Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1928 - Colin Ross
Canberra - die neue Hauptstadt

 

Australien erhielt seine Hauptstadt wir ein Kind ein Sonntagskleid von einer allzu sparsamen Mutter, ein Kleid auf Zuwachs, das einstweilen noch um die Glieder schlottert, weil das Kind ja erst hineinwachsen soll.
   Aber es war nicht nur Sparsamkeit, was die allzu weitläufige Raumbemessung für Canberra veranlaßte, sondern im Gegenteil eine verschwenderische Geberlaune, die aus dem optimistischen Glauben an das rasend rasche Wachstum Australiens und damit seiner Hauptstadt stammt.
   Canberra erwuchs nicht aus natürlichen Bedingungen, sondern entstand als ein durchaus künstliches Gebilde. Und daß es entstand, und zwar wo und wie es heute steht, mehr als ein Rahmen für eine Stadt, ein Stadtgerippe, hat seinen Grund in der Entstehung des australischen Bundesstaates. Als es nach endlosen Verhandlungen endlich gelang, die in ihren Interessen auseinanderstrebenden australischen Kolonien zum Bunde, zum Commonwealth, zusammenzuschließen, war ihr Wettstreben untereinander doch noch derart, daß es unmöglich gewesen wäre, eine der bereits vorhandenen Hauptstädte zur Bundeshauptstadt zu machen.
   Auf diese Weise entstand Canberra, halbwegs zwischen den beiden Nebenbuhlern Melbourne und Sydney, auf einem eigens geschaffenen Bundesgebiet, mitten in der Wildnis, in einer Gegend, in der es bisher höchstens ein paar Schaffarmen gab.
   Canberra ist eine der seltsamsten Städte der Welt. Es ist nicht ganz leicht, sich einen richtigen Begriff von dieser jüngsten Hauptstadt zu machen. Man stelle sich vor, daß von Berlin nichts stünde als der Reichstag, das Auswärtige Amt, Hotel Adlon und zwei andere Hotels im Westen und Süden. Ferner ein paar Läden am Kurfürstendamm und schließlich einige Wohnhäuser in Grunewald, Friedenau, Karlshorst und Hermsdorf. Dann hat man Canberra.
   Es ist die phantastischste Stadt auf Zuwachs, die man sich vorstellen kann. Man kommt auf dem Bahnhof an, einer kleinen verlorenen Station, und sieht in weites, ödes Feld. Weit und breit kein Haus. Ein Omnibus bringt einen nach einer Viertelstunde Fahrt zu einer Häusergruppe, nach einer weiteren zu einem einsamen Hotel, aber es steht ganz allein auf weiter Flur. Das heißt, nein, immerhin in Sichtweite befinden sich noch zwei große Gebäude, das Parlament und das Haus mit den Ministerialbüros. Aber wenn man seinen Kragenknopf verloren hat oder sich Briefpapier besorgen will, so muß man eine halbe Stunde ins Einkaufszentrum gehen. Zum Rathaus ist es eine Viertelstunde in einer anderen Richtung. Das einzige Kinotheater liegt wieder weit entfernt, ganz woanders. Hat man gar einen oder mehrere Bekannte unter den bisher 6.000 Einwohnern der australischen Hauptstadt, so ist man völlig verloren; denn die mögen verstreut wohnen in den verschiedenen der 22 »Vorstädte« von Canberra, die sich in einem Umkreis von fast 40 Kilometern um das Zentrum dehnen.
   Diese Miniatursiedlung auf dem Areal einer Weltmetropole spielt ernsthaft Großstadt. Es wimmelt nur so von Einbahnstraßen, und es gibt strenge Verkehrsordnungen. Daß diese genau eingehalten werden, ersehe ich gerade aus der Zeitung. Da ist ein Automobilist bestraft worden, weil er auf einer Straße mit 45 Kilometern Stundengeschwindigkeit fuhr, auf der nur 15 Kilometer erlaubt sind, ebenso ein anderer, weil er 35 Minuten auf einer Stelle parkte, an der man seinen Wagen nur 30 Minuten lang stehen lassen darf. Dabei gibt es keine Straße in ganz Canberra, auf der man nicht - ohne einen der nicht vorhandenen Passanten zu gefährden - ruhig 80 oder 90 Kilometer in der Stunde fahren könnte. Ehe in irgendeiner Straße eine Parknot oder Verkehrsstörung eintritt, müßte sich die Zahl der Autos in Canberra mindestens vertausendfachen. Aber die Anlage all dieser Straßen und Plätze, dieser weitverzweigte Großstadtapparat von Gas-, Wasser- und Lichtversorgung haben ungezählte Millionen verschlungen. Da man in nichts anderem den Großstadtcharakter erkennen kann, muß man es wenigstens durch bürokratische Verkehrsordnungen tun.
