Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1926 - Walter Geisler, Geograph
Alice Springs: Die Stadt in der Wildnis

 

Eines Abends spät kam der Professor [Geisler selbst] in Stuart an. Die Durchfahrt durch das Heavy Tree Gap hatte ihm im Abendlichte einen gleich wunderbaren Eindruck gemacht wie beim ersten Male. Es ist, als ob man in den Vorhof einer großen Festung einfährt. Zu beiden Seiten die steile Felsenwand und das Tor dazwischen. Da verhältnismäßig viel Verkehr durch diesen Paß hindurchgeht, so ist der tiefe Sand durch Legen von Reisig und Spinifexgras gut befahrbar gemacht, wofür schon die schwarzen Gefangenen zu sorgen haben, die in Stuart untergebracht sind.
   Stuart ist der offizielle Name der Township, der auch auf den Karten erscheint; aber der Name wird selbst in der Stadt wenig oder gar nicht gebraucht. Es gibt keine Stadt im weiten Umkreise von vielen hundert Meilen. Nach Osten und Westen ist eine Verbindung mit anderen Städten gar nicht möglich. Der einzige Verkehr entwickelte sich längs der Telegraphenlinie nach Süden nach dem Ende der Eisenbahnlinie, das waren immerhin 300 Meilen Luftlinie. Nach Norden gab es allerdings so etwas wie eine Verbindung, es führte eine Spur durch das Nordterritorium bis Katherine, zur Endstation der Eisenbahn von Port Darwin, 750 Meilen nördlich; aber da war so gut wie kein Verkehr. Alle sechs Wochen ging eine Post mit Packpferden hindurch, das war alles. Ab und zu fand ein Auto diesen Weg.
   Warum sollten die Bewohner diese Stadt durch irgendeine nähere Bezeichnung besonders hervorheben, wo sie mit ihren 22 Einwohnern die einzige Stadt ihrer Art war? Und sie hat ihre Bedeutung, kamen doch die Umwohner eines Gebietes größer als das des Deutschen Reiches, um einzukaufen oder mal Menschen zu sehen.
   Natürlicherweise war das Public House, der Pub, der Mittelpunkt des Lebens, wo sich alles traf, und die Bar übte unzweifelhaft eine große Anziehungskraft aus. Dem Professor war es nicht möglich gewesen, irgendeine Nachricht zu geben, und so mußte er es darauf ankommen lassen, ob er ein Bett bekam oder im Freien zu kampieren hatte.
   Es war stockdunkel, als er in die Nähe des Hotels kam und der trübe Schein der Lampe, die bei keinem Pub fehlen durfte, ihm andeutete, daß er am Ziele war. Als das Rattern des Motors aufhörte, vernahm er ein merkwürdig starkes Stimmengewirr, das auf eine große Gästeschar schließen ließ und ihn überraschen mußte. Da war etwas Besonderes los; denn so viele Menschen gab's ja in ganz Stuart nicht!
   »Halloh, da ist der Doktor«, begrüßte ihn eine Stimme von der Bartür her. Es war ein Passagier, der mit ihm bis Oodnadatta gefahren war. »Sie kommen gerade zur Zeit. Sie werden durstig sein. Was wollen Sie trinken?«
   Der Professor kannte bereits das Leben in den Busch-Pubs, er wußte also, daß es da kein Entrinnen gab; jeder mußte mitmachen. Und wenn man wirklich sich hätte zurückziehen wollen, so hätte man einfach nicht schlafen können. Also hieß es, kein Spielverderber zu sein, und somit trat er in die Bar.
   »Ich denke, wir nehmen einen Whisky«, sagte er in Erinnerung an das warme Bier, das man hier, wo es kein Eis gab, bekommen mußte. Die meisten der Anwesenden tranken auch Whisky, und mit geheimem Grauen zählte der Professor die Zahl der Männer in der kleinen Bar; denn jeder der Männer würde sich wahrscheinlich, der Sitte des Landes entsprechend, verpflichtet fühlen, eine Runde zu geben. Dem wollte er entgehen.
   »Ich habe ja großes Glück, eine so lustige Gesellschaft hier zu finden, aber ich muß erst mal mein Gepäck verstauen und versuchen, ein Unterkommen zu finden.« [Gefeiert wurde in jener Nacht der Abschied vom Wirt, Mr. Norton.]
