Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1791 - Anonymus
Blanchard im Ballon über Wien

 

Die 38ste Luftreise Herrn Blanchards geschah im Prater in Gegenwart Ihrer K. Hoheiten der Erzherzöge und eines sehr zahlreich versammelten Publikums. Um ½ auf 12 Uhr wurde das hölzerne Gebäude, worinn der Ballon gefüllt wurde, geöffnet, Herr Blanchard setzte sich in die Gondel, welche alsbald von dem Ballon erhoben, aber von einigen seiner Freude an Schnüren zurückgehalten wurde. Das Militär schloß ein Quarree um den Aerostaten, und so wurde er langsam und schwebend bis vor die Loge, wo der Hof versammelt war, gebracht. Hier erhob sich Blanchard um 12 Uhr, nachdem er mit seiner Fahne, worauf das k.k. Wappen sich befand, den Hof und das Publikum begrüßt hatte, unter lautem Zuruf und Händeklatschen der versammelten Menge. Nur Augenzeugen können von dem Prachtvollen eines solchen Schauspiels überzeugt seyn. Schwindelnd folgte da Auge der Zuseher dem kühnen Sterblichen, der die Fabel des Dädalus in eine Geschichte umschuf.
   Bei seiner Auffahrt ließ Herr Blanchard ein gedrucktes Billet in französischer und deutscher Sprache austheilen, welches im deutschen also lautet:
   
   Dem verehrungswürdigen Wiener Publikum!
   Dank sei es der allerhöchsten Gnade Seiner Kaiserlichen Majestät allerhöchst welche sich würdigten mir zu erlauben, daß ich die Fehler welchen die aerostatischen Versuche ausgesetzt sind [bei zwei vorherigen Versuchen an anderen Orten mußte Blanchard notlanden], wieder vergüten könne. Ich habe die Ehre dieser verehrungswürdigen Versammlung aus der Natur zu beweisen, daß nur mein einziges Bestreben war, ihre Achtung zu verdienen, und ihren Beifall zu gewinnen, wie mir auch solches in ganz Europa gelungen ist. Trotz dem Unglück, was mich zweimal betroffen hat, wird heute mein Wunsch erfüllt seyn. Ich werde der glücklichste Mensch seyn, wenn ich das Glück erhalte, eine allgemeine Befriedigung zu erwirken. Das ist mein einziger Endzweck, den ich mir vorgenommen habe.
   Wien, den 6. July 1791
   Blanchard, adoptierter Bürger v. Calais, Pensionnair, Sr. allerchristlichsten Majestät, und Mitgliede verschiedener gelehrter Gesellschaften.
   
