Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1862/63 - Martin Theodor von Heuglin
Auf Expedition mit den Damen Tinné
Khartoum, Sudan

 

Im November 1862 trafen fast gleichzeitig mit dem französischen Geographen Lejean, der von Ägypten kommend über Abessinien nach Masaua zu reisen gedachte, drei holländische Damen in Chartum ein, nämlich Madame Tinné und Tochter, nebst ihrer Schwester, Fräulein von Capellen.
  Diese Damen hatten schon früher Syrien und Ägypten besucht und kehrten eben jetzt von einer längeren Tour auf dem Abiad und Bahr el Djebel zurück. Doch damit war ihre Reiselust noch nicht befriedigt, sie wollten auch den grossen westlichen Arm des weissen Nil, den Bahr Ghazal und seine Quellenländer sehen.
  Ihre Ausrüstung für die Flussreise war eine vortreffliche. Das einzige Dampfboot, welches sich zu jener Zeit oberhalb der Katarakten befand und Eigenthum des Prinzen Halim, eines Sohnes Mohamed Ali's war, stand den Reisenden zur Verfügung. Dieses allerdings kleine Boot wurde als Remorqueur [Schlepper] für eine grosse Segelbarke benutzt und gewährte somit immerhin ansehnliche Vortheile in Bezug auf Zeitersparniss und Unterhaltung der Verbindung mit Chartum.
  Die Damen, welchen ich unsere eigenen Reisepläne mitgetheilt hatte, machten mir den Vorschlag, Steudner und ich möchten sich an ihrer Unternehmung betheiligen. Wir gingen dankbarst auf dieses Anerbieten ein. Die neue Expedition sollte auf grossartigem Fusse ausgerüstet werden, und man sprach die Absicht aus, den Quellsee des Ghazal mittelst des Dampfers zu erreichen und von hier aus zu Land wenigstens bis zu den Niamaniam-Völkern vorzudringen. Zu einer solchen Reise bedurfte man tüchtiger Führer, einer grösseren Anzahl von Bewaffneten, von Dienern und Lastthieren und mehrerer Transportschiffe, welche Mannschaft, Kamele, Esel und Provisionen bis zum Req-See bringen konnten.
  Zeit war wenig zu verlieren, da wir wussten, dass in den Distrikten, welche unser nächstes Ziel sein sollten, die Sommerregen sehr früh, oft schon im April beginnen. Die meisten Barken der Handelsunternehmungen auf dem Abiad waren aber bereits ausgelaufen oder wenigstens zur Abfahrt gerüstet, so dass das Engagement von tauglicher Mannschaft mit manchen Schwierigkeiten verbunden war, da um diesen Zeitpunkt immer Mangel an Matrosen und sogenannten Soldaten einzutreten pflegt.
  Die Werbung betrieb ein sogenannter Weqil, der auch alle Verantwortlichkeit für die Leute hat und speciell das Kommando über die ganze Expedition leitet. Die Anschaffung der Provisionen für die Damen, Besorgung der nöthigen Transportbarken, Tauschmittel und Reit- und Packthiere, hatte in zuvorkommendster Weise der französische Viceconsul Thibaut übernommen, wobei ihm der Weqil zur Seite stand.
  Dr. Steudner und ich nahmen noch mehrere Diener an.
  Die Damen hatten sich erboten, uns ein Transportschiff oder eine Lastbarke (arabisch Neqer) zur Verfügung zu stellen, nebst 8-10 Leuten ihrer Schutzmannschaft, so dass ich hoffen durfte, mit meiner Summe von 10-15,000 Piastern alle Vorauslagen für mich und meinen Begleiter bestreiten zu können, da wir noch im Besitz vieler zweckmässiger Ausrüstungsgegenstände waren. Waffen und Munition hatten wir in Menge; dagegen waren die mathematischen und physikalischen Instrumente grösstentheils in Unordnung gerathen und Chartum natürlich nicht der Platz, sie wieder in Stand zu setzen oder mit neuen zu vertauschen. Ich kaufte auf gut Glück noch eine Sekundenuhr und erwarb einen Schiffskompass und Glashorizont; ein italienischer Tausendkünstler machte sich sogar an Regulirung meiner Chronometer.
