Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1786 - Jean-François de Lapérouse

Armes und gefährliches Chile
In Conception

 

Es findet sich in der ganzen Welt kein so fruchtbares Land, wie dieses Theil von Chili; das Getraide bringt hier das sechzigste Korn; der Weinstock ist in der nämlichen Menge ergiebig; die Felder sind mit unzählbaren Heerden bedeckt, welche, ohne einige Versorgung, sich hier über allen Ausdruck vermehren; die einzige Arbeit ist diese, daß man mit Zäunen das Eigenthum eines jeden umschließt, und die Ochsen die Pferde, die Maulthiere, und die Hammel, in diesen Einfassungen läßt. Der gewöhnliche Preis eines fetten Ochsen beträgt acht Piaster; eines Hammels, drey Viertheile eines Piasters; aber es finden sich keine Käufer und die Einwohner pflegen jährlich eine große Menge Ochsen tödten zu lassen, wo von sie die Häute und den Talg aufbewahren; diese beyden Artikel werden nach Lima geschickt. Auch räuchert man einiges Fleisch zum Gebrauch der Schiffsleute, welche auf den kleinen Küstenfahrern der Südsee schiffen.
   Keine Krankheit ist diesem Lande eigenthümlich; eine aber findet sich, welche hier ziemlich gemein ist, und welche ich nicht zu nennen wage; wer glücklich genug ist, sich dagegen zu schützen, erreicht ein sehr hohes Alter; es finden sich in Conception mehrere Hundertjährige.
   Ungeachtet so vieler Vortheile hat diese Kolonie bey weitem nicht die Fortschritte gemacht, welche man von ihrer Lage erwarten mußte, der dienlichsten zur Begünstigung einer großen Bevölkerung; aber der Einfluß der Regierung steht in unaufhörlichem Widerspruch mit dem Einfluß des Erdstrichs. Die Verbotsverfassung herrscht in Chili in ihrem ganzen Umfang. Dieses Königreich, dessen Erzeugnisse, wenn sie auf das Höchste getrieben würden, halb Europa ernähren müßten, dessen Wolle für Frankreichs und England Manufakturen hinreichen würde, dessen Vieh, als Salzspeise gebraucht, eine unermeßliche Einnahme liefern müßte, dieses Königreich, sage ich, treibt keinen Handel. Vier bis fünf kleine Fahrzeuge bringen ihm jährlich aus Lima Zucker, Tabak, und einige in Europa bearbeitete Dinge, welche seine unglücklichen Bewohner erst aus der zweyten oder dritten Hand erhalten, und nachdem diese nämlichen Dinge unermeßliche Abgaben in Cadix, in Lima, und endlich bei der Einfahrt nach Chili, entrichtet haben; sie können dagegen nur Getraide tauschen, welches in einem so geringen Preise steht, daß der Landmann keinen Vortheil bey Vermehrung seines urbaren Landes findet; ferner Talg, Häute und einige Bretter; so daß das Gleichgewicht des Handels immer zum Nachtheil für Chili ist, welches mit seinem Gold und mit seinen kleinen Tauschwaren nicht im Stande ist, den Zucker, die Kräuter aus Paraguai, die Stoffe, die Leinwand, die Batiste, und überhaupt die verschiedenen Kleinigkeiten zu bezahlen, welche zu den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens nothwendig sind.
   Aus diesem sehr kurzen Gemählde ersieht man, daß, wenn Spanien sein System nicht ändert, wenn die Freyheit des Handels nicht genehmiget wird, wenn die verschiedenen Abgaben von fremden Lebensmitteln nicht gemildert werden, kurz, wenn man vergißt, daß eine sehr kleine Abgabe von einem unermeßlichen Nahrungsmittel für den Fiscus einträglicher ist, als eine sehr starke Abgabe, welche eben diesen Verbrauch vernichtet, das Königreich Chili niemals zu dem Grade von Wachstum gelangen wird, welchen man von seiner Lage erwarten muß.
