Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1829 - Hermann von Pückler-Muskau
Die Omnibusse von Paris

 

Einen seltsamen Anblick gewähren die vielen Dames-blanches und Omnibus, Wagen, die zwanzig bis dreißig Personen halten, die Boulevards fortwährend von einem Ende bis zum andern durchfahren und jeden müden Fußgänger für bestimmte, sehr billige Preise darin aufnehmen. Meldet sich einer, so zieht der hinten sitzende Kondukteur eine Klingel, und der Kutscher hält. Eine fliegende Treppe sinkt herab, und in wenigen Sekunden geht es wieder vorwärts. Nur drei unglückliche Rosse ziehen diese schweren Wagen, so daß ich, bei der jetzigen Glätte, oft sämtliche Pferde nebeneinander hinstürzen sah. Man sagt, England sei eine Hölle für die Pferde, sollte indes die Metempsychose wahr sein, so bitte ich mir doch jedesmal aus, lieber ein englisches Pferd zu werden ab ein französisches. Wie man diese unglücklichen Tiere hier oft behandelt, ist wahrlich empörend! und es wäre zu wünschen, daß die Polizei sie, wie in England, beschützte. Ich erinnere mich, daß ich einst in London eine ähnliche Mißhandlung eines armen Cabrioletpferdes durch einen Fiaker mit ansah. »Kommen Sie«, sagte der mich begleitende Engländer, »wenn Sie eine Stunde Zeit haben, sollen Sie sofort der Bestrafung dieses Menschen beiwohnen.« Er rief den Mann nun ganz gelassen heran, stieg mit mir ein und befahl ihm, aufs Polizeibureau zu fahren. Dort brachte er seine Klage an, daß der Kutscher sein Pferd unnütz gepeinigt und gemißhandelt habe. Ich bezeugte es, und der Kerl war genötigt, sogleich eine ziemlich bedeutende Geldstrafe zu erlegen, worauf er uns noch wieder zurückfahren mußte. Du kannst Dir seinen guten Humor dabei vorstellen.
   Auch in andern Teilen der Stadt sind solche Omnibus im Gange, und die längste course kostet doch nur wenige Sols. Es ist höchst amüsant, abends dergleichen Fahrten, auch ohne bestimmten Zweck, zu machen, nur der sonderbaren Karikaturen wegen, die man hier antrifft, und der originellen Konversationen, die man mit anhört. Man glaubt oft einer Vorstellung der Varietés beizuwohnen und findet Brunets und Odrys Originale getreu hier wieder. Du weißt, wie gern ich auf diese Art beobachtend unter Menschen bin und überhaupt dazu die Mittelstände am meisten liebe, die auch heutzutage allein noch etwas Eigentümliches haben und auch die glücklichsten sind, denn wahrlich - die Medaille hat sich ganz und gar umgekehrt. Die Mittelstände, bis zum Handwerker herab, sind jetzt die wirklich Begünstigten, durch Sitten und Zeitumstände. Die höheren Klassen finden sich mit ihren Rechten oder Prätentionen zu fortwährender Opposition und Demütigung verdammt. Unterstützt hinlängliches Geld ihre Anforderungen, so geht es noch leidlich, obgleich auch hierin, der Ostentation wegen, der Erbsünde der Reichen, wenn es nicht Geiz ist, ihnen Geld weit weniger reellen Genuß gewähren kann, als es ein paar Stufen tiefer verleiht. - Hält aber den Rang kein Vermögen empor, so ist der so Gestellte ganz gewiß von allen seinen Mitbürgern, den Verbrecher ausgenommen, der Beklagenswerteste, unmittelbar nach dem, welcher wirkliche Hungersnot leidet.
   
Pückler-Muskau, Hermann von
Briefe eines Verstorbenen
Band 1; Erstausgabe 1829; Nachdruck Berlin 1987

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!