   Garderobe und Chaussure wurden reparirt und erneuert, so gut es ging.
Steudner wollte sich für die Landreise seines abessinischen Maulthiers bedienen, ich besass ein gutes Gharbaui-Pferd für die Jagd und kaufte noch ein Maulthier nebst 8 Eseln.
  In Bezug auf Provisionen beschränkten wir uns eben aufs Nothwendigste, namentlich Schiffszwieback, Büschelmais, Mehl, Butter, Reis, Kafe, Tabak, Kerzen, Seife, etwas Wein und Branntwein.
  Als Tauschwaaren kauften wir 2 Centner Kupferstangen und kupferne Armbänder, 4 Centner feinerer Glasperlen, weisse, blaue und bunte Baumwollstoffe, Salz und dergleichen.
  Kurz vor dem zur Abfahrt festgesetzten Zeitpunkte langte ein anderer Reisender in Chartum an, Baron van Arkel d'Ablaing, ein Landsmann der Damen Tinné, der sich ebenfalls entschloss, letzteren wenigstens bis nach dem Req-See Gesellschaft zu leisten.
   Unsere Expedition bestand nun im Ganzen aus dem schon erwähnten kleinen Dampfboot, das mehr als Schleppschiff dienen sollte, aus zwei grossen Dahabieh (ägyptische Luxusboote mit mehreren Kajüten und vollkommenem Deck) und drei Transportschiffen oder „Neqer". Letztere sind starke, schwer gebaute Barken aus Akazienholz („Sunt“, Acacia nilotiea) mit Vorder- und Hinterdeck und weitem, ganz offenem Raum in der Mitte. Sie führen gewöhnlich einen einzigen, nur 20-25 Fuss hohen Mast, an dessen oberem Ende eine Segelstange von 60-80 Fuss Länge hängt, an welcher ein entsprechend grosses dreieckiges (sogenanntes lateinisches) Segel befestigt wird. Die „Neqer" sind um ein Ansehnliches breiter und mit höherem Bord versehen als die Dahabieh, haben daher viel mehr Tragkraft, aber auch beträchtlichen Tiefgang.
  Auf einem solchen Neqer wurden wir einquartirt. Ich liess denselben, um ihn für unsere Zwecke einzurichten, in der Nähe meiner Wohnung vor Anker gehen. Auf dem Hinterdeck wurde eine niedrige Hütte aus leichtem Holzgestell und mit Palmmatten gedeckt, errichtet, gross genug, um zwei „Anqareb“ [Schlafstellen mit Ledergeflecht] unterzubringen. Der grösste Theil des Raumes unter dem Vorder- und Hinterdeck diente zur Aufnahme von Büschelmais. Die Reit- und Lastthiere brachte man in dem freien, nicht eingedeckten Feld in der Mitte des Bootes unter. Der „Reïs" (Capitain) und „Mustamel" (Steuermann) befanden sich hinter unserer improvisirten Kajüte, auf dem Vorderdeck die kleine Schiffsküche, eine „Murhaqa (Handmühle bestehend in einer einfachen Sandsteinplatte und Reibstein) zum Mahlen des Getreides. Mehr als 30 Kisten und Ballen konnten theilweise auf Deck und in der Hütte, theils auf Planken und Sparren über den Lastthieren Platz finden.
  Die Equipage unseres „Neqer“ bestand in Allem aus 7 Schiffsleuten, 6 Privatdienern, einer Sklavin zur Bereitung des Mehls und 10 Soldaten oder Schutzmännern.
  Die zwei anderen grössern Transportschiffe enthielten die Provisionen der Damen, einige 20 Soldaten, 4 Lastkamele, 25 Esel und ein Pferd nebst den nöthigen Matrosen. Sie standen unter dem Befehl des Weqil Woad Chalid, eines Berberiners, der sich als Bedienter und Sklavenhändler schon jahrelang auf dem weissen Nil herumgetrieben hatte. Die Schutzmannschaft jeder Barke hatte wieder ihren Unteroffizier (Buluk) nebst einem Dragoman für die Negersprachen.
   Neben einer Menge eingeborner Diener und einigen Sklavinnen begleiteten die Damen noch zwei holländische Kammerfrauen, ein Italiener, Herr Contarini, der das Dampfschiff befehligte, ein türkischer Lieutenant mit 10 Mann Infanterie aus einem Chartumer Linienregiment, einige arabische Schreiber und Rechnungsführer und 20 Berberiner als Miethsoldaten, im Ganzen ein Train von mehr als 150 Menschen!
