufs sauberste rein gehalten und gewaschen. Die Ruder haben an den obern Enden dicke Klötze, die den untern Enden das Gleichgewicht halten und so die Arbeit erleichtern; sie bewegen sich an ledernen fettigen Riemen um hölzerne Pflöcke, welche, um die Friction so gering als möglich zu machen, aus dem härtesten Buchsbaum, kaum fingerdick, gemacht sind. Das Fahrzeug ist hinten breiter, läuft nach vorn immer schmaler zu und endet mit einer scharfen eisernen Spitze. Wenn der Passagier auf dem Boden des Fahrzeuges sitzt (denn nur die unwissenden Franken setzen sich hinten auf den Sitz), ist dasselbe völlig im Gleichgewicht. Der Ruderer befindet sich im Schwerpunkt der Maschine und der Nachen folgt nun dem leisesten Druck der Hand; selbst bei dem schlechtesten Wetter scheut man sich nicht, die aufgeregten Fluten in diesen leichten Fahrzeugen zu durchschneiden. Die Wellen spielen mit dem Kaik wie mit einer Feder und stoßen es vor sich her; bald schwebt es an der Spitze einer Woge, bald entschwindet es dem Auge ganz zwischen den Wasserbergen, und die scharfe Spitze wirft, indem sie die Flut durchschneidet, den schneeweißen Schaum zu beiden Seiten hoch in die Luft.
   Die Tour von hier [Bujukdere] nach Konstantinopel (über drei deutsche Meilen [1 Meile = 7,5 km]) legt man in anderthalb Stunden zurück, und ein Reiter am Ufer müßte schon sehr scharf traben, um mitzukommen; da hilft nun freilich die Strömung, denn umgekehrt, von Konstantinopel nach Bujukdere, braucht man mindestens drittehalb Stunden. Hiernach läßt sich berechnen, daß die Strömung im Bospor in der Stunde drei Viertel einer deutschen Meile beträgt; mit einem schwerfälligern Fahrzeuge käme man an den reißendsten Stellen gar nicht fort.
   Der wohlhabende Effendi fährt in einem dreiruderigen Kaik, er sitzt auf einem Teppich, in zwei oder drei Pelze gehüllt, einen persischen Shawl um den Leib gewickelt; vor ihm kauern die Pfeifenstopfer, und der Kaffeeschenker hinter ihm; ein oder zwei Diener von geringerem Rang halten ihrem Herrn einen großen Regenschirm gegen die Sonne über den Kopf. Der Schirm darf jedoch nicht roth sein (das steht nur dem Großherrn selbst zu), und wird überhaupt zusammengefaltet, sobald ein Pascha vorüberfährt oder das Kaik an einem der Schlösser des Padischah vorbeikommt. Die Kaikschi oder Ruderer, große prächtige Leute, sind gleichmäßig gekleidet: ein weites baumwollenes Beinkleid, ein halbseidenes Hemd und eine kleines rothes Käppchen auf dem kahl geschorenen Kopfe bilden die ganze Toilette selbst im Winter. Die Leute rudern ihre 7 bis 8 Meilen hinter einander weg.

 

Moltke, Helmuth von
Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839
Berlin, Posen, Bomberg 1841

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