   Canberra ist ein Kind, dem man das Gewand eines Riesen übergezogen hat. Es ist für eine Millionenbevölkerung angelegt, und diese Weitläufigkeit erschwert Wohnen und Arbeiten in dieser Stadt in einer kaum vorstellbaren Weise.
   So kommt es, daß niemand in der australischen Hauptstadt lebt, außer wer dazu verdammt ist, das heißt die unglücklichen Beamten all jener Ministerien, die nach und nach in die Bundeshauptstadt verlegt werden. Die Minister haben einstweilen ihre alten Wohnsitze in Melbourne oder Sydney behalten, ebenso der Generalgouverneur, ebenso der Premier. Trotzdem beide ihre Palais in Canberra haben und natürlich gleichfalls die konsularischen Vertretungen.
   Nur wenn das Parlament tagt, müssen die Minister natürlich nach der Hauptstadt kommen. Aber über Weekend fahren sie schleunigst wieder weg, ebenso wie die meisten Abgeordneten.
   Dabei liegt Canberra gar nicht schlecht, auf einer kühlen großen Hochfläche zwischen lieblichen Hügeln, angesichts der Schneeberge der Australischen Alpen. Auch die Idee der Bundeshauptstadt auf einem neutralen Gebiet ist unbedingt richtig. Hier verwischen sich die noch vorhandenen Gegensätze zwischen den einzelnen Staaten viel rascher und wird viel eher ein gesamtaustralisches Bewußtsein unter den Abgeordneten erzeugt, als es in Melbourne oder Sydney möglich wäre.
   Alles wäre gut, wenn man die Hauptstadt nicht in so phantastischen Ausmaßen angelegt hätte, die auch in 100 Jahren noch nicht ausgefüllt werden können. Man hätte bei der Anlage nicht so sehr an Washington denken dürfen, dessen Abmessungen man überdies noch bei weitem überschritt, sondern an eine der vielen jungen kalifornischen Städte, die zwischen Los Angeles und der mexikanischen Grenze aus dem Boden wachsen. Diese Städte werden auch mitten in der Wildnis angelegt, aber öffentliche Gebäude, Läden und Wohnhäuser werden so gruppiert, daß das Wohnen in ihnen nicht nur geräumig, sondern auch bequem und behaglich ist.
   Canberra war als ideale Lösung der Bodenfrage und als Geschäft für den Staat gedacht, der das fast wertlose Land für ein Butterbrot übernahm. Alle Bodenspekulation sollte ausgeschaltet sein, aller Grund und Boden nur in Erbpacht vergeben werden. Aber die bittere Wirklichkeit ist, daß der Bund nicht nur Jahr für Jahr die 20 Millionen Zinsen für das unproduktive, in die Hauptstadt gesteckte Kapital zu tragen hat, sondern auch die sich nicht rentierenden kommunalen Anlagen betreiben, die Hotels führen, die Omnibuslinien übernehmen muß, da sich kein Privatunternehmen für all diese Verlustgeschäfte findet.
   So ist es verständlich, daß es im Lande viel Opposition gegen die kostspielige Bundeshauptstadt gibt, die noch von dem Geld der gesamten Steuerzahler ausgebaut und erhalten wird. Ich fand sogar bei einzelnen Abgeordneten die Meinung, es sei besser, trotz allen in den Platz gesteckten Millionen, Canberra wieder aufzugeben und in der Nähe Sydneys eine neue Hauptstadt zu gründen.
   Aber derartige Ideen sind natürlich Utopien. Canberra ist nun einmal in den gegebenen Ausmaßen gegründet, und die jetzige und nächste und übernächste Generation muß in dem zu weiten Stadtgewand leben, bis die lebendige Stadt in dieses Kleid hineingewachsen ist.
   Aber vielleicht täuscht der flüchtige Besuch und ist die hier lebende Generation gar nicht so unglücklich und wird es die nächste noch weniger sein. Wie ich jetzt einen Tag in diesem Parlament verbringe, das aus jedem einzelnen Fenster einen Blick in unbegrenzte Fernen erlaubt, will mir diese seltsame Hauptstadt als das richtige Symbol eines Landes vorkommen, dessen hervorstechendste Eigenschaften Weite und Leere sind. Australien heißt Grenzenlosigkeit, heißt unbekümmertes selbstsicheres Schreiten in ungewisse Zukunft. Nichts versinnbildlicht dies besser als die ins ungeheure angelegte Metropole. Und so ist Canberra - so wie es ist - vielleicht doch die richtige Hauptstadt.

 

Ross, Colin
Der unvollendete Kontinent
Leipzig 1930

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

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