  Ein eigentlicher fester und systematischer Plan für die Unternehmung war meines Wissens Seitens der Damen nicht gemacht und auch die eingeborene Dienerschaft überhaupt auf unbestimmte Zeit engagirt worden. Die Barken hatte man für die Fahrt nach dem Ghazal gemiethet; Provisionen und Tauschobjekte der Familie Tinné wurden auf Vorschlag des Weqil angekauft, ohne dass dieser mehr wusste, als dass die Reise bis zum Req-See und vielleicht von dort aus noch einige Tagereisen weit ins Innere gehen sollte.
  Mehr als zwei Monate hatte man auf die Ausrüstung verwendet; die Mittel hierzu fehlten in keiner Weise, ebensowenig mangelte es an Gelegenheit, um genaue Nachrichten einzuziehen über die zu besuchenden Distrikte, namentlich bezüglich der Art der Landreisen, des Transports durch Schwarze, über die gangbarsten und nützlichsten Tauschobjekte und die klimatischen Verhältnisse. Mehrere unserer Schiffe befanden sich jedoch schon bei der Abfahrt von Chartum in schlechtem Zustande, namentlich die Dahabieh der Damen. Die ganze aus 6 Schiffen bestehende Flotille führte nur ein einziges Boot bei sich. Grenzten auch die Kosten der ganzen Ausrüstung von Anfang an schon ans Fabelhafte, so sahen wir bald ein, dass es an vielem wirklich Nothwendigen fehlte, während eine Masse von unnützem Trödel nur den Platz versperrte und der grössere Theil der Mannschaft und Führer zwecklos herumlungerte.
  Der Remorqueur konnte allerdings von wesentlichem Nutzen zur Requirirung von neuen Provisionen sein, man hatte aber nicht daran gedacht, dass der Dampfer zur Hin- und Herreise zwischen dem Ghazal und Chartum immerhin mehrere Monate bedurfte und dann die ganze Zeit, in welcher er von uns auf der äussersten Wasserstation erwartet werden musste, eine verlorene war, während welcher ein sehr namhafter Theil unserer Vorräthe aufgezehrt wurde. Zudem verzögerte sich die Abreise von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, obgleich wir dem Anfang der Sommerregenzeit in den zu bereisenden Gegenden nicht mehr zu fern standen, wo Reisen im Niederland fast ganz unausführbar sind, namentlich für eine regel- und steuerlose Maschine, als welche sich die Expedition leider nur zu bald erwies.
   So war das Neuejahr 1863 angebrochen. Wir kamen überein, dass mein Begleiter Steudner und ich mit sämmtlichen Transportbarken etwas früher als die Damen auslaufen sollten. Der um diese Jahreszeit sehr constante Nordwind musste uns bald einen beträchtlichen Vorsprung gewähren, und so kam es am 24. Februar endlich zum vollständigen Befrachten der Neqer und Verladen der Lastthiere. Noch am Abend desselben Tages geleiteten uns die Chartumer Bekannten zum Moqren, der Landzunge zwischen dem Abiad und Azraq, von wo aus wir in der Frühe des kommenden Morgens absegeln wollten. Die Damen Tinne und Baron d'Ablaing versprachen aufs Bestimmteste nach Verlauf von 4-5 Tagen nachzufolgen.
   
[Die beiden Gruppen trafen erst am 9. März wieder zusammen. Heuglin litt in der Folge unter der schlechten Organisation des riesigen Trosses und des gewöhnungsbedürftigen Tagesablaufes der holländischen Damen. Mutter Tinné, Heuglins Begleiter und andere waren an Krankheiten gestorben, bevor die Expedition im April 1864 wieder in Khartum eintraf. Die botanischen Neuentdeckungen der Reise wurden von Heuglin im Tinnéschen Namen publiziert.]

 

Heuglin, Martin Theodor von
Reise in das Gebiet des Weißen Nil und seiner westlichen Zuflüsse in den Jahren 1862-1864
Leipzig/Heidelberg 1869

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