   Unglücklicherweise liefert dieses Land ein wenig Gold; fast alle Flüsse sind goldbringend; der Einwohner kann beym Waschen der Erde, wie man sagt, täglich einen halben Piaster gewinnen; weil aber die Eßwaaren sehr häufig sind, so wird er durch kein wahres Bedürfnis zur Arbeit gereizt; ohne Verkehr mit den Fremden, kennt er weder unsere Künste, noch unsere Üppigkeit; und er kann nichts stark genug wünschen, um seine Trägheit zu besiegen; die Ländereyen bleiben unbebaut; die Thätigsten sind diejenigen, welche einige Stunden auf das Waschen des Flussandes verwenden, welches ihnen die Erlernung eines Handwerks entbehrlich macht; auch sind die Häuser der reichsten Einwohner ohne einiges Geräthe, und alle Arbeitsleute in Conception sind Fremde.
   Der Schmuck der Frauenzimmer besteht in einem Faltenkleide von jenen alten goldenen oder silbernen Stoffen, welche man ehemals in Lyon verfertigte; diese Kleider, welche für wichtige Gelegenheiten aufbewahrt werden, können, wie die Diamanten, in den Familien wechseln, und von Großmüttern auf Enkelinnen kommen; überdem ist dieser Schmuck nur für wenige Bürgerinnen; die übrigen haben kaum, womit sie sich bekleiden.
   Die Faulheit hat, weit mehr als die Leichtgläubigkeit und der Afterglauben, diesen Königreich mit Nonnen- und Mönchsklöstern bevölkert: Die Mönche genießen eine viel größere Freyheit, als in irgend einem anderen Lande; und das Unglück, nichts zu thun zu haben, an keiner Familie zu hängen, berufsmäßig ehelos zu seyn, ohne von der Welt getrennt zu leben, und einsam in ihren Zellen zu wohnen, machte sie zu den schlechtesten Unterthanen Amerika’s, und mußte sie dazu machen. Ihre Unverschämtheit läßt sich nicht ausdrücken: ich habe welche beym Ball bis Mitternacht bleiben gesehen, freylich entfernt von guter Gesellschaft, und mitten unter den Bedienten. Niemand wußte besser, als eben diese Mönche, unseren jungen Leuten genauere Belehrung über Plätze zu geben, welche von den Priestern nur gekannt seyn sollten, um den Besuch derselben zu verbieten.
[…]
Die Indier in Chili sind nicht mehr jene ehemaligen Amerikaner, welchen die Waffen der Europäer Furcht einjagten; die Vermehrung der Pferde, welche sich in dem Innern der unermeßlichen Wüsten von Amerika verbreitet haben – die Vermehrung der Ochsen und Hammel, welche ebenfalls äußerst beträchtlich ist, hat aus diesen Völkern wahre Araber gemacht, welche man in allem mit jenen vergleichen kann, welche die arabischen Wüsten bewohnen. Unaufhörlich zu Pferd, sind Züge von zweyhundert Meilen für sie sehr kleine Reisen; sie gehen mit ihren Heerden; sie nähren sich von ihrem Blut; sie decken sich mit ihrer Haut, wovon sie Hauben, Panzer und Schilde machen. So hat die Einführung zweyer Hausthiere in Amerika den ausgezeichnetsten Einfluß auf die Sitten aller der Völker gehabt, welche von Saint Jago bis an die Magellanische Straße wohnen; sie beobachten fast keinen ihrer ehemaligen Gebräuche mehr; sie nähren sich nicht mehr mit den nämlichen Früchten; sie haben nicht mehr die nämliche Kleidung, und sie haben eine viel merklichere Ähnlichkeit mit den Tartaren, oder mit den Bewohnern der Küsten des rothen Meers, als mit ihren Ahnen, welche von zwey Jahrhunderten lebten.  
   Man begreift leicht, wie sehr solche Völker den Spaniern furchtbar seyn müssen. Wie soll man sie auf so langen Zügen verfolgen? Wie lassen sich Rottirungen hindern, wo sich an einem einzigen Punkte Völker versammeln, welche über vierhundert Meilen Landes zerstreut sind, und Heere von dreißig tausend Mann bilden?

 

La Pérouse, Jean- François de Galaup
Entdeckungsreise in den Jahren 1785, 1786, 1787 und 1788
Band 1, Leipzig 1799

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