Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1830 - Simon Friedrich Pfeifer, christlicher Arzt und Sklave
Algier wird französisch

 

Des anderen Morgens um neun Uhr, es war am 6ten Juli 1830, erscholl das Freudengeschrei der siegreichen Franzosen und einige Brigaden von der ersten und zweiten Division hielten mit Trommelschall und klingendem Spiel ihren Einzug in Algier. Dumpf und schauerlich tönte die Musik und die Trommeln in den engen Straßen der Stadt, in welcher nie der taktmäßige Fußtritt der europäischen Krieger noch der Hufschlag ihrer Rosse gehört worden war. Erschrocken über den gewaltigen Lärm zogen sich die Frauen und Kinder der Muselmans tiefer in ihre Harems zurück, während die Männer mit übergeschlagenen Beinen traurig und voller Unmuth an ihren Hausthüren saßen und die siegestrunkenen Franzosen lustig und fröhlich zwei und drei Mann hoch an sich vorüber defiliren sahen.
   Ich befand mich eben an dem Thor meines Spitals, als ein General mit seinem Stab an der Spitze einer Brigade dahergeritten kam. Er und alle seine Offiziere grüßten alle Muselmans, an denen sie vorüberkamen, so daß ich viele Türken ganz verwundert sagen hörte: „Seht doch diese Ungläubigen, sie haben uns besiegt und sind dennoch sehr großmüthig und leutselig gegen uns. Wahrlich wären wir die Sieger, wir hätten nicht auf gleiches gegen sie verfahren.“ - Als der General an dem Spital angekommen war, hielt er ein wenig an, um dessen Bauart zu betrachten. Ich ging zu ihm hin und sagte ihm, daß dieses früher eine Janitscharen-Kaserne gewesen, nunmehr aber der Aufenthalt von ungefähr tausend Verwundeten sey! Erstaunt sah er mich an, aber wie stieg seine Verwunderung, als ich ihm sagte, dass ich der alleinige Arzt dieses Spitals und ein Deutscher sei, der schon seit fünf Jahren in Algier geschmachtet habe. „Nom de Dieu,“ rief er aus, „vor Ihnen habe ich Respekt!“ Er, sowie einer seiner Offiziere, welcher deutsch sprechen konnte, wünschten mir Glük zu meiner Befreiung, und indem die Brigade heranrückte, sagte er mir, er sei General Damremont und ich möge ihn nachher besuchen in dem mir so wohl bekannten Schloss, wo mein Gebieter, wo ich selbst so lange gewohnt. Ich versprach es ihm und verließ ihn, um meine Blicke nach dem geräuschvollen Hafen zu richten, wo eben sechshundert Kriegs- und Transportschiffe im Begriffe waren, einzulaufen.
   Des Nachmittags ließ mich Hassenatschi-Efendi dringend zu sich in sein Schloss bitten. Er war der Einzige von allen Ministern, welcher bis zur Ankunft der Franzosen auf seinem Posten geblieben war, um General Bourmont den Schlüssel zur Schatzkammer zu übergeben. Als er dieses gethan hatte, begab er sich in sein Schloß, fand aber dasselbe bereits durch Franzosen besetzt, denn jener General halte sich schon mit seinen Stabsoffizieren dahin einquartirt und nicht ermangelt, wahrscheinlich aus Neugierde, mehrere Stuben zu erbrechen. Der Minister war trostlos, als er sah, dass man sein Eigenthum nicht achtete und eben nicht auf die rechtlichste Weise verschleuderte. Er protestirte gegen dieses Verfahren, aber man verstand ihn nicht und in dieser Not schickte er einige Mal nach mir. Als ich zu ihm kam, bat er mich inständig, ihm doch zu helfen, dass man ihm erlaube, sein Vermögen fortzuschaffen. „Denn“, sagte er, „wenn sie mein Vermögen nehmen, so sollen sie auch mein Leben dazu nehmen, denn was soll ich armer Mann ohne Vermögen ferner anfangen!