Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1928 - Friedrich Wilhelm Kurze
Jan Mayen

 

In Zickzackkursen, die den Ostislandstrom wiederholt schneiden, geht es nordwärts auf Jan Mayen zu. Die See wird immer ruhiger, sodass Meteor rasche Fahrt macht und die Stationen schnell und glatt erledigt werden können. Aber es wird immer unsichtiger und schließlich neblig. Gestirnsbeobachtungen sind unmöglich und der Schiffsort kann nur noch nach Funkpeilungen bestimmt werden. Unter diesen Umständen ist es sehr fraglich, ob sich die Ansteuerung von Jan Mayen wird durchführen lassen. Gerade noch rechtzeitig erhalten wir funktelefonische Verbindung mit der kleinen norwegischen Funkstation auf Jan Mayen. Zu unserer Freude kann sie uns mitteilen, dass die Insel zur Zeit ziemlich nebelfrei ist, und uns auch Auskunft über die Landesverhältnisse geben.
    Und wirklich, am frühen Morgen taucht zur errechneten Stunde das vulkanische Eiland aus dem Nebel auf. In der Jameson-Bucht nahe der Funkstation fällt der Anker. Der bisherige gute Fortgang der ozeanographischen Arbeiten gestattet, einige Stunden zu einem kurzen Besuch der Insel zu verwenden. Zunächst wird die auf einem Lavafeld dicht an der Südküste gelegene norwegische Station aufgesucht, in der drei Mann den Funk- und Wetterdienst versehen. Die benachbarte österreichische Polarstation ist dagegen kurz vor Ende des internationalen Polarjahres bereits verlassen.
    Die knappe Zeit reicht nur zur Durchwanderung des nächstgelegenen Gebietes. Man möchte sich in eine Mondlandschaft versetzt glauben, so eigenartig wirkt das Landschaftsbild. Vulkanischer Sandboden, Lavageröll bieten anfangs wenig Anziehendes, nur unser Professor ist gefesselt von den von ihm entdeckten morphologischen Eigentümlichkeiten. Der kleine, etwa 200 m hohe Eierberg wird bestiegen. Von diesem Rest eines zur Hälfte ins Meer gestürzten Kraters hat man einen guten Überblick über den größten Teil der Insel. Wenn auch die vulkanische Tätigkeit auf Jan Mayen anscheinend aufgehört hat, so zeugen doch die aus einigen Spalten des Eierberges herausdringenden Dämpfe, dass innen noch nicht alles Leben erloschen ist. In der so gut wie staubfreien Luft sind die aus den Fumarolen steigenden Wasserdämpfe aber fast unsichtbar. Da staunt nun der Seemann, wie ihm unser Professor plötzlich einige Wolken vorzaubert, indem er mitgebracht Mäntel über des Spalten ausklopfen und etwas Zigarettenasche hineinwerfen lässt. Dadurch kommen die Dämpfe sofort zur Kondensation und werden als kleine Wölkchen sichtbar.
    Die Norweger haben auf ihrer Station eine ganze Anzahl Polarhunde. Es ist aber eine kleine Rasse, die sich zum Schlittenziehen doch nicht so gut eignet, wie man erwartet hatte. So erhält die Besatzung ein nettes Pärchen dieser Hunde als Geschenk, und die Norweger freuen sich, ein Paar unnützer Fresser los zu sein.
    Von der höchsten Erhebung der Insel, dem über 2200 m hohen Beerenberg, war während des Landaufenthaltes wegen Nebels kaum mehr als einige der von ihm herabkommenden Gletscher zu sehen. Auch als die Insel nach dem Ankerlichten im Osten und Norden umfahren wird, ist zuerst von dem gewaltigen Berg nichts zu entdecken. Auf einmal leuchtet es silbern über der Wolkenschicht auf, die Spitze des riesigen Gletschermassivs taucht hoch über uns aus Dunst und Wolken auf, strahlend im Glanze der Nachmittagssonne. Wieder umziehen dichte Nebelschwaden den Gipfel, aber noch einige Male zerteilen sie sich und geben den Blick frei auf den steil aus der See aufragenden Beerenberg. Ein majestätischer Anblick, der wegen seiner seltenen Schönheit die Erinnerung an die sonst so düstere und unwirtliche Insel verklärt.
    Die glatte Erledigung des Anlaufens von Jan Mayen wird als gutes Vorzeichen genommen und mit frischem Mut die Weiterfahrt zum Scoresby-Sund angetreten.
    
Kurze, Friedrich Wilhelm
Nordmeerfahrten der Reichsmarine. Mit dem Vermessungs- und Forschungsschiff Meteor nach Island, Grönland und Jan Mayen
Berlin 1935

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