Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1799 - Mirza Abu Taleb, Reisender aus Kalkutta

Zwischen Cork und Dublin

 

Auf unserem ganzen Weg von Cork nach Dublin war das Land sehr bergig; wir fuhren daher beständig bergauf und bergab, ohne jedoch steile Berge anzutreffen. Die Dörfer dieses Landes gleichen sehr den indischen. Die Dächer der Häuser sind mit Stroh gedeckt und mit Weiden befestigt. Die Armut der Landleute und des gemeinen Volks ist so groß, dass unsere Bauern im Vergleich wohlhabend sind. Dieses Elend muss zwei Ursachen zugeschrieben werden: Erstens der Teuerung des Getreides und zweitens der Menge Kleider und Brennmaterialien, die man hier nötig hat, sich gegen die Kälte zu schützen. Ungeachtet der Rauheit des Bodens und der außerordentlichen Kälte des Klimas tragen sie doch nie Schuhe, sondern laufen das ganze Jahr mit nackten Schenkeln und Armen. Daher kommt es auch, dass diese Körperteile so rot sind wie die Füße eines Hindus, der Mendee (die Blätter des Spheranthus Indicus) aufgelegt hat.
    Man hat mir versichert, dass ein großer Teil von ihnen nie Fleisch isst, sondern bloß von Kartoffeln lebt, und dass bei den Pächtern Ziegen, Schweine, Hunde, Männer, Weiber und Kinder in einer Hütte leben. Auf unserer Reise liefen kleine Knaben oft Meilen weit neben unserer Kutsche her in der Hoffnung, ein Stück Brot zu erhalten.
    Ungeachtet dieses unglücklichen Zustandes der Bauern ist jedoch das Land gut bebaut und fruchtbar. Es liefert eine große Menge Weizen, Gerste, Erbsen, Rüben, besonders aber Kartoffeln. Man findet überall, jedoch zu einem hohen Preis, amerikanischen oder bengalischen Reis. In allen Häusern, wo ich zu Mittag speiste, servierte man mir ein Gericht Reis, mein Wirt und die anderen Gäste begnügten sich mit Brot und anderen Vegetabilien. Den Winter über, wenn die Erde mit Schnee bedeckt ist, ernährt man Pferde und Kühe mit getrocknetem Grase und Getreide; die Schafe fressen dann Rüben.
    Man findet hier eine Art Erde, Torf genannt, die nicht angebaut werden kann, aber ein ziemlich gutes Feuer gibt. Sie kommt indessen einem anderen Brennmaterial nicht gleich, das unter dem Namen Steinkohle bekannt und eine Art Stein ist, den man aus den Gruben zieht und der eine große Hitze gibt. Man muss jedoch gestehen, dass der Torf besser ist als die getrockneten Kuhfladen, deren sich die armen Inder bedienen.


Reise des Mirza Abu Taleb Khan durch Asien, Afrika und Europa in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802 und 1803
Heidelberg 1812

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