“ Seine Klagen und billigen Forderungen rührten mich und ich beschloss, ihm zu helfen, so gut ich selbst vermochte. Ich ging nun zu den mir schon bekannten Offizieren und reklamirte das Eigenthum des Hassenatschi; ich protestirte heftig gegen ihr willkürliches Verfahren; sie wiesen mich aber rund ab. Später jedoch wandte ich mich, unterstützt von mehreren Offizieren, worunter auch einige Deutsche waren, an den General selbst und erinnerte ihn an die Bedingungen der Kapitulation, welche der Dei mit dem Obergeneral abgeschlossen hatte; und hierauf wurde mir die Erlaubniß ertheilt, den Minister und sein Eigentum hinunter in sein Privathaus transportieren zu lassen. Damremont ließ nun dem Minister eine Ehrenwache von zwölf Mann geben, welche ihn in sein Privathaus begleiteten. Unterwegs weinte er, bat mich um mein Taschentuch, und gab mir für die Soldaten eine Hand voll Goldstücke. Dann ließ er durch vierzig Lastträger den Rest seines Vermögens, was er nicht schon in seinen Harem geschafft oder durch französische Hände verloren hatte, dorthin tragen und erhielt von der Großmuth des Generals die Erlaubnis, mit einem jeden Transport einige Soldaten von der Wache als Bedeckung mitzuschicken, ohne welche Vorsicht schwerlich die Hälfte der Gegenstände an den Minister gelangt seyn würde; denn man kann sich gar keinen Begriff machen, wie groß die Unordnung bei dem algerischen Straßengesindel war.
   Freilich hat es dieser brave General nicht umsonst getan! - Als ich später zu Hassenatschi-Efendi kam, war er ausser sich vor Freude, weil ich ihm so treulich geholfen hätte, und wohl hundert Mal rief er aus: „Ich werde gegen dich dankbar seyn, ich werde dich fürstlich belohnen!« Ich freute mich ungemein darüber und fühlte einen gewissen Triumph. Aber bei mir konnte auch unser Sprichwort angewendet werden: Ein blöder Hund wird selten fett. Denn wäre ich damals klug gewesen und hätte mir augenblicklich eine Belohnung ausgebeten, ich hätte ohne Zweifel ein Geschenk von einigen tausend Gulden erhalten; aber Gefühle anderer Art hielten mich davon ab und, Gott sei Dank! Obgleich mich später Mangel drükte, so hat mich‘s doch nie gereut, dass ich damals so und nicht anders gehandelt habe; und bei den bittersten Vorwürfen, die mir später hierüber vielfältig von Freunden gemacht wurden, konnte ich ganz ruhig seyn und ihnen sagen, dass doch in Algier mein Gewissen frei geblieben ist. Wäre der Minister noch längere Zeit in der Stadt geblieben, er hätte sicherlich sein Versprechen gehalten; da aber einige Wochen später eine Verschwörung gegen die Franzosen entdekt wurde, an deren Spitze derselbe gestanden haben soll, so wurde er, sowie alle übrigen vom Komplott, plötzlich arretirt und mit französischen Kriegsschiffen nach der Türkei geschickt. Somit war mir diese Hoffnung verschwunden.
   Auch meine beiden Stuben im Schlosse fand ich bei meiner Rükkehr aus den Spitälern erbrochen und alle Gegenstände, womit sie der Minister herrlich hatte ausschmücken lassen, verschwunden: viele schöne Kleider, einiges Geld und allerlei Kostbarkeiten, die mir bei Gelegenheit der Dei durch den Minister überreichen ließ oder mir der Minister selbst geschenkt hatte. Ausser den herrlichen, gewöhnlichen Meubels befand sich in jeder Stube ein kostbarer türkischer Teppig, mehrere große Spiegel von Triest, eine englische Musikuhr und dergleichen. Alle Sachen waren für mich verloren und ich hatte nichts mehr, als was ich auf dem Leib trug. Doch in den ersten Gefühlen meiner Freiheit verschmerzte ich diesen Verlust sehr bald, ja ich kann sagen, daß ich ihn damals nie recht fühlte und freudig rief ich noch einige Mal: Wohl bekomme es denen, die sich's zugeeignet haben; denn ich war ja frei und was bedurfte ich damals mehr. Auch war ein so kleines Vergehen den Soldaten bei einer solchen Gelegenheit leicht zu verzeihen, zumal da dieses herrschaftliche Schloss, als die Franzosen einmarschirten, von allen Bewohnern gänzlich verlassen war. Überhaupt sey‘s zur Ehre der französischen Nation gesagt, daß sich die Armee während der Einnahme von Algier so edelmütig benommen hat, wie es sich von keiner anderen in ähnlichen Fällen hätte erwarten lassen. Einzelne Vergehen muss man nicht den Soldaten als vielmehr dem Gesindel zuschreiben, das als Marketender mitzog.
