Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1816 - Otto von Kotzebue
Feindliche Insulaner auf der Osterinsel

 

Nachdem wir die südliche Spitze umsegelt, richteten wir den Lauf in geringer Entfernung längs der Westküste nach der Cooks-Bay zu, wo wir Rauchsäulen emporsteigen sahen, welche wahrscheinlich den Bewohnern des innern Landes andeuten sollten, daß ein Schiff sichtbar sey. Am Mittag, als wir uns ganz nahe an der Cooks-Bay befanden, sahen wir zwei Böte, jedes nur mit zwei Insulanern bemannt, auf uns zurudern; ich hoffte gewiß, daß diese Leute, welche dem la Peyrouse so großes Zutrauen geschenkt, auch uns mit gleicher Herzlichkeit bewillkommen würden, was aber zu meinem höchsten Erstaunen keinesweges der Fall war. Sie näherten sich uns mißtrauisch und furchtsam bis auf einen Flintenschuß, zeigten uns aus dieser Ferne einige Wurzeln, ließen sich aber durchaus nicht bewegen, näher ans Schiff zu kommen. Die Bauart der Canots, deren wir mehrere erblickten, und die nur zwei Personen tragen können, stimmt mit la Peyrouses Beschreibung derselben überein; sie sind fünf bis sechs Fuß lang, ungefähr einen Fuß breit, aus schmalen Brettern zusammengesetzt und auf beiden Seiten mit einem Balancier versehen La Peyrouses Meinung, daß es den Insulanern wegen Holzmangel bald ganz an Böten fehlen könnte, ist wohl irrig; – zwar haben auch wir keinen einzigen Baum auf der Insel entdeckt, allein die Canots werden aus Treibholz gebaut, und dieses führt ihnen der Strom von den Küsten Amerikas in Menge zu. – Weil der Grund in der Cooks-Bay an manchen Stellen sehr schlecht ist, so schickte ich den Lieutenant Schischmareff ab, um vermittelst des Senkbleys einen bequemen Ankerplatz ausfindig zu machen, und während dessen hielt ich den Rurick unter Segel. Die Insulaner, welche bisher dem Schiffe immer gefolgt waren, sich laut unterhalten hatten, und sehr gut gelaunt schienen, flüchteten, als sie unser Boot abgehen sahen, eiligst ans Land, was mir umso mehr auffiel, da gerade die Bewohner der Oster-Insel sich früher mit so vielem Zutrauen an die Seefahrer angeschlossen. Indeß schien ihnen nur das Schiff gefährlich, denn als unser Boot sich dem Lande näherte, schwammen ihm eine Menge Wilder entgegen, beladen mit Tarrowurzeln, Jams und Bananen, welche sie begierig gegen kleine Stückchen Eisen von alten Faßbändern vertauschten, einige handelten äußerst ehrlich, andere listig, und einer von ihnen suchte sogar mit Gewalt sich etwas anzueignen. Um die Uebrigen vor böser Ansteckung zu bewahren, ward mit feinem Schrot auf ihn geschossen, was sie indeß keinesweges abhielt, ihre kleinen Räuberkünste an uns zu üben. Auf das Signal von unserm Boot, daß sie guten Ankergrund gefunden, machte ich noch ein Paar Wendungen, um den Punct zu gewinnen und ließ dann die Anker auf 22 Faden Tiefe über einen Grund von feinem Sande fallen. Die Sandbucht lag uns SO 45º, die beiden Felsen waren hinter der Südspitze verborgen. Unser Boot kehrte jetzt zurück, ohne daß ein Insulaner ihm zu folgen wagte. – Da es meine Absicht war zu landen, so ließ ich zu diesem Zwecke zwei Böte bemannen, und wir verließen siebenzehn Mann stark um drei Uhr Nachmittags den Rurick. Eine große Menge Wilder hatte sich am Strande versammelt, sie schrieen, tanzten, machten die wunderbarsten Bewegungen und schienen unsere Ankunft mit Ungeduld zu erwarten; da sie aber den einzigen Fleck, wo die Brandung zu landen erlaubte, zu ihrem Tummelplatze erwählt hatten, so konnten wir nicht wagen, die Böte zu verlassen, ehe sie uns Platz gemacht, wozu sie aber auf keine Weise zu bewegen waren. Unter Lachen und Scherzen zwangen sie uns, vom Lande abzustoßen und verfolgten uns noch im Wasser, was uns aber nicht gefährlich schien, da sie alle unbewaffnet waren. Kaum hatten wir das Ufer verlassen, so schwammen hunderte um unsere Böte herum, welche gegen Bananen und Zuckerrohr, altes Eisen eintauschten und dabei einen ganz unerträglichen Lärm machten, denn alle sprachen mit großer Lebhaftigkeit zugleich, und einige mußten wohl sehr witzig seyn, denn es entstand zuweilen ein allgemeines, furchtbares Gelächter. Die Zuschauer am Lande, welche endlich bei diesem Schauspiele Langeweile empfanden, suchten sich diese zu vertreiben, indem sie uns mit Steinen bombardirten, eine Gemüthsergötzlichkeit, der ich durch einige