Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1846 - Carl B. Heller, österreichischer Naturforscher
Auf den Vulkan Nevado de Toluca

 

Am 10. August 1846 trat ich diese Reise nach dem Vulkan Toluca an.
   Des Morgens zeitlich ritt ich von der Stadt aus, und mich nach Norden haltend hatte ich anfänglich einen Theil der Hochebene zu durchwandern, bevor die Steigung begann. Die Wiesen waren mit Blumen reichlich bedeckt (es fanden sich auf selben viele kleine Labiaten, Irideen, Solaneen, Oxalideen, Euphorbiaceen, Plantagineen und in vollster Blüte Pentstemon campanulatum, Ranunculus tridentatus, delphinifolius und Trifolium Helleri (Zahlb.), und das Auge des Wanderers ruhte mit Vergnügen auf den Pflänzchen, welche die heimatlichen Gefilde lebhaft ins Gedächtniss riefen. Auch war der Morgen so wunderschön, die Luft so rein und duftig, dass Insekten munter um die Blüten schwirrten, von allen Seiten her der Vögel heiterer Sang erscholl und die Seele des einsamen Reisenden auf wunderbare Weise erhob. Gewiss giebt es auch auf langen Wanderungen keine schönern Augenblicke, als wenn man so in Mitte der ruhig und kräftig waltenden Natur gewissermassen von dem heiligen Odem des Schöpfers berührt und von einem Gefühle durchdrungen wird, dessen Erhabenheit der in den Mauern der Städte gefangene Mensch zu fühlen nie Gelegenheit hat.
   Wir berührten auf unserem Wege die kleinen Orte San Buenaventura und Cacalomacan mit der Hacienda de avajo, bei welcher die eigentliche Steigung beginnt und schon einige Fichten (Pinus Busseliana und leiophylla) auftreten, ohne dass die übrige Flora sich um vieles verändert.
   Überhaupt ist bei dem Hinansteigen zum Vulkan Toluca durchaus nicht jene überraschende Abwechslung zu finden, wie auf dem Orizaba, wo man von Null-Höhe bis zur höchsten Spitze bergauf geht und alle Klimate und Vegetationen stufenweise durchwandert, während hier die Basis eine Hochebene von 8500' bildet, wodurch die heissen und gemässigten Regionen ganz wegfallen.
Ich erreichte in wenigen Stunden die Hacienda Cocustepec 9000' üb. d. M., bis zu welcher die Felder von Mais, Gerste und Waitzen reichen.
   Ich wurde daselbst sehr freundlich empfangen und da ich den Wunsch äusserte, längere Zeit hier verweilen zu können, so überliess man mir mit der grössten Bereitwilligkeit ein Zimmer, welches mir eine unbeschreiblich schöne Aussicht über die ganze Hochebene bis nach der Sierra Ixlahuacan und de las Cruzes, so wie nach der Südseite des Vulkans gewährte, nur war die nasse Kälte und dünne Luft etwas empfindlich, indem jezt, bei dem höchsten Stande der Sonne, das Thermometer nie über 12° R [15° C]. stieg, wohl aber bis auf 9° [11° C]. fiel.
   Da die Regen im Gebirge täglich schon um 12 Uhr beginnen , so hatte die Besteigung des Vulkans viele gefährliche Schwierigkeiten, die aber, da ich ihn nur jezt oder nie wieder besuchen konnte, unberücksichtigt bleiben mussten. Jedoch wählte ich den Tag so, dass durch an einem oder mehren Tagen mehr als gewöhnlich gefallenen Regen die Hoffnung vorhanden war, dass selber später kommen oder vielleicht ganz und gar ausbleiben werde. Ich verweilte daher zwei Tage auf der Hacienda und sammelte mittlerweile die Pflanzen der Umgebung für mein Herbarium. Es treten hier vorzüglich auf: drei Arten Lupinus, zwei Castillejas, Lathyrus, Ribes, Salvien, Marubium, Mimulus, Solaneen, Apocineen, Calceolarien, Nemophyllen, Ozalis, Trifolien, Compositen, Cruciferen, Euphorbiaceen, Umbelliferen, Portulaceen, Alsineen, Cupheen, Hipericum, Lonicera gibbosa, Solanum tuberosum (wildwachsend), nebst sehr schönen Gramineen und Cyperaceen.
   Am 12. August, lange vor Tagesanbruch, standen wir zur Besteigung des Vulkans gerüstet. Ein des Weges sehr kundiger Führer geleitete uns den schmalen Steig, der zwischen kleinen Gesträuchen sich durchwindet, bald sich über üppige Wiesen zieht, bald sich in das Dunkel des Waldes verliert und über Wurzeln oder Steine den Berg hinanführt. Noch beleuchtete der Mond mit seinem fahlen Lichte die Landschaft, und die mächtigen Bäume warfen oft einen nachtähnlichen Schatten auf unsere Wege, eine fast eiskalte Morgenluft zog durch die zitternden Nadeln der grossen Fichten, die Vögel waren noch im Schlafe versunken, und weit und breit lag alles in der tiefsten Stille.
   Wir trabten rasch vorwärts, um so schnell als möglich hinaufzukommen, und als der Tag anbrach, befanden wir uns bereits in den einförmigen Fichtenwäldern auf einer Höhe von 10,000'. Die mächtigen Aste dieser Bäume greifen riesenhaft in einander und hüllen den Boden in fast ewigen Schatten, nur hie und da an lichten Plätzchen sind mit Blüten reich bedeckte Pentstemon, darunter das mit gentianenartigen blauen Glocken geschmückte (Pentstemon gentianoides, Don. non Lindl), daneben niedliche Potentillen, Geranien und schöne Gräser zu sehen.
   Unsere Pferde leisteten erstaunliches, und schon um ein halb neun Uhr, also nach ungefähr 5 Stunden hatten wir die erste Alpenwiese erreicht. Sie breitete sich wie ein grüner Sammtteppich vor unsern Augen aus, und eine Menge niedlicher Pflänzchen gaben uns auf einige Zeit eine nicht unangenehme Beschäftigung, da wir in der kurzen Zeit so viel als möglich zu sammeln uns vorgenommen hatten. Es befanden sich darunter Ranunculus sibbaldiaefolius Dc. Alsine bryoides Hb.B., einige Lupinen, Compositeen, Helleboreen und viele schöne Gräser.
   Schon deuten sich an einzelnen Stellen in schattiger Lage kleine Schneefelder aus und der Weg begann nach und nach immer steiniger zu werden, während sich die Felsmassen aus verwittertem Basalt und Porphyr mächtig zusammendrängten.
   Um neun Uhr hatten wir nicht ohne Mühe den Krater erreicht. Vor uns erblickten wir ein kleines, ungefähr 100' tiefes Thal, und in selbem zu unserem grössten Erstaunen zwei Teiche mit scheinbar azurblauem Wasser, einer Färbung, welche ich nur in Mitte des grossen Oceans so schön gesehen hatte; ringsherum erhoben sich in majestätischen Felsmassen sehr ungleich hohe Berggipfel, von welchen der höchste der Pico del fraile ist. Wir kletterten zu dem Rande derselben hinab, und fanden, dass das Wasser, in einen Becher geschöpft, ganz klar, wohlschmeckend und 8° R. warm sei. Die Tiefe dieser Teiche jedoch scheint unergründlich zu sein und schon Herr Robertson, welcher vor einem Jahrzehnten diesen Vulkan bestieg, fand auf 125' mit dem ausgeworfenen Senkblei keinen Boden. Es ist somit kein Zweifel, dass diese Vertiefung mit den zwei Teichen die ausgebrannten Krater des Toluca seien, und mögen wohl durch den immerwährend schmelzenden Schnee hinreichend ernährt werden.
   Am Krater (14,000' hoch) liessen wir unsere Pferde zurück und kletterten gegen die höchste Spitze hinauf. Es war dieses mehr ein Hinaufkriechen und so außerordentlich beschwerlich, dass ich bereits an dem Gelingen meines Vorhabens verzweifelte; auch machte sich die Dünne der Luft, obgleich ich den Kopf in zwei Tücher eingewunden hatte, so schmerzlich fühlbar, dass ich nicht glaubte, hinreichend Luft für meine Brust gewinnen zu können.
   Zuweilen ergriff mich ein so sonderbares drücken in den Lungen, ein Sausen in den Ohren und, obgleich ich dem Schwindel gar nicht unterliege, eine Art von Taumel, dass ich fast nach je drei Schritten ganz erschöpft ausruhen musste.
   Endlich nach zwei der mühseligsten Stunden hatten wir die höchste Spitze, den Pico del fraile 14,616 W. F. [nach moderner Messung 4.680 m], erreicht, und ein wirklich unbeschreibliches Gefühl bemächtigte sich meiner in jenem Augenblicke.
   Sonderbar zusammengeworfener Basalt und anderes orgelförmig aufgeschichtetes vulkanisches Gestein lag wüste durcheinander, bildete hier scharfe Ecken, dort tischartige Flächen, zwischen welchen tausendjähriger Schnee in den ewig beschatteten Furchen festlag. Fast keine Vegetation ist zu bemerken, ausser einigen sehr kleinen Gräsern und, welch ein Wunder! einer kleinen Castilleje (Casiilleja tolucemis H. B.), welche ihre roten Blüten über die weisse Schneefläche emporhob. Gewiss ist dieses Pflänzchcn eine der höchst vorkommenden Acramphibryen (Endumsprosser Endl.) und für den Botaniker eine höchst merkwürdige Erscheinung.
   Leider machte ich auch hier die Erfahrung, dass man in den Tropen fast nie bei Besteigung eines hohen Berges durch eine schöne Aussicht belohnt werde; denn rings herum hüllten sich die unter uns liegenden Gegenden in Wolken und zogen zeitweise auch über die Gipfel des Vulkans weg, so dass ich mich beeilen musste, wieder wenigstens bis zu dem Krater zurückzukehren. Dies war natürlich bald geschehen, und da das Wetter ziemlich günstig bleiben zu wollen schien, so gönnte ich mir daselbst eine längere Rast, um sowohl von der Anstrengung der Gipfelbesteigung etwas auszuruhen und mich mit einem kleinen Imbiss zu stärken, als auch einen günstigen Augenblick abzuwarten, in welchem sich die Wolken, wenn auch nur auf kurze Zeit, zertheilen würden.
   Dieser lezte sehnliche Wunsch wurde mir glücklicher Weise erfüllt, denn plötzlich zerrissen sich für einige Minuten die Wolken und wonnetrunken gleitete mein Blick über die ganze Hochebene von Toluca, auf der ich in der Eile mehr als 20 stehende Gewässer zählte,  und weit hin über die Gebirge in unberechenbare Ferne. War es auch kein Panorama,, da man dieses nur von dem Gipfel haben könnte, war ich doch unendlich reich durch diesen höchst erhabenen Anblick belohnt, und bin fest überzeugt, dass ein solcher Augenblick in meinem Leben nicht leicht wieder kommen dürfte.

 

Heller, Carl Bartholomäus
Reisen in Mexiko 1845-1848
Leipzig 1853

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