Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1821 - Jeremias Gotthelf, schweizer Student

Bückeburg und die Porta Westfalica

 

Nach Bückeburg, einer ehemaligen gräflichen Residenz, ging unser Marsch. Eine Menge Menschen zeigten uns den Weg dahin, die an den Markt strömten. Ich verglich unsere Bauern mit den deutschen und sah, wie Freiheit auf Haltung und Aussehen nicht nur eines ganzen Landes, sondern jedes einzelnen wirkt. Matt und lahm schleppten sie sich dem Städtchen zu, die jungen Mädchen glichen Stadtschlampen, die Bursche Keßlervolk. Man sah keinen stolzen Bauern mit stolzem Viergespann, keine wackern tüchtigen Bäurinnen mit gefülltem Marktsäckli, alle sahen mehr oder minder Hudelpack ähnlich. Und doch war es eine der reichsten Gegenden, aus welcher diese Menschen kamen, die unter einer Herrschaft standen, die nicht zu den drückendsten und aussaugendsten gehört; es waren meist Hessen und Hannoveraner. Hier vernahm ich, daß die berühmte Porta Westphalica nur eine kleine Stunde abwegs liege, und beschloß, diese berühmte Naturschönheit Deutschlands in Augenschein zu nehmen. In der preußischen Clus, wo die Wege sich schieden, nahm ich von meinem bisherigen Gefährten mit leichtem Herzen Abschied, der, zu Tod ermüdet, geradewegs seinem Onkel in Minden auf den Hals rücken wollte.
   In einen schönen Eichwald geriet ich, wo des Herrenvogels Geschrei mich sympathetisch ergriff, daß ich alle meine Lieder absang, mich herzlich freuend, nun wieder allein zu sein. Doch diese eingebildete Freude dauerte nicht lange; denn kaum war ich eine halbe Stunde gegangen, so sah ich zwei Studenten im Grase liegen. Ohne Gruß vorbeizugehen, wäre Renommage oder fuchsenhafte Schüchternheit gewesen . Ich sprach sie also an und hörte, daß sie ebenfalls nach der Porta wollten und ebenfalls in Petershagen zu übernachten gedächten. Wir machten uns zusammen auf, das große Wunder zu besehen, fanden uns aber nicht wenig getäuscht. Wir hatten gehofft, die Weser in kühnem Drang zwischen zwei Felsen durchstürzen zu sehn, nun fanden wir sie so sanft wie irgend durch ein schönes Feld fließen, gegen das zwei mit Wald bewachsene Hügel eben nicht sehr steil sich senkten und zwischen sich mehr als dreifach für den Fluß Raum ließen. Man sah wohl, daß ehemals hiedurch die Weser sich Bahn gebrochen, und nur der Gedanke, wie es dabei zugegangen sein mag, macht die Stelle noch merkwürdig, sonst ist sie es gar nicht, besonders wer irgend einen reißenden Bergfluß gesehen, findet das Aufheben, das man davon macht, drollig. Diese Täuschung empörte uns auch so, daß wir nicht nach Hausberge gingen und den Jakobsberg nicht bestiegen, von dem man eine angenehme Fernsicht genießen soll. Wir mieteten einen Kahn und fuhren nach dem eine Stunde entfernten Minden. Die Preußen bauen tapfer daran, um es zu einer starken Festung zu machen; überhaupt soll in Preußen auf den Festungsbau mehr verwendet werden, als dem Wohl des Landes zuträglich ist. - Wahrscheinlich glaubt der König, feste Mauern schützen besser als die Liebe des Volkes.

 

Gotthelf, Jeremias
Reisebericht 1821
Erlenbach-Zürich 1953

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