   Am nächsten Morgen war es die erste Sorge des Professors, herauszufinden, ob sein Plan, wie er ihn sich ausgearbeitet hatte um nach Port Darwin zu kommen, Aussicht auf Verwirklichung habe. Es war ein stiller Morgen im Pub, und auch im Ort selbst war das Leben noch kaum erwacht, und so machte e sich alleine nach Norden auf, wo etwa zwei Meilen nördlich die Telegraphenstation Alice Springs liegt.
   Bald hinter der Stadt wird das Gelände zu beiden Seiten des Todd-River flachkuppig, und nachdem man einen Nebenfluß des Todd überquert hat, führt der Weg durch ein enges Talstück des Hauptflusses hindurch, das auf beiden Seiten von Gneisen und Graniten eingefaßt ist. Die Felsen glitzern in der Sonne, daß der Uneingeweihte glauben könnte, sie seien voller Edelmetalle; es ist der außerordentlich große Gehalt an Marienglas [Glimmer], das weiter im Osten bei Arltunga bergmännisch gewonnen wird.
   Nachdem man diese enge Stelle des Todd überschritten hat, kommt man in ein stark hügeliges Gelände und sieht sich inmitten von riesigen Granittrümmern, die sich in unübersichtlicher Weise auftürmen. Hält man sich aber nicht allzuweit vom Fluß, so wird man plötzlich einige Dächer aus dem Felsengewirr aufragen sehen, und bald ist man auf der Telegraphenstation.
   Alice Springs’ Telegraphenstation hat nicht nur eine zentrale Lage und ist deshalb als größte Verstärkerstation die wichtigste der Überlandstationen, sondern ihre Bedeutung ist auch durch ihre äußere Erscheinung deutlich hervorgehoben. Die größere Anzahl der Beamten erfordert eine größere Bereitstellung von Räumen, und so macht die Station einen äußerst stattlichen Eindruck.
   Das Amtszimmer der Station war durch die einmündenden Drähte schnell gefunden, und der Professor stand bald vor dem obersten Telegraphen-Beamten, Mr. Allchurch, den er schon auf seiner ersten Reise kennengelernt hatte.
   »Hier ist ein Telegramm für Sie!« empfing er den Professor. Dieser erbrach es sofort und stellte zu seiner Befriedigung fest, daß Captain Bagot ihn von Alice Springs nach Katherine mitnehmen wollte. Das war die Eisenbahnstation der Bahn nach Port Darwin. In zehn Tagen wollte er Alice Springs erreicht haben.
   »Sie haben wirklich Glück, daß Sie eine so seltene Gelegenheit finden, nach Darwin zu kommen. Ich muß gestehen, daß ich das nicht für möglich gehalten habe.«
   »Hoffentlich klappt alles, denn Sie dürfen nicht vergessen, daß ich den Dampfer Bambra erreichen muß, um nach Broome in Westaustralien zu kommen. Von dort will ich den Kontinent nach Süden durchqueren. «
   »Wie lange Zeit haben Sie denn angesetzt für die Durchquerung?«
   »Ich rechne zwei Wochen und habe dann noch eine Woche Zeit, mich in Darwin etwas umzusehen.«
   »Es ist das nicht viel Zeit; freilich, wenn alles klappt, ist es gut, aber - nun ich will Sie nicht ängstlich machen. Von hier aus kommt es ja eigentlich nie vor, daß einer bis Darwin hinauf will. Die meisten gehen bis Barrow Creek oder auch bis Bonney Creek. Deshalb ist ja auch das Bestreben verständlich, daß sich Zentral-Australien selbständig machen will. Es besteht keine innere Verbindung mit Darwin. Das Gebiet ist ja auch zu groß!«
   »Ich bin so begierig, den Norden kennenzulernen."
   »Es ist ein ganz anderes Leben dort. Wie hat Ihnen übrigens unser Land hier gefallen?«
   »O, es ist einzigartig; ich mag diese unendlich weiten Flächen; es ist, als ob einem auch der innere Blick geweitet wird, wenn man so durch den ungeheuren Raum fährt oder reitet. Und dann die Farben!«
