Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1804 - Michel-Ange-Bernard Mangourit, französischer Besatzer
Hannover - Die ländliche Residenzstadt

 

Eine starke Meile vor Herrenhausen fängt ein Lindengang an. Das bräunliche, mit blaßgrünen Blüthen vermischte Laub der Bäume scheint, wie das der Stechpalmen, gefleckt zu seyn. In der großen Allee fahren Luxusfuhrwerke sowohl als Frachtwagen; die Seitenalleen nehmen Fußgänger in ihren kühlenden Schatten auf. Das Schloß selbst erinnert an unsere höhern Schulgebäude, an unsere Klöster vom zweiten Range, an die Sitze unserer Landjunker von mittelmäßigem Reichthum in den Provinzen. Wenn es dreißig Meilen um Paris stünde: so würde sein Besitzer schon längst geeilt haben, es dem guten Geschmack, oder seiner Eitelkeit aufzuopfern.
   Zu beiden Seiten der Allee, die nach Herrenhausen geht, sieht man nichts als Gärten. Dem Trottoir, welches in die Stadt führt, zur Seite, dienen niedliche, von außen und von innen gemahlte Salons, die Spaziergänger und die Wagen zu sehen. Stühle, ein Kanapé, ein oder einige Spiegel, Blumentöpfe, der Theetisch, eine Bibliothek, Pfeifen und ein Fortepiano machen das Ameublement dieser Schausääle aus. Die großen Spanischen Balkons, die man Miradors nennt, und die durch Binsenmatten und Jalousien verdeckt sind, haben fast den nehmlichen Zwecken, nehmlich den, frische Luft zu schöpfen.
   Herrenhausen ist nicht mehr das Haus des Herrn; der Herr hat Haus und Garten verlassen.
   Doch müssen wir bei dem mittelsten Bassin verweilen. Der Wasserstrahl ist stärker, als der der großen Kunst zu St. Cloud, aber er steigt nur halb so hoch. Er macht einen sehr schönen Effekt. Zu Hannover glaubt man, daß er seine Gleichen nicht hat; aus Höflichkeit hab ich diesem Urtheile beigestimmt.
   Bei diesem Bassin ist der Eingang zu einem ländlichen Theater, dessen Koulissen, Bogen und Amphitheater aus Hagbuchen bestehen. Auf der Vorderscene und von einer Entfernung zur andern hat man bleierne Kopien von den schönen alten Bildsäulen, deren unvergängliche Originale wir besitzen, aufgestellt. Da Herrenhausen noch von Fürsten bewohnt wurde, dekorirte, illuminirte man das Theater, führte man Stücke auf demselben auf. Gegenwärtig verpesten stauende Wasser die Luft; in der Sommerhitze müßte man großer Liebhaber schöner Gegenden seyn, wenn man sich bei der Betrachtung der grünen Niederungen, welche die Stadt Hannover und der azurne Vorhang der Gebirge begränzen, aufhalten wollte. Mit Dank nimmt man das Anerbieten des Gärtners an, welcher die Orangerie zu zeigen bereit ist.
   Fast alle Werke der Baukunst tragen den Stämpel des Gothischen Geschmacks an sich. Die Häuser haben im Allgemeinen Ähnlichkeit mit den Schiffsgallerien des sechszehnten Jahrhunderts. Sie mögen nun aus Holz oder Backsteinen bestehen: so tragen doch fast alle die Jahreszahl ihrer Erbauung an ihrer Stirn. Ich habe eins bemerkt, an welchem das Jahr 1565 zu lesen war. Jedes höhere Stockwerk springt über das niedere um einige Fuß hervor, und ist mit Arabesken, Medaillons, Kriegern, heidnischen Gottheiten, und Versen aus den Psalmen verziert. In dem Winkel der Giebel, die auf die Straße herausgehen, laufen bis sieben Reihen kleine Fenster empor, welche in die sich kreuzenden Giebelbalken übergehen. An einigen Gebäuden sind unter die rothen Backsteine auch grüne gemischt; zuweilen sind diese glasirten Steine handartig gelegt. Balkons von rautenförmigen Backsteinen laufen an der Façade hin, und solche Schachfelder geben einen sehr angenehmen Anblick. An vielen Häusern hat man Backsteine nur zum Haupteingange, und zum Schornstein gebraucht; in diesen hat man sich ein Käfich von Zimmerholz vorzustellen, über welches glatt gehobelte Bretter, die in ihren Fugen mit Latten bekleidet, und mit weißer, grauer, gelber, grüner, brauner, rosenrother Ölfarbe angestrichen werden, genagelt sind. Dies macht einen angenehmen Effekt auf das Auge, sichert aber nicht gegen Feuersgefahr. Die Sachsen brachten diese Bauart nach England, und die Engländer haben sie ihrerseits wieder in die vereinigten Niederlande gebracht.
   An den übrigen Häusern sind die Backsteine in hölzerne Quadrate eingefügt, und mit Mörtel befestigt. Bei alle dem findet man doch schöne Gebäude. Der neue Theil des kurfürstlichen Schlosses, der Pallast der Prinzessinn von Wallis, welchen unser Obergeneral bewohnt, und der Pallast der Regierung sind von Quadern aufgeführt, und beweisen, daß das Land an guten Baumeistern nicht gänzlichen Mangel hat. Seit zwanzig Jahren verschönert sich die Stadt Hannover durch Gebäude von moderner Bauart und in einem Jahrhunderte dürfte man sich vielleicht beklagen, daß gar keine Spur von gothischem Geschmack übrig ist, einem Geschmack, der in dem Gemählde einer Stadt von ländlicher Anlage sein unbestrittenes Verdienst hat.

 

Mangourit, Michel-Ange-Bernard
Der Hannöversche Staat in allen seinen Beziehungen
Hamburg 1805

Entnommmen aus: Hannover in alten und neuen Reisebeschreibungen; herausgegeben von Norbert v. Frankenstein, Düsseldorf 1991

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