Flintenschüsse Einhalt thun ließ. Dadurch wurde ich auch meine lebhafte Gesellschaft im Wasser los, und gewann den Landungsplatz, wo ich eilig einige Matrosen ans Land setzte. Kaum aber wurden die Wilden das gewahr, so umringten sie uns mit verdoppelter Zudringlichkeit. Sie hatten jetzt ihre Gesichter roth, weiß und schwarz bemalt, was ihnen ein fürchterliches Ansehen gab, tanzten unter den lächerlichsten Bewegungen und Verdrehungen des Körpers, und machten einen so entsetzlichen Lärm, daß wir uns laut in die Ohren schreien mußten, um einander verständlich zu werden. Ich kann mir den Eindruck denken, den dieser Austritt auf den Lieutenant Schischmareff machte, der diese Menschen zum ersten Mal sah, und von lauter Affen umringt zu seyn glaubte; denn diese tolle Wirtschaft übertraf selbst meine Vorstellung, obzwar ich schon früher mit den Bewohnern der Südsee bekannt war. Um sie zu zerstreuen, und etwas Terrain zu gewinnen, ließ ich Messer unter sie werfen; als ich aber demungeachtet einen Stein von meinem Hut zurückprallen fühlte, befahl ich, noch einmal zu schießen, und erst dadurch ward ich in den Stand gesetzt, selbst ans Land treten zu können. Hier war es mein erstes Geschäft, die großen merkwürdigen Statüen am Ufer zu suchen, welche Cook und la Peyrouse noch gesehen hatten; trotz aller Nachforschung aber fand ich nur einen zerstückelten Steinhaufen, welcher neben seinem unversehrten Fundamente lag; alle übrigen waren bis auf die letzte Spur verschwunden. Das mißtrauische Betragen der Insulaner, brachte mich auf den Gedanken, daß es wohl Europäer seyn mochten, die einmal mit ihnen in Streit geriethen, und sich durch diese Zerstörung rächten. Es fiel mir auf, daß uns bei dem lebhaften Verkehr am Lande und im Wasser, keine Weiber, über deren Zudringlichkeit meine Vorgänger so oft klagen, zu Gesicht kamen, und auch diese Bemerkung bestärkte mich in meiner Vermuthung, daß die Europäer hier vor Kurzem manches Unerlaubte verübt haben mußten. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die guten Insulaner uns unter keiner Bedingung den Eintritt in ihr Land gestatten würden, suchten wir uns in die Böte, welche ohnehin in der Brandung sehr unsicher standen, zurückzuziehen, aber auch jetzt mußten wir uns durch einige Flintenkugeln gegen ihre Zudringlichkeit schützen, und erst als diese ihnen um die Ohren sausten, ließen sie uns in Frieden ziehen. Wir schenkten ihnen noch etwas Eisen, und eilten dem Rurick zu, weil der längere Aufenthalt unter diesen Umständen nur verlorne Zeit, und mir jede Stunde kostbar war. – Das Volk hier scheint mir von mittlerer Statur, aber gut gewachsen; die meisten sind kupferfarbig, nur wenige ziemlich weiß. Alle sind tatuirt, diejenigen aber, welche es über den ganzen Körper sind, scheinen einiges Ansehen zu behaupten. Das Zeug, welches auf den meisten Südsee-Inseln aus Baumrinde verfertigt wird, fanden wir auch hier, denn einige Männer trugen kurze Mäntel davon, und die Weiber, welche in weiter Ferne standen, waren ganz darin gehüllt. Nach dem Frohsinn dieses Volks zu urtheilen, scheinen sie mit ihrer Lage sehr zufrieden; - an Lebensmitteln fehlt es ihnen wahrscheinlich nicht, da sie uns in ziemlicher Menge Bananen, Jams, Zuckerrohr und Kartoffeln brachten, auch vernachläßigen sie die Kultur ihres Landes nicht, denn wir sahen in der Nähe der Bay die Berge mit Feldern bedeckt, welche dem Auge durch ihr verschiedenes Grün einen freundlichen Anblick gewährten. Die Sämereyen, welche la Peyrouse den Insulanern geschenkt, müssen nicht fortgekommen seyn, da sie uns nichts von diesen Früchten brachten; auch nach den Nachkommen der Schaafe und Schweine, welche er dort zurückließ, haben wir uns vergebens umgesehen; nur ein Huhn wurde uns gegen ein großes Messer angeboten, und wieder fortgebracht, als wir diesen Handel nicht eingingen; ein Beweis, wie werth sie diese Thiere halten, und wie wenig sie deren haben müssen. Ihre Wohnungen sind ganz, wie la Peyrouse sie beschrieben, und das lange Haus steht noch immer nebst der Steinhütte am Ufer, wie es auf seiner Karte angezeigt ist. Ich glaube überhaupt, daß seit der Zeit als er dort war, bis aufs Verschwinden der merkwürdigen Statüen, keine Veränderungen vorgefallen sind; und selbst von diesen sahen wir ein Paar als wir die südliche Spitze umsegelt hatten, aber sie waren sehr unbeträchtlich. Unsern Abschied von der Oster-Insel, erwiederten die Einwohner mit Steinen, welche sie uns unter lautem Geschrei nachwarfen, und ich war sehr froh, als wir uns um sieben Uhr Abends, mit heiler Haut auf dem Rurick, und wieder unter Segel befanden.