   »Ich liebe Zentral-Australien. Als ich vor mehr als dreißig Jahren hier herauskam, da war es noch ein gutes Teil einsamer. Wie warteten wir wochenIang auf jeden, der uns von Oodnadatta oder gar Darwin gemeldet wurde. Wie bangten wir für ihn, wenn er, nicht zu der vermuteten Zeit auf der nächsten Station aufgetaucht war. Erst seit etwa zwei Jahren ist es besser geworden, seit die Autos von Oodnadatta regelmäßig kommen. Es kommt doch wenigstens alle zwei Wochen eins; meist sind es mehr.«
   »Das geht das ganze Jahr durch?«
   »O nein, im Sommer, wenn das Thermometer tagein tagaus 100° Fahrenheit [38° C] und mehr anzeigt, dann sehen wir für Monate überhaupt keinen Fremden.«
   »Das muß einsam sein!«
   »Um so mehr genießen wir den Besuch unserer Freunde, wenn sie da sind. Kommen Sie, ich will Sie meiner Frau vorstellen, und dann zeige ich Ihnen die Station.«
   Damit wandten sich die Beiden zum Gehen und hatten den Hof betreten.
   »Was ist denn das? Musik? Wer spielt denn so schön Klavier?«
   »Das ist meine Tochter«, sagte er mit stolzem Schmunzeln. »Das Klavier war das erste, das hier hinaus in die Wüste geschafft wurde. Das war vielleicht eine Schwierigkeit. Wir hatten es auf einen Leiterwagen geladen und sechs Pferde vorgespannt. Nachdem wir die Hälfte der Pferde besonders an Augenkrankheiten verloren hatten, kamen wir nach sechswöchiger Reise hier an. Das Instrument hat, wie Sie hören können, die Reise und den Aufenthalt in diesem heißen Lande mit dem Klimawechsel gut ausgehalten. Die Kosten des Transportes freilich waren höher, als das Piano in Adelaide gekostet hatte. Aber was macht das! Wir hatten uns ein Stück Kultur mit herübergerettet und haben manche schöne Stunde der Erbauung mit ihm erlebt.«
   Frau Allchurch empfing den Gast in einem reizenden gemütlichen Raum, so daß der Professor sich nach Adelaide versetzt glaubte. Hier in der Wildnis wirkte die Ausstattung, die an sich einfach war, ganz außerordentlich anheimelnd, und der Professor sagte gern zu, am Abend zu einer musikalischen Unterhaltung mit einigen Freunden aus Stuart herauszukommen.
   Als der Professor nach Stuart zurückkam, herrschte wieder Leben in der Stadt. Eine große Karawane von hundert Kamelen war von Oodnadatta angekommen. Noch standen die Tiere auf dem freien Platze, und die Afghanen und Eingeborenen waren eifrig dabei, die Lasten von den Tragsätteln der Kamele abzunehmen. Es war ein ungemein bewegtes Bild. Zwischendurch liefen die Beamten der Firma Wallis Fogarty mit ihren Listen, um die Anzahl der Säcke festzustellen und Ordnung in die Lasten zu bringen.
   Die Bewohner von Stuart waren an der Ankunft der Karawane auch sehr interessiert, aber weniger wegen des anziehenden Bildes der seltsamen Mischung von orientalischer und australischer Weit, sondern weil sie nun bald wieder frische Nahrungsmittel bekamen und auch mal etwas Besseres zur Abwechslung, nämlich Apfelsinen und Bonbons. Der General Store, der sich gleich hinter dem Pub befand, war seit Tagen von diesen seltenen Leckerbissen vollkommen ausverkauft, während man Ersatzteile für Sattelzeuge, Blechgefäße und Blendlaternen noch bekommen konnte. Auch einige Arbeitsblusen und sogar Stoffe für Kleider waren auf Lager.
   Ganz Stuart war wieder auf den Beinen. Nachdem der Professor sich das bewegte Bild eine Zeitlang angesehen hatte, begann er, die Sache vom praktischen Standpunkt aus zu betrachten. Er hatte so alle bedeutsamen Leute der Stadt Zentral-Australiens beisammen und horchte nun herum, wie er am besten einen ungefähr sechstägigen Ausflug nach Osten unternehmen konnte. Autos standen nicht zur Verfügung, uns sie wären wohl auch nicht so gut gewesen.
    
Geisler, Walter
Durch Australiens Wildnis
Halle (Salle) 1928

 

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

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