   Schändlich jedoch benahmen sich außerdem einige vom Korps der Dolmetscher (Interprets). Zum Glük waren deren nicht viele, denn sie würden ganz Algier ausgeplündert haben. Es waren meistenteils Juden, trugen französische Uniformen und entweihten diese auf die empörendste Art. So ging z. B. einer derselben, ein Jude aus Tunis, mehrmals in die Gärten nahe bei der Stadt, trieb von dort aus mehrere hundert Schafe mit eigenen Händen nach der Stadt, um sie daselbst an andere Juden zu verschachern. Ebenso machte er es mit Pferden und Maulthieren. Freilich ging dieses schändliche Gewerbe nur in den ersten Tagen, wo noch alles in der größten Unordnung durcheinander ging, und wo beim Anblick einer französischen Uniform sich die Einwohner verkrochen.
   Ein anderer Dolmetscher, ein Italiener, warf eines Tages von dem Dach seines Hauses, das er bewohnte, Pistolen und Säbel in den Hof einer reichen Wittwe des ehemaligen Aga-Efendi Jachia. Bekanntlich war Algiers Bewohnern bei großer Strafe verboten, Waffen in den Häusern zurükzuhalten. Der Schurke wusste sich eine Kolonelsuniform zu verschaffen und fünfzehn gemeine Soldaten durch Versprechung von zehn Zechinen auf seine Seite zu bringen. Er drang nun mit diesen in den Hofplatz der Wittwe ein und indem er seine vorher eingeworfenen Waffen aufhob, schalt er die Wittwe eine Staatsverräterin, weil sie gegen das Verbot der Behörde Waffen in ihrem Haus aufbewahre. Weinend beteuerte sie ihre Unschuld; allein der Betrüger sagte, sie könne sich nur dadurch vom Tode retten, dass sie ihm auf der Stelle 40.000 Zechinen auszahle. Jetzt durchschaute das schlaue Weib die Betrügerei und indem sie vorgab, sie habe nicht so viel im Hause, wolle aber durch ihren Jungen das Fehlende holen lassen, befahl sie diesem leise, zum Obergeneral zu gehen und die Sache anzuzeigen. Dieß geschah. Als aber die Patrouille ankam, um die Betrüger zu entlarven, hatten sich diese, die auch die Lunte riechen mochten, schon aus dem Staube gemacht. Allein der Junge behauptete, den Schändlichen aus allen herausfinden zu können, und als zu diesem Endzwek das Dolmetscherkorps versammelt wurde, gab er ihn an; er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, aber seine Strafe durch die Bemühungen des Judenkönigs Bacri dahin gemildert, dass er aus dem Dolmetscherkorps gestoßen wurde.
   Am zweiten Tag nach dem Einzug der Franzosen suchte ich bei dem Obergeneral nach, dass man doch die algerischen Verwundeten durch französische Ärzte möchte behandeln lassen; und Bourmont gab sogleich den Befehl, dass von Sidi Ferusch, woselbst sich noch das Hauptspital befand, acht Chirurgen und ein Regimentschirurg nach Algier kommen und die dortigen Verwundeten verbinden sollten. Dieser schnelle und menschenfreundliche Befehl des Obergenerals rettete vielen meiner Verwundeten das Leben. Am anderen Tage kamen die neun Ärzte und mit der größten Freude trat ich an den Regimentsarzt, Herrn Schanbold, meine Stelle ab. Doch blieb ich noch einige Zeit bei denselben, um ihnen sowohl bei dem Verband behilflich zu sein, als auch den Dolmetscher zu machen, welches bei wichtigen Fällen umso nötiger war, weil die Ärzte nicht mit den Patienten sprechen konnten; und was das Schlimmste war, weil die Muselmans den Franzosen misstrauten. Ich musste daher alle meine Beredsamkeit anwenden, um sie zu überzeugen, dass sie gut und edelmüthig von den Franzosen behandelt würden.
   Noch drei Tage half ich so den französischen Ärzten, während welcher Zeit ich verschiedene französische Offiziere kennen lernte, vorzüglich den Kommandant vom Generalstaab der II. Division, Conrad aus Straßburg, welcher nachher mein Gönner und Wohltäter ward, sowie auch Gustav v. Montebello, den Sohn des General Lannes, und viele andere, deren Namen ich hier nicht alle nennen kann, die aber stets bei mir in einem freundschaftlichen Andenken fortleben werden. Bei der Armee fand ich auch einige Landsleute, die als Volontairs die Expedition mit machten. Die beiden vorzüglichsten waren der Prinz Schwarzenberg und Gustav Buch, Adjutant des Herzogs von Sachsen-Meiningen, der bei der ganzen Armee den Namen des braven Sachsen führte, der schönste Mann, den ich sah, im Feld der tapferste und im Umgang in jeder Hinsicht der gebildetste und beste Mensch, den ich auf meinen Reisen kennen lernte. Da er nur Deutsch sprach, so wurden wir bald gut bekannt.
   Der Zustand der Stadt war seit dem Einzug der Franzosen wie umgekehrt. Alle Janitscharen, welche nicht verehelicht waren, erhielten Befehl, sich in den Hafen zu begeben, um sich durch französische Kriegsschiffe nach Smyrna bringen zu lassen. Ihre Zahl belief sich auf 2.500. Die befreiten Sklaven sah ich zum Teil auf die Schiffe eilen, um ihre Heimath bald wieder zu sehen; andere sich zu den Soldaten in die Kasernen oder Biwaks einquartieren; wieder andere trieben sich in den Judenkneipen herum und wälzten sich dann berauscht auf den Straßen herum. Die Juden waren ganz ausgelassen vor Freude; wie Wahnsinnige liegen sie auf den Straßen umher. Da ihnen zuvor alle außer schwarze oder dunkelbaue Kleider zu tragen, so wie auch in den Straßen von Algier zu reiten streng verboten war: so setzten nun einige Kinder Israel Käppchen auf und unternahmen das große Wagestük, auf Maulthieren durch die Stadt zu reiten. Viele Tausende folgten ihnen zu Fuß und riefen unaufhörlich. Jaudi-m’serach, Jaudi-m’serach (die Juden sind frei)!

   Von den Lesern verlangen vielleicht manche, dass ich auch etwas über die weltberühmten Schätze des Dei sagen soll, indem sie voraussetzen, dass ich zufolge meiner langen Anwesenheit in Algier auch wohl viel darüber erzählen könnte. Allein in Algier gab es kein größeres Geheimnis als den Werth der Schatzkammer und ich weiß aus sicherer Quelle, dass außer dem Dei und dem Hassenatschi-Efendi kein Mensch in Algier war, der genau wusste, wie stark der Staatsschatz sei. Dabei muss ich noch bemerken, dass es sogar eine mißliche Sache war, sich viel nach dem Staatsschatz zu erkundigen; denn man machte sich dadurch verdächtig, als habe man Absichten darauf. Kein Türke ließ sich je mit mir über diesen Gegenstand in ein Gespräch ein. Alle, die ich darüber fragte, vermieden sorgfältig das Gespräch und am Ende schien es mir, als kenne man in Algier nur zwei wichtige und heilige Gegenstände, den Koran und die Schatzkammer. Der eigentliche Grund, warum man so geheim damit war, rührte daher, dass man fürchtete, der Sultan oder ein europäischer Fürst möge, von dem reichen Schatz angelockt, Algier bekriegen und den Schatz hinwegführen. Denn ein Morabot [Marabut] hatte es längst schon prophezeit, dass einst eine Macht übers Meer kommen, Algier besiegen und seine Schätze wegnehmen werde.
   
Pfeiffer, Simon Friedrich
Meine Reisen und meine fünfjährige Gefangenschaft zu Algier
Gießen 1834

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