  Eine Nachricht, die das feindselige Betragen der Insulaner gegen mich erklärt, und welche ich erst später auf den Sandwich-Inseln, durch Alexander Adams erhielt, glaube ich dem Leser hier mittheilen zu müssen. Dieser Adams, von Geburt ein Engländer, commandirte im Jahr 1816, die dem Könige der Sandwich-Inseln gehörige Brigg Kahumanna, und hatte vorher auf der nämlichen Brigg, als sie den Namen Forrester of London führte, und dem Könige noch nicht verkauft war, unter Capt. Piccort als zweiter Offizier gedient. Der Capitain des Scuner Nancy aus Neu-London-Amerika, seinen Namen hat mir Adams nicht genannt, beschäftigte sich im Jahr 1805 auf der Insel Massafuero mit dem Fange einer Gattung von Seehunden, welche den Russen unter dem Namen Kotick (Seekatzen) bekannt ist. Die Felle dieser Thiere werden auf dem Markte von China theuer verkauft, und daher suchen die Amerikaner in allen Theilen der Welt ihren Aufenthalt ausfindig zu machen. Auf der bis jetzt noch unbewohnten Insel Massafuero, welche westlich von Juan-Fernandez liegt, und wohin sie aus Chili die Verbrecher schicken, ward dieses Thier zufällig entdeckt, und gleich Jagd darauf gemacht. Da aber die Insel keinen sichern Ankerplatz gewährte, weshalb das Schiff unter Segel bleiben mußte, und er nicht Mannschaft genug besaß, um einen Theil derselben zur Jagd gebrauchen zu können, so beschloß er, nach der Oster-Insel zu segeln, dort Männer und Weiber zu stehlen, seinen Raub nach Massafuero zu bringen, und dort eine Kolonie zu errichten, welche den Kotick-Fang regelmäßig betreiben sollte. Diesen grausamen Vorsatz führte er im Jahr 1800 aus, und landete in Cooks-Bay, wo er sich einer Anzahl Einwohner zu bemächtigen suchte.
  Die Schlacht soll blutig gewesen seyn, da die tapfern Insulaner sich mit Unerschrockenheit vertheidigten; sie mußten dennoch den furchtbaren europäischen Waffen unterliegen, und zwölf Männer, mit zehn Weibern fielen lebendig in die Hände der herzlosen Amerikaner. Nach vollbrachter That wurden die Unglücklichen an Bord gebracht, während der ersten drei Tage gefesselt, und erst als kein Land mehr sichtbar war, von ihren Banden erlöst. Der erste Gebrauch den sie von ihrer Freiheit machten, war daß die Männer über Bord sprangen, und die Weiber welche ihnen folgen wollten, nur mit Gewalt zurückgehalten wurden. Der Capitain ließ sogleich das Schiff beilegen, in der Hoffnung, daß sie doch wieder am Bord Rettung suchen würden, wenn die Wellen sie zu verschlingen drohten; er bemerkte aber bald, wie sehr er sich geirrt, denn diesen, von Jugend an mit dem Elemente vertrauten Wilden, schien es nicht unmöglich, trotz der Entfernung von drei Tagereisen ihr Vaterland zu erreichen, und auf jeden Fall zogen sie den Tod in den Wellen, einem qualvollen Leben in der Gefangenschaft vor. Nachdem sie einige Zeit über die Richtung die sie zu nehmen hatten, gestritten, theilte sich die Gesellschaft; einige schlugen den geraden Weg nach der Oster-Insel ein, und die Uebrigen wandten sich nach Norden. Der Capitain, äußerst entrüstet über diesen unerwarteten Heldenmuth, schickte ihnen ein Boot nach, das aber nach vielen fruchtlosen Versuchen wieder zurückkehrte, denn sie tauchten allemal bei seiner Annäherung unter, und die See nahm sie mitleidig in ihren Schutz. Endlich überließ der Capitain die Männer ihrem Schicksale, brachte die Weiber nach Massafuero, und soll noch öftere Versuche gemacht haben, Menschen von der Oster-Insel zu rauben. Adams, welcher diese Geschichte von ihm selbst hatte, und ihn deßhalb wahrscheinlich nicht nennen wollte, versicherte mich, 1806 an der Oster-Insel gewesen zu seyn, wo er aber wegen des feindseligen Empfangs der Einwohner nicht landen konnte; ein gleiches Schicksal hatte nach seiner Aussage das Schiff Albatros, unter Commando des Capitain Winship im Jahr 1809.

 

Kotzebue, Otto von
Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Bering-Straße zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt
Band 1, Weimar 1821

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