Sechs Minuten nach 12 Uhr richtete Blanchard, welcher sich bisher mit den Verrichtungen seiner Reise beschäftiget hatte, seine Blicke aus dem unermeßlichen Weltraume auf uns Erdenbewohner herab, und suchte den Ort seiner Auffarth. Er erblickte die zahlreiche Gesellschaft im Prater, wie ein kleines Häuflein, welches er kaum unterscheiden konnte, und grüßte sie nochmals mit seiner Fahne. Die Stadt Wien mit ihren ungeheuren Vorstädten schien ihm ein schönes Miniaturgemälde zu seyn, und die Landgegenden stellten seinen bezaubernden Augen das schönste Bild der Natur vor. Das ganze der Erde schien ihm eine künstliche Landcharte zu seyn. In diesem Augenblick wo er von allen diesen Gegenständen auf eine entzückende Art begeistert wurde, soll er mit Bleistieft auf ein bei sich habendes Papier ein Billet an S. Majestät die Kaiserin geschrieben und es herabgeworfen haben.
   Gleich darauf kam er nahe an eine Wolke, wo er zum drittenmale die Stadt Wien begrüßte, und sich dann in einem so undurchdringlichen Nebel verlor, daß er nicht einmal den bey sich habenden Anker erblicken konnte. In dieser egyptischen Finsterniß irrte Blanchard einige Zeit hin und her, und wurde von den Wolken ganz durchnäßt. Endlich kam er wieder an hellem Tag. Der Himmel war heiter, die Luft rein, und die unbewölkte Sonne beleuchtete mit ihren prächtigen Strahlen den Ballon. Um diese Zeit sah man auch auf der Erde den Ballon wieder, welcher wie ein Punkt in der Atmosphäre herumschwamm.
   Da sich um diese Zeit die in dem Ballon enthaltene brennbare Luft verminderte; Herr Blanchard auch von dem Nebel, welcher sich in Wasser aufgelöst hatte, ganz benetzt war; und die Abwechslung von Kälte und Wärme, welche er in kurzer Zeit auszustehen hatte, seinem Körper ziemlich unbehaglich war, so entschloß er sich, sich mit dem Ballon nieder zu lassen. Er wurde in diesem Entschluß um so mehr bestärkt, da er unter sich eine schöne große Ebene, nämlich das Marchfeld er blickte, wohin ihn der Luftstrom getrieben hatte.
   Unter verschiedenen andern Oertern erblickte Blanchard auch die Stadt Enzersdorf auf welche er in gerader Linie herunter sank. Als er ohngefähr hundert Klafter davon entfernt war, hörte er das Zuruffen und Beyfallklatschen der Einwohner, und nahm sich vor, sich mitten unter sie herabzulassen. Allein ein plötzlich entstandener Wind trieb ihn seitwärts auf ein nahe an dem Städtchen liegendes Feld. Die Bauern, welche eben mit ihrer Feldarbeit beschäftigt waren, wurden ihn nicht gewahr. Der vom Ballon herabgelassene Anker verwickelte sich in den auf dem Felde befindlichen Korngarben und führte einige mit sich fort. Dies setzte einen nahe daran stehenden Bauer ganz in Erstaunen, indem er nicht begreifen konnte, wie die Garben auf einmal in Bewegung gesetzt, und ohne Jemandes Hülfe fortgeführt würden. Er entdeckte endlich das Ankerseil und über demselben eine große Maschine in der Luft. Er ließ also gleich seine Sichel fallen, und schrie seinen übrigen Kameraden, die ebenfalls wie versteinert dastanden, aus vollem Halse zu.
   Blanchard berührte die Erde um 1 Uhr. Die Bauern standen in einiger Entfernung mit ihren Arbeitsinstrumenten in Bereitschaft, aber nicht um ihn gewaltsam zu behandeln, sondern nur um sich auf alle Fälle gegen dieses fliegende Ungeheuer in Vertheidigungsstand zu setzen. Als Blanchard ihnen im gebrochenen Deutsch zurief: Kommen Sie her meine guten Freunde! Kommen Sie her! so nahten sich die Landleute. Er über reichte ihnen hierauf seinen Reisepaß, welchen er von Wien mitgenommen hatte, diesen las einer von ihnen dem andern mit lauter Stimme vor, worauf sie sich sogleich bereitwillig fanden ihm beym Abssteigen ihre Dienste zu leisten, und den Ballon, welcher sich immer wieder von neuem zu erheben bestrebte, zurückzuhalten. Bald darauf langte auch der Pfarrer von Stadt Groß-Enzersdorf mit dem dortigen Bürgermeister und Stadtrichter an.
   In kurzer Zeit war der Ballon mit Hilfe des Herrn Pfarrers, welcher französisch sprach zusammengelegt, und alles in Ordnung gebracht, und Blanchard verfügte sich auf die Einladung dieser Herrn in ihre Stadt, Dort war schon alles zu seinem Empfang in Bereitschaft. Man empfieng ihn am Stadtthor mit Musick und klingendem Spiele , und er wurde mit dem größten Frohlocken zum Herrn Bürgermeister und hierauf zum Herrn Pfarrer geführt, welcher ihn mit einem Mittageßen bewirthete.
   Die ältesten der Stadt bathen Blanchard, ihnen die Fahne, welche er mit sich führt, zu schenken, damit sie sie zum immerwährenden Andenken dieser seltenen Begebenheit in ihrer Kirche aufbewahren und mit einer lateinischen Inschrift versehen könnten, welches Gesuch ihnen auch mit Vergnügen gewährt wurde. Hierauf ward Herr Blanchard unter allgemeinem Zujauchzen und lärmender Musick zum Mitbürger ausgerufen, und ihm das Bürgerrecht der Stadt Groß-Enzersdorf ertheilt.
   Unterdeßen war auch die zurückgelaßene Luftequipage angekommen. Herr Blanchard sezte sich mit den Hrn. Pfarrer, Bürgermeister u. Stadtrichter in einen von ihren Wägen, und sie fuhren um halb 4 Uhr nach Wien ab, wo sie auch um 6 Uhr glücklich anlangten.

 

Acht und dreyssigste Luftreise Blanchards zu Wien den 6ten July 1791
Wien 1791

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