Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1837 - Helmuth von Moltke, preußischer Offizier in osmanischen Diensten

Die Minaretts von Adrianopel/Edirne
Türkei

 

Wir sind jetzt in der Stadt Kaiser Hadrians angekommen, des Römers, der seinen Namen an der Donau und am Tiber, am Euphrat und an der Maritza verewigte. Bereits sechs Tage ruhen wir aus und werden übermorgen nach Konstantinopel zurückkehre, woselbst der Großherr seinen feierlichen Einzug halten will.
   Die Lage von Adrianopel erhält einen eigenthümlichen Charakter durch den Zusammenfluß von vier beträchtlichen Strömen: Maritza, Arda, Tundscha und Usundscha; daher die weite, mit Maulbeerbäumen bedeckte Niederung, welche die Stadt einschließt. Adrianopel ist auf einem Hügel erbaut, dessen Gipfel von der prachtvollen Moschee Sutan Selims gekrönt ist. Zahlreiche große Steinbrücken von schöner Arbeit überschreiten die vielen Wasserarme in allen Richtungen, un der Anblick dieser Stadt von außerhalb ist höchst prachtvoll.
   Adrianopel war, nachdem die osmanischen Herrscher den europäischen Boden betraten, der Sitz der Regierung, wie Brussa es zuvor gewesen und wie Konstantinopel es später wurde. Das alte Seraj ist noch jetzt erhalten; ich habe es heute mit großem Interesse besucht; die örtlichkeit einer prächtigen Wiese an der Tundscha, überschattet von mächtigen Platanen und Ulmen, ist ganz so, daß sie einlaadet, ein Zelt aufzuschlagen, keineswegs aber ein Haus darauf zu bauen, denn im Winter ist Alles ringsumher überschwemmt. Hohe Mauern umschließen den ziemlich beträchtlichen Raum, auf welchem eine Menge regelloser Gebäude, einzelne Wohnungen, Bäder, Küchen und Kioske in verschiedenen Höfen vertheilt sind. Einige dieser letztern sind wohl erhalten, sie zeigen sehr schön gearbeitete und überaus reich vergoldete Plafonds, marmorne Bassins, künstlich gearbeitete Gitter und schönes Schnitzwerk. In der Mitte des Ganzen erhebt sich ein massives steinernes Gebäude, von einem seltsam geformten Turm überragt, dessen Wände zum großen Theil noch heute mit dem schönsten Marmor und Jaspis bekleidet sind; die Decken aber sind eingestürzt und die schönen Porcellan-Tafeln mit vergoldeten Arabesken, welche die Wände schmückten, fast ganz heruntergerissen. Das Gebäude ist so solide und massiv erbaut, daß es wohl noch Jahrtausende widerstehen kann; es ist aber nicht sehr groß, und es geht hier wie im Seraj zu Konstantinopel, wo man unter lauten Kiosken vergeblich nach einem eigentlichen Hauptgebäude sucht. Das Seraj von Adrianopel hat dagegen nicht jenes gefängnißähnliche Aussehen, die Sultane, welche es bewohnten, waren dem Moslem noch nicht unsichtbar geworden.
   Von den Gebäuden des Harem sind die Mauern aus Fachwerk eingestürzt und die bleiernen Dächer und Kuppen scheinen schier in der Luft zu schweben. Dieser Theil des Seraj wird gegenwärtig durch Niemand anders als einen Hirsch bewohnt, der die Besuchenden sehr unfreundlich empfängt.
   Nicht weit vom Seraj erhebt sich unter Bäumen die schönen Moschee Bajasids, den die Türken Sultan „Blitz“ (Jilderim) nennen. In einem Winkel als Eckstein neben dem Thor fand ich den Torso eines kolossalen Standbildes im schönsten dunkelrothen und weiß gesprenkelten Porphyr gearbeitet. Es Brust und Leib eines Mannes in der römischen Toga; vielleicht war es Kaiser Hadrian, den der „Blitz“ dahin geschleudert.
   Aber hoch übe alle die vielen moscheen Edrehnehs erhebt sich die Kuppel Sultan Selims mit den vier schlanken Minarehs. Ich fand den Durchmesser der Wölbung hundert Fuß, als fast so groß, als irgend eine in Konstantinopel, selbst die Aya Sophia nicht ausgenommen. Zwei hundert und fünf und vierzig Stufen führten mich auf den obersten der drei Umgänge oder kranzförmigen Balkone eins der Minarehs. Die Stufen maßen 7 ½ Decimalzoll, und da die Spitze des Minarehs den obern  Karnz noch um ein Fünftel der ganzen Höhe überragt, wie sich dies aus der Ferne sehr wohl schätzen läßt, so beträgt die ganze Höhe übe 200 Fuß, bei einem Durchmesser von unten 11, oben nur 8 Fuß, am Schatten gemessen. Die Minarehs gleichen daher in der That eher Säulen als Thürmen, und doch, so künstlich sind sie erbaut, winden sich in ihrem Innern drei vollkommen bequeme Treppen in einander, so daß drei Menschen zugleich hinauf steigen könnten. Ohne im Geringsten zum Schwindel zu neigen, schien mir der erste Blick von oben herunter schauerlich. Die breite Kuppe, der steinerne Vorhof mit der schönen Fontaine in der Mitte, die ausgedehnten Imarete oder Armenküchen, Medresseen oder Schulen und viele andere mit Bleikuppel gedeckte Gebäude, welche zur Moschee gehören, das Alles liegt tier und unmittelbar unter den Füßen des Beschauers. Man glaubt, die entsetzlich schlanke Steinsäue könnte umschlagen, wenn man sich dem Rande der Galerie nähert. Die Kuppel erhebt sich bis beträchtlich über die halbe Höhe des Minarehs, und mag im Innern 120 Fuß hoch sein.
   
Moltke, Helmuth von
Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839
Berlin, Posen, Bomberg 1841

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