Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1816 - Otto von Kotzebue
Bei König Tammehamea
Hawaii

 

Die Aussicht auf das Lager des Königs war nur durch eine schmale, aus nackten Felsen bestehende Landzunge verborgen, als wir aber um diese herum geschifft, überraschte uns der Anblick der reizendsten Landschaft. Wir befanden uns in einer kleinen Sandbay, geschützt vor den Wellen des Meeres, auf spiegelglattem Wasser; am Ufer lag ein freundliches Palmenwäldchen, unter dessen Schatten sich mehrere gut gebaute Strohhäuser befanden; durch die grünen Blätter der Bananen schimmerten rechts zwei blendend weiße, nach europäischer Art gebaute Häuser von Stein hervor, wodurch dieser Ort das gemischte Ansehn eines europäischen und O’Wahihischen Fleckens erhielt, welches unserm Auge einen befremdenden, aber reizenden Anblick gewährte. Links, dicht am Wasser, stand auf einer durch Kunst hervorgebrachten Anhöhe das Murai des Königs, umringt von großen hölzernen Statüen, welche karikaturmäßige menschliche Figuren vorstellen, und seine Götter sind. Den Hintergrund dieses Thals bildet der majestätisch hohe Berg Mauna-Wororay [heute Hualalai], dessen Höhe nach meiner Berechnung 1687 Toisen [moderne Messeung: 2500 m] beträgt; er erhebt sich an dieser Seite ziemlich steil; an seinem Abhange wechseln grüne Felder und Thäler mit schönen Wäldern, zwischen welchen man nicht selten mächtig große, überhängende Lava-Felsen gewahr wird, die der ganzen Landschaft, durch den Wechsel von Wildniß und Kultur, ein malerisches Ansehn geben. Eine Menge mit Flinten bewaffneter Insulaner stand am Ufer; der König kam uns mit einigen seiner vornehmsten Krieger bis zum Landungsplatz entgegen, trat, als wir ausgestiegen, auf mich zu und schüttelte mir herzlich die Hand. Die Neugier trieb das Volk von allen Seiten herbei, aber es herrschte die größte Ordnung und weder Lärm noch Zudringlichkeit war erlaubt. Da stand ich nun neben dem berühmten Tammehamea, der die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich gezogen, und mir jetzt durch seinen Anstand und durch sein ungezwungenes, freundliches Benehmen das größte Zutrauen einflößte. Er führte mich in seinen Strohpalast, der nach hiesiger Landesart nur aus einem einzigen geräumigen Saale bestand, und wie alle Häuser hier, dem Landwinde sowohl, wie dem Seewinde freien Durchzug gestatten, wodurch die drückende Hitze gemildert wird. Man bot uns recht niedlich gearbeitete europäische Stühle, setzte einen Mahagoni-Tisch vor uns, und so hatten wir sämmtliche Meubeln des Palastes in Besitz. Obgleich der König steinerne, europäisch gebaute Häuser besitzt, so zieht er diese einfache Wohnung doch vor, um die Landessitte nicht zu verletzen; alles was er als nützlich erkennt, ahmt er nach, und sucht es seinem Volke beizubringen; Paläste von Stein erscheinen ihm überflüßig, da die Strohhäuser bequem sind, und er nur das Glück, nicht aber die Bedürfnisse seiner Unterthanen vermehren will. Tammehameas Anzug, der aus einem weißen Hemde, blauen Hosen, einer rothen Weste und einem schwarzen Halstuch bestand, fiel mir auf, denn ganz anders hatte meine Phantasie seinen königlichen Schmuck mir ausgemalt. Zuweilen aber soll er sich prachtvoll kleiden, indem er mehrere gestickte Uniformen und andere Kleidungsstücke besitzt. Die Vornehmen, welche bei unserer Audienz gegenwärtig, alle auf dem Fußboden Platz genommen hatten, waren in einem noch sonderbarern Kostüm als das des Königs, denn die schwarzen Fracks auf dem bloßen Leibe nehmen sich höchst lächerlich aus; dazu kommt, daß sie ihnen selten passen, da sie von amerikanischen Schiffen eingetauscht sind, wo die Leute nicht leicht die Größe und Dicke der vornehmen Sandwichaner erreichen. Dem einen der Minister saß die Taille hoch auf dem Rücken; nur mit der größten Gewalt war der Rock zusammen gezogen, er schwitzte in seinem engen Staat, und man sah ihm sein Elend an, aber die Mode erlaubte ihm nicht, sich von dieser Last zu befreien. Es ist sonderbar, daß die Wilden uns Europäer noch übertreffen im Ertragen der Unbequemlichkeiten, welchen die Gewalt der Mode sie unterwirft. Die Schildwachen an der Thür waren ganz nackt; eine Patrontasche mit einem Paar Pistolen hatten sie um den Leib gebunden, und eine Flinte hielten sie in der Hand. Nachdem der König uns recht guten Wein eingeschenkt, und selbst auf unsere Gesundheit davon getrunken hatte, machte ich ihm meine Absicht bekannt, hier frische Lebensmittel, Wasser und Holz einzunehmen. Ein junger Mann, Namens Cook, der einzige Weiße den der König um sich hatte, war gewandt, nicht ohne Bildung, und sprach fertig die Sprache des Landes; er hatte früher auf einem Schiffe als Steuermann gedient, sich aber schon vor mehrern Jahren auf dieser Insel niedergelassen, wo er in des Königs Gunst stand, und ein beträchtliches Stück Land besaß; dieser machte jetzt den Dolmetscher zwischen uns. Tammehamea ließ mir folgendes sagen: »Ich erfahre, daß Sie Anführer eines Kriegsschiffes und auf einer ähnlichen Reise wie Cook und Vancouver begriffen sind, folglich sich mit dem Handel nicht abgeben; ich bin deßhalb gesonnen, keinen mit Ihnen zu treiben, sondern Sie unentgeltlich mit allem zu versorgen, was meine Inseln hervorbringen. Diese Sache ist hiermit abgethan, und bedarf weiter keiner Erwähnung. Jetzt aber bitte ich Sie, mir zu sagen, ob der Wille Ihres Kaisers ist, daß seine Unterthanen mich in meinem hohen Alter anfangen zu beunruhigen? Seit Tammehamea König dieser Inseln ist, hat kein Europäer Ursache gehabt, sich über ein Unrecht zu beklagen, das ihm hier widerfahren wäre. Ich habe meine Inseln zur Freistatt aller Nationen gemacht, und jedes Schiff, das Lebensmittel zu haben wünschte, mit Rechtschaffenheit damit versorgt. Vor einiger Zeit kamen von der amerikanischen Colonie Sitka, Russen her, eine Nation, mit der ich früher nichts zu thun gehabt hatte; diese wurden freundlich aufgenommen und mit dem Nöthigen versorgt, aber sie haben mir schlecht gelohnt, indem sie auf der Insel Wahu meine Unterthanen feindselig behandelten und mit Kriegsschiffen drohten, welche die Inseln erobern sollten; indeß, solange Tammehamea lebt, wird das nicht geschehen! – Ein russischer Arzt, Namens Scheffer, welcher vor einigen Monaten herkam, gab vor, von dem Kaiser Alexander hergeschickt zu seyn, um auf meinen Inseln zu botanisiren; nun hatte ich viel Gutes von dem Kaiser Alexander gehört, und besonders wohl gefiel mir seine Tapferkeit: ich erlaubte also dem Herrn Scheffer nicht nur zu botanisiren, sondern versprach ihm jeden Beistand, schenkte ihm ein Stück Land mit Bauern, wodurch es ihm nie an Lebensmittel fehlen konnte; mit einem Wort, ich suchte ihm den Aufenthalt hier so angenehm als möglich zu machen und ihm keine seiner Forderungen zu verweigern. Was aber war die Folge von meiner Gastfreundschaft? Schon in O‘Waihi vergalt er meine Güte mit einem Undank, den ich geduldig ertrug; hierauf reiste er, seinem Wunsche gemäß, von einer Insel zur andern, und ließ sich endlich auf der fruchtbaren Insel Wahu nieder, wo er sich als mein ärgster Feind bewies, indem er dort das Murai, unser Heiligthum, zerstörte, und auf der Insel Otuwai den König Tamary, der sich meiner Macht schon vor Jahren unterwarf, gegen mich aufwiegelte. Dort befindet sich Scheffer noch diesen Augenblick, und bedroht meine Inseln.« – So lautete die Erzählung des Königs, für deren Wahrheit ich nur in so fern bürgen kann, als Tammehamea jeden Europäer, der sich bei ihm niederläßt, bei einer guten Aufführung sehr vorzieht, und allgemein als ein biederer, rechtschaffener Mann bekannt ist. Herrn Scheffer kenne ich nicht persönlich, habe aber späterhin erfahren, auf welche Weise er auf die Sandwich-Inseln gerieth. Er diente nämlich als Arzt auf dem, der russisch-amerikanischen Compagnie gehörigen Schiffe Suworof, das unter Führung des Lieutenant Lasaref 1814 von Kronstadt nach Sitka ging. Lasaref ließ, aus mir unbekannten Gründen, Doctor Scheffer 1815 in Sitka zurück, und trat seine Rückreise nach Europa ohne Arzt an. Herr Baranof, welcher sich als Director aller russisch-amerikanischen Colonien gewöhnlich in Sitka aufhält, und dessen Ruf nicht der beste ist, nahm ihn in seinen Schutz, schickte ihn nach den Sandwich-Inseln; in welcher Absicht? – das ist unbekannt; was er dort getrieben, wissen die Leser.
  Ich betheuerte Tammehamea, daß die schlechte Aufführung der Russen hier, durchaus nicht auf den Willen unseres Kaisers zu schieben sey, da dieser nie seinen Unterthanen eine unrechtmäßige That befehle; die Größe seines Reichs verhindere ihn aber, die schlechten Handlungen gleich zu erfahren, die indeß nie unbestraft blieben, wenn sie zu seinen Ohren gelangten. Meine Versicherung, daß der Kaiser nicht gesonnen sey, seine Inseln zu erobern, erfreute den König sehr; die Gläser wurden sogleich auf die Gesundheit des Kaisers geleert; er ward noch herzlicher als zuvor, und wir konnten uns keinen angenehmern und zuvorkommendern Wirth wünschen. Mit einer für sein Alter bewundernswürdigen Lebhaftigkeit führte er die Unterhaltung, that allerlei Fragen über Rußland, und machte Bemerkungen. Nicht immer war Cook im Stande die Worte des Königs zu übersetzen, welche der O‘Waihischen Sprache eigenthümlich und so witzig waren, daß seine Minister oft in ein lautes Gelächter ausbrachen. Eine von Tammehamea s Frauen spazirte bei unserm Hause vorbei, und wünschte mir durch die Thür freundlich einen guten Tag, durfte aber nicht herein treten, da dieses des Königs Speisehaus war. Mit des Königs Erlaubniß machten wir in Cooks Begleitung einen Spaziergang, wobei uns fünf nackte Soldaten als Ehrenwache mitgegeben wurden.

 

Kotzebue, Otto von
Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Bering-Straße zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt
Band 2, Weimar 1821

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