Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1884 - Rudolph Slatin Pascha, österreichischer Offizier in ägyptischen Diensten und langjähriger Gefangener des Mahdi

Der Mahdi
Rahat, Sudan (ca 40 km sö von El Obeid)

 

Der Betplatz sowie die Wohnung des Mahdi, die aus einer Reihe größerer Strohhütten bestand, waren mit Dornen eingezäunt. Ein riesiger Tamarindenbaum in der Mitte spendete den unter ihm Betenden Schatten, während diejenigen, welche nicht  mehr Platz unter dem Baum fanden, der brennenden Sonnenhitze ausgesetzt waren. Einige Schritte von der ersten Reihe der Betenden entfernt zur rechten Hand befand sich eine der Strohhütten des Mahdi, in die er Leute, mit denen im geheimen zu sprechen wünschte, zu berufen pflegte. Der Chalifa hatte sich erhoben und war in dieser Hütte verschwunden, wahrscheinlich um den Mahdi von unserer Anwesenheit zu benachrichtigen; nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück und setzte sich wieder neben mich,
   Einige Minuten später erschien der Mahdi selbst. Der Chalifa hatte sich erhoben, und auch ich sowie Seid Djuma und Dimitri, die hinter uns saßen, standen auf, während alle anderen ruhig sitzenblieben. Das Gebetfell war für den Mahdi als Imam (Vorbeter) vor unserem Platz ausgebreitet, und er mußte also auf uns zugehen. Ich war etwas vorgetreten; er begrüßte mich mit: »Salam aleikum«, was wir alle mit: »Aleikum es salam« erwiderten. Er reichte mir die Hand zum Kuß, dann auch Seid Djuma und Dimitri, lud uns ein, uns zu setzen, und hieß uns willkommen. »Bist du zufrieden?« wandte er sich zu mir. »Gewiß«, antwortete ich ihm, »da ich in deiner Gegenwart weile, fühle ich mich wohl.«
   »Gott segne dich und deine Brüder«, sagte er, auf Seid und Dimitri deutend. »Oft, wenn ich von deinen Kämpfen gegen meine Anhänger hörte, flehte ich zu Gott, er dich bekehren möge; und Gott und sein Prophet mich erhört. So, wie du deinem früheren Herrn für eitlen Lohn in Treue zugetan warst, so diene auch jetzt mir; denn wer mir dient und meine Worte hört, der dient der Religion und seinem Gott, er wird glücklich sein auf Erden und im Jenseits.«
   Wir versprachen alle, ihm treu ergeben zu ein, und ich, wie mir schon früher empfohlen worden war, um die Baia, um die Abnahme des Versprechens der Treue.
   Er berief uns näher zu sich und hieß uns am Rande seines Schaffells niederknien. Dann legten wir unsere Hand in die seinige, sagten die uns vorgesprochen Worte nach und waren nun in die Reihen seiner nächsten Anhänger aufgenommen, natürlich auch den für diese bestehenden Strafbestimmungen unterworfen. Wir traten wieder in die Reihen der Betenden zurück, der Gebetrufer gab das Zeichen zum Beginn, und wir verrichteten zum erstenmal das Gebet mit dem Mahdi el Monteser.
   Als es beendigt war, wurde von allen Anwesenden mit aufgehobenen Händen der Sieg für die Gläubigen von Gott erfleht, und darauf begann der Mahdi mit seinen Lehren. Es bildete sich ein dichter Kreis um ihn. Er sprach über die Nichtigkeit des irdischen Lebens und seiner Freuden, ermahnte zur Erfüllung der religiösen Pflichten, zur Entsagung, zum heiligen Krieg und malte in lebhaften Farben die himmlische Glückseligkeit aus, welche diejenigen, die seinen Lehren folgen würden, zu erwarten hätten. Zeitweilig wurden seine Worte von dem Aufschrei einiger in Verzückung geratener Fanatiker unterbrochen, und die ganze Versammlung zeigte sich von seinen Lehren ergriffen und glaubte an die Aussprüche ihres Herrn. Nur wenige außer mir und meinen Freunden schienen ein Gefühl für das Komödienhafte des ganzen Vorgangs zu besitzen.
   Der Chalifa hatte sich, Arbeit vorschützend, schon früher entfernt und, uns und seine Mulazenie (Leibwache) zurücklassend, angeordnet, daß wir bis Sonnenuntergang bei dem Mahdi bleiben sollten.
   Ich hatte hinlänglich Gelegenheit, den Mahdi genau zu betrachten. Er war von hoher, breitschulteriger Gestalt und lichtbrauner Hautfarbe, hatte massive Körperformen, einen auch im Verhältnis zu diesen fast noch zu großen Kopf mit leuchtenden schwarzen Augen; ein dunkler Bart umrahmte sein Gesicht, Nase und Mund waren gut geformt und beide Wangen durch drei Einschnitte tätowiert. Er hatte die Gewohnheit, immer zu lächeln und sein weißes Gebiß zu zeigen. Die oberen Schneidezähne waren voneinander etwas getrennt, eine Eigenschaft, Felega genannt, die im Sudan als Merkmal besonderer Schönheit gilt und deren Besitzer gepriesen wird. Aus diesem Grunde wurde auch der Mahdi von der weiblichen Bevölkerung mit dem Schmeichelnamen »Abu Felega« benannt. Er trug eine etwas zu vielfach geflickte Giuppe [Derwischgewand], die jedoch sehr sauber gewaschen und mit allen Arten von Wohlgerüchen, wie Sandelöl, Moschus, Rosenwasser und so weiter, parfümiert war; ein eigentümlicher Geruch strömte deshalb von ihm aus, der seinen Anhängern als »Riebet el Mahdi« (der Geruch des Mahdi) bekannt war und mit den im Himmel herrschenden Gerüchen verglichen wurde.
   So verrichteten wir auf demselben Platz unser Asr-Gebet dann das Magreb-Gebet, mit nach rückwärts untergeschlagenen Beinen auf der Erde sitzend, während sich der Mahdi zeitweilig in sein Haus zurückzog, um dann wieder auf seinem Betplatz zu erscheinen. Nach Sonnenuntergang baten wir ihn um die Erlaubnis, zum Chalifa zurückzukehren, welche er erteilte, indem er für mich die Weisung daran fügte, denselben nie wieder zu verlassen und mich ganz dessen Dienst zu widmen.
   Ich hatte kaum vermocht, mich vom Boden zu erheben, da meine Knie von der stundenlangen ungewohnten und naturwidrigen Sitzart derart schmerzten, daß ich all meine Selbstbeherrschung anwenden mußte, um vor dem Mahdi eine gleichmäßig frohe Miene zu zeigen. Seid Djuma, an ein derartiges Sitzen offenbar seit jeher gewöhnt, schien sich ganz wohl zu befinden, Dimitri aber hinkte fürchterlich und murmelte hinter mir griechische, mir unverständliche Worte vor sich hin, die keinesfalls einen Lobgesang auf den Mahdi bedeuten konnten. Die bei uns zurückgebliebenen Mulazenie führten uns in unsere Behausung zurück, wo uns der Chalifa mit dem Abendessen erwartete.
   
Slatin Pascha, Rudolf
Feuer und Schwert im Sudan. Meine Kämpfe mit den Derwischen, meine Gefangenschaft und Flucht 1879-1895
